Gesichtet

Der Schwur: Nordirlands Covenant von 1912

Wie kann es gelingen, das ganze Volk hinter einer Idee, einem Minimalkonsens, zu vereinen? Der nordirische Covenant von 1912 zeigt, wie´s geht.

Der Auszug der Plebejer aus Rom im Jahre 494 v. Chr. gehört dazu, der Ballhausschwur von 1789 sowie das Hambacher Fest 1832 ebenso. Aber auch die Internationalen des Sozialismus könnte man in dieser Reihe aufführen. Die genannten Ereignisse sind prominente Höhepunkte der Symbolpolitik, die in einer bestimmten historischen Situation bestimmte Gruppen zu Schicksalsgemeinschaften zusammenschweißten. Motiviert durch eine angespannte politische Lage, welche diese Gruppen existenziell anging, entstand außerhalb der Institutionen ihrer Zeit ein politisches Gewicht, dessen innewohnende Eskalationsdrohung oft bewusst herausgestrichen wurde. Ein Wir-Gefühl wurde beschworen, gefestigt und zelebriert. Politik wurde wieder fühlbar gemacht. Über die Legitimität dieser Akte gehen die Meinungen auch noch lange danach weit auseinander. Manche sehen sie als basisdemokratisch, andere wiederum als pseudo-demokratisch an. Ohne sie hätte die Geschichte in den meisten Fällen wohl einen anderen Lauf genommen.

Zu den nationalen Hochämtern dieser Art der Metapolitik gehört auch der sogenannte Covenant (präziser: Solemn League and Covenant) der protestantischen Nordiren aus dem Jahr 1912. Diese lebten vor allem in den protestantisch dominierten Grafschaften Nordirlands oder Ulsters, wie die Provinz von ihnen genannt wurde. Die Krise um den dritten Gesetzesentwurf für eine gesamtirische Selbstverwaltung mit Sitz in Dublin, abgekürzt Home Rule, den die liberale Regierung Asquith 1912 ins britische Parlament einbrachte, löste einen Massenprotest der loyalistischen, d.h. loyal zu Großbritannien stehenden Ulstermen aus, der in einer generalstabsmäßig organisierten Massen-Unterschriftenkampagne gipfelte. Die Unterzeichner sahen sich in ihrer Kultur, Freiheit und nicht zuletzt in ihrer wirtschaftlichen Prosperität gefährdet (und nicht wenige von ihnen auch an Leib und Leben) und waren entschlossen, sich zu verteidigen.

Inwieweit eine vergleichbare Massenbewegung in unseren Breiten im gegenwärtigen Kontext übervoller Kommentarspalten und Blogs noch angestoßen werden könnte, sei dahin gestellt. Als Inspiration wird der Covenant von 1912 seine Wirkung sicher nicht verfehlen.

Lieber vom deutschen Kaiser, als vom Papst regiert werden

Nordirlands Protestanten hatten (und haben) seit jeher das Gefühl, in einem Belagerungszustand zu leben. Einst als Siedler aus Schottland in den nördlichen Zipfel der Insel eingewandert, verstanden sich die hartgesottenen Ulstermen als Vorposten des Protestantismus sowie später des Empire. Die englischen Thronwirren des 16. und 17. Jahrhunderts mit ihren abwechselnden protestantischen und katholischen Monarchen gingen an der grünen Insel nicht spurlos vorbei, ganz im Gegenteil. Übergriffe, Gewaltakte und Massaker waren gerade hier bei beiden Glaubensgemeinschaften an der Tagesordnung. Die berühmte Schlacht am Fluss Boyne 1690 beendete die Träume König Jakobs II., England von Irland aus für den Katholizismus zurückzugewinnen. Der Sieger, Prinz William von Oranien, hatte zuvor mit Einverständnis des Parlaments den englischen Thron als William III. bestiegen.

Obwohl es bereits ein eigenes irisches Parlament gegeben hatte, versuchte London ab 1801 durch den Act of the Union beide Bevölkerungsteile zu vereinen und enger an England zu binden, indem es die Regierung der Insel an sich riss. Doch wollte bei den katholischen Iren keinerlei Wärme für dieses Bündnis aufkommen, zu rückständig blieb der Südteil Irlands, während der Norden wirtschaftlich profitierte.

Aus Groll wurde dabei Widerstand, der sich auch politisch immer effizienter artikulieren konnte. Ähnliche Home Rule-Entwürfe waren aus diesem Grund bereits 1886 und 1893 eingebracht worden und beide Male am Widerstand des House of Lords gescheitert. 1912 war die Lage aber eine andere. Asquiths liberale Regierung war mittlerweile von der Duldung durch die irischen Nationalisten abhängig. Zudem waren die Rechte des House of Lords beschnitten worden. In Ulster begann sich Panik breit zu machen. Woher sollte Rettung kommen?

