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Kulturelles Gedächtnis: Ausländer

William der BastardSprachliche Differenzen in Form bspw. von Dialekten mögen manchmal durch die  mündliche Weitergabe wie bei der stillen Post entstehen. Manche Differenzen haben aber auch einen sachlichen Grund, dem man auf die Schliche durch den Vergleich verwandter Sprachen kommen kann:

Im Deutschen ist der Fremde, soweit sich der Deutsche in seinem Land befindet ein Ausländer. Damit wird also ausgesagt, diese Person stamme aus einem anderen Land. Deutlich wird an dieser Stelle, dass sich hier die Position des fest beheimateten Menschen, den Fremde heimsuchen (auch ein sprachlich gelungenes Verb), tief in der Sprache verwurzelt hat.

Im Gegensatz dazu das Englische: Im Englischen ist der Ausländer foreigner. Der foreigner ist kein geringerer als der Vor-Eigner, der Voreigentümer. Manchmal muss man nur genau hinschauen, dann fällt es einem wie Schuppen von den Augen. Zweifellos entstammt dieser Begriff dem Normannischen. Denn die Normannen wanderten [aus Sicht der foreigner als Ausländer(!)] nach Britannien ein (to invade) und eroberten im Eigentum von anderen stehendes Land, was ihnen offenbar bewusst war oder später wurde. Die vollzogene Verdrängung aus der Eigentümerstellung hat sich sprachlich manifestiert. Ausländer ist folglich eine ungenaue Übersetzung, Voreigner entspricht hingegen nach unserer gemeingermanischen Sprachbasis exakt dem damaligen Geschehen. Für die Vorgänge auf der Insel heute passt alien zur Fremdbezeichnung definitiv besser.

Es ist schon grotesk, dass zugleich infolge dieser differierenden geschichtlichen Entwicklung to invade (= einwandern) im Englischen seinen Raubcharakter erhalten hat, mithin heute moralisch verwerflich tönt, während einwandern im Deutschen einen ziemlich neutralen Sprachklang hat. Der Deutsche scheint assoziativ damit eine frohgemute Wanderung über Berg und Tal zu verbinden. Der Schein trügt.

(Bild: Teppich von Bayeux, Wilhelm der Bastard, Eroberer Englands)

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2 Kommentare zu “Kulturelles Gedächtnis: Ausländer

  1. Ist diese Herleitung über den »Vor-Eigentümer« nicht etwas zu konstruiert? Das Wort »foreign« geht doch etymologisch wohl eher auf eine mittellateinische Form von lateinisch »foris« –> außerhalb, draußen, nicht zu Hause, auswärts zurück, vgl. das altfranz. »forain«. Die Endung »-eign« ist wohl eine spätere Anpassung.

    Ob sich also ausgerechnet in diesem Wort »die vollzogene Verdrängung aus der Eigentümerstellung […] sprachlich manifestiert«, halte ich wenigstens für fragwürdig.

  2. Aus dem Bauch, ohne das jetzt geprüft zu haben, wenn schon die Herleitung von »Vor-eigner«, dann scheint mir diese nicht auf die normannische sondern auf die noch einige Jahrhunderte zuvor erfolgende angelsächsiche Eroberung zurückzuführen zu sein. Während die Angelsachsen im 5. oder 6. Jahrhundert sicher eine Form des Altgermanischen – wenn man so will des Altdeutschen sprachen, dürfte bei den Normannen 1066 wohl eine Form des Altfranzösischen gesprochen worden sein, immerhin hauste man schon geraume Zeit in Frankreich und die vielen französischen Lehensworte im Englischen haben die Normannen mitgebracht. Und auch die Angelsachsen fanden »Voreigner« vor, die romanisierte keltische Bevölkerung, die die Eindringlinge so langsam nach Cornwall und Wales zurückdrängte.

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