Gesichtet

Spielregeln einer gut verwalteten Gesellschaft

Nicht nur für Pazifisten, für unsere ganze Gesellschaft ist Gewaltlosigkeit Aushängeschild und Qualitätsmerkmal zugleich. Überhaupt scheinen Menschen, die der Gewalt eine Absage erteilen, in einem besonderen Maße moralisch qualifiziert.

Was die Gewalt in den Augen vieler unannehmbar macht, ist ihre Nicht-Vernunftgemäßheit, ihre Unverantwortbarkeit und ihre Unsittlichkeit. Der tatsächliche Grund, aus dem Gewalt geschmäht wird, ist dabei ein ganz anderer: Wegen ihrer Einfachheit wird Gewalt mit unterentwickelten Völkern, Kulturen, Zeitaltern sowie zivilisatorisch zurückgebliebenen Menschengruppen in Verbindung gebracht.

Rohe Menschen, Kinder, Wilde sowie Bildungsferne greifen eher auf Gewalt zurück als sanfte Menschen, Erwachsene, Zivilisierte und Gebildete. Die Parolen lauten dementsprechend: „Wer gegen Gewalttätige selbst Gewalt anwendet, begibt sich auf deren Niveau“ und „Gewalt ist niemals die Lösung“. Warum ist das so?

Lautstärke als Argument

Dass der Ton wörtlich die Musik macht, ist selbst der größten Schlafmütze bekannt: Es ist ein einfaches Mittel, einem Argument bzw. einer Behauptung unter anderem durch Lautstärke Nachdruck zu verleihen. Daran ist an sich nichts anstößig. Im unfairen Kampf jedoch wird die Laustärke selbst zum Argument: Wo man sich früher geschlagen hätte, wird heute gebrüllt, nieder- und überschrien, was das Zeug hält.

Und der Schreihals meint noch dazu, ungestraft davonkommen zu dürfen, weil er ja handfest keine Gewalt ausübt. Die Frage, ob Schreien gegenüber Schlagen wirklich ein zivilisatorischer Fortschritt ist, und ob es den Tatbestand der Unverhältnismäßigkeit bezeichnet, einen genauso übermütigen wie törichten Schreihals und vermittels einer ordentlichen Tracht Prügel zur Räson zu bringen, und, wenn das nicht geht, den Störenfried wenigstens gezüchtigt zu haben, stellt sich heute für gewöhnlich nicht mehr: Die „spielende Pädagogik“ (Hegel) hat sie im Verein mit unserer fortschrittsbedingten Verweichlichung und Verharmlosung aus der Welt geschafft.

Die Alternative des Leisesprechens

Zur Lautstärke als einfachem Mittel gibt es ein Gegenstück, und das heißt: leise sprechen. Unter bestimmten bevorzugten Voraussetzungen zieht man die Zuhörerschaft in seinen Bann, fängt man an, leise zu sprechen. Mir fällt da der Direktor meines Gymnasiums ein, Herr D. Dieser war auch sonst ein ruhig und kultiviert anzusehender Mann. Sobald Herr D. merkte, dass wir Schüler aufgebracht oder sonstwie unaufmerksam waren, fing er an zunehmend leiser zu sprechen.

Mit dem Erfolg, dass es plötzlich ganz still wurde im Klassenzimmer. Wir alle mussten ihm ja lauschen, um ihn hören zu können. An der Besonderheit dieser Situation und dieses Verhältnisses wird offensichtlich, dass Aufmerksamkeit erregen durch Leisesprechen eine Ausnahmeerscheinung darstellt.

Trotzdem ist die Drosselung der Lautstärke eine Betrachtung wert, es gibt nämlich tatsächlich Menschen, die behaupten, dass, wer laut wird, schreit (kreischt) oder anderweitig Krach macht, automatisch im Unrecht ist. Das bedeutet praktisch: Wenn ich 1×1=1 vor mich hin summe oder es in gemäßigtem Tone aufsage, bin ich im Recht. Haue ich dazu mit geballter Faust auf den Tisch, benutze ich den Befehlston oder brülle ich es aus mir heraus, bin ich im Unrecht.

