Gesichtet

Leben wir in Zeiten eines neuen Kulturkampfes? (I)

„Wir leben in Zeiten eines neuen ‚Kulturkampfes‘ um die Zukunft unserer freiheitlichen liberalen Ordnung“, meinte Friedrich Merz (CDU) in einem in der WELT veröffentlichten kurzen Artikel.[i]

Fast genau ein Jahr zuvor hatte die Zeitschrift Berliner Debatte Initial zwei interessante Texte zum aufgeladenen Konflikt um Kultur veröffentlicht. Eine Debatte dazu mochte man dort aber nicht führen, wurde namens der Redaktion mitgeteilt: Man bringe zwar Artikel mit unterschiedlichen Ansichten, möchte aber nicht, daß „ständig irgendwer mit irgendwem über irgendwas streitet“. Das ist schon merkwürdig für eine Zeitschrift, die das Wort Debatte im Titel führt.

Diskursverweigerung der Linken

Andererseits: Für eine eher auf der linken Seite des politischen Spektrums zu verortende Zeitschrift ist die Diskursverweigerung wohl nicht so überraschend: Linke reden am liebsten nur mit sich selbst über Andere und nicht mit Andersdenkenden. Lassen Sie uns dann also hier den notwendigen Diskurs zum sogenannten Kulturkampf weiterführen.

Es gehe ein Riß durch die Wahrnehmung von Kultur, die gemeinhin positiv mit Vertrautheit, Gemeinschaftsbildung, Ordnung verbunden wird: „Kultur integriert längst nicht mehr, sondern sie produziert ein Spannungsfeld für Konflikte in der Gegenwart“, schieb Jörn Knobloch im Editorial zur Debatte, die keine Debatte will.[ii] Als Extreme stehen sich da der Traum von der Integration aller in eine „Weltkultur“ einerseits und die düstere Prognose vom „Kampf der Kulturen“ (Samuel P. Huntington) gegenüber.

Benjamin Bauers Übersicht, wie dem rassentheoretischen Mißbrauch von Kultur als politisches Erklärungsmuster ein antirassistischer Kulturalismus entgegengesetzt wurde, ist grundlegend. Bemerkenswert und erschreckend sind dabei „die strukturellen Ähnlichkeiten beider Denkformen“[iii].

Simone Jung setzt die Übersicht von Benjamin Bauer faktisch fort mit einer Betrachtung des „Feuilletons als Ort kultureller Kämpfe“. Zweifellos hat die mindestens seit 2015 anhaltende Flüchtlingskrise auch die Debatte um Kulturen neu angestoßen. Ein (links-)liberales und ein (rechts-)konservatives Lager stünden sich da gegenüber, wobei Linksorientierte die selbsterklärten Guten, die Konservativen das von diesen Guten so bezeichnete rechtspopulistische Lager der Bösen sind.

Statt Argumente auszutauschen werden eher moralische Urteile hin- und hergeworfen. Die „Guten“ suchen ihre Deutungshoheit mit Ausgrenzungen zu behaupten, etwa wenn Botho Strauß „als eine unvernünftige und nicht ernstzunehmende Stimme“[iv] präsentiert wird. Es erfolge Abgrenzung der Guten gegen den Populismus, was das auch immer sein mag. Gleichwohl vermerke man „neue nationalkonservative Wortführer“[v] im Feuilleton.

Internet und Stammtisch

Nur im Feuilleton? Findet die Debatte um die Flüchtlingspolitik, um unterschiedliche Kulturen, um nationale Identität nicht eher auf der politischen Ebene statt? Und haben wir mit dem Internet nicht inzwischen ein neues Feld der öffentlichen Debatte erreicht – eine Debatte, in der auch Leute zu Worte kommen, die bislang öffentlich kaum zu hören waren oder allenfalls am Stammtisch. Da wird schon mal gepöbelt und ausgegrenzt.

Am Stammtisch stoppt das meistens dann einer: „Nu is aba jut, wa! Hör ma uff!“ Da redet man halt noch naturbelassen und postet so auch zum Entsetzen der Political Correctness im Internet. Den „Guten“ sind solche Äußerungen, öffentlich im Internet oder etwa bei Pegida und bei ähnlichen Gelegenheiten willkommener Anlaß, weiter auszugrenzen und deplatzierte Äußerungen auch jenen vorzuhalten, die sie als Wortführer im Feuilleton, überhaupt in den Medien oder in Talkshows nicht haben wollen. Selbst wenn diese Wortführer gleichsam der Forderung folgen, als „Ungewaschene sich doch bitte erst mal [zu] waschen, bevor sie artig am Diskurstisch Platz nehmen dürfen“[vi], billigt man ihnen allenfalls einen Platz am Katzentisch zu.

