Rezension

Die Kehrseite der modernen Technik

Seit Dezember läuft nunmehr die vierte Staffel der britischen Science-Fiction-Serie „Black Mirror“ auch auf Deutsch.

Trotz des breiten Angebotes an TV-Serien schafft es nur selten eine den skeptischen Nerv des konservativen Denkens wirklich zu treffen. Die US-amerikanische Serie House of Cards, die von den ungehemmten Machenschaften in der Politik erzählt, kann beispielsweise dazu gezählt werden. Als eine weitere Serie dieser Art dürfte man die bereits 2011 an den Start gegangene britische Serie Black Mirror zählen können, in der eindrucksvoll die Kehrseite moderner Technik aufgezeigt wird.

Totalitäre Transparenz

Die Folgen der Serie selbst sind kleine Filme, jeweils ca. eine Stunde lang, und erzählen unabhängig voneinander ihre eigene Geschichte. In den sechs Folgen der vierten Staffel werden etwa die möglichen Auswirkungen einer weiterentwickelten Neurotechnologie thematisiert, wonach Versicherte gesetzlich dazu verpflichtet sind, ihr Erlebtes, was durch die Augen automatisch aufgezeichnet wird, auf Verlangen abzuspielen.

In einer anderen Folge wird einem Kind eine ähnliche Technologie injiziert, welche es der Mutter möglich macht, über eine App sogar genau das zu sehen, was ihr Kind gerade sieht. Daß die in diesen Szenarien vorgeführte Technik ihre nachvollziehbaren Verlockungen hat, steht in unserer Smartphone affinen Welt außer Frage. Daß die möglichen Schattenseiten jedoch auch nicht lange auf sich warten lassen, ebenso wenig.

Die Risiken der Technologie sind lange bekannt

Die Folge „Von allen gehasst“ aus der vorangegangenen Staffel 3 erzählt die Geschichte einer Welt ohne Bienen, die man zuvor durch Umweltgifte ausrottete und schließlich durch kleine Roboterbienen ersetzte. Im Roman Gläserne Bienen von Ernst Jünger aus dem Jahr 1957 skizziert dieser bereits eine ähnliche Zukunftsvision, in welcher künstliche Bienen die Blüten schließlich so effizient leersaugten, daß anschließend daran die Pflanzen zugrundegingen.

Die Roboterbienen aus Black Mirror haben hingegen nicht nur die Aufgabe, die Arbeit der echten Bienen zu übernehmen, sondern dienen zudem auch zum Ausspionieren. Bis sie letztlich durch einen Hackerangriff zu Kampfdrohnen gegen die eigene Bevölkerung umfunktioniert werden. Ein Szenario, welches zur Zeit der Niederschrift der Gläsernen Bienen wohl noch völlig fern jeder Vorstellungskraft lag, welches für uns heute jedoch durchaus vorstellbar ist.

Heidegger und sein Gestell

Bei derlei Technikkritik fühlt man sich nicht zuletzt unweigerlich an Martin Heideggers Gestell erinnert, der mit diesem Begriff die technologische Revolution ebenso früh vorwegnahm. Das völlig rechnerische Denken, welches sich die gesamte Welt unterwürfig machen will, tritt hier in Form der in Black Mirror auf die Spitze getriebenen Apparate klar hervor.

Diese Botschaft erschließt sich uns dadurch, daß wir unsere aktuelle Technologie, also etwa das Internet, Global Positioning Systems (GPS) und die sich weiterentwickelte Robotertechnologie als Zwischenstufen verstehen. Was wird uns im öffentlichen Bereich hier in Zukunft wohl noch erwarten, denken wir insbesondere an die sich wandelnde Form des Krieges? Über diese technologische Entwicklung hinaus, welche uns auf die eine oder andere Weise in Zukunft erwarten wird, läßt sich die Kritik der Technik jedoch auch auf den Einzelnen beziehen.

Wie gehen wir privat mit Technik um?

Der Titel der Serie selbst soll letztlich an Bildschirme erinnern, welche ausgeschaltet aussehen wie schwarze Spiegel, in welche man im Vorbeigehen manchmal schaut. Jedoch spiegeln sie nicht bloß das Licht auf ihrer Oberfläche, sondern auch das Verhalten ihres Nutzers, wenn sie angeschaltet sind. Indem wir sie benutzen, Zeit investieren und aus tausenden von Möglichkeiten wählen, welche uns die moderne Technik heute an Information und Unterhaltung anbietet, spiegelt dies so zugleich auch unsere Persönlichkeit wider.

Nutzen wir diese Technik verantwortungsvoll, oder erschlägt sie uns bereits und verführt uns, etwa in den sozialen Netzwerken, zu einem Leben aus mehr Schein als Sein?

(Bild: Channel 4)

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1 Kommentar zu “Die Kehrseite der modernen Technik

  1. Carlos Wefers Verástegui

    Wenn ich mich schaudern möchte, führe ich mir einfach die »Realität« zu Gemüte. Z.B. wenn ich in einem grossen Kaufhaus bin, schaue ich mir ganz genau die Waren und Menschen an, denen ich begegne sowie das Verhalten der letzteren. Auch sehe ich ab und zu genauer auf die TV-Werbung hin, womit für was wie geworben wird. Das ist meist genauso ergötzlich wie gruselig. »Dystopien« sind für mich nur Zerstreuung und Unterhaltung. I-phonisierte Replikanten-Menschen sind auch lustig anzuschauen.

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