Gesichtet

Von der CDU zur AfD: Im Gespräch mit Axel Weber

Nachdem Merkels Politjünger Annegret Kramp-Karrenbauer den Sieg über den Parteivorsitz der CDU errungen hat, brodelt es in der Partei. Die internen Machtkämpfe, wie sie medial zum Vorschein gelangen, spielen sich vor allem zwischen dem zentristischen und konservativen Flügel der Partei ab.

Längst ist jedoch klar: Die CDU ist nicht mehr die Partei der Konservativen. Viele Mitglieder wagten schon vor Jahren den Austritt aus der Partei und gingen in andere Parteien, unter anderem in die AfD. Mit einem der sogenannten „Nationalkonservativen“, die einen Übertritt in die AfD wagten, sprachen wir in einem Interview.

BlaueNarzisse.de: Herr Weber, aus welchen Überzeugungen sind Sie in die CDU bzw. JU eingetreten?

Axel Weber: Zunächst eine Klarstellung: Ich war neun Jahre lang Mitglied der Jungen Union – dabei mehrere Jahre Mitglied im hiesigen Kreisvorstand und Landesdelegierter. Mitglied der CDU war ich nie, wenngleich ich mehrfach für die CDU Wahlkampf gemacht habe und auch klar mit ihr assoziiert wurde.

Ich bin 2007 mit 15 in die Junge Union eingetreten, weil es zu diesem Zeitpunkt schlicht nichts anderes gab für jemanden, der sich klar rechts der Mitte einordnet, aber dezidiert nichts mit dem Nationalsozialismus am Hut hat. Ich war schon damals ein Sympathisant der FPÖ und habe mir ein entsprechendes Pendant für Deutschland gewünscht. Allerdings war seinerzeit kaum ersichtlich, dass es das mal geben würde und so bin ich damals mit einigen Freunden, von denen heute auch zwei in der AfD Mitglied sind, in die JU eingetreten, mit dem klaren Anspruch, dort rechtskonservative Positionen zu vertreten.

Ich habe allerdings schnell gemerkt, dass die rechten und nationalkonservativen Positionen, für die ich stehe, in der Union damals schon wesentlich stärker marginalisiert waren, als das Teilen der Öffentlichkeit  bewusst war. Dass zunehmend auch halbwegs konsequente Liberalkonservative an Boden verloren, zeichnete sich ebenfalls bereits ab. Man war daher ein ständiger Fremdkörper und Provokateur – gerade für CDU-Funktionäre im mittleren und höheren Alter, für die politische Arbeit in erster Linie in selbstzufriedener bourgeoiser Besitzstandswahrung besteht.

Unpolitischer als bei CDU-Stammtischen geht es in keiner Partei zu. Wer das einmal erlebt hat, versteht auch mühelos, warum es der politischen Linken so leicht gefallen ist, in den letzten Jahrzehnten die geistige und kulturelle Hegemonie in Deutschland zu erobern. Und mit der geistigen Leere und der satten Selbstzufriedenheit der organisierten Christdemokratie wird man diese Hegemonie den Linken auch nicht entreißen.

Sind Ihre Überzeugungen mit den Zielen und Ansichten der CDU halbwegs deckungsgleich gewesen?

Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass eine Deckungsgleichheit meiner Weltanschauung mit jener der CDU immer nur sehr begrenzt vorhanden war. Das Grundproblem der CDU ist schlicht, dass sie den elastischen Karrierepolitiker in einer Form perfektioniert hat, dass weltanschaulich nichts übrig bleibt. Und das weltanschauliche Fundament der Union war seit Anbeginn eher diffus. Gleichwohl gab es Zeiten, in denen bekennende Rechte wie Alfred Dregger eine gewisse Rolle spielten.

Man war aber nicht in der Lage, aus dem Unionskonservatismus der 70er und 80er eine kohärente und gerade auch für junge Leute attraktive Weltanschauung zu formen und diese entsprechend weiterzugeben. Ich habe immer dann, wenn ich in irgendeiner Form weltanschaulich und grundsätzlich wurde, in leere, irritierte oder gar feindselige Gesichter geblickt. Von uns jungen Leuten wurde kommunalpolitisches Engagement in Form von Plakatekleben und Flyerverteilen erwartet und diskutieren sollten wir allerhöchstens über die Höhe der örtlichen Abwassergebühren.