Edward Carson: Ein radikaler Liberaler wird die Galionsfigur des Widerstandes

Der Mann, der 1912 Ulster und seinen Widerstandswillen wie niemand sonst personifizieren sollte, kam aus dem Süden, aus Dublin, wo er 1854 als Sohn eines Kaufmanns geboren wurde. Edward Carson, ab 1900 Lord Carson, war in seiner Studentenzeit am Dubliner Trinity College eher durch radikalen Liberalismus aufgefallen. So war er gegen die Todesstrafe, für das Frauenwahlrecht und die Errungenschaften der Französischen Revolution. Mit 25 wohnte er zwar noch bei den Eltern, trug aber stets einen Revolver bei sich und zog als Anwalt durch geschickte wie hartnäckige Fragetechniken bald die Aufmerksamkeit der loyalistischen Landlords auf sich, die immer öfter zur Zielscheibe von Anschlägen irischer Nationalisten wurden.

Zunächst wurde Carson Berater für irische Fragen beim konservativen Oppositionsführer Balfour, dann Abgeordneter im House of Commons. Hier erhielt der junge Abgeordnete bereits einen prophetischen Dämpfer von Lord Harcourt, der ihm einschärfte, dass Konservative eine Sache so lange verträten, bis sie diese am Ende verrieten.

Der Durchbruch kam für Edward Carson aber nicht im Parlament, sondern noch einmal vor Gericht, wo er 1895 in einem Aufsehen erregenden Prozess seinen ehemaligen Kommilitonen Oscar Wilde (der gar nicht angeklagt war) der praktizierten Homosexualität überführen konnte. Später gab er an, dies höchst ungern getan zu haben, doch sein Ruf war gefestigt. Dem einflussreichen nordirischen Politiker James Craig, Viscount von Craigavon, der außerdem dem mächtigen Orange Order vorstand, erschien Carson als die ideale Galionsfigur des zu organisierenden Widerstands.

Dass letzterer sich außerparlamentarisch konstituieren müsse, war angesichts der Lage bei allen Beteiligten unbestritten. Schon zu Beginn der Überlegungen zur Strategie für den Widerstand spielte denn auch die Bewaffnung der Ulstermen eine Rolle. Waffen hierzu sollten illegal in Deutschland gekauft und heimlich eingeschmuggelt werden. Denselben Weg beschritten ironischerweise auch die militanten irischen Nationalisten. Für den Juristen Carson stellte dies juristisch wie politisch eine Zerreißprobe dar, die er mit dem provokanten Ausruf überwand, er zöge es vor, vom deutschen Kaiser, als vom Papst regiert zu werden. Home Rule hieß nicht nur für ihn „Rome Rule“.

Die Verteidigung des Minimalkonsenses

Der unverzichtbare Mann im Hintergrund des Covenants war der bereits erwähnte James Craig. Später, nach der Teilung der Insel, sollte er erster Premierminister Nordirlands werden. Als loyalistischer Netzwerker gelang ihm mit Carson an der Spitze die schrittweise Mobilisierung der protestantischen Nordiren. Den Auftakt bildeten Redekampagnen quer durch die Provinz, die Edward Carsons Charisma als Messiasgestalt zunehmen ließen. Flankiert und unterstützt wurde er dabei von den konservativen Tory-Führern Andrew Bonar Law und F.E. Smith, die dem Ganzen gleichsam die parlamentarische Weihe verliehen.

Am 23. September 1911 ließ Craig 50.000 Mitglieder der Orange Logen sowie anderer loyalistischer Clubs (1911 gab es allein in Nordirland 164 davon) an seinem Wohnsitz Craigavon zusammenkommen, wo Carson als Führer seine „Epiphanie“ feierte. Am 9. April 1912 waren es in Balmoral bereits 200.000 nordirische Protestanten. In seiner Rede nahm Carson den Anwesenden das Versprechen ab, gegen das Home Rule-Vorhaben der Regierung zusammenzustehen. Aus diesem spontanen Schwur, den Carson zuvor selber der Menge gegenüber geleistet hatte, wurde die Idee eines Massenversprechens in Form einer gewaltigen Unterschriftenkampagne geboren.

Wieder fiel James Craig die Rolle des Strategen zu, der umgehend damit begann, innerhalb seiner Partei, der Ulster Unionist Party, für diese Idee zu werben. Am 23. September 1912 verabschiedete der Ulster Unionist Council vor der Kulisse des angeblich größten jemals gewobenen Union Jacks eine Resolution, solch eine Unterschriftenaktion zu starten. Ein Organisationskomitee sollte dafür Sorge tragen, dass jeder loyalistische Nordire den Text in seinem eigenen Distrikt unterzeichnen konnte.

Der Text war übrigens moderat gehalten, enthielt er doch keinerlei Spitze gegen den irischen Nationalismus oder Katholizismus. Das angestammte Recht der Nordiren auf Verbleib im britischen Empire, auf Ausübung ihrer Religion sowie auf den Genuss ihrer wirtschaftlichen Leistung sollte erhalten und gegebenenfalls verteidigt werden, „in using all means which may be found necessary“, wie es im Wortlaut heißt.

