Gesichtet

Bullshitökonomie: Der Fall Comey

Die Berichterstattung über die Entlassung des FBI-Direktors James Comey sagt wenig über den Rauswurf aus und viel darüber, wie die Lügenpresse funktioniert.

Gehen wir einmal davon aus, daß Comey tatsächlich aus irgendwelchen sinistren Motiven entlassen wurde. Herauszufinden warum, wäre ganz schön viel Arbeit. Um das seriös zu machen, müßte man zur Zeit in Washington recherchieren. Wer wollte ihn abschießen? Ging die Initiative von Trump aus, wie überall stillschweigend angenommen, oder könnte vielleicht doch die offizielle Verlautbarung stimmen und der Generalbundesanwalt (Attorney General) Jeff Sessions forderte die Entlassung auf Anraten seines Stellvertreters Rod Rosenstein? Wenn das stimmt, ist dann Comeys Handhabung des E-Mailskandals Hillary Clintons während des Wahlkampfes tatsächlich der Grund? Und wie steht es im Inneren des FBIs? Hatte Comey noch Rückhalt in seiner Behörde, oder wollte man ihn auch dort los werden?

Zwischen allen Stühlen durchgefallen

Ohne diese zeit- und arbeitsintensiven Recherchen, für die man ja auch erst einmal die nötigen Kontakte bräuchte, läßt sich eigentlich nur eines feststellen: James Comey setzte sich mit der Art und Weise, wie er den E-Mailskandal Hillary Clintons handhabte, zwischen alle Stühle. Erst erklärte er im Juli vor der Wahl in einem öffentlichen Bericht, daß Clinton zwar äußerst unvorsichtig gewesen sei, er aber die Untersuchungen einstelle und keine Anklage empfehle.

Bereits mit dieser Mitteilung überschritt er seine Kompetenz, weil diese Entscheidung der Bundesanwaltschaft vorbehalten ist. Dann etwa zwei Wochen vor der Wahl verkündete er öffentlich, daß die Untersuchungen auf der Basis neu gefundener E-Mails wiederaufgenommen seien, um zwei Tage vor der Wahl zu erklären, es sei nichts Belastendes gefunden worden.

Kurz, die Bundesanwaltschaft wirft ihm vor, die Dienstvorschriften grob verletzt zu haben. Clinton-Anhänger – inklusive der Ex-Kandidatin selbst – werfen ihm vor, sein Amt zur Wahlmanipulation mißbraucht zu haben. Und Trump-Anhänger werfen ihm vor, eine offenkundig Kriminelle vom Haken gelassen zu haben. Wie die Dinge nun einmal liegen, muß einer der letzten beiden Vorwürfe der Wahrheit entsprechen. Zu seiner Verteidigung wird man lediglich anführen können, daß er sich in einer der ekelhaftesten Situationen befand, in die ein Polizeichef geraten kann: Er mußte in einem polarisierten Wahlkampf gegen einen der Kandidaten ermitteln.

Was schreiben wir da bloß?

Nun ist das eigentlich alles, was man zum gegenwärtigen Zeitpunkt mit einiger Sicherheit sagen kann. Jetzt bleibt nicht viel mehr als abzuwarten, ob wir entweder aus Washington noch den ganz großen Skandal erfahren, oder aber, was wesentlich wahrscheinlicher ist, daß sich das Ganze im Sande verläuft.

Nur ist das doch ein Ereignis, da muß man doch etwas darüber schreiben. So jedenfalls die journalistische Logik. Nur was soll man darüber schreiben? Wie schön, daß seit einem halben Jahr ohne alle Beweise die Geschichte verbreitet wird, Rußland hätte sich mit Trump verschworen und irgendwie die Wahlen manipuliert, so daß schließlich auch das FBI Ermittlungen aufnahm, bisher freilich ohne jedes Ergebnis.