Und welchen politischen Menschen unter 30 reizt denn so etwas? Freilich tat ich mich immer etwas leichter und habe mir meine Freiheiten dennoch immer genommen, weil ich von der Partei weder Geld noch Karriereoptionen erhalten wollte. Das immer schon im Bewusstsein, dass ich zur CDU eigentlich nicht passe. Und deswegen trat ich in die Mutterpartei auch nie ein.

War die CDU während Ihrer Zeit noch konservativ?

Einfache Antwort: Nein. Die CDU war von Anbeginn eine breite Sammlungsbewegung, die konservative Elemente durchaus integriert hat. Aber sie war nie eine konservative oder gar rechte Partei. Bei der CSU mag das stellenweise etwas anders ausgesehen haben. Die CDU war jedenfalls ihrem Selbstverständnis nach immer eine zentristische Partei. Der Einfluss der Konservativen ist schon unter Kohl stark geschwunden und dann seit den frühen 2000ern immer weiter minimiert worden.

Die CDU von 2007 war auch schon die von heute. Insoweit war für mich auch das Totalversagen der Union 2015 während der Migrationskrise keine allzu große Überraschung. Ebenso wenig wie die zahlreichen Wortbrüche bei der europäischen Währungsunion und noch einige andere mehr.

Wie haben sich Ihre Ansichten über die CDU im Laufe Ihrer Mitgliedschaft entwickelt?

Meine politischen Ansichten waren ihrer Verortung nach eigentlich immer recht stabil. Ich würde natürlich schon sagen, dass mein Weltbild sicherlich mit 26 heute komplexer ist als in jüngeren Jahren und stärker um Eindrücke, aber auch um Wissen ergänzt. Man kann mir freilich vorwerfen – und das lasse ich mir auch gefallen – dass ich viel zu lange in der Jungen Union aktiv blieb und dort auch noch Ämter übernommen habe.

Das hatte schlicht persönliche Gründe: Es bestand auf Kreisebene in der Jungen Union lange Zeit eine Personenkonstellation, in der sich für mich auch einige Freundschaften ergaben, die z.T. trotz Parteiwechsel heute noch bestehen, und wir standen als Kreisverband der JU wie ein gallisches Dorf zeitweise für eine politische Linie, die dann auch für mich einigermaßen mitzutragen war.

Hinzu kam, dass der lokale CDU-Bundestagsabgeordnete Klaus-Peter Willsch hieß, den man zumindest als authentischen Liberalkonservativen bezeichnen kann, der nicht ständig in allen seinen Überlegungen nach links schielt. Zu dieser Zeit war auch die Entwicklung der AfD ziemlich unklar und ich habe die Lucke-AfD zwar bereits gewählt, sie aber als politische Alternative noch nicht als hinreichend empfunden.

Mit dem Wandel der AfD zur rechtskonservativen Partei ab 2015 und der Zuspitzung der unkontrollierten Masseneinwanderung war dann für mich im Herbst 2016 die Zeit zum Abschied gekommen. Ich bin als amtierendes Mitglied des JU-Kreisvorstandes aus der JU ausgetreten und habe vier Wochen später den Mitgliedsantrag für die AfD gestellt.

Sie haben sich nach Ihrer Zeit in der CDU für einen Wechsel in die AfD entschieden. Was war der entscheidende Grund für den Wechsel und wie lief er ab? Bereuen Sie den Wechsel zur AfD?

Im Saldo: Nein. Ich bin kein Christdemokrat, kein politischer Zentrist und stehe nicht hinter entscheidenden Traditionslinien und realpolitischen Positionen der CDU. Insoweit war ein Übertritt zur AfD, wie er dann 2016 stattgefunden hat, folgerichtig und zu diesem Zeitpunkt auch schon lange überfällig. Ich würde die Entscheidung also wieder so treffen. Das heißt freilich nicht, dass bei der AfD schon alles Gold ist, was glänzt.

