Anstoß

Das Placebo politischer Illusionen

Vorab: Keine Sorge, hier sollen keine Emotionen behandelt werden. Es ist also einigermaßen sicher, weiterlesen zu können, wenn auch unser tägliches Leben in der Regierungsform, von der wir glauben, sie sei die beste aller Zeiten, von einem gewöhnungsbedürftigen Blickwinkel aus betrachtet wird.

Ja, Sie haben richtig gelesen: „… von der wir glauben …“ Wir werden sehen, daß dieses Wort des „Dafürhaltens“ sich für eine Beurteilung unseres politischen Daseins besser eignet als zum Beispiel der Begriff des „Betrachtens“. Wenn wir nämlich die angeblichen Vorteile dieser Staatsform benennen sollen, werden wir bald sehen, daß sie vorwiegend auf Wunschvorstellungen beruht. Wie es eben Religionen so eigen ist.

Darum schwindeln Demokraten

Nun, vielleicht nicht ganz, denn schließlich verschieben Religionen ihre Belohnungen in eine weit entfernte Zukunft jenseits des Todes. Dieser Umstand macht es ihnen recht einfach, ihre Zusagen zu halten. Insofern laufen die hehren Versprechungen unserer so genannten Demokratien ein höheres Risiko, als Schwindel entlarvt zu werden.

Schwindel? Was für ein Unsinn! Sind wir nicht frei in unserer Entscheidung, wie wir leben wollen? Wen wir als unsere Volksvertreter möchten? Wem wir unsere Verwaltungen anvertrauen? Unsere Schulen, unsere Lebensmittel- und medizinische Versorgung, unsere Umwelt? Oder wie wir unsere Privatsphäre schützen wollen? Wo wäre dies sonst möglich? Doch wohl nicht in einer Diktatur oder absoluten Monarchie?

Nun, wie es einst Churchill so treffend beschrieb, gleicht die Diktatur einer stolzen Fregatte unter vollen Segeln. Fürwahr ein majestätischer Anblick, aber ein einziger Felsen kann die Katastrophe bedeuten. Während man sich in einer Demokratie wie auf einem Floß befindet: Es kann nicht sinken, aber ständig hat man nasse Füße.

Die Qualität unserer Staatslenker

Vielleicht ist es nicht ganz so schlimm, aber nur um an die Qualität einiger unserer Staatslenker zu erinnern, lasse man mich einige zitieren: „Tatsachen sind dummes Zeug.“ (Ronald Reagan), „Die große Mehrzahl unserer Importe kommt von außerhalb des Landes.“ (G.W. Bush), „Belgien ist eine wunderschöne Stadt.“ (Donald Trump).

Macht nichts, das sind halt Amerikaner, könnte man sagen, doch in Deutschland sieht es nicht besser aus: „Ist mir egal, ob ich schuld am Zustrom der Flüchtlinge bin. Nun sind sie halt da.“, „Denken beim Reden ist auch nicht so einfach.“, „Alles, was noch nicht gewesen ist, ist Zukunft, wenn es nicht gerade jetzt ist.” (alles Angela Merkel), „Wenn sich Menschen von einem Projekt abwenden, dann geht das irgendwann zu Ende.” (Martin Schulz, SPD)

Muß man sich nicht fragen, wie um Himmels Willen all diese Halbgaren, die unsere Gesellschaften regieren, in solche Führungspositionen gelangen konnten? Vielleicht hat es etwas mit dem seltsamen Umstand zu tun, daß, während alle von uns Genehmigungen und Scheine benötigen, um ein Auto zu fahren, eine Waffe zu besitzen oder auch nur um Gemüse zu verkaufen, jedermann ein Politiker werden und schließlich ein Land führen kann, ohne jegliche Qualifikation außer vielleicht einem großen Mundwerk und Geld.