Simone Jung bemerkt einen „Machtanspruch im öffentlichen Diskurs“[vii] und betont: „Steht die Ordnung der Kultur selbst zur Diskussion, braucht es Möglichkeitsräume für ihre Verhandlung.“[viii] Wie soll aber „verhandelt“ werden, wie soll ein vernünftiger Diskurs hergestellt werden, wenn die „konservative Revolution der Bürger“ der „linken Revolution der Eliten“[ix] ebenso unversöhnlich gegenübersteht wie einst Rassismus und Kulturalismus?

Beide Autoren bieten keine Lösung. Jan Tobias Fuhrmann formuliert, was das Problem ist: „Was Kultur ist, das weiß man schon irgendwie.“[x] Und so redet man in der Debatte aneinander vorbei: Man hat keinen gemeinsamen Begriff der Kultur! Man kann die Debatte natürlich nicht vertragen, bis man aus den vielleicht 160[xi], vielleicht 163[xii] oder mehr[xiii] unterschiedlichen Definitionen von Kultur einen einheitlichen Begriff gebildet hat.

Kultur bedeutet Verzicht auf Gewalt

Fakt ist, und darauf könnte man sich doch grundsätzlich und vorläufig einigen hinsichtlich der Frage, was denn Kultur sei: Die menschliche Kultur begann, als sich zwei Hominidengruppen begegneten, ohne zu versuchen, sich gegenseitig zu erschlagen und die anderen zu verspeisen. Solange Gemeinschaften von Hominiden fremde Individuen oder Gruppen der gleichen Art als Nahrungskonkurrenten im Territorium auffassen und sie sich gegenseitig als Freßfeinde behandeln, unterscheidet sich ihr Verhalten zueinander nicht von der jeder anderen Tierart.

Erst wenn die Individuen einer Hominidengruppe mehr erzeugen, als sie individuell und die Gemeinschaft insgesamt verbrauchen, ist es möglich, andere Individuen zu versklaven oder Produkte (Vorräte) gegenseitig auszutauschen. Das ist der Anfang von Kultur. Rauben sich die Gemeinschaften nicht gegenseitig aus, sondern treten sie in (Preis-)Verhandlung über die ggf. auszutauschenden Dinge, erkennen sie sich gegenseitig als gleichberechtigt an. Kommen sie überein, wirklich auszutauschen, ergänzen sich ihre unterschiedlichen Kulturen gegenseitig. Wird der Austausch dauerhaft, bilden sie einen gemeinsamen Markt, der sich schließlich zum Weltmarkt entwickelt: Insgesamt ein Markt differenter Kulturen[xiv], denn gäbe es die Unterschiede nicht, gäbe es nichts auszutauschen.

Und hier setzt meine Kritik der Kulturfeuilletons an: Den Betrachtungen zum „neuen Kulturkampf“ mangelt die materialistische Fundierung. Dazu ist wohl Bill Clinton zu zitieren: „It’s the economy, stupid!“

Einer ökonomischen Fundierung bedarf auch die Befassung mit dem sogenannten Populismus. Die Abhandlung dieser neuen politischen Strömungen – wobei der linke Populismus wohl älter ist als der rechte – nach dem Muster „Kulturkampf“ kann offensichtlich die Ursachen ihres gegenwärtigen Erfolgs nicht klären. Das gar als Symptom einer „Kulturalisierung der Politik“[xv] aufzufassen, hebt auf beiden Seiten „die Debatte zuverlässig in den Bereich der politischen Leidenschaften und Moral, was sie so unergiebig und zugleich so hysterisch macht.“[xvi]

Unterscheidet man wie Fernand Braudel[xvii] Kulturen nach ihrer Wirtschaftsweise, so wird klar, daß es kulturelle Unterschiede geben muß, die sich insofern angleichen, indem sich die Wirtschaftsweisen angleichen. Aber das ist ein sehr langer historischer Prozeß. Die unterschiedlichen Naturgrundlagen prägen die unterscheidbaren Kulturen bis in die Gegenwart und bis hin zu typischen Verhaltenscharakteristika. In den vom Naßreisanbau geprägten Regionen Asiens kennt man den europäischen Individualismus nicht: Naßreisanbau erfordert ganzjährig für Anlage und Pflege der Felder, für das Wasserregime, die Setzlingsaufzucht und -pflanzung sowie bei der Ernte einen koordinierten und disziplinierten Einsatz vieler Menschen. Europa ist dagegen über Jahrhunderte durch den Familienbetrieb in Landwirtschaft (mansus) und Handwerk geprägt und auch die klassischen Handelsunternehmen, Banken und Industrieunternehmen waren Familiengeschäfte.

