Anstoß

Die Geister, die ich rief

Ein Thema, über das sich Konservative echauffieren, ist der extrem häufige Pornokonsum der Jugendlichen – meistens bekannt unter dem Schlagwort „Generation Porno“.

Konservative verorten dieses Phänomen schnell als Folge der „kranken 68er Sexualmoral“ bei den Linken oder beim allgemeinen Kulturverfall. Zum Teil ist da durchaus etwas dran, wenn man sich solche Dinge wie „Masturbationsunterricht“ im Namen der „sexuellen Vielfalt“ anschaut. Jedoch liegt dieses Problem weitaus tiefer und hat mit den Grundlagen unserer Gesellschaftsordnung zu tun.

Deutschland ist wie der gesamte Westen eine liberale Gesellschaft, und ein Grundprinzip des Liberalismus ist der radikale Individualismus. Dieser geht davon aus, dass der Mensch im Idealfall frei und unabhängig von anderen Menschen sein soll und seine Mitmenschen nicht zum Leben braucht. Alle sozialen Beziehungen wie Kultur, Religion, Volk, Familie etc. werden nur als optionale Vertragsbeziehungen angesehen, die man nach eigenem Gutdünken kündigen kann. Dieses Menschenbild wurde von der amerikanischen Philosophin Ayn Rand in folgendem Zitat ausgedrückt: „Ich schwöre, dass ich niemals für eine andere Person lebe, und niemals eine andere Person für mich leben muss.“

Aus Zweien Eins machen

Und jetzt die Preisfrage: Was ist Pornographie im Kern? Es hat das Bedürfnis nach Sex zu einer individuell konsumierbaren Ware gemacht. Sex ist eigentlich der fundamentale Akt, bei dem der Mensch den Mitmenschen braucht. Wenn man nach der Wortherkunft des Wortes „Kommunikation“ geht, fällt auch auf, das dies heißt, „aus Zweien Eins machen“. Auch deshalb ist Sex eigentlich einer der fundamentalen sozialen Kommunikationsakte.

Und dieser Akt wird durch die Pornographie von einem Akt der Zweisamkeit zu einem allein konsumierbaren Standardprodukt gemacht. In gewisser Weise ist Pornographie also die vollendete Emanzipation. Interessant dabei ist auch, dass die heutige Kultur in dem Bereich sogar weit über die extremsten Aussagen der „liberalen Klassiker“ hinausgeht. Beispielsweise labert man mittlerweile ständig über „sexuelle Selbstverwirklichung“, und nur sehr wenig über den Akt der Zweisamkeit, während selbst die „Hohepriesterin des Egoismus“, Ayn Rand, Sex noch als fundamentalen Akt der Zweisamkeit sah.

Deine Rechte hören da auf, wo die des Anderen beginnen

Daneben gibt es noch einen weiteren Aspekt des liberalen Individualismus, nämlich dessen Vorstellung, dass die Menschen nebeneinander leben sollen und quasi die Menschenrechte dabei wie Zäune funktionieren, die das „Gehege“ jedes Individuums vom Anderen abgrenzen sollen. Wie es so schön heißt: „Deine Rechte hören da auf, wo die des Anderen beginnen“.

Dem kommt Pornographie ebenfalls erstaunlich gut entgegen, und dies ist auch die Erklärung, warum Feministinnen mittlerweile reale Interaktionen der Geschlechter auf immer absurdere Weise kontrollieren und beschränken wollen, aber Pornos gegenüber mittlerweile extrem positiv eingestellt sind.

Liebe und Sexualität ist nämlich die Stelle, wo dieser liberale Grundsatz des „alles ist erlaubt, was keinem Anderen schadet“, nicht funktioniert und auch niemals funktioniert hat. Selbst in der perfektesten Beziehung des Planeten kommt es vor, dass sich die Partner mal gegenseitig wehtun. Dies lässt sich nie vermeiden, weil der Mensch halt eben als Einzelwesen niemals eine fundamental perfekte Vereinigung bilden kann, die Missverständnisse und Enttäuschungen gänzlich ausschließt. Und selbst ohne Konflikt kann es zu Situationen kommen, bei denen ein Mensch aufgrund seines Partners leidet. Dazu muss dem Anderen nur etwas zustoßen.