Buchhändler, Taxifahrer und Studienabbrecher

Für diese Annahme gibt es interessante Belege: Der frühere Präsident des Europäischen Parlaments und ehemalige Kanzlerkandidat Martin Schulz mußte wegen schlechter Leistungen seine Schule verlassen, spielte Fußball, wurde Alkoholiker und Buchhändler. Der ehemalige deutsche Außenminister und Vizekanzler Joschka Fischer (Grüne) war immerhin Taxifahrer.

Aber könnte man diese Quatschköpfe nicht etwa dadurch vermeiden, daß man höhere Qualifikationsanforderungen einführte und dadurch bessere Ergebnisse zu erwarten hätte? Wahrscheinlich nicht. Eine solche Maßnahme wäre kurzsichtig, weil sie die weitverbreitete Ignoranz und Gleichgültigkeit der Bevölkerungsmehrheit nicht berücksichtigte.

Sollten dann eventuell nur Leute mit einer Wahlberechtigung wählen gehen dürfen, die sie in der Schule oder in Kursen erwerben könnten? Also kein allgemeines Wahlrecht mehr? Oder ein auf sozialen Klassen beruhendes? Womöglich nur noch für einige Privilegierte? Wie undemokratisch! Oh, ich kann die Entrüstungsschreie buchstäblich hören!

Das Volk der Steuerzahler

Obwohl die Schreier ganz offensichtlich gar nicht wissen, was Demokratie bedeutet, nicht wahr? Demos kratein: Diese altgriechischen Wörter stehen für „Volksherrschaft“. So wurde es uns gelehrt. Also bitte, gibt es denn auch nur den Schatten eines Zweifels an diesem eisernen Gesetz? Ja, den gibt es, und es ist tatsächlich ein ziemlich langer Schatten.

Der Grieche, der vor etwa 2.500 Jahren höchst effektiv diese Regierungsform begründete, war Perikles, und er tat genau, was ihm aufgetragen worden war, nämlich: „Andere Zeiten erfordern andere Maßnahmen. Deshalb passe unsere Ziele den neuen Bedingungen an und umgekehrt.“

In der Tat bedeutet Demos kratein nämlich nicht „Volksherrschaft“. Ja, ganz richtig, denn Demos bezeichnet nicht „das Volk“, sondern den „Steuerzahler“, in einem figurativen Sinn sogar die „steuerzahlende Masse“, und dieser Begriff hat auch nichts zu tun mit dem Volk als einer natürlichen Einheit von ähnlichen Einzelmenschen. Das richtige griechische Wort für diese Art von Menschengruppen wäre eher Laos.

Beherrschung der Massen

Doch wie bedeutsam diese betrügerische Fehlinterpretation wirklich ist, offenbart sich nicht, bevor wir nicht auch das Wort kratein untersuchen: Es bedeutet nicht „herrschen“, sondern „herrschen über“, „beherrschen“ oder „dominieren“. Das genaue Gegenteil dessen, was sonst behauptet wird. Das richtige (alt)griechische Wort für „herrschen“ wäre archein. Folgerichtig hieße dann „Volksherrschaft“ Laos archein und demos kratein Beherrschung der Massen der Steuerzahler oder einfach und eindeutig „Beherrschung der Massen“.

Weil aber Perikles die Seelen der Massen perfekt verstand, lenkte er sie ab von dem, was für seine wahren Vorgesetzten wichtig war, indem er sie glauben ließ, sie hätten etwas zu sagen, obwohl dieses Etwas ganz und gar bedeutungslos war. Die Bürger Athens wurden turnusmäßig Mitglieder zahlloser Ausschüsse. Jeder beschäftigte sich mit Politik, fällte heute Entscheidungen, die er morgen widerrief. Perikles führte auch Anwesenheitsgelder für jedermann ein, sogar für diejenigen, die vollendeten Unsinn im Parlament redeten. Wer aber hätte unter solchen Bedingungen noch arbeiten wollen? Richtig, nur noch wenige. Läutet da etwa ein Glöckchen?

