Gesichtet

Barbarossa und der Zwang zur Politik

Morgen jährt sich zum 77. Mal der Angriff der Wehrmacht auf die Sowjetunion.

Als am 22. Juni 1941 über drei Millionen deutsche Soldaten, sowie weitere 600.000 verbündete Rumänen und Ungarn begannen in die Sowjetunion einzumarschieren, eskalierte der Zweite Weltkrieg in sein blutigstes Kapitel. Über die Gründe, welche zu diesem Wahnsinn führten, der Millionen Menschen auf beiden Seiten das Leben kostete, erscheinen regelmäßig u.a. in der Wochenzeitung Junge Freiheit ausführliche Artikel, welche die offizielle Geschichtsschreibung klar hinterfragen. Denn betrachtet man die reinen Fakten des anfänglichen Erfolges, welchen die Wehrmacht im Russlandfeldzug erzielen konnte, kommt sehr schnell die Frage auf, ob es sich dabei denn wirklich, wie es in unseren Geschichtsbüchern steht, um einen unprovozierten Überfall handelte.

Wehrmacht zahlenmäßig unterlegen

Wahrscheinlich stieß die Wehrmacht damals in den größten Aufmarsch der Weltgeschichte hinein. Beinahe fünf Millionen Rotarmisten waren zum Zeitpunkt des Angriffes an der Westgrenze ihres Landes zusammengezogen worden, wovon über drei Millionen in den Anfangsmonaten gefangengenommen werden konnten. Desweiteren konnte die Wehrmacht über 6.000 russische Panzer zerstören oder erbeuten.

Zum Vergleich: die Wehrmacht hatte zu diesem Zeitpunkt lediglich 3.000 Panzer in ihrem Bestand, die Rote Armee schätzungsweise über 21.000. In einem ähnlichen Verhältnis stehen die Zahlen an weiterem Kriegsmaterial, wie etwa an Flugzeugen oder Artillerie, die von den Sowjets offensichtlich nicht zur Landesverteidigung aufgefahren wurden, sondern um ihrerseits nach Westen vorrücken zu können.

Die Wehrmacht stieß auf eine weit überlegene Rote Armee

Denn die Wehrmacht stieß eben nicht auf Schützengräben, Bunker und andere defensive Einrichtungen seitens der Russen, sondern auf Soldaten und Material, welches sie wie auf dem Präsentierteller vorfand. Der Eindruck erhärtet sich somit, daß sich hier zwei Offensivarmeen gegenüberstanden, von denen die eine schneller losschlug als die andere; wobei zudem noch die Frage im Raum steht, ob es den deutschen Aufmarsch ohne den sowjetischen überhaupt gegeben hätte. Dies allerdings laut zu äußern, grenzt in den Ohren der etablierten Historiker in Deutschland an Häresie.

Der ehemalige FOCUS-Redakteur Michael Klonovsky schrieb diesbezüglich vor einigen Jahren in sein Tagebuch: „Wer die Reaktion eines Sklaven studieren möchte, frage einen festangestellten Historiker coram publico, zu welchem Zweck Stalin im Sommer 1941 die größte Armee aller Zeiten an der deutsch-sowjetischen Grenze hat aufmarschieren lassen.“ An dieser Stelle aber irrt der ansonsten so hochgeschätzte Schriftsteller jedoch, wenn er diesen Historikern einen generellen Sklavengeist unterstellt.

Denn gemeinhin ist man heute in Deutschland zuallererst an guten internationalen Beziehungen zu Russland interessiert; insbesondere zu einer Zeit, in welcher Spannungen auf politischer Ebene das Klima zwischen beiden Staaten zu vergiften drohen. Deshalb tritt an dieser Stelle ein weiterer Gesichtspunkt hinzu, wodurch Geschichtsschreibung eine politische Komponente erhält.

Die Russen feiern ihren Mythos

Denn für die Russen ist der „große vaterländische Krieg“, wie sie ihren Zweiten Weltkrieg nennen, ein nationaler Mythos höchsten Ranges. Jahr für Jahr feiern sie ihren Sieg mit einer großen Militärparade am 9. Mai auf dem Roten Platz in Moskau. Von diesem feierlichen Gedenken an den Sieg über „Hitler-Deutschland“ wird man in Moskau wohl so schnell auch nicht ablassen, dient er schließlich als eine identitätsstiftende, positive Erzählung in der Geschichte des Landes, wie sie größer und dramatischer kaum sein könnte.

Der Mythos von der überraschten Sowjetunion, welche plötzlich überfallen wurde, hat sich zudem auch überall sonst durchgesetzt, so daß man sich als Deutscher fragen muß, ob es heute schlichtweg politisch klug wäre, unbedingt auf eine Wahrheit aufmerksam machen zu wollen, die niemand hören will. An dieser Stelle wird spätestens klar, daß Wissenschaft – im eigentlichen Sinne – auch politisch unklug sein kann.

Jemanden immer „die Wahrheit“ vorhalten zu wollen, kann im öffentlichen Leben Personen schnell und gründlich verärgern. Wiederholt wurde von Seiten verschiedenster Philosophen, von Platon bis Hannah Arendt, immer wieder auf die verheerenden Konsequenzen hingewiesen, welche entstehen können, versucht man in der Öffentlichkeit wirklich immer Wahrheit zu sprechen.

Der Glaube an die Wissenschaft, auch und gerade an die historische, erweist sich deswegen in der Politik nicht immer als klug. Im intersubjektiven Miteinander zwischen Menschen kann sich deswegen Objektivität leicht als Hindernis für den beidseitigen Austausch erweisen. Wahrheit muß deshalb zunächst immer erst durch den Filter der Realität gehen, was bedeutet, daß Umstände wie bilaterale Beziehungen mitbedacht werden müssen, in denen man agiert. Dies zu tun, ist letztlich Aufgabe des wahren Staatsmannes, welcher allein im Dienste seines politischen Subjektes im Hier und Jetzt steht, vor welchem er sich zu verantworten hat, und eben nicht im Dienste einer abstrakt-objektiven Wahrheit.

Geschichtsschreibung ist Politik und Politik ist keine Wissenschaft

Solche Verstrickungen der Politik in die Wissenschaft zu bedenken, kann jedoch für die naturgemäß stets Wenigen, die mehr wissen wollen, nicht bedeuten, vor der etablierten Geschichtsschreibung zu kapitulieren. Will man bestimmte Zusammenhänge wirklich verstehen und richtig einordnen, benötigt man natürlich einen möglichst unverstellten Blick auf die Ereignisse. Zu einem solchen gelangt man jedoch oft nicht durch die politisch gefärbte offizielle Wissenschaft, wie sie an öffentlichen Bildungseinrichtungen und im Fernsehen gelehrt wird, sondern eben erst abseits von diesen.


12 Kommentare zu “Barbarossa und der Zwang zur Politik

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