Wirtschaft und Kultur

Die unterschiedlichen Wirtschaftskulturen bringen auch je spezifische Produkte hervor, die sich gegenseitig ergänzen. Das ist die Grundlage des Welthandels. Gäbe es eine einheitliche Weltkultur, gäbe es keinen Welthandel. Auch sehr verschiedene Kulturen haben sich bei aller Konkurrenz und kriegerischen Auseinandersetzung über Jahrhunderte gegenseitig ergänzt: Die europäische Weizenkultur hat im Austausch mit der muslimischen Nomadenkultur die blühenden Reiche der Umayyaden und Abbasiden, die maurisch-jüdisch-christliche Hochkultur in Spanien und auf Sizilien hervorgebracht, ohne die der spätere Aufschwung im europäischen Mittelalter und in der Renaissance völlig undenkbar ist.

Dieser Aufschwung, der schon früh mit der Pisaner Protorenaissance im 11. Jahrhundert begann, sich über die urbane Revolution im 12. Jahrhunderts fortsetzte und dann mit der Renaissance des 15. Jahrhunderts voll in Fahrt kam, ist ohne die über Sarazenen, Perser, Mongolen und Türken vermittelten Kontakte nach Indien und China undenkbar. Daß wir dabei vor allem auf Europa schauen, liegt daran, daß solche Kulturkontakte in anderen Regionen der Welt, etwa das Verschmelzen unterschiedlicher Entwicklungen zu den vorkolumbianischen Hochkulturen, die reziproke Beeinflussung der Kulturen an der westlichen afrikanischen und der östlichen indischen Küste des indischen Ozeans oder Entwicklungen in großen Gebiet der chinesischen Kulturen, wenig erforscht und – mir: man verzeihe mir dies – wenig bekannt sind.

Allerdings muß man auch darauf hinweisen, daß jene Kulturen letztlich nicht entwicklungsfähig sind, die sich durch eine Religion bestimmen lassen, die das einmal geoffenbarte Wort für unabänderlich, und uninterpretierbar hält und die die Religion zum unerbittlichen Gesetz allen Handelns erklärt, die sich selbst für einzig überlegen hält und alle anderen für todeswürdig. Die arabische Aufklärung scheiterte 1195 mit Verbannung des Averroës, dem Verbot und der Verbrennung seiner Werke.

Ist es dagegen ein Zufall, daß ausgerechnet die europäische Kultur mit ihrer mühsam im Mittelalter errungenen Trennung von religiöser und weltlicher Macht ein unabhängiges Bürgertum, Renaissance und Aufklärung, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Fortschritt, Industrialisierung und Demokratisierung hervorbrachte? Was wäre, hätte der Islam Europa erobert?[xviii]

Teil zwei dieses Beitrags erscheint in Kürze.

Bildhintergrund: Friedrich Merz, von: Olaf Kosinsky, CC BY-SA 3.0

Endnoten:

[i] Friedrich Merz: Wir leben in Zeiten eines neuen „Kulturkampfes“. In: welt.de Stand 29.12.2019, 08:44. URL: https://www.welt.de/debatte/kommentare/plus204624484/Friedrich-Merz-Freiheit-gibt-es-nur-umfassend-oder-gar-nicht.html?ticket=ST-A-979321-FtuJoPQyuqfX5XdFhj5o-sso-signin-server#_=_.

[ii] Jörn Knobloch: Der neue Kulturkampf – Zur Einleitung. In: Berliner Debatte Initial 30 (2019), Heft 1, S. 4.

[iii] Benjamin Bauer: Kultur und Rasse. Determinismus und Kollektivismus als Elemente rassistischen und kulturalistischen Denkens. In: Berliner Debatte Initial 30 (2019), Heft 1, S. 23.

[iv] Simone Jung: Die Ordnung der Kulturen. Die Flüchtlingsdebatte im Feuilleton. In: Berliner Debatte Initial 30 (2019), Heft 1, S. 43.

[v] Jung zitiert S 46 Christian Schröder: Deutsche Denker gegen Angela Merkel. In: Der Tagesspiegel vom 1. Februar 2016. URL: https://www.tagesspiegel.de/kultur/botho-strauss-ruediger-safranski-peter-sloterdijk-deutsche-denker-gegen-angela-merkel/12907680.html (Stand: 28.04.2018).