Gutes Betragen will gelernt sein

Häschen würde nun fragen: „Warum sollte jemand bei 1×1=1 auf den Tisch hauen oder zu brüllen anfangen?“ Worauf ich Häschen mit einer Gegenfrage begegnen würde: „Bist du jemals schon unter Narren gewesen, die dich zur Verzweiflung oder zur Weißglut gebracht haben? Könntest du dir wenigstens für einen Moment vorstellen, die Welt sei ein Haus voll törichter Narren? Stell dir vor, du müsstest dich mit Heerscharen von diesen Narren und ihren Narreteien auseinandersetzen.“

Nun befindet man sich nicht unter Narren und die Welt ist kein Narrenhaus. Die „Welt“, das ist eine liberalistische Welt, eine unterteilte Welt der jeweiligen Verhaltens-, Benimm- und Spielregeln sowie bestimmter Gepflogenheiten, auf die „man“ sich „dereinst“ geeinigt hat – letzteres ist ein typisch konstitutionalistisches Argument, damit ja keiner auf den Gedanken kommt, den „Gesellschaftsvertrag“ neu verhandeln zu wollen. Selbst die einfachste Etikette hat die Aufgabe, Kraft zu nehmen und zu disziplinieren.

Anstatt z.B. im Unterricht meine Mitschüler durch Drohungen und Drohgebärden einzuschüchtern sowie sie mittels des Ellenbogens unten zu halten, hebe ich ruhig meine Hand, suche Blickkontakt mit dem Lehrer und warte darauf, dass er mich zur Beantwortung der Frage bestimmt. Habe ich Glück, habe ich das Privileg, vor versammelter Mannschaft sagen zu dürfen: „1×1=1“.

„Mario und der Zauberer“ im Hörsaal

Das alles nimmt sich höchst harmonisch aus und wäre ebenfalls nicht zu beanstanden. Wer jemals die Schulbank gedrückt hat und später auf der Uni gewesen ist, weiß es natürlich besser. Dabei geht es nicht darum, dass die meisten Schüler und Studenten, anstatt eifrig die Hand hoch zu halten, sich am liebsten heimlich still und leise davonstehlen wollen, sondern darum, dass bestimmte 1×1=1 eben nicht wahr sein dürfen und man auf Gedeih und Verderb dem Ermessen des Lehrers bzw. Dozenten ausgesetzt ist, behauptet man etwas, was ihm nicht passt.

Selbst das schönste Regel- und Rahmenwerk der „Freiheit“ – die Universität gilt gemeinhin als der rechtmäßig liberale Hort der Freiheit – hilft nichts, wenn dem Lehrer bzw. Dozenten etwas ganz anderes als Zuspruch zu 1×1=1 in den Sinn kommt und es im Klassenzimmer bzw. im Hörsaal unter seinem Einfluss so zugeht wie in Thomas Manns „Mario und der Zauberer“.

Von Regelwerken, Meinungen und Behauptungen

Im institutionellen Rahmen – kurz System – des Liberalismus sind es systemkonforme Selbstbeherrschung sowie das Einhalten der Spielregeln, die aus „richtig“ „wahr“ machen. Zurück geht diese Formel auf die Hobbesianische Matrix:  Hobbes zufolge kann niemals wahr sein, was dem Frieden zuwiderläuft. Wahrheit ist stets durch den Regenten und Souverän – heute würden wir sagen die Zivilgesellschaft – autorisierte Wahrheit. Man ist in demselben Maße in das Friedenssystem integriert, in dem man sich an seine Wahrheiten hält.

Wer mit anderen Menschen auf die gleichen Wahrheiten übereinkommt und zudem noch die Art der Disziplin-Disziplinierung teilt, der kann innerhalb bzw. aufgrund dieser Übereinkunft gar nicht anders als wahr sprechen. Ein eventueller Widerspruch zwischen zweierlei Wahrheit würde innerhalb des Systems – sei es das Hobbesianische, sei es das des Liberalismus – nicht das richtige 1×1=1 der falschen Behauptung 1×1=2 entgegensetzen. Er würde ganz einfach die Wahrheit entthronen.

