Gesichtet

Ein Spaziergang im Reich der Toten

Am 8. September war ich auf dem Kahlenberg, um an die Befreiung Wiens zu erinnern. Meine Gedanken zu diesem Tag will ich mit dem Leser teilen:

Wir haben uns alle am Kahlenberg gesammelt, an derselben Stelle, an der sich auch die christlichen Kräfte unter der Führung des polnischen Königs Johann III. Sobieski gesammelt haben. Dort würden sie ihre letzte Nacht verbringen, um am nächsten Morgen gegen die osmanischen Kräfte von Sultan Mehmed IV. zu reiten. Für 40.000 von ihnen war es der Weg in den Tod. Aber ihr Tod war nicht vergebens. Am Ende waren die osmanischen Kämpfer geschlagen und die Belagerung Wiens gebrochen. Um dem zu gedenken, haben wir uns dort getroffen und als die Nacht auch über uns hereinfiel, setzte sich unser Zug in Bewegung. Die Fackeln wurden angezündet und die Wiener Fahne gehoben.

In absoluter Stille ging unser Fackelzug durch den Wald. Gebrochen wurde die Stille nur von eventuellen Anweisungen der Organisatoren und drei kurzen Reden, die die Geschichte der Belagerung erzählt haben.

In der Zwischenzeit hatte ich Zeit zum Nachdenken. Warum war ich da? Warum bin ich und viele weitere sechs Stunden gefahren, um da zu sein? Es war keine Demo – wir haben keine Parolen gerufen. Auch wenn wir es getan hätten, es war niemand da um sie zu hören, außer die Polizei, die uns begleitete und einige Journalisten. Die politische Bedeutung war viel geringer als bei anderen Demos, an denen ich schon teilgenommen habe. Trotzdem hatten andere, die 2017 dabei waren, gesagt, das sei das wichtigste Ereignis, an dem sie teilgenommen haben. Ähnliches würde ich später auch von meinen Kollegen hören.

Mit Fackeln durch die Dunkelheit

Aber die Fragen „Warum“ war falsch. Die richtige Frage war: Wo bin ich? Wo bin ich, dass ich in stillem Marsch eine Flamme durch die Nacht tragen soll? Die Antwort, die mir kam, war gleichzeitig einfach wie erstaunlich: Im Reich der Toten. Ich war nicht in Wien im Jahr 2018 und auch nicht im Jahr 1683. Den Kahlenberg haben wir verlassen und den Weg nach unten genommen.

Ich war nicht da, um einfach so an die Vergangenheit zu erinnern. Ich war da, um den Toten einen Besuch abzustatten. Weil wir vor einer unsicheren Zukunft stehen. Weil wir zusehen müssen, wie das, was unsere Vorfahren aufgebaut haben, langsam verfällt. Ich wollte den Toten zeigen, dass sie nicht vergessen sind. Ich wollte ihnen etwas Licht bringen. Ich wollte von ihnen hören, wie es damals war. Wo hatten sie Mut gefunden, um in fremdem Land gegen einen mächtigen Feind zu kämpfen?

Aber ich hatte auch meine Bedenken, wie jeder, der die Toten besuchen möchte, haben sollte. Ich war auch am Anfang nicht sicher, ob ein Fackelzug eine gute Idee war. Fackelzüge sind generell harmlos, sogar Kindergärten veranstalten selbige. Aber es gibt schon eine gewisse Assoziierung mit dem alten Rechten oder sogar dem Rechten im Allgemeinen. Wer kennt nicht das Bild, vom Fackelzug der konservativen Dorfbewohner gegen den progressiven und missverstandenen Doktor Frankenstein? Mir sind die katastrophalen Bilder von Charlottesville immer noch in Erinnerung, als die amerikanische Altright endgültig dämonisiert wurde – vielleicht zu Recht möchte ich sagen.