Als Trump dann das tat, was seine Feinde seit der Wahl fordern, nämlich Comey rauszuschmeißen, haben diese sofort behauptet, der FBI-Chef wäre abgesägt worden, um die ominösen Verbindungen des Präsidenten nach Rußland zu vertuschen. Und diese wilde Spekulation wird überall abgeschrieben. Gerade in der deutschen Presse häufen sich nahezu gleichlautende Artikel.

Zeilenschinderei

Aus diesem ganzen Unfug müssen wir zwei Lehren ziehen: Zum einen, welche Bedeutung bloße Zeilenschinderei und die Jagd nach Klicks für solche frei erfundenen Narrative haben. Lügenpresse, das ist nicht zuletzt die Gelegenheit für Journalisten, mit geringem Arbeitsaufwand saftige Geschichten zu bringen. Der Zwang sofort zu berichten, tut dann ein Übriges und einer schreibt vom anderen ab. Schon am nächsten Tag wäre die Nachricht schließlich nichts mehr wert. Man hat nur wenige Stunden, wo man eigentlich Tage bräuchte.

Das eigentliche Ereignis – Trump feuert Comey – ist dann auch etwas mager. Um den Artikel voll zu machen, muß noch mehr Text dazu. Irgendeine Interpretation des Ganzen und da man selbst nichts weiß und auch nicht wissen kann, schreibt man, was alle anderen schreiben, in der Gewißheit, daß niemand vom Chefredakteur zur Rechenschaft gezogen wird, wenn sich die ganze Horde wieder einmal geirrt hat. Umgekehrt will natürlich niemand nachher als der dastehen, der als Einziger falsch lag. Deshalb halten sich gerade in Fällen, in denen nichts klar und alles spekulativ ist, von der angeblichen Mehrheit abweichende Meinungen besonders gerne zurück und überlassen damit dem Horden- und Herdenjournalismus das Feld.

Gefährliche Narrative

Zum Anderen zeigt es aber einmal mehr, wie gefährlich Narrative der Art „die Russen haben die Wahl manipuliert“ sind. Diese spezielle Behauptung kam auf, nachdem vertrauliche E-Mails aus dem inneren Kreis der demokratischen Partei bei Wikileaks auftauchten und die Demokraten behaupteten, die Russen seien dafür verantwortlich.

Solange der tatsächlich Verantwortliche nicht gefunden wird, läßt sich das natürlich auch nicht widerlegen. Das bedeutet, die Geschichte kann endlos wiederholt werden. Dadurch schafft sie dann aber den Rahmen, in den die Öffentlichkeit andere Ereignisse einordnet. Das konnte man schon bei einer Reihe von Trumps Ämternominierungen beobachten. Gerade die dem Establishment unangenehmeren Leute wurden auf alle nur möglichen Verbindungen nach Rußland abgeklopft.

Die Arbeitsweise drittklassiger Verschwörungstheoretiker

Das Perfide daran ist, daß unter einem Narrativ wie „die Russen haben die Wahl manipuliert“ plötzlich auch harmlose Kontakte nach Verschwörung aussehen, die Entlassung eines FBI-Direktors, der unter Beschuß von allen Seiten geraten war, nach Vertuschung und wenn der Präsident sich mit dem russischen Außenminister trifft und dabei lachend fotografieren läßt, ist das dann verdächtig. Die Arbeitsweise ist dieselbe, wie bei der Sorte Verschwörungstheoretikern, die zurecht einen schlechten Ruf haben. Erst wird die Verschwörung als Prämisse in den Raum gestellt. Dann deutet man alle möglichen Tatsachen unter dem Blickwinkel dieser angenommenen Verschwörung und bestätigt damit die Verschwörungstheorie.

Das Problem ist nur, daß der durchschnittliche Medienkonsument die Glaubwürdigkeit einer Geschichte gar nicht selber überdenkt geschweige denn restlos überdenken kann. Der Unterschied zwischen seriöser Berichterstattung und irrer Verschwörungstheorie liegt für ihn darin, daß die erste von etablierten Medien kommt und die zweite aus den dunklen Winkeln des Neulandes namens Internet.

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