Es ist eben der Kern der Liebe, dass man trotz allem Schmerz und Kummer beim Anderen bleiben will. Pornographie wiederum ist eine Form von Sexualität, die, da keine andere Person involviert ist, sämtliche Gefahren, von anderen Personen verletzt zu werden, von vornherein ausgeschlossen sind. Somit passt dieser Aspekt der Pornografie auch perfekt zur Doktrin des „unabhängigen Individuum“.

Generation Porno und Individualismus

Deshalb ist die heutige Generation Porno eigentlich ein inhärenter Preis der liberalen Träume des unabhängigen Individuums. Ultimativ ist diese Befreiung des Menschen von seinen Mitmenschen jedoch die Loslösung des Menschen von der Realität.

Ein anderer Aspekt, der mit der Idee von Sexualität als Produkt für das Individuum zusammenhängt, ist die Entwertung der Sexualität im „Konsumprodukt Porno“. Dies ist einmal die „ökonomische“ Vorstellung, man solle Pornos konsumieren, um „Druck los zu werden“. Dies entwertet Sexualität eigentlich zu einem Gefühl, was auf einer Stufe mit dem Harndrang steht.

Evola und Dugin

Der zweite Aspekt davon ist die Darstellung des typischen „Pornosex“, der Marke „menschlicher Dampfhammer“, wo es meistens nur darum geht, möglichst schnell fertig zu sein. Dies steht übrigens im exakten Gegenteil zu dem, wie Traditionalisten wie Julius Evola eine die Sexualität zelebrierende Kultur beschreiben. Diese früheren Kulturen wie das antike Mesopotamien oder Indien hätten nämlich eher den „Weg zum Ziel“ genossen und das Ziel eher hinausgezögert.

Einige andere Autoren, z.B. Alexander Dugin, nennen diese momentane Pornokultur deshalb auch keine Befreiung des Sexuellen, sondern eine „antisexuelle Revolution“ oder „Revolte gegen den Sex“.

Da könnte mehr dran sein, als man zunächst glaubt. Sigmund Freud stellte die kontroverse These auf, dass der Sexualität eine andere Triebfeder gegenüberstehe. Diese würde hauptsächlich danach streben, Spannungen in der Psyche möglichst schnell los zu werden, und das egal wie. Das Ziel sei ein möglichst ruhender Zustand, indem es weder positive noch negative Spannungen gebe.

Symptome dieses Triebs seien Antriebslosigkeit, Angst, nicht planvolle, spontane Aggressionsausbrüche und Flucht aus „schwierigen Situationen“. Letzteres muss nicht mit Angst zu tun haben, sondern kann auch bedeuten, anstrengende Aufgaben zu vermeiden.  Während Eros die Menschheit einander näher bringt, würde diese Kraft die Menschen auch voneinander trennen.

Der Todestrieb

Weil der ultimative, spannungslose Zustand der eigene Tod ist, nannte Freud dieses Phänomen auch den Todestrieb. Und jetzt die Preisfrage: Welchem Trieb, nach dieser Betrachtung, dient Pornografie wohl? Die Parallelen zum Todestrieb sind wohl mehr als offensichtlich.

Dazu passen übrigens viele Beschreibungen von Anhängern der sogenannten #NoFap-Bewegung, die freiwilligen Pornoverzicht predigen. Sehr viele Leute dort beschreiben, dass sie nach dem Pornoverzicht selbstsicherer, mutiger und entschlossener waren, und mehr Tatendrang verspürten.

Abschließend kann gesagt werden, dass der Wunsch unserer Gesellschaft nach „individueller Unabhängigkeit“ die Sexualität ins virtuelle verlagert, immer mehr von der sozialen Komponente befreit und damit zu einer Anti-Erotik verdreht. Um diesen Prozess aufzuhalten, braucht es ein Umdenken hin zur Erkenntnis, dass völlige individuelle Unabhängigkeit weder möglich noch sinnvoll ist, und der Mensch ein Sozialwesen ist, welches die Gemeinschaft anderer Menschen braucht.


2 Kommentare zu “Die Geister, die ich rief

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