Rezension

Zweimal großer Knall

Das komplizierte und gespaltene Verhältnis des Widerstandsmilieus zum Gespenst des Bürgerkrieges spiegelt sich im zweiten Teil von Rob Salzigs Roman „Systemfehler“.

Seit die Gewalt wieder hinter allen politischen Verschärfungen lauert, muss auch das patriotische „Widerstandsmilieu“ sich dazu positionieren. Seine Gegner zögern nicht, ihnen jeden Küchenbrand in einem Asylantenheim in die Schuhe zu schieben, während die eigenen Anführer keine Gelegenheit auslassen, ihre Gewaltlosigkeit in die Welt hinauszuschreien. Doch seine Haltung zur ältesten Gretchenfrage der Politik „Wie hältst du‘s mit dem Krieg?“ ist vielschichtiger und sensibler. Beide Systemfehler-Romane Rob Salzigs spiegeln diese Haltung wider. War jedoch der erste Band „Das Chaos“ ein Liebäugeln mit der Gewalt, so marschiert der zweite Band „Der Aufstand“ frontal in den Kampf.

Der offene Aufstand

Der Handlungsrahmen ist schnell umrissen: Nach dem Scheitern der Asylpolitik bricht die öffentliche Ordnung weitgehend zusammen. Die Regierung reagiert mit Massenverhaftungen von Regimegegnern. Unter den Verhafteten befindet sich auch Johann Bäcker, der neunzehnjährige Sohn des Kriminalkommissars Volker Bäcker. Eine Bürgerwehr befreit Johann und andere Insassen. Johann bricht ins Zentrum des Aufstandes, ins Erzgebirge auf, um sich den Freischärlern anzuschließen. Sein Vater versucht währenddessen gemeinsam mit seinem Kollegen Lars Schmied (beide haben den Polizeidienst inzwischen aus Protest geschmissen) seinen vermissten Sohn in dem Durcheinander ausfindig zu machen.

Schriftstellerisch ist „Der Aufstand“ immer noch eher mittelmäßig, aber Salzig hat sich seit dem ersten Band doch deutlich verbessert. Vor allem verzichtet er inzwischen auf die endlosen Weltanschauungsmonologe. „Der Aufstand“ ist damit deutlich lesbarer als sein Vorgänger. Ansonsten orientiert sich Salzig an dem Stil, der im Genre der Actionromane üblich ist. Der Unterschied zwischen ihm und seinen Kollegen, deren Werke zu Dutzenden an den Bahnhofskiosken ausliegen, liegt in seiner Fähigkeit, jenem brodelnden Gewirr der Meinungen und Stimmungen Ausdruck zu verleihen, das man zur Zeit nach jeder patriotischen Veranstaltung beim Bier hören kann.

Krieg gegen Brüssel

„Der Aufstand“ schildert das, was bei solchen Anlässen und im Internet „der große Knall“ genannt wird und zwar so, wie ihn die Mehrheit des Widerstandsmilieus wohl am liebsten hätte. Deshalb kommt es nicht zum Bürgerkrieg im eigentlichen Sinne. Die Bundeswehr desertiert, als der Befehl erteilt wird, auf das eigene Volk zu schießen. Stattdessen schlagen sich im Erzgebirge Bürgerwehren unter ergrauten NVA-Offizieren mit der Europäischen Gendarmerie (EUROGENDFOR), einer von mehreren EU-Staaten zur Aufstandsbekämpfung aufgestellten multinationalen Truppe, herum. Der härteste Kampf gilt schließlich einer von der Bundesregierung angeheuerten Söldnertruppe eines amerikanischen Sicherheitsunternehmens.

Diese Kämpfe schildert Salzig mit kalter, wenn auch nicht blutlüsterner Brutalität. Da wird auch schon einmal die Leiche eines Söldnerführers auf den Bügel einer Handgranate gelegt und gewartet, bis seine Kameraden ihn bergen, damit alle zusammen in Fetzen gerissen werden. Scharfschützen schießen auf die Überlebenden eines Bombenanschlages, die ihre verschütteten Kameraden aus den Trümmern ziehen wollen. Hier geht es gegen den Wunschfeind, Globalisten, die EU, die Vereinigten Staaten. Hier wird zugeschlagen und auch vor drastischen Bildern schreckt man nur kurz zurück. Es ist Krieg!

Botenberichte

Doch was passiert eigentlich außerhalb des Erzgebirges? Salzig schreibt nicht blind eine Kriegsgeschichte, bei der die bösen Jungs gehörig eins auf den Deckel bekommen. Er hat den Rest des Landes keineswegs vergessen. Auch hier ist die Ordnung weitestgehend zusammengebrochen. Die Straßengewalt explodiert. Die Polizei ist heillos überfordert. Bewaffnete Banden gehen aufeinander los.

Doch hier hält sich Salzig zurück. Statt der direkten Schilderung verwendet er Botenberichte. Der Leser erfährt von den Ereignissen nur über die Lagekonferenzen des Ministers. Dieser Mann – ein fresssüchtiges Ekelpaket, das unschwer als Peter Altmaier zu erkennen ist – fungiert als Repräsentant der Regierung. Während die verschiedenen Ressortleiter ihm über die Zustände im Lande berichten, bleiben dem Leser nicht nur die drastischen Bilder erspart, der Minister zieht zugleich den Zorn auf seine Person und auf die Regierung. Migrantenkriminalität bleibt, anders als im ersten Band, Statistik. Nur zu Beginn ermorden drei Marokkaner ein älteres Ehepaar und Ulf, Ex-Fremdenlegionär und Haudrauf der Truppe, schlitzt ihnen später die Kehlen auf. Die Episode wirkt aber fast schon als Pflichtübung des Autors.

Ausländer empfindet der durchschnittliche Pegidist zwar als bedrohlich, aber nicht als böse. Die härteren Kader der islamkritischen Szene bilden hier einen Sonderfall. Beim Rest des Widerstandsmilieus ist das Bild des Ausländers oder Flüchtlings nicht annähernd so sehr im gesichtslosen Bösen verschwommen, wie das des Globalismus.

Wie hältst du‘s mit dem Krieg?

„Der Aufstand“ steht bei dieser Frage repräsentativ für das Widerstandsmilieu. Salzig antwortet, indem er den seit Jahrzehnten beschworenen „großen Knall“ streng genommen zweimal stattfinden lässt. Er trifft damit die allgemeine Stimmung auf den Kopf. Die Söldner des Globalismus abzuknallen, da hätte niemand ethisches Nasenbluten. Doch das Widerstandsmilieu fürchtet den Rassenkrieg. Nicht so sehr, weil er blutig wäre, sondern weil es diesen Feind nicht genug hasst.

Rob Salzig: Systemfehler – II. Der Aufstand, Antaios, Schnellroda 2016.

(Bildhintergrund: hughepaul, flickr, CC BY 2.0)

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