Um diesen Verlust an Arbeitskraft auszugleichen, importierte der Grieche einfach mehr Sklaven. Man sieht also: Demokraten haben nichts gegen Sklaverei. Denken wir daran: Was sonst bezweckt in diesem Zusammenhang die heutige Globalisierung?

Mit volkstümlicher Unterhaltung aller Art lief Perikles‹ „Goldenes Zeitalter“ sehr gut. Natürlich besonders für diejenigen, die „gleicher waren als andere“. Aber was tat die Minderheit jener, die ein böses Erwachen befürchteten? Wurden sie vielleicht Faschisten, Nazis oder Kommunisten genannt? Nein, das kam später, aber läutet das Glöckchen nun lauter?

Demokratie und Fortschritt

In dieser sogenannten Demokratie wurden die Athener drogenabhängig, und ihre Droge war ein Beruhigungsmittel, das wir Fortschritt nennen, und ohne welches Demokratie nicht funktioniert. Niemals! Die Illusion von Fortschritt ist, philosophisch gesehen, ein Denkzwang, welcher von einer psychosomatischen Erkrankung herrührt. Er ist im Wesentlichen ein Ersatz-Phänomen: Das Gehirn des Massenmenschen, das sich ohne Anpassung emanzipierte, verkraftet sein plötzlich verlangtes Empfinden für größere Dimensionen nicht.

Es verliert den Halt in der neuen Weite, es wird haltlos, labil. Wenn sein klein-maßstäblicher Sinn verwirrt, abhanden gekommen ist, kann es auch keinen Sinn in einer neuen, unverstandenen Größe sehen. Es vermutet nur, daß er irgendwo sich befinden muß, irgendwo in der Zukunft mit der Belohnung und erwarteten Befriedigung. Das heißt also: Vorwärts! Immer vorwärts!

Die wirkliche Bedeutung dieser Art Fortschritt ist jedoch lediglich der Wechsel. Sie hat nichts zu tun mit einer höheren Entwicklung, wie man dies immer fälschlicherweise mit dem Begriff Fortschritt verbindet. Die erkrankte Seele wird letztendlich sogar ein Sich-im-Kreise drehen als Fortschritt empfinden, denn sie verbraucht den Wechsel und die Bewegung wie eine Droge.

Zustände, die früher als permanent galten, werden nun einer nach dem anderen konsumiert. Ja, der Fortschrittler ist ein Verbraucher. Diese Erkenntnis beinhaltet, daß Fortschritt auch Umsatz bedeutet, und dieser Ausdruck ist identisch mit dem merkantilen Begriff. Läutet die Glocke?

Die tyrannische Seele des Massenmenschen

Zur Blütezeit seiner Demokratie befand sich Athen in diesem Zustand und es war selbstverständlich stolz darauf. Mehr noch: In solcher Illusion wurde (und wird) des Massenmenschen Seele tyrannisch. Sie verlangt, jedermann müsse sich ihrem Glauben an Fortschritt anschließen und obwohl sie keine Heilung kennt, benimmt sie sich wie ein Heiland.

Dies ist die Erklärung, warum Athen von Freunden und Feinden, speziell aber von „unterentwickelten Ländern“ erwartete, dieselbe Verfassung, dieselbe Lebensform und dieselbe Wirtschaft anzunehmen und warum es zuerst über solche mitleidig lächelte, die sich sträubten, sie dann verurteilte und schließlich bekämpfte.

Aber diese Art Benehmen ist natürlich nichts anderes als der Wunsch Vergleichsmöglichkeiten zu zerstören. Heute haben ganze Kontinente solche Wünsche, allerdings ohne Parthenon. Und selbst wenn man diese Zusammenhänge ignoriert, sieht unser „Way of Life“ immer noch ziemlich gut aus für manche, weil das Placebo der Illusionen nach wie vor wirkt.

(Bild: Perikles)


11 Kommentare zu “Das Placebo politischer Illusionen

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