Gesichtet

Die wissenschaftliche Betrachtung der Geschichte

Über die Bedeutung der Geschichtswissenschaft zu entscheiden und noch dabei Objektivität zu beanspruchen, steht niemandem zu.

Dem Altertum galt die Geschichte als „Lehrmeisterin des Lebens“. Anfang des 19. Jahrhunderts hat die deutsche Romantik, im unmittelbaren Anschluss an die „Klassik“, der Geschichte eine sittliche Bedeutung zugeschrieben, in der nicht ganz irrigen Annahme, dass der Umgang mit der Geschichte den Menschen veredelt. Überhaupt wirkte sich nach 1789 der durch Vico, Herder und Edmund Burke vorbereitete „historische Sinn“ günstig aus auf die durch die Revolutionswellen durcheinander gebrachten europäischen Gesellschaften: Dank ihm konnte das arrivierte Bürgertum in „nationale“ Traditionen und Geschichten angelernt werden, in denen es zuvor nur eine untergeordnete Rolle gespielt hatte.

Der Ursprung der Geschichtswissenschaft liegt in der politischen Geschichte

Wer von der Geschichte als Gegenstand philosophischer Spekulation absieht – Stichwort „Geschichtsphilosophie“ – und sich dagegen der nüchternen Tatsachenforschung zuwendet, findet schnell Beweise für die These der praktischen Bedeutung der Geschichtswissenschaft. Gleich der erste wirklich wissenschaftliche Geschichtsschreiber, Thukydides, war Politiker.

Seine sich durch Tatsachensinn und Rationalismus auszeichnende historische Methode arbeitet aus dem umfangreichen Erfahrungsstoff das heraus, was tatsächlich von praktischer Bedeutung ist. Das für die Antike normale zyklische Geschichtsverständnis verstärkt dabei die Eigenschaft der Geschichte, dem Politiker zu nützen. Aber, um überhaupt zu nützen, muss die Geschichtsschreibung tatsachenorientiert bleiben, der Historiker sich „zur freien, objektiven Wissenschaft erheben“, wie Leopold von Ranke sagte.

Wird dieser Grundsatz nicht befolgt, droht die Geschichtswissenschaft zur Magd der Politik, zu einem bloßen Herrschaftsmittel herabzurutschen. In dieser Eigenschaft „informiert“ sie die Menschen in bestimmter Absicht über Geschichte. Der Historiker selbst fungiert dabei als historischer Manipulator, handelt somit immer „im Auftrag“. Geschichtliche Bildung und Erziehung werden zum bloßen Teilaspekt einer allgemeinen Indoktrination. Auch in einer „Demokratie“, die natürlich ihre eigene Art, Geschichte zu schreiben, zu betrachten und zu verstehen hat, ist das nicht anders.

„Praktische Bedeutung“ der Geschichtswissenschaft bei Machiavelli

Die Faszination, die von Thukydides´ „Peloponnesischem Krieg“ ausgeht, hat ihre Wirkung auf politische Naturen, von Hobbes bis Nietzsche, nicht verfehlt. Machiavelli, ein historisch interessierter und ebenfalls wissenschaftlich veranlagter praktischer Politiker, hatte keine direkte Kenntnis von Thukydides. In seiner Geschichtsdarstellung liegt der Akzent auf einer mehr gedanklichen Durchdringung des geschichtlichen Stoffes.

Seine „Geschichte von Florenz“ geht deshalb konstruktiv-typologisierend, mehr paradigmatisch als historisch-deskriptiv und individualisierend zu Werke. Zudem kommt in ihr eine „Notwendigkeit des Unvermeidlichen“ zum Tragen, die es so bei Thukydides nicht gibt. Seine Betrachtungsweise des geschichtlichen Geschehens ist naturalistisch und deshalb unhistorisch – recht eigentlich die des praktischen Politikers. Beim „bürgerlichen“ Machiavelli ist überhaupt der technische Aspekt, die „Mechanik“ der Politik, stärker entwickelt als beim vornehmen Athener Thukydides. Auch wird die Geschichte bei ihm auf die in ihr wirksamen Herrschaftstechniken hin untersucht, sowie auf die soziale Dynamik, die in unmittelbarer Wechselwirkung mit dem politischen Geschehen steht. Machiavelli war also auch Wissenschaftler, konkret ein Soziologe, von seinem Wesen her aber war er, durch und durch, praktischer Politiker.

Die „praktische Bedeutung der Geschichtswissenschaft“ heute

In einer Spätzeit akademischer Geschichtsschreibung, fachlicher Hochspezialisierung und „arbeitsteiligem Betrieb der Wissenschaft“, verschwindet mit dem Typus des „auch Geschichtswissenschaft treibenden Politikers“ jedwede praktische Bedeutung der Geschichte. Es sei denn, man versteht unter „praktische Bedeutung“ ihre eifersüchtige Bewahrung und Handhabe seitens der Fachhistoriker. Dabei ist es ein weiter Weg von Rankes Selbstverständnis eines Historiker-Priestertums zu den Historikermietlingen der akademischen Welt von heute.

Zu letzteren gehören übrigens auch die nicht tot zu kriegenden Hofhistoriographen, die, anstatt, wie „damals“, „Unserm allerheiligsten Monarchen und seiner Monarchie“ Honig ums Maul zu schmieren, es nun mit unseren sozialen und politischen Unzuständen als Heiligtümern tun. Die „praktische Bedeutung“ käme aber auch hier weiterhin der Geschichtswissenschaft selbst zu. Jemand, der als Historiker von Fach weder Scham noch Skrupel kennt – oder wessen Interessen als Dilettant nicht denen der Zunft entsprechen – kann sich nun durchaus berechtigt glauben, der Geschichtswissenschaft eine „praktische Bedeutung“, die selbstredend außer ihr selbst liegen muss, beizumessen. Praktische Konsequenz ist: die Geschichte hält für alles nur Erdenkliche her. Das hat sie zwar schon immer getan, trotzdem ist es eine schlechte Praxis. Und die „Berechtigung“ zu ihr eine Anmaßung.

