Rezension

Eine Minute vor Zwölf

In den Kinos läuft seit einigen Wochen der Thriller Inferno. Er zeigt, wie ein Milliardär die Weltbevölkerung halbieren möchte.

Inferno beruht auf dem gleichnamigen Roman von Dan Brown aus dem Jahr 2013. Sowohl der Film als auch der Roman veranstalten ein Wettrennen zwischen Sicherheitsbehörden und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf der einen Seite sowie einem fanatischen Milliardär und seiner Freundin auf der anderen Seite, die mit einem Virus und damit der Tötung einiger Milliarden Menschen das Problem der Überbevölkerung lösen wollen. Zwischen die Fronten und zum Spielball gerät dabei die Hauptfigur Prof. Robert Langdon, für die Tom Hanks sein Gesicht hergab.

Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.

Man kann den Film nun allein unter Unterhaltungsaspekten betrachten und wird dabei wie bei so vielen Hollywood-Produktionen feststellen, daß zugunsten der kurzfristigen Spannung die Sinnhaftigkeit der Handlung eins ums andere Mal geopfert wurde. Darüber hinaus lohnt sich allerdings eine Beschäftigung mit dem Hintergrundthema von Inferno: der Überbevölkerung.

Die Viruszüchter Bertrand Zobrist (Ben Foster) und seine Freundin, die hochintelligente, junge Ärztin Dr. Sienna Brooks (Felicity Jones), sind keine gewöhnlichen Verbrecher, oder besser: Kriminellen. Vielmehr trifft auf sie Dantes Sprichwort zu, wonach der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert sei. Zobrist und Brooks wollen schließlich nur die Menschheit retten. Durch das exponentielle Wachstum der Weltbevölkerung stünden wir so oder so vor einer Katastrophe, ist ihre Meinung.

Es sei mittlerweile eine Minute vor Zwölf. Entweder man halbiere deshalb die Weltbevölkerung durch ein Virus oder eine komplette Selbstzerstörung der Welt durch die Menschen sei unausweichlich. Historisch wird dies im Film mit der angeblich kausal zusammenhängenden Aufeinanderfolge von Pest und Renaissance begründet.

Leben 2100 26 Milliarden Menschen auf der Erde?

Wie dem auch sei, in jedem Fall gibt es in der Weltgeschichte ein vielgestaltiges Zusammenspiel von Aufstieg und Niedergang, Wachstum und Zusammenbruch sowie Gesundheit und Krankheit. Die Befürchtungen von Zobrist, Brooks und allen realen Kritikern der Überbevölkerung sind also keineswegs aus der Luft gegriffen. Würde sich die Weltbevölkerung konstant so weiterentwickeln wie in den letzten Jahrzehnten, kämen wir im Jahr 2100 auf bis zu 26 Milliarden Menschen. Wie diese Menschen sich ernähren sollen, wie sie sich gegenseitig behandeln würden und ob dies eine ökologische Katastrophe auslösen würde, weiß niemand.

Um diesen Problemen aus dem Weg zu gehen, prognostizieren die Vereinten Nationen optimistisch ein langsames Wachstum der Weltbevölkerung auf rund elf Milliarden Menschen zur nächsten Jahrhundertwende. Einige Experten wie etwa Danny Dorling gehen auch davon aus, daß noch dieses Jahrhundert der Höhepunkt der Zahl an Menschen auf der Erde erreicht wird und diese dann ähnlich wie in Europa zurückgeht. Eine Gewißheit dafür gibt es aber freilich nicht.

Zobrist und Brooks kann man deshalb nur eins vorwerfen: Egal, wie negativ sich die Welt entwickelt, so darf trotzdem niemand Gott spielen. Das, worum es hier geht, ist zu groß, um vom Menschen vollständig begriffen werden zu können. Mit Hölderlin läßt sich da wohl nur hoffen: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“

Kann man die Welt nur mit barbarischen Methoden retten?

Diese Rettung ist jedoch gerade nicht vom modernen Individuum zu erwarten, das meint, mit seiner fortschrittlichen Gesinnung alles managen zu können. Im Gegenteil: Diese fortschrittliche Naivität hat uns erst an den Rand des Abgrundes gebracht. Dies meinte der Philosoph Martin Heidegger auch, als er in seinem berühmt gewordenen Gespräch mit dem Spiegel zu folgender Erklärung ansetzte:

„Die Philosophie wird keine unmittelbare Veränderung des jetzigen Weltzustandes bewirken können. Dies gilt nicht nur von der Philosophie, sondern von allem bloß menschlichen Sinnen und Trachten. Nur noch ein Gott kann uns retten.“

Später spricht Heidegger in dem Interview von einer „planetarischen Übermacht“, die man nur mit einem bisher unsichtbaren, „anderen Denken“ durchdringen könne. Ein Patentrezept zur „unmittelbaren Veränderung des gegenwärtigen Weltzustandes“ habe er jedoch nicht. „Wir können uns vielleicht daran abmühen, an schmalen und wenig weit reichenden Stegen eines Überganges zu bauen“, betont Heidegger abschließend.

Diese Tiefendimension des Problems der Überbevölkerung erreicht der Film Inferno leider nicht. Er feiert lediglich die angeblichen Retter der Welt, denen es gelungen ist, den tödlichen Virus einzufangen. Unbedacht bleibt dabei, daß es – welthistorisch betrachtet – vielleicht wirklich eine Minute vor Zwölf ist. Was dann? Haben wir noch viel Zeit, etwas zu tun? Und wenn nicht, können wir überhaupt etwas in die Wege leiten, was nicht barbarisch ist? Genau darauf gibt es keine gute Antwort. Wem dieser Hintergedanke beim Roman oder Film Inferno kam, der hat zumindest eine winzig kleine Ahnung vom tragischen Weltzustand der Gegenwart gewonnen.

(Bildhintergrund: Sandro Botticellis »Karte der Hölle«)

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1 Kommentar zu “Eine Minute vor Zwölf

  1. Viel zu flach und unrealistisch. Bedenken Sie die Natur und die biologische Durchsetzungskraft besonders des Menschen. Natürlich wird es barbarisch ablaufen. Das hat es immer getan, tut es gerade schon und wird es immer tun. Nur verwöhnte Wohlstandsmenschen wie Sie und andere Europäer versuchen mit diesen romantischen Gedanken das Unweigerliche zu relativieren. Der Planet Erde und seiner Natur ist der Parasit Mensch so egal, wie ein Furz. Einer der kurz stinkt und dann verweht. Auf der Uhr im Leben der Erde sind wir Menschen nicht mehr als das. Egal wieviele überleben und wie weit diese es dann schaffen. Es ist und bleibt unausweichlich, das wir angepasst werden.

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