Rezension

Antwort auf einen „Interpreten“

Ich will eigentlich nicht mehr. Nicht mal mehr etwas richtigstellen. Ich habe mich den Großteil meines Berufslebens mit leseunkundigen Interpreten beschäftigen müssen, und jetzt kommen auch noch die leseunwilligen hinzu.

Doch Freunde raten mir, wenigstens auf einen Satz zu reagieren, der schlagartig die Misere solcher Kontroversen beleuchtet und abermals belegt, wovon mein ganzes Buch ständig spricht. Also zitiere ich den Unsinn, den Herr Wagner hier verbreitet hat:

„Dass ausgerechnet jemand wie Scholdt, der Leute mit abweichender Meinung in Nazi-Manier als ‚entartete(!) Gutmenschen‘ bezeichnet und sie in entmenschlichender Weise mit Ratten, Schweinen und Hunden vergleicht, behauptet, wir würden im dritten totalitären System nach Drittem Reich und DDR leben, ist auf eine groteske Weise abwegig.“

Dazu nur drei Punkte:

Erstens: Ich bezeichne nicht, wie mir sträflich unterstellt wird, „Leute mit abweichender Meinung“ als „entartete Gutmenschen“, sondern Leute, die sich aus ihrem Gutmenschentum mit allen sozialschädlichen Folgen tugendterroristische Lizenzen entlehnen. Ausschließlich darum geht es, was nur Blinde übersehen können, im ganzen Buch: um einen Typus, der in der Französischen Revolution per Guillotine seine vielleicht spektakulärste Ausprägung erfuhr.

Ihm gegenüber (als Verkörperung von „Liberté, égalité, fraternité ou la mort“) habe ich allerdings bezüglich des Begriffs „entartet“ ebenso wenig zurückzunehmen wie gegenüber einem Menschenschlag, den Max Kegel bereits 1884 adäquat taxierte: „Verpestet ist das ganze Land / Wo schleicht herum der Denunziant.“ Und ich urteile auch nicht prinzipiell günstiger, wo sich die heutigen Zeitgeist-Exekutionen meist auf Rufmord beschränken, denen jedoch zunehmend häufig administrative wie juristische Maßnahmen oder Straßengewalt à la Bremen folgt.

Zweitens: Man spürt förmlich, wie dieser Kritiker tickt. Anstatt sich mit dem unfreien Debattenstil dieses Landes auseinanderzusetzen, ihn meinetwegen (zynisch-pragmatisch im Sinne der Technokratie) zu rechtfertigen oder entsprechende Vorwürfe – wie meist – als unrepräsentativ zu relativieren, sammelt er scheinakkusatorische Fleißmärkchen. Er hat gut aufgepasst, dass es, anstelle von intellektueller Anstrengung nur darauf ankommt, irgendeine vermeintlich ns-kontaminierte Vokabel zu finden, um sofort „Gefahr im Verzug!“ melden zu können. Wie ein Pawlowscher Hund – Pardon! Schon wieder so ein Tiervergleich! – reagiert er daher bei der Vokabel „entartet“. „Herr Lehrer, XY hat Ihnen heimlich ‘nen Vogel gezeigt. Ich hab’s genau gesehen.“

Drittens: Und weiter geht’s in diesem Stil: Ich hätte – noch immer bezieht sich sein Vorwurf leichtfertigerweise auf bloße Meinungsgegner statt auf Denunzianten – diese „in entmenschlichender Weise mit Ratten, Schweinen und Hunden“ verglichen. Was half es, dass ich für „Interpreten“ W.schen Niveaus dem Kapitel einen Absatz vorangestellt habe, der die gröbsten Missverständnisse hätte beseitigen können. Offenbar vergebliche Liebesmüh:

„Wie die Literaturgattung Fabel belegt, dient es der Anschauung, sich gewisse menschliche Verhaltensweisen, Sozial- und Mentalitätstypen am Beispiel von Tieren vorzustellen. In Frage kämen etwa Geier und Hyäne, Schmeichelkatze, Stink- oder Trampeltier (im Porzellanladen), Schlange, Angsthase, Schaf oder Haifisch. Ganz so derb geschieht das nur in diesem Kapitel ansatz- und ausnahmsweise, um durch karikierende Überspitzung bestimmte leider existierende Verhaltensmuster zur Kenntlichkeit zu bringen. Um Dehumanisierung von Einzelpersonen geht es dabei natürlich nicht.

Dazu angeregt haben mich plastische Begriffsprägungen Ernst Jüngers, der über Jahrzehnte publizistischen Kampagnen ausgesetzt war. In ‚Strahlungen‘ etwa definiert er das ideologiekritische ‚Trüffelschwein‘ als Intellektuellen-Spezies eines Zuarbeiters der Macht. Seine dialektische Beschlagenheit reiche dazu aus, (scheinbar) Verfängliches aus Texten zu filtern, das sich dem Durchschnittsblick sonst verbirgt. Selbstverliebt in seine anklagende Rabulistik, wirkt er als Erfüllungsgehilfe für Gesinnungs-Staatsanwälte, fahndet nach ‚Gedankenverbrechen‘.“ Usw.

In solchem Kontext ist nun in meinem Buch bezüglich etlicher Mainstream-Historiker doch tatsächlich auch von ‚wissenschaftlichen Hof- und Schoßhunden‘ die Rede. Welch skandalöser Tatbestand, der umgehend Wagners NS-Keule erfordert, so als ob mein Kritiker erneut belegen wollte, was doch gerade dieses Buch anhand von Dutzenden abstoßender Beispiele verficht! Oder was Harald Martenstein bereits vor Jahren schrieb:

„Immer wenn ich Nazivergleiche lese, denke ich: Da sind jemandem die Argumente ausgegangen. Da war jemand intellektuell ein bisschen überfordert, deshalb musste er Hitler zu Hilfe rufen. Wenn man es in Deutschland verbieten würde, in Debatten seinen jeweiligen Widerpart mit den Nazis zu vergleichen, würde dies sofort zu einer Niveausteigerung in den Feuilletons führen.“

Was bleibt als Fazit? Vielleicht nur die Resignation einer abermaligen Enttäuschung in Bezug auf Deutschland als Leseland. Oder halten wir uns an Carl Gustav Jungs Ausspruch: „Denken ist schwer, darum urteilen die meisten.“

Dieser Beitrag ist die Antwort auf einen Kommentar unter dem Beitrag „Anatomie einer Denunzianten-Republik“.


3 Kommentare zu “Antwort auf einen „Interpreten“

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