Rezension

„Von jedem Tag will ich was haben, was ich nicht vergesse…“

Der Name Gerhard Gundermann wird heute nur noch den Wenigsten ein Begriff sein. Anlässlich seines 20. Todestages kam auch deswegen im vergangenen Herbst ein Film über den streitbaren Musiker in die deutschen Kinos, welcher jetzt auf DVD erschienen ist.

Der singende Baggerfahrer aus der Lausitz, wie ihn die Presse nannte, zählte einst zu den größten Liedermachern der DDR. Mit Stücken wie Hier bin ich geboren, Das war mein zweitbester Sommer und dem Gänsehaut-Lied Gras wurde er landesweit berühmt und ist dafür bis heute für seine Fans unvergessen. Dem gesamtdeutschen Publikum blieb Gundermann jedoch eher unbekannt, was sich durch den gleichnamigen Film des deutschen Regisseurs Andreas Dresen ändern dürfte.

Der Hauptdarsteller, Alexander Scheer, den das Publikum noch aus dem 1999 erschienenen Kultfilm Sonnenallee kennt, besetzt die Rolle des Gerhard Gundermann dabei so gut, daß man ihn beinahe für den echten halten könnte. Der Schauspieler sang zudem die Lieder für den Film selbst ein, was ihm schließlich so gut gelang, daß er inzwischen damit sogar Konzerte gibt. Der echte Gundermann war jedoch nicht nur ein brillanter Musiker, sondern auch ein idealistischer Querkopf, der seine Offizierslaufbahn in der NVA beenden mußte und zweimal aus der SED geworfen wurde.

Der Idealist hat sich verrannt

„Abgelehnt haben wir an ihm seine prinzipielle Eigenwilligkeit, das Nichteinfügen ins Kollektiv, das Nichtverstehenwollen des Prinzips des demokratischen Zentralismus“, sagte sein zuständiger Betriebs-Parteisekretär in einem Interview aus den 80er Jahren zur Causa des Baggerfahrers. Gundermann war ein überzeugter Sozialist, dessen Enttäuschung von der real existierenden DDR nicht wie bei den meisten im Rückzug ins Private mündete, sondern der stattdessen helfen wollte, seinen Staat von innen heraus zu reformieren. Daß daran jedoch nicht allzu viele interessiert waren, lehren inzwischen die Geschichtsbücher.

Neben der musikalischen Karriere Gerhard Gundermanns beschäftigt sich der Film vor allem mit dessen Nebentätigkeit als IM Grigori für die Staatssicherheit von 1976 bis 1984. Gundermann beabsichtigte durch seine Zuarbeit für die Stasi den unfähigen Parteibonzen und Altstalinisten entgegenzuwirken, erreichte damit aber eher das Gegenteil. Auch noch die kleinsten Informationen über Freunde und Bekannte wurden akribisch von dessen Führungsoffizier mitgeschrieben, was Gundermann selbst anschließend über die Jahre verdrängte, bis er es vergaß; wohl, weil er es vergessen wollte.

Die Banalität des Naiven

Auf der einen Seite wäre es überzogen, dem sympathisch wirkenden hageren Typ mit den großen Brillengläsern für seine Spitzelei Bosheit zu unterstellen. Auf der anderen Seite führte seine Naivität gegenüber den wahren Verhältnisse eben zu einer solchen Konsequenz. Konfrontiert mit den Unzulänglichkeiten und der Nicht-Kompatibilität der Menschen mit idealistischen Träumereien, bleibt das unter Druck setzen und Bespitzeln, noch bis in die letzten privaten Rückzugsräume hinein, die logische Konsequenz so mancher in die Enge gedrängter Ideologien. Der Fakt, daß die Stasi schließlich auf den Spitzel selbst andere Spitzel angesetzt hatte, klingt beinahe wie ein schlechter Witz, ist aber wahr.

Trotz des Schattens, der durch seine Stasi-Vergangenheit auf dem Leben Gundermanns liegt, sind seine Lieder jedoch nicht durch ideologische Tagträume geprägt. Anders als etwa in den Liedern seines westdeutschen Pendants Rio Reiser, bewahrte sich der 3-Schichten-Arbeiter Gundermann zeitlebens ein Gefühl für Authentizität und blieb selbst dann noch Baggerfahrer im Braunkohlerevier, als er schon längst hätte von seiner Musik leben können.