Objektivität wird abgelehnt – aus politischen Gründen

Dem heutigen Geschichtsverständnis – auch vieler Fachleute! – ist Rankes Standpunkt der „nackten Tatsachen“ und des „wie es eigentlich gewesen“ unzureichend. Rankes Eigenart, das „Leben“ zugunsten der „Objektivität“ zurücktreten zu lassen, kann inzwischen ungestraft von jedem Erstsemesterbesserwisser naiver Selbsttäuschung bezichtigt werden.

Was dabei dem Erstsemesterbesserwisser und auch so manchem Prof entgeht, ist, dass Ranke allerhöchste Ansprüche an die natürliche Anlage des Historikers stellte. Dass jemand für sich nicht in der Lage ist, die Objektivität zu erreichen, ist noch lange kein Grund dafür, die Möglichkeit der Objektivität überhaupt zu leugnen. Bei der Leugnung der Objektivität steht oftmals das Anliegen im Vordergrund, einen Freifahrtsschein zu haben, sich gehen zu lassen, um dann das unendlich weite Feld der Geschichte umso mehr politisch beackern zu können. Und ein Seitenblick auf die schlechte Praxis von akademischen Fachhistorikern, welche in irgendeinem Sinne „Kapital“ aus ihrer Beschäftigung mit der Geschichte zu schlagen wussten, soll zur Entschuldigung der anderen, noch schlechtere Praxis dienen: ohne Achtung und Disziplin Geschichte praktisch-politisch zu verwerten.

Der heutige Mensch will und kann aus der Geschichte nichts lernen

Um wieder auf die „geschichtliche Bildung“ zurückzukommen, so steht fest, dass nach einer zweihundertjährigen Übergangszeit der gesellschaftliche Bedarf an einer solchen nicht mehr besteht. Sie war ja nur ein Notbehelf. Die „Autorität der Geschichte“ war ein mehr oder minder vernunftgeprüfter Ersatz für die angezweifelte der Tradition. Wie auf die ganze humanistische Bildung, so ist auch auf die geschichtliche ein bodenloser Pragmatismus gefolgt.

Dieser bringt es mit sich, dass Spiegel und Spiegelbild der Geschichte immer dann als besonders lästig empfunden werden, wenn die konkreten Probleme des Lebens an einen herantreten. Die Vergangenheit und die Erinnerung an sie werden von dem heutigen Menschen, wenn überhaupt, als eine Last empfunden. Und der Unbeschwertheit wegen will er auch aus der Geschichte nichts lernen.

Ja, er streitet sogar ab  – vielleicht nicht mit Worten, aber doch mit Taten – dass man aus der Geschichte überhaupt etwas lernen könne. Nebenbei bemerkt: für die Bildung, begriffen als eine Veredelung des Menschen, ist es ganz unwesentlich, ob die Menschen „praktisch“ etwas aus der Geschichte lernen oder nicht. Die Fehler der Vergangenheit können sich dem Pragmatismus zufolge nicht wiederholen. Es waren ja andere Fehler anderer Menschen, die zudem noch einer anderen Zeit angehörten und auch unter anderen Umständen lebten. Folglich hat er das Recht, seine eigenen Fehler machen zu dürfen.

Das Ende der Geschichtswissenschaft

Mit dem bis zur Paradoxie, bis zum Gegenwartsegoismus vorangetriebenen Relativismus, wird aber auch die Geschichtswissenschaft selbst aus ihren Angeln gehoben. Wissenschaftstheoretisch gesprochen: Hat oder findet der Historiker von heute infolge unseres genauso allmächtigen wie inkonsequenten Relativismus in der Geschichte – und zur Geschichte gehört nun mal auch die Gegenwart – keine echten Kulturwerte mehr, auf die er sich beziehen könnte, so hat auch die Geschichtswissenschaft keinen Grund mehr, fortzubestehen.

Gesamtgesellschaftlich hat sie nämlich ausgedient. Das Vorhandensein von „Material“ allein rechtfertigt keine besondere Wissenschaft, wie auch der Hinweis auf die tatsächliche Existenz des betreffenden Wissenschaftsbetriebs keinen Beleg dafür abgibt, dass es die entsprechende Wissenschaft noch gibt.

(Bild: Leopold von Ranke: Porträt nach Julius Schrader)

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1 Kommentar zu “Die wissenschaftliche Betrachtung der Geschichte

  1. katia Stendahl

    »Zu letzteren gehören übrigens auch die nicht tot zu kriegenden Hofhistoriographen, die, anstatt, wie „damals“, „Unserm allerheiligsten Monarchen und seiner Monarchie“ Honig ums Maul zu schmieren, es nun mit unseren sozialen und politischen Unzuständen als Heiligtümern tun.«

    So ist es. Die Staatshistoriker sind auch heute noch Huren der Macht. Sie haben auch keine andere Wahl, wenn Sie Ihren Job behalten wollen. Deshalb findet ernsthafte und an Objektivität orientierte Geschichtsschreibung, nicht an staatlichen Universitäten statt. Das gilt jedenfalls für alle Themen der Zeitgeschichte, die heute noch politisch relevant sind. Gesellschaftlich bedeutsame Geschichtsschreibung findet heutzutage außerhalb der Universität statt.

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