[vi] Manow, Philip: Die Politische Ökonomie des Populismus. 2. Auflage Berlin 2019, S. 28.

[vii] Jung, S 48.

[viii] Ebd., S 49.

[ix] Jung zitiert S 49 Alexander Dobrindt: Wir brauchen eine bürgerlich-konservative Wende. In: Die WeLT vom 4. Januar 2018. URL: https://www.welt.de/debatte/kommentare/plus172133774/Warum-wir-nach-den-68ern-eine-buergerlich-konservative-Wende-brauchen.html. (Stand: 10.02.2019)

[x] Jan Tobias Fuhrmann: Vergleich und Ausschluss. Zur Funktion der Kultursemantik. In: Berliner Debatte Initial 30 (2019), Heft 1, S. 27.

[xi] Alfred Kroeber, Clyde Kluckhohn u.a.: Culture. A Critical Review of Concepts and Definitions. New York 1963.

[xii] Michel Wieviorka: Kulturelle Differenzen und kollektive Identität. Hamburg 2003, S. 21.

[xiii] Weitere Literatur: Bundeszentrale für Politische Bildung: Vielfalt der Kulturbegriffe. 23.7.2009. URL: http://www.bpb.de/gesellschaft/bildung/kulturelle-bildung/59917/kulturbegriffe?p=all#fr-footnodeid_7; Helga Breuninger. Gerhart Schröder, (Hrsg.): Kulturtheorien der Gegenwart. Ansätze und Positionen. Frankfurt am Main 2001; Hubertus Busche: Was ist Kultur? Die vier historischen Grundbedeutungen. In: Dialektik. Zeitschrift für Kulturphilosophie, 2000/1, S. 69–90; Terry Eagleton: Was ist Kultur? (München 22001, zuerst unter dem Titel The Idea of Culture. Oxford 2000); Stephan Möbius, Dirk Quadflieg (Hrsg.): Kultur. Theorien der Gegenwart. Wiesbaden 2006; Oskar Negt: Was ist das: Kultur? Vortrag Bonn 1996, URL: http://www2.dickinson.edu/glossen/heft3/negt.html.

[xiv] Vgl. Werner Adelshauser, David A. Gilgen, Andreas Leutzsch (Hg.): Kulturen der Weltwirtschaft. Göttingen 2012; Michel Albert: Kapitalismus contra Kapitalismus. Frankfurt/Main 1992; J. Barkley Rosser Jr., Marina V. Rosser: Comparative Economics in a Transforming World Economy. Cambridge (MA)/London 22018, 32018; David Engels: Geschichte oder Geschichten? Die »One World«-Theorie und die Morphologie der Hochkulturen, in: Frank & Frei 8, 2018. PdF: https://www.academia.edu/38211898/Geschichte_oder_Geschichten_Die_One_World_-Theorie_und_die_Morphologie_der_Hochkulturen_in_Frank_and_Frei_8_2018_78-93; Lothar W. Pawliczak: Die Vielfalt der Wirtschaftskulturen. In: Recherche D Heft 4/Februar 2019.

[xv] Reckwitz, Andreas: Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin 2017.

[xvi] Manow, S. 9

[xvii] Fernand Braudel (Sozialgeschichte des 15.-18. Jahrhunderts. Der Alltag. München 1985, S. 103-188; zuerst Paris 1979) unterschied grundlegend Kulturen nach dominierenden Kulturpflanzen: Weizenwirtschaft Reisbaukulturen, Maiskulturen. Es gibt weitere, die bei Braudel eher beiläufig erwähnt werden, z.B. Knollenfrucht- und Palmenkulturen. Siehe auch: D. Q. Fuller, M. Rowlands: Ingestion and Food Technologies: Maintaining Differences over the long-term in West, South and East Asia. In: T.C. Wilkinson, S. Sherratt, J. Bennet (Hg.): Interweaving Worlds: Systemic Interactions in Eurasia, 7th to 1st Millenia BC. Oxford 2011, S. 37-60; Roland Knauer: Das Getreide bestimmt die Gesellschaftsform. In WeLT.de vom 09.05.2014. URL: https://www.welt.de/wissenschaft/umwelt/article127799052/Das-Getreide-bestimmt-die-Gesellschaftsform.html; Hansjörg Küster: Am Anfang war das Korn. Eine andere Geschichte der Menschheit. München 2013; Hansjörg Küster, Ulrich Nefger, Herrmann Seidl, Nicolette Waechter: Korn. Kulturgeschichte des Getreides. Salzburg 1999; Thomas Miedaner: Kulturpflanzen: Botanik – Geschichte – Perspektiven. Berlin, Heidelberg 2014; Franz Schwanitz: Die Entstehung der Kulturpflanzen. Berlin 1957.