Er brauchte den Takt der Schaufelräder, um Lieder zu schreiben, wie er selbst über seinen übervollen Tagesablauf sagte. Am Ende seines Lebens verkraftete jedoch sein Körper diese permanente Doppelbelastung nicht mehr, und Gerhard Gundermann starb im Alter von nur 43 Jahren an einem Schlaganfall.

„Ich werde nicht um Verzeihung bitten. Aber mir selbst kann ich das nicht verzeihen.“

Der Film selbst will wie Gundermanns Leben vieles sein: ein Film über die Machenschaften der Stasi, ein Film über einen grandiosen Musiker und natürlich auch ein Liebesfilm. Aufgrund dieser Vielschichtigkeit kann es nur als erfrischend angesehen werden, daß der Film keine einfachen Antworten auf die vielen komplexen Fragen dieses menschlichen Miteinanders geben will. Der Zuschauer muß sich stattdessen selbst ein Bild über die Person Gundermann und dessen Leben in der DDR machen.

Bild (links): Bundesarchiv, Bild 183-1989-1114-007 / Weisflog, Rainer / CC-BY-SA 3.0

Verwandte Themen

Wie kann man heute noch links sein wollen? (II) Warum muss ich mir von linken Wohlstandskindern, von ehemaligen Stasi-Mitarbeitern oder Profiteuren eines Unrechtsregimes, die noch nie für ihre Überz...
Wie kann man heute noch links sein wollen? Typisch „Spiegel“ kommt einem zuerst in den Sinn, da sich deren Märchen-Autoren im Zweifelsfall schön links einordnen wollen oder sollen. Da wurden zu...
Filmkritik: Abgeschnitten Schneeturm über Helgoland.  Die Stimmung gleicht einem Weltuntergang. Eine Evakuierung ist ausweglos. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Bewohner...

3 Kommentare zu “„Von jedem Tag will ich was haben, was ich nicht vergesse…“

  1. „Die Narren sterben nicht aus“

    „Der Fakt, daß die Stasi schließlich auf den Spitzel selbst andere Spitzel angesetzt hatte, klingt beinahe wie ein schlechter Witz, ist aber wahr.“ (Christoph George, 11. Februar 2019)

    Das war der Normalzustand in der DDR! Diese Zustände illustriert die Fußball-Oberliga schön, wo sich in den damaligen Fußballvereinen die inoffiziellen Mitarbeiter der Staatssicherheit förmlich gegenseitig auf die Füße traten… Ähnliches in den DDR-Rockgruppen (incl. Punk & Underground). Bei Kommunisten, die aus ihrer Partei ausgeschlossen wurden, sollte man im übrigen, damals wie rückblickend heute, in der sowohl menschlichen wie auch politischen Bewertung Vorsicht walten lassen; das waren, von rechts gesehen, nicht per se bessere Linke wie ihre ehemaligen Parteigenossen. Wir haben da unsere eigenen Erfahrungen machen dürfen. Heute kann man darüber lachen, aber bei uns ist es immer noch, in der gar nicht so unrichtigen gesellschaftlichen Verallgemeinerung, ein höhnisches, ja böses Lachen. Die gegenseitige Denunziation auf allen gesellschaftlichen Ebenen kann man ja mittlerweile, wir sagen das wirklich nicht gerne, als eine voll ausgebildete Tradition in Deutschland sehen.

  2. Radegunde von Klengel

    Die Narren sterben nicht aus – stimmt.
    Spitzel, Spinner, Künstler war er. Alles drei meine ich ernst. Ich mag und höre seine Lieder heute noch gern nachdem ich Gundermanns Band als Vorgruppe für irgendwas, Keimzeit?, durch Zufall Anfang der 90er, noch als Student, erlebt habe. Durch die Gnade der Götter darf ich die Musik eines linken Rebellen genießen, dessen Träume ich nicht verwirklicht sehen möchte. Ich müsste sie sonst bekämpfen. Nun, da er tot ist, mag er mit Robespierre darüber philosophieren.

  3. Wer ist der Größere Narr?
    Der; der Musik spielt, oder der; der sie hört?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Datenschutzinfo