Deswegen hält es der Liberalismus auch nicht so sehr mit der Wahrheit, sondern eher mit den Regeln, am liebsten Spielregeln. Unterhalb der Regeln steht Meinung gegen Meinung, Behauptung gegen Behauptung, und es hängt nur von der Verortung innerhalb des Systems ab, welcher Meinung, welcher Behauptung der Vorzug zu geben sei.

Das Regelwerk des Liberalismus bleibt dabei freilich unangetastet. Es schwebt göttlich-majestätisch der Welt entrückt über den Meinungsverschiedenheiten. In einem Konfliktfall wäre „Wahrheit“ vollkommen fehl am Platz: Kollidiert sie mit dem Regelwerk selbst, zerstört sie es, kollidiert sie im System mit untergeordneten Meinungen und Behauptungen, kommt es zu Dysfunktionen, d.h. zu Lähmungserscheinungen, Gehorsamsverweigerungen und Gewaltäußerungen.

Es geht nicht wirklich um das Recht

In keinem einzigen Rahmen- und Regelwerk geht es um das „Recht“ – im behördlichen „Schere, Stein, Papier“-Spiel z.B. ist es die Verwaltungstechnik, die den Streit papieren bzw. „EDV“ zerarbeitet, damit ja kein Rechtsstreit aus ihm wird – sondern um „Weisungsbefugnis“ aufgrund einer „Bevollmächtigung“, d.h. aufgrund einer faktischen und/oder funktionalen Vormachtstellung.

Der Rechtspositivismus z.B. verrichtet seine Arbeit innerhalb gegebener Verhältnisse, die er selbst nicht hinterfragt. Einen Juristen nach der Rechtmäßigkeit, Sittlichkeit oder – Gott behüte! – Vernünftigkeit „seiner“ Rechtsgrundsätze zu fragen, ist ein aussichtsloses Unterfangen. Wer oberhalb der Institution auf Seiten der Regeln steht und sie zu seinem Vorteil zu benutzen weiß, darf sie ab und zu außer Kraft setzen, sie schon mal in Gummi oder Gelee verwandeln.

„Brutale“ als Rechtfertigungsgrund

Die Regeln, auf die „man“ sich also „dereinst“ geeinigt hatte, stehen also genauso von vornherein fest, wie der Gewinner von vornherein feststeht: Die „Bank“ gewinnt immer. Wenn wir von den Abstraktionen und Spielmetaphern uns ab- und zu unserer „Zivilgesellschaft“, die sich zu Gänze dem „Gewaltverzicht“ verschrieben hat, uns zuwenden, dann wissen wir, wer wirklich aus ihrer Regelung und Ordnung seinen Gewinn zieht.

Vordergründig sind es diejenigen nicht integrierten–nicht integrierbaren Gewalttätigen, die Brutalen, denen man mit rechtsstaatlichen Mitteln adäquat nicht beikommen kann oder will. Hintergründig aber ist es niemand anders als das System selbst. Und dem schadet es nie, dass „Brutale“ immer wieder gegen seine/unsere/die Gesetze verstoßen. Es gibt keinen besseren Rechtfertigungsgrund für eine gute Verwaltung als Gesetzesverstöße durch Brutale.

Wir dürfen also nicht ernsthaft mit Nietzsche behaupten, im Kampfe mit der Dummheit – und nicht nur mit Dummheit! – würden selbst die billigsten und sanftesten Menschen zuletzt brutal, und dass sie sich damit auf dem rechten Weg der Verteidigung befänden, sowie dass auf die dumme Stirn die geballte Faust gehöre von Rechts wegen. Das allein ist ein Privileg der Brutalen, wir braven Bürger aber, wir müssen besser sein. Denn, noch immer ist Gehorsam erste Bürgerpflicht.

(Bild: EU-Parlament Straßburg, Pixabay)

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