Diese Partei hat noch einen langen Weg vor sich, bis sie die rechtskonservative Volkspartei ist, die wir in Deutschland brauchen. Im Moment machen die beiden Ränder der Partei noch zu viele Probleme und eine zentrale Führungsstruktur ist noch nicht hinreichend etabliert. Die Professionalisierung der AfD wird noch einige Jahre benötigen. Aber wir müssen und wir werden diesen zähen Weg gehen.

Vielen Dank für das Gespräch!

(Plakate: Konrad-Adenauer-StiftungCC BY-SA 3.0 DE)


2 Kommentare zu “Von der CDU zur AfD: Im Gespräch mit Axel Weber

  1. Klaus-P. Kurz

    Tja, hoffen wir mal, Herr Weber, daß die AfD und damit Deutschland noch diese »einigen Jahre« zur Verfügung haben wird, die Sie für die Konsolidierung dieser rechtskonservativen Partei für nötig halten. Solche Hoffnung erscheint jedoch, bei Würdigung selbst minimaler Voraussetzungen, wie der Erhalt demokratischen Konsenses in der Gesellschaft, als nicht sehr wahrscheinlich. Nein, es ist zweifellos so, daß schon nächstes Jahr, wenn die Groko zerbrechen wird, die Zeit abgelaufen sein wird für weitere Experimente, oder, wie es Herr Gauland nennt, für »Gärungsprozesse.« Es wäre der AfD sehr zu wünschen, schon bald, also in den nächsten Monaten, endlich eine klare Linie einschlagen zu können, um beim Wähler den Verdacht des Lavierens zum Zwecke des Stimmenfangs auszuräumen. »Mut zur Lücke!« möchte man ihr zurufen, in einer Zeit, in der das Vakuum am rechten Ende des politischen Spektrums deutlich zugenommen hat.

  2. „Von der CDU zur AfD“

    „… um beim Wähler den Verdacht des Lavierens zum Zwecke des Stimmenfangs auszuräumen.“ Klaus-P. Kurz am 12.12.2018

    Die Wähler wurden von der AfD doch vom ersten Tag an (Prof. Bernd Lucke und Co.) belogen und betrogen. Das AfD-Parteimitglied Dr. med. Wolfgang Gedeon schrieb vor einigen Jahren in seinem Buch „Der Grüne Kommunismus und die Diktatur der Minderheiten“ (2012), daß eine ,neue Partei rechts der Mitte´ eine neue CDU sein soll und sein muß und nicht eine neue NPD. Ist sie in gewisser Weise ja geworden – aber wen interessiert CDU/CSU-Geschwätz?

    „»Mut zur Lücke!« möchte man ihr zurufen, in einer Zeit, in der das Vakuum am rechten Ende des politischen Spektrums deutlich zugenommen hat.“ Klaus-P. Kurz am 12.12.2018

    Das ist ja das Problem vorneweg: in Deutschland will niemand mehr rechts sein. Autoren wie Manfred Kleine-Hartlage („Schlachtfeld“ 2015) und Georg I. Nagel („Die Auflösung“ 2016), um nur zwei zu nennen, fordern nicht umsonst, sich heute zuallererst dazu zu bekennen rechts zu sein! Vergeblich – im Zweifelsfall will die Opposition die bessere Linke sein, um es einmal zugespitzt zu sagen. Als Akif Pirincci im Oktober 2015 bei einer Pegida-Demonstration in Dresden sprach, schallten ihn ,Nazis-raus´-Rufe entgegen. Der Deutsch-Türke Akif Pirincci ist offenkundig deutscher wie gefühlte 90 Prozent der Deutschen selbst. Und so wundert es uns schließlich nicht, wenn sich nicht wenige Nichtdeutsche über die Deutschen von heute wundern. Rolf Peter Sieferle (1949-2016) sprach in seinem „Finis Germania“ (2017) vom großartigen Ausblick, den man beim Absturz noch genießen kann. Nun, wir sitzen bei dieser Tragikkomödie (unfreiwillig und ungefragt) in der ersten Reihe – am Ende bleibt da eben nur noch Zynismus und galliger Humor.

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