Ulster Day: Mit Blut unterzeichnet

Als großer Tag wurde der Samstag, 28. September 1912, festgelegt und als „Ulster Day“ betitelt. Die größte Anzahl an Unterzeichnern wurde in Belfast erwartet. 2.500 Ordner sollten hier den disziplinierten und reibungslosen Ablauf des Covenant überwachen. Überall in der Stadt war der Text zuvor ausgehängt worden, so dass er von jedermann gelesen werden konnte. Übrigens organisierten auch die loyalistischen Frauen ihren eigenen Covenant, der sich eng an den der Männer anlehnte.

Eröffnet wurde er mit einem feierlichen Gottesdienst, der bewusst die Einheit aller protestantischen Kirchen der Provinz demonstrieren sollte. Danach ging es in Prozession, mit Carson an der Spitze, zur majestätischen City Hall, wo auf einem mit dem Union Jack drapierten Tisch in der Mitte das Dokument bereitlag. Sir Edward Carson gebührte als ungekröntem „König von Ulster“, wie man ihn zuweilen auch nannte, die Erstunterzeichnung, gefolgt von Lord Londonderry und hochrangigen Vertretern der protestantischen Kirchen. Danach war jeder aufgefordert, seinen Namen unter den Text zu setzen. Manche, wie Oberst Frederick H. Crawford, ein Held aus dem Burenkrieg und Organisator der Waffenbeschaffungen, tat dies mit seinem eigenen Blut. Insgesamt unterzeichneten den Covenant 218.206 Männer sowie 228.991 Frauen aller sozialen Schichten.

„Ich habe an das alles geglaubt!“ Das Nachspiel

Ulsters Loyalisten waren in der kurzen Zeitspanne von 1912 bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges davon überzeugt, dass die Regierung Asquith mit einem bewaffneten Überraschungscoup den Widerstand brechen würde. Der junge Winston Churchill hatte sich über den Covenant lustig gemacht und rechnete nicht mit ernsthafter Gegenwehr seitens der Loyalisten. Dass dem nicht so sein würde, bewies das Auftauchen einer Bürgerwehr, die später als Ulster Volunteer Force, kurz UVF, noch zu Ruhm und Ehre gelangen sollte. 1913 verfügte sie über 90.000 disziplinierte Freiwillige, die von ehemaligen Angehörigen der britischen Armee an deutschen Waffen gedrillt wurden.

Die Lage konnte eskalieren und zwang Premier Asquith, der seinem Tagebuch anvertraute, er wollte die Insel am liebsten im Atlantik versinken sehen, zu Verhandlungen. König George V. schaltete sich ein und lud die Kontrahenten sowie den gemäßigten Nationalisten John Redmond für den Sommer 1914 in den Buckingham Palast ein. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges veränderte jedoch alles.

Wieder war es Edward Carson, der die Nordiren überzeugen konnte, dem bedrängten Vaterland zur Hilfe zu eilen. Lord Kitchener, frisch ernannter Kriegsminister, wollte umgehend die UVF als Beitrag Nordirlands im bevorstehenden Konflikt. Obwohl der Ulster Unionist Council hierfür nur widerstrebend die Genehmigung erteilte, da man auch jetzt noch mit einem Überraschungsangriff Asquiths rechnete, gelang es Carson, London die Aufstellung eines eigenen militärischen Verbandes aus Ulster anzubieten. Aus der UVF wurde die legendäre 36. Ulster Division, die in der Schlacht an der Somme 1916 durch tollkühne Vorstöße berühmt wurde.

Osteraufstand in Irland

Edward Carson verbrachte die Kriegsjahre als Mitglied der Regierung Lloyd Georges, der als Kompromiss in der Nordirlandfrage den Government of Ireland Act präsentieren konnte, der vorsah, die sechs Grafschaften Nordirlands aus der Home Rule-Regelung auszuklammern. Doch Ruhe kehrte damit immer noch nicht ein. Der überraschende Osteraufstand von militanten Nationalisten in Dublin 1916 und der von der IRA 1919 begonnene Anglo-Irische Krieg, zwangen London zum letzten Government of Ireland Bill, an dessen Ende der Freistaat Irland und die weiterhin zu Großbritannien gehörende, vom Rest der Insel abgetrennte Provinz Nordirland standen. Letztere bekam ironischerweise eine protestantische Home Rule-Regierung, mit James Craig an der Spitze.

Sir Edward Carson, der mittlerweile als Baron Carson von Duncairn im House of Lords Platz genommen hatte, war vom politischen Geschäft enttäuscht, ja angewidert. Er hielt 1921 die bitterste Rede, die man in dieser Kammer je gehört hatte. In ihr bezeugte er noch einmal seine Aufrichtigkeit und seinen Idealismus, den er nun grausam verraten sah. Den katholischen Nordiren hatte er sich versöhnungsbereit gezeigt, doch sein Vertrauen in den Staat war erschüttert. „I believed all this!“ stand als bitteres Fazit des einstigen Volkstribuns. Seine letzten Jahre verbrachte er zurückgezogen bei der Lektüre von Edgar Wallace-Krimis. Edward Carson starb 1935.

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