[xviii] Lothar W. Pawliczak: Was wäre, hätte der Islam Europa bereits erobert? URL: https://www.journalistenwatch.com/2018/08/30/was-islam-europa/.


10 Kommentare zu “Leben wir in Zeiten eines neuen Kulturkampfes? (I)

  1. Carlos Wefers Verástegui

    Liebe BN, hoffe, mein Kommentar wird nicht unter den Tisch fallen.

    Der Herr Pawliczak hat da wieder einmal etwas nicht verstanden. Die Zeitschrift, über die er sich künstlich echauffiert, heisst Berliner Debatte INITIAL.

    Lieber Herr Pawliczak, Sie hätten nur das »Initial« berücksichtigen müssen. INITIAL = anfänglich, beginnend. Die Zeitschrift hat recht, ständig streitet irgendwer mit irgendwem über irgendwas. Ich weiss, die ganze Welt täte gut, es allen, vor allem Ihnen, Herr Pawliczak, recht zu machen. Deswegen ist es besser, die Debatten im Anfangsstadium zu belassen.

    Ihre Überlegung ist ganz tendenziös sogar naiv materialistisch-ökonomisch. Sie WISSEN, was die Geschichte in ihrem Kern bewegt, sonnen sich ob der marktwirtschaftlich-liberalistischen Errungenschaften der westlichen Moderne, projizieren deren ökonomische Fabeln in fernste Vergangenheit, um sich dann von dort die »Beweise« zurück zu holen.

    Merz ist natürlich eine tolle Autorität und Referenz.

    P.S. Halb- und Dreiviertelwissen, grossgezogen und grossmäulig vorgetragen vermittels Schlagworten, diesen geistigen Suppenwürfeln, ist das moderne Äquivalent der Pest.

  2. Lieber Herr Carlos Wefers Verástegui, bevor man über etwas redet, sollte man sich sachkundig machen: Die Zeitschrift wurde 1990 von Peter Ruben (http://www.peter-ruben.de/) begründet: Sie hieß zunächst »Initial – Zeitschrift für Politik und Gesellschaft« und war aus der Zeitschrift »Sowjetwissenschaft«, die sich für Glasnost und Perestrojka einsetzte, hervorgegangen. Als der »Verlag Volk und Welt« die Zeitschrift aufgab, wurde ein Herausgeberverein gegründet, dessen erster Vorsitzender Peter Ruben war. Schließlich hat er die Zeitschrift in »jüngere Hände« gegeben. Peter Ruben ist mein verehrter akademischer Lehrer und Freund. Schon seit einigen Jahren kann Peter Ruben gesundheitlich beeinträchtigt nicht mehr schreiben und öffentlich auftreten. Es schmerzt mich sehr – und nicht nur mich, sondern auch andere der zu DDR-Zeiten als »Gruppe Ruben« des Revisionismus Beschuldigte und mit Lehr- und Publikationsverbot Belegte – wie diese Zeitschrift nur noch in der selbstkonstruierten Wahrnehmungsblase verweilt.
    Was Ihre Verbalinjurien angeht: Das ist nicht mein Niveau und insofern sind Sie keiner Antwort würdig.
    Freilich haben Sie wenigstens erkannt: Ich argumentiere materialistisch-ökonomisch und marktwirtschaftlich-liberal. Glückwunsch! Wenn Sie zum Thema anders argumentieren wollen, dann können wir gern in die Debatte eintreten. Also: Wo sind Ihre Argumente?
    Freundliche Grüße LWP

  3. Carlos Wefers Verástegui

    @Lothar W. Pawliczak

    Lieber Herr Paliczak,

    dann hätten Sie in der Pflicht gestanden KENNTLICH ZU MACHEN, was das heisst, wie Sie es ja im nachhinein getan haben. Normalerweise mache ich mich aus Internet nicht schlau, »recherchiere« folglich auch nicht in ihm. Auch aus der Presse mache ich mich nicht schlau, Presse verdummt.

    Nun einmal: Geschichtlich hält sich Ihre Darstellung nicht, auch naturrechtlich nicht. Das ist mein Argument. Die