Auch da wurde ein Fackelzug organisiert, während dem absolut verwerfliche Slogans gerufen wurden. Deshalb war ich erleichtert, als die Organisation absolute Stille angeordnet hatte. Wir wollen die Toten auch nicht stören und ihnen auch nicht direkt begegnen. Jeder, der schon mal einen Zombie-Film gesehen hat, weiß: Die Toten sind nicht besonders glücklich darüber tot zu sein. Am liebsten würden sie den Lebenden das Leben stehlen oder wenn sie das nicht können, wenigstens sie mit ins Grab nehmen.

Das meine ich nicht metaphorisch, das meine ich ernst. Wir müssen immer bedenken, dass unser Kampf trotz historischer Vergleiche ein neuer ist. Wir sollten weder anstreben noch erlauben, dass Geiste der Vergangenheit unsere Taten heute diktieren. Nur die lodernde Flamme des Lebens kann die Fragen, die uns heute gestellt werden, beantworten und einen Weg in die Zukunft finden. Ich erinnere mich hier an den Film Van Helsing (2004): Draculas Kinder sind Totgeburten.

Ein Blick über Wien

Der Zug ging unbehindert weiter. Mittlerweile verlief unser Weg wieder aufwärts und bevor unsere Fackeln ausgingen, erreichten wir eine andere Anhöhe. Von dort konnten wir das moderne Wien betrachten, dessen Existenz als westliche Stadt 1683 infrage gestellte wurde. Auch heute werden ähnliche Fragen gestellt. Vor diesem Hintergrund gab es eine letzte Ansprache, in der das Schweigen gebrochen wurde. Leider geschah dies in Form von einer viel zu typischen inflammatorischen Rede.

Ich fand das wenig passend. Besinnlichkeit wäre mir lieber. Einige haben mir später in diesem Punkt zugestimmt, andere fanden das gut so. Meiner Kritik zum Trotz bin ich froh, dabei gewesen zu sein und solange der nötige Respekt und Vernunft besteht, wäre ich wieder dabei.

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3 Kommentare zu “Ein Spaziergang im Reich der Toten

  1. Ich machte mal eine Wanderung zum Kahlenberg. Oben angekommen und nach dem Besuch der Josefskirche, bestellte ich mir im gegenüberliegenden Restaurant ein Bier. Mit Erstaunen stellte ich fest, dass die arbeitenden Kellnerin alle Türkinnen waren.

    Das Gefühl welches ich zu diesem Zeitpunkt spürte, ist noch immer schwer in Worte zu fassen. Es war ein Bewusstwerden des Bevölkerungsaustausches, welcher munter weiterstattfindet.

    Trotzdem halte ich wenig von diesen Gegenüberstellungen wie sie in letzter Zeit und im Zuge des Jahrestages stattfinden. Die christlichen Kräfte des Jan Sobieski gegen die islamische Übermacht? Ich weis nicht ob der Verfasser mal etwas von Lipka-Tartaren gehört hat? Sobieski hat diesen für ihre Kriegsdienste gegen die Osmanen sogar Land gegeben. Wie war denn die Rolle des Sonnengottes Ludwig XIV. zu bewährten? Hatte er nicht den Spitznamen »christlicher Türke«?

    Diese dauernde implizierte Christen gegen Moslems Schwarz-Weiß Denken ist nicht zielführend.

  2. @ Kosmonaut

    »Diese dauernde implizierte Christen gegen Moslems Schwarz-Weiß Denken ist nicht zielführend.«

    Den größten Gegensatz-neben dem Judaismus- zur abendländischen Tradition sollen wir also nicht wahrnehmen? DAS ist dann zielführend? Hallo?

  3. Gerold Althaus

    Lieber Kosmonaut.

    Die Beziehungen zwischen Polen und die Osmanen sind mir bekannt. Die polnische Aristokratie bewunderte die Osmanen und haben sich sogar in ihren Aussehen angepasst. Das sieht man in verschiedenen Malereien aus der Zeit. Mein Artikel war genau eine Warnung gegen diese historischen Narrativen, mit denen manche spielen.
    Aber das ist kein Grund die Vergangenheit, wie es sich heute manifestiert, nicht zu bedenken. Da befindet manche Lehre versteckt. Das Bedenken darf jedoch nicht nur in den Studienzimmer passieren, sie muss in der Realität stattfinden, damit es Substanz kriegt.

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