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Interview mit Daniele Ganser: Auch Deutschland beteiligt sich an illegalen Kriegen

Der 1972 geborene Schweizer Historiker sowie Energie- und Friedensforscher Dr. Daniele Ganser zählt heute zu den medial bekanntesten kritischen Publizisten des deutschsprachigen Raumes.

Bekannt wurde der ehemalige Dozent der Universität Basel unter anderem durch seine Untersuchungen über NATO-Geheimarmeen und über die Anschläge vom 11. September 2001, für die er eine unabhängige Untersuchungskommission fordert. Allein sein 2016 erschienenes Buch Illegale Kriege – Wie die NATO-Länder die UNO sabotieren hat sich bis heute über 50.000-mal verkauft.

Blaue Narzisse.de: Herr Ganser, die Welt scheint unserer Tage aus den Fugen zu geraten. Weltweit haben wir nicht zu unterschätzende Krisengebiete, angefangen auf der koreanischen Halbinsel bis hin zum Krieg in Syrien. Dazu kommt noch das Säbelrasseln der NATO gegen Russland. Verändert sich die Welt unserer Tage dramatisch?

Daniele Ganser: Tatsächlich haben wir ein ernsthaftes Problem mit Gewalt. Im Syrienkrieg sind schon mehr als 400.000 Menschen gestorben. Im Irak, der 2003 von den USA und Großbritannien angegriffen wurde, sind mehr als eine Million Menschen gestorben. Nordkorea glaubt, dass es sich nur durch Atomwaffen vor den USA schützen kann. Das Misstrauen unter den Menschen ist groß. Trotzdem bleibt die tiefe Einsicht, dass wir die grössten Probleme im 21. Jahrhundert nicht mit Gewalt lösen können, und dass wir in Wirklichkeit eine Menschheitsfamilie sind, und uns nicht nach Nation, Religion oder Klasse spalten lassen sollten.

Der seit 2011 in Syrien ausgetragene Bürgerkrieg scheint mit dem Sieg der Regierungstruppen, unter der Hilfe Russlands, sich einem Ende entgegen zu bewegen. An der Grenze zur Türkei finden jedoch Kämpfe zwischen der türkischen Armee und kurdischen Truppen statt. Wie bewerten Sie diesen Konflikt?

Der Syrienkrieg tobt schon seit 2011. Im Rahmen der Operation Timber Sycamore hat die CIA mehr als eine Milliarde Dollar investiert um alle Gegner von Präsident Assad zu bewaffnen und zu trainieren. Nun ist es aber gemäß der UNO-Charta illegal, in einem fremden Land bewaffnete Banden zu unterstützen. Doch genau dies hat US-Präsident Obama getan.

Den Friedensnobelpreis hat Obama auf keinen Fall verdient, denn sein Krieg gegen Syrien ist illegal. Der deutsche Journalist Jürgen Todenhöfer, der vor Ort recherchiert hat, kommentierte das treffend so: „Es ist völlig klar: Die Amerikaner wissen, dass ihre Waffenlieferungen am Schluss in den Händen der Terroristen landen.“ Der Syrienkrieg zeigt also, dass die Geschichte vom so genannten „Krieg gegen den Terror“ ein Märchen ist, denn in Syrien werden die Terroristen seit Jahren von den USA bewaffnet.

Das geht zwar über verschlungene Pfade, aber es ist eine Tatsache. Seit 2014 bombardieren die USA Syrien. Obama hat das damals mit dem Wort „Terrorbekämpfung“ erklärt. Aber auch das ist illegal, weil kein Mandat der UNO vorliegt. Es wäre umgekehrt auch illegal, wenn Syrien die USA bombardieren würde. Im Kern geht es darum, dass die USA zusammen mit den Briten, Franzosen, Deutschen, Türken, Katar und Saudi-Arabien versuchen die Regierung in Syrien zu stürzen, also ein Regime Change.

Doch das ist bisher nicht gelungen, weil Russland und der Iran Präsident Assad verteidigen und die syrische Armee unterstützen. Die deutsche Journalistin Karin Leukefeld, die vor Ort recherchiert, hat korrekt erklärt, dass der Kampf der Russen und der Iraner in Syrien legal ist: „Die Präsenz des Iran in Syrien ist ebenso legitim, wie die Russlands und der libanesischen Hisbollah, denn Syrien hat sie um Hilfe gebeten.“ Die USA wollen aber nicht, dass die Russen in Syrien gewinnen. Um Assad zu stürzen hat die CIA in Syrien daher auch bewaffnete Einheiten der Kurden unterstützt, die YPG (Volksverteidigungseinheiten).

