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Ein nicht ganz so weißer »Bürgerwehrler« erschießt einen Schwarzen – Warum?

Die Welt geht auf die Barrikaden, indem sie unter den Titel »Mitten ins Herz – Amerika geht auf die Barrikaden« über einem sympathieträchtigen Bild eines lächelnden Schwarzen mit Baby am Arm als griffigen Teaser setzt:

In Florida erschießt ein weißer Nachbarschaftsschützer den schwarzen Jungen Trayvon Martin – grundlos. Aber niemand verhaftet den Mann. Amerika ist empört.

Aha. Grundlos. Woher weiß das Die Welt eigentlich? Denn der Schütze gibt an, in Notwehr gehandelt zu haben. Nun, das kann richtig sein, oder eine Lüge — aber mit dem »grundlos« sagt Die Welt ganz eindeutig: »Der Schütze lügt« — was angesichts der Pingeligkeit, mit der dieses selbsternannte Qualitätsmedium die Unschuldsvermutung sonst oft aufrechterhält, etwas befremdet.

Und in dieser Tonart geht es weiter. Da ist die Rede von »George Zimmerman, einem selbsternannten Bürgerwehrler« (no na! Bürgerwehren sind nun mal Privatinitiativen und werden nicht »ernannt«), und »… belasten viele Indizien den Mann, der von der Polizei als „Weißer“ und von seiner Familie wegen seiner peruanischen Mutter als „Hispanic“ bezeichnet wird« — hoppala, wie ist das doch geschwind mit Barack Obama? Der doch als »erster schwarzer Präsident« gefeiert wird, obwohl seine Mutter eine Weiße war? Gilt das jeweils nach Erwünschtheit? Ein Mischling, den unsere Presse mag, weil er in Amerika den Sozialstaat einführen will, ist schwarz — ein »Bürgerwehrler« (noch dazu: selbsternannt!), den man so schön als Retourkutsche für den leider-doch-nicht-Nazi-sondern-Moslem von Toulouse verwenden kann, ist natürlich ein Weißer. Mehr noch: einer von diesen typischen Südstaaten-Nazis, wie nicht ungeschickt insinuiert wird …

Irgendwann läßt allerdings die Aufmerksamkeit des Redakteurs nach:

Die Tragödie wird in Zusammenhang gebracht mit dem „Stand-your-ground-Law“, einem Gesetz, das in 22 US-Staaten den Griff zur Waffe zulässt, wenn man sich und sein Hab und Gut bedroht sieht. In Florida geht dieses Gesetz besonders weit: Schützen dürfen sich nicht nur auf dem eigenen Grund und Boden darauf berufen, sondern auch auf öffentlichen Plätzen.

Aber natürlich! Entwaffnen wir doch die Leute, dann haben wir keine Verbrechen mehr! Und keine »selbsternannten Bürgerwehrler«, die brave Schwarze erschießen. Daß wir dafür (und die Bundesstaaten, in denen der private legale Waffenbesitz weitgehend verboten ist, beweisen es mit jeder Jahresstatistik aufs Neue!) dann überproportional »nicht-weiße« Verbrecher haben, die unbewaffnete, und daher wehrlose Opfer überfallen, ausplündern etc. — naja, das muß als Kollateralschaden offenbar in Kauf genommen werden.

Beim letzten Absatz dieses Artikels bin ich mir inzwischen nicht sicher, ob hier eine Rettungsleine für den Fall, daß das alles doch ganz anders gewesen sein sollte, vorbreitet wird, oder ob die Redaktion vermeint, nach dem Motto »Frechheit siegt« einen Artikel mit anderen Fakten enden zu lassen, als er begonnen hatte, im Vertrauen darauf, daß ein über viele Absätze aufgebautes Bild sich ohnehin schon hinreichend verfestigt haben wird, sodaß die Leser den Schluß überhaupt nicht mehr recht mitbekommen:

Und ein Anwalt, den Zimmerman am Wochenende hinzuzog, setzt offenkundig gar nicht auf dieses Gesetz, sondern auf den puren Tatbestand der Selbstverteidigung. Die Polizei gibt an, dass Zimmerman am Tatort aus der Nase und am Hinterkopf geblutet hat.

Das muß man sich schon auf der Zunge zergehen lassen. Da schreibt Die Welt  — man will dem Gerichtsverfahren ja nicht vorgreifen! — nicht, daß Zimmermann aus der Nase und am Hinterkopf geblutet hat, sondern in subtiler Unterscheidung bloß: »Die Polizei gibt an …«.

Was aber — auch wir wollen doch der gerichtlichen Klärung selbstredend nicht vorgreifen! — an dem doch etwas befremdlichen Faktum nichts ändert: wer mit einer Pistole bewaffnet aus Jux, Tollerei und Rassismus einen Menschen niederknallt, hat eigentlich keine Verletzungen am Hinterkopf und eine blutende Nase — außer … er wurde vorher angegriffen. Und konnte sich mittels seiner Pistole verteidigen.

Nun, das werden weitere Ermittlungen hoffentlich klären — und, wie geagt: wir waren alle nicht dabei. Auch Die Welt nicht. Und das ist es eigentlich nur, was ich ihr vorwerfe: sie tut aber so, als wäre sie dabeigewesen. Um damit Stimmung zu machen.

Quelle: http://lepenseur-lepenseur.blogspot.de/2012/03/die-welt-geht-auf-die-barrikaden.html

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2 Kommentare zu “Ein nicht ganz so weißer »Bürgerwehrler« erschießt einen Schwarzen – Warum?

  1. Petrus Urinus Minor

    Zimmermann – ein klassisch lateinamerikanischer name, das klingt nach Accapulco, Arriba und Tacos! Übrigens in diesem Fall auch kein (horribile dictu) deutscher Nachname. In diesem Fall wäre als voller Name Jose Israel Abraham Conchita Zimmermann angemessen – aber das wird wohl selten Erwähnung finden.

    Also ein klassisch faschistoider nordisch-fundamentalchristlich-rassistischer Weißer mit leichten Hispanic-Einsprenseln (So ähnlich wie der Brevik)!

  2. Wäre der Täter ein »reiner« (Lateinamerikaner zu sein, reicht scheinbar nicht mehr – jedenfalls nicht, wenn man der ist, der abdrückt) Angehöriger einer Minderheit, wäre das Opfer im politisch korrekten Umkehrschluss unter akutem Rassismusverdacht; jedenfalls würde darüber spekuliert werden, ob der Täter nicht das eigentliche Opfer einer mit strukturellem Rassismus aufgeladenen Gesellschaft ist.

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