Gesichtet

Individuen sehen statt Kollektive!

„Ein Mädchen mit einem Buch ist eine weit größere Bedrohung als eine Drohne“, verkündet Boko Haram („Bücher sind Sünde“), das islamistische Terrornetzwerk im Norden Nigerias.

Das Kidnappen von 276 nigerianischen Schulmädchen vor fast drei Jahren folgt der Dogmatik der Terrorgruppe, die Bildung für Mädchen und Frauen verbietet, welche für sie Menschen zweiter Klasse sind.

Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) empört sich über die frauenfeindliche Ideologie und verweist auf Studien, die zeigen, „dass Frauen nicht einfach nur ein einzelner Faktor der Entwicklung sind. Sie tragen einen so großen Anteil zur gesellschaftlichen Bilanz bei, dass die Bildung der Frau nachweislich ein Faktor ist, der in den Haushalten andere Merkmale für Entwicklungsdefizite und Armut verringert.“ Auch extremistische Gruppen wüssten, dass die Zukunft einer jeden Gesellschaft eine bessere sei, wenn gebildete Frauen Pfeiler ihrer Familien und der Gesellschaft seien.

„Frauen gehören in die Küche“

Immerhin kämpft der nigerianische Präsident Muhammadu Buhari gegen Boko Haram, wenn auch nur mit militärischen Mitteln. Es ist allerdings zu fragen, ob der oberste Vertreter einer repressiven patriarchalischen Kultur der Richtige ist. Im Oktober 2016 sagte Buhari auf einer Pressekonferenz, dass „seine Frau in die Küche gehört“. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel lächelte dabei zustimmend. Die Süddeutsche Zeitung berichtet, dass in Nigeria Buharis Satz kaum größeren Nachrichtenwert hatte. Solche Sätze gehörten dort zum Alltag. Sehen Sie selbst:

Zwei weitere Beispiele dafür, dass Boko Haram in der nigerianischen Macho-Kultur eingebettet ist:

  1. Ein Einwanderer aus Nigeria wundert sich nach seiner Ankunft in München über Frauen, die in Autowerkstätten, als Taxifahrerin oder als Ingenieurin arbeiten, also offensichtlich frei ihren Beruf wählen dürfen.

Heute schaut er als Autor für die Süddeutsche Zeitung auf sein Heimatland zurück: „In den ländlichen Regionen des Landes herrschen immer noch Verhältnisse wie auf einem Lehnsgut. Der Mann ist der Gutsbesitzer, die Frau seine Sklavin. Was der Mann sagt, ist sakrosankt. Die Frau ist ihm untergeben und gehorcht wie Schafe, die vom Schäfer ab und zu einen Stoß in die Rippen bekommen. Die Frauen knien meist immer noch am Boden, wenn sie ihren Männern das Essen servieren. In ländlichen Gegenden Nordnigerias werden die Eltern eines Mädchens bei der Hochzeit mit Farmland bezahlt. Eine Frau ist dort auch erst vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft, wenn sie die Mutter eines Sohnes ist.“

  1. Seit Ende der 1990er Jahre ist bekannt, dass afrikanische – vorwiegend nigerianische – Frauen als Prostituierte nach Europa verschleppt werden.

Die heutige Menschenrechtsaktivistin Joana Adesuwa Reiterer heiratete ihren Ehemann 2003. Beide stammen aus Benin City in Nigeria. Sie folgt ihm glücklich nach Wien. Doch ab einem bestimmten Punkt wird ihr klar, dass in ihrer Ehe etwas nicht stimmt. Es war der Moment, in dem ihr Mann sie anherrschte, ihm das Essen kniend zu servieren. Seine Freunde sollten sehen, dass er eine gehorsame und traditionsbewusste Frau geheiratet hatte. „Knie nieder, wenn du mir das Essen bringst“, befahl Tony noch einmal, als sich Joana weigerte, in das Schlafzimmer ging und die Tür zuknallte. Doch sie, eigentlich eine moderne und selbstbewusste Frau, ließ sich überreden und gehorchte ihm. Joana Adesuwa Reiterer konnte ihren Ehemann schließlich verlassen und erfuhr später, dass er ein Menschenhändler war,  der Frauen als Zwangsprostituierte nach Europa verschacherte.

Schwarze werden zu Schwarzen gemacht

Es soll hier aber nicht nur eine einzige Geschichte erzählt werden. Eine Gesellschaft ist viel zu komplex, um mögliche Perspektiven auf ein Narrativ zu reduzieren. Daher nun ein Blick auf die international bekannte nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie, die schon mit vier Jahren Bücher las und über welche die Zeit schrieb: „Chimamanda Ngozi Adichie ist eine bemerkenswerte Frau. Sie verbindet Intellektualität mit Glamour. Ihr Selbstbewusstsein ist so raumfüllend, dass einem die Luft um sie herum schon einmal dünn werden kann.“

Als Chimamanda Ngozi Adichie mit 19 Jahren zum Studium in die USA ging, nannten die Afroamerikaner sie Schwester. Das war als Solidaritätsgeste unter Schwarzen gemeint. Innerlich schüttelte sie dann immer den Kopf: „Was soll das? Ich bin nicht schwarz, ich bin Nigerianerin!“  Dass die gleiche Voreinstellung auch von Weißen vorgenommen wurde bzw. wird, zeigt der aktuelle Dokumentarfilm „I Am Not Your Negro“ über den Aktivisten James Baldwin. Die Süddeutsche Zeitung schreibt: „Dass die Schwarzen in den USA nicht Schwarze sind, sondern zu Schwarzen gemacht werden, von den Weißen, das hat man lange nicht mehr so anschaulich dargelegt bekommen.“

In einem Vortrag aus dem Jahr 2009 warnt uns die sich ihrer selbst bewusste Nigerianerin anhand ihrer Lebensgeschichte davor, dass wir, wenn wir nur eine einzige Geschichte über eine andere Person oder ein Land hören, zu Kollektivzuschreibungen greifen. Ein Beispiel: Alle Holländer leben in Windmühlen, züchten Tulpen, tragen hölzerne Clogs und melken ihre Kühe früh am Morgen, um frischen Edamer Käse zu machen. Das folgende Video ist zu einem Klassiker geworden und wird längst für interkulturelle Schulungszwecke eingesetzt. Viel Vergnügen!

(Bild: Muhammadu Buhari, Chatham House, CC BY 2.0)

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