Diese kämpfen vor allem im Norden von Syrien an der Grenze zur Türkei. Die USA behaupten, die YPG seien Freiheitskämpfer. Doch die Türkei bezeichnet dieselbe YPG als Terroristen. Das zeigt: Wer ein Freiheitskämpfer und wer ein Terrorist ist, hängt im Kern von der Perspektive ab. Beides sind bewaffnete Männer und alle glauben, dass ihre Ziele legitim sind. Um die YPG-Terroristen zu bekämpfen ist daher die Türkei im Januar 2018 in Syrien mit Panzern einmarschiert. Das ist nicht ungefährlich, weil US-Spezialeinheiten die YPG unterstützen. Es bestand also die Gefahr, dass Soldaten aus zwei NATO-Staaten, aus den USA und der Türkei, sich in Syrien erschießen.

Auch der Einmarsch der Türkei in Syrien war illegal. Die Türkei hat kein UNO-Mandat um mit Panzern in Syrien einzumarschieren. Umgekehrt wäre es auch Syrien nicht erlaubt, mit Panzern in die Türkei einzumarschieren. Die Türken haben sich mehrmals in den USA darüber beklagt, dass Washington die YPG unterstützt. Doch den USA war das egal. Das US-Imperium hat in Eurasien immer wieder verfeindete Gruppen bewaffnet, in Kämpfe verwickelt und dadurch geschwächt.

Wie sehen sie die neuerlichen Skandale um den schlechten materiellen Zustand der deutschen Bundeswehr? Könnte hierdurch die Bundeswehr daran gehindert werden, sich noch mehr als ohnehin schon in internationalen Krisengebieten zu engagieren? Oder birgt dies für Deutschland auch Risiken?

Deutschland hat sich während 50 Jahren an keinen Kriegen beteiligt, von 1945 bis 1995. Das fand ich wunderbar. Ich würde mir wünschen, dass Deutschland wieder zu diesem Pfad des Friedens zurückfindet. Mit meinen Vorträgen und Büchern versuche ich die Friedensbewegung in Deutschland zu stärken. Doch leider hat Deutschland 1999 zusammen mit den USA Serbien bombardiert. Das war illegal. Kanzler Schröder und US-Präsident Clinton hatten kein Mandat der UNO, ich zeige das in meinem aktuellen Buch Illegale Kriege im Detail. Danach ist die Bundesweher nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 auf Anweisung der USA nach Afghanistan geflogen und führt dort weiterhin Krieg. Ich halte auch diesen Krieg für falsch, weil die Terroranschläge vom 11. September nicht geklärt sind.

Deutschland hat kein Recht, Soldaten nach Afghanistan zu schicken. Umgekehrt hätte auch Afghanistan kein Recht, Soldaten nach Deutschland zu schicken. Genau das besagt das UNO-Gewaltverbot. Dort heißt es: „Alle UNO-Mitglieder unterlassen in ihren internationalen Beziehungen jede Anwendung von Gewalt.“ Doch leider wurde dieses Gewaltverbot nicht nur von Kanzler Schröder von der SPD ignoriert, sondern auch von Kanzlerin Merkel von der CDU. Seit 2015 beteiligt sich Deutschland unter Merkel am Syrienkrieg. Dies ist meiner Ansicht nach erneut illegal.

Es gibt kein UNO Mandat, das Deutschland erlaubt, die Luftwaffe nach Syrien zu schicken. Umgekehrt wäre Deutschland auch nicht bereit, die syrische Luftwaffe über deutschen Städten zu akzeptieren. Im Bundestag wurde Merkel daher von Norbert Kleinwächter von der AfD so kritisiert: „Sie verletzen die Souveränität Syriens, indem sie dort ohne Einverständnis der Regierung und ohne UN Mandat operieren.“ Es ist traurig zu sehen, dass Deutschland wieder auf dem Kriegspfad ist. Ich bin also nicht der Meinung, dass die Bundeswehr mehr Geld und mehr Waffen erhalten sollte. Sondern ich bin der Meinung, dass Deutschland sich wieder an das geltende Völkerrecht halten sollte und zum Pfad des Friedens zurückkehren muss.

Die deutsche Politikerin Sarah Wagenknecht von der Partei „Die Linke“ hat in diesem Kontext einst treffend gesagt: „Wer wirklich für mehr Sicherheit sorgen will, muss aufhören, sich an Öl- und Gaskriegen im Nahen und Mittleren Osten mit unzähligen zivilen Opfern zu beteiligen, muss die logistische Unterstützung der US-Drohnenmorde einstellen und Waffenexporte in Krisengebiete sofort stoppen.“ Diese Ansicht teile ich.

Sie hatten in der Vergangenheit wiederholt Probleme seitens der etablierten Medien wirklich fair zu Wort zu kommen und Ihre Sicht der Dinge einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Sehen Sie diese Einschränkungen wachsen, oder spüren Sie hier eine Besserung des Umgangs mit Ihnen?

Meine Kritik am US-Imperialismus wird mitunter nicht gerne gehört, das stimmt. Am schwierigsten ist das Thema 11. September 2001, kurz 9/11. Ich verlange ja seit Jahren eine neue Untersuchung dieser Terroranschläge und dort vor allem vom Einsturz von WTC7, dem dritten Turm, der nicht von einem Flugzeug getroffen wurde. Als Ursache gibt es nur zwei Möglichkeiten: Feuer oder Sprengung. Ich lege mich da nicht fest. Aber in den Massenmedien ist es tatsächlich schwierig, über WTC7 sachlich und neutral zu sprechen, auch heute noch. Vor einigen Monaten wurde ich im Schweizer Fernsehen in der Sendung Arena heftig angegriffen, weil ich eine neue 9/11 Untersuchung fordere. Da gibt es also ernsthafte Probleme mit der Kommunikation.

Aber meine Vorträge werden ja oft gefilmt und dann auf YouTube gestellt. Und dort ist zumindest bis jetzt die Redefreiheit garantiert. Mein Vortrag, den ich an der Universität Tübingen zu 9/11 und dem Feindbild Islam gehalten habe, hat inzwischen mehr als eine Million Views. Die digitale Revolution hat die Medienwelt voll erfasst. Gerade junge Menschen kaufen sich keine gedruckten Zeitungen mehr. Sie schauen auch nicht die Nachrichten am Fernseher. Sondern sie suchen auf ihrem Smartphone Videos zu Themen, welche sie als spannend und relevant erachten. Mit meinen Vorträgen zur Geopolitik und Zeitgeschichte versuche ich ein Angebot zu machen, das hilft die Friedensbewegung zu stärken. In praktisch jedem Vortrag betone ich, dass wir das UNO-Gewaltverbot achten und uns nicht gegenseitig töten sollten.

In Ihren Vorträgen erwähnen Sie des Öfteren ein Zitat von Friedrich Nietzsche, wonach alles Sehen perspektivisch ist. Widerspricht dies, im Bereich der internationalen Abkommen, nicht Ihrem festen Pochen auf bestehende Gesetze? Müßte man internationale Beziehungen nicht viel machiavellistischer betrachten, wonach Blenden und Lügen vielleicht nicht schön sind, jedoch zur Natur des Politischen gehören?

Natürlich gehören List, Lüge und Gewalt seit mehr als 2.000 Jahren zur internationalen Politik, da haben Sie völlig recht. Aber ich glaube jetzt im 21. Jahrhundert müssen wir zur Einsicht gelangen, dass wir uns gerade dadurch sehr tief in die Gewaltspirale verstrickt haben. Bewaffnet mit Atomwaffen stehen wir vor der Wahl: Wollen wir einen dritten Weltkrieg oder doch lieber nicht? Hier ist meiner Ansicht nach die Antwort klar: Wir wollen keinen dritten Weltkrieg. Und auch keine Kriege ohne Atomwaffen. Die meisten Menschen wollen weniger Kriege, nicht mehr. Dafür ist es aber notwendig, sich wieder an die UNO-Charta und das Gewaltverbot zu erinnern.

Daher betone ich das stets in meinen Vorträgen. Aber natürlich leben wir alle in ganz verschiedenen Ländern, haben verschiedene Religionen und gehören verschiedenen Klassen wie Unterschicht, Mittelschicht und Oberschicht an, abhängig von unserem Einkommen und Vermögen. Wir leben also eigentlich in ganz verschiedenen Welten, aber alle auf einem Planeten. Daher ist es wichtig, auch das sagen Sie richtig, dass wir uns an Nietzsche erinnern: Jeder hat seine eigene Sicht auf die Welt. Und das wird immer so sein. Daher fordere ich Toleranz gegenüber anderen Meinungen und Ansichten.

Was erhoffen Sie sich angesichts all der gegenwertigen Probleme von der Zukunft?

Der Mensch hat immer die Möglichkeit sein Bewusstsein zu erweitern, wenn er unter großem Druck steht. Und nun stehen wir alle unter Druck. Ich hoffe, es gelingt uns im 21. Jahrhundert, unser Bewusstsein zu erweitern und die Idee der Menschheitsfamilie zu verstehen und zu verbreiten, damit wir aufhören, uns gegenseitig zu töten. Der holländische Biologe Frans de Waal hat das einmal sehr schön auf den Punkt gebracht, als er sagte:

„Wir haben in der Welt ganz sicher ein Problem mit Feindseligkeiten, die außer Kontrolle geraten. Der Mensch ist geradezu ein Spezialist darin, andere auszugrenzen. Er dämonisiert Menschen anderer Nationalität oder Religion, erzeugt Ängste und Wut. Diese Gruppen nennen wir dann schnell Unmenschen oder Tiere. Schon ist es leicht, die Unmenschen zu eliminieren, weil man kein Mitgefühl mehr mit ihnen haben muss. Wenn ich die Welt verändern könnte, würde ich die Reichweite des Einfühlungsvermögens vergrößern.“

Ich glaube da hat Frans de Waal völlig recht. Im so genannten „Krieg gegen den Terror“ werden Muslime seit 2001 kollektiv abgewertet und getötet, das ist falsch. Im Dritten Reich wurden Juden kollektiv abgewertet und getötet, das war falsch. Wir müssen versuchen im Afghanen, im Syrer, im Russen, im Israeli und im US-Amerikaner wieder den Menschen zu sehen und sein Leben und seine Würde zu achten.

Herr Ganser, vielen Dank für das Gespräch!

(Bild Ganser: Christoph Hardt)

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4 Kommentare zu “Interview mit Daniele Ganser: Auch Deutschland beteiligt sich an illegalen Kriegen

  1. Ein guter, lesenswerter Artikel. Herr Ganser setzt sich für friedliche Konfliktlösungen ein und das ist gut so. Etwas Besseres als die UN-Charta gibt es derzeit nicht, deshalb ist es wichtig, die UNO zu stärken. Es ist extrem wichtig zu erkennen, welche Länder illegale Kriege führen. Die deutsche Beteiligung an Kriegen seit 1999 verurteile ich. Deutschland könnte sich bei der Bekämpfung des weltweiten Hungers hervortun, nicht bei der Aufrüstung.

  2. Heike Weihbrecht

    Vielen Dank für ihren klaren korrigierenden Blick, dass sie ihr Wissen und ihre Fähigkeiten zur Differenzierung öffentlich zur Verfügung stellen! Ihr Engagement für den Frieden, die Achtsamkeitstag steckt an, da bin gerne dabei meinen Beitrag zu leisten, um Mitgefühl und Einsicht bei der Wahrheitsfindung in und um mich zu leisten! Frieden in mir ist ein wunderbares Geschenk im Kontakt mit jedem Wesen. Klasicht zu erwerben erfordert inneren Frieden, den es immer wieder zu berühren gilt gerade in stürmischen Zeiten eine große Herausforderung.

  3. Jürgen Graf

    Daniele Ganser ist ein anständiger und mutiger Mann, der vor allem durch seine Aufklärungsarbeit zum 11. September grosse Verdienste erworben hat. Nicht nachvollziehen kann ich allerdings seine beschwichtigende Haltung gegenüber dem Islam. Dass dieser eine tödliche Bedrohung Europas darstellt, müsste jedem Einsichtigen klar sein.

  4. Es gibt schon seit Jahren diese Doppelmoral. Wir dürfen – klinisch sauber mit Drohnen und Awacs im Süden und Osten schwerste Bombardierungen vornehmen, bei uns allen voran von von der Leyen propagiert. Wenn sich von denen die im fernen Ausland bombardiert werden hier mit Gewaltanschlägen zu Wehr setzen, dann empören sich alle und vertreten unisono: »Das darf doch nicht sein«. »Dafür kann es keinen guten Grund geben«. Wir sind immer noch im Kosovo. Wir sind immer noch in Afganistan. Wir sind immer noch in Kurdistan. Und vor allem sind wir ja die Gutmenschen! Unsere Perspektive muss doch die richtige sein. Nein! Wir müssen da überall raus. Schluss mit dieser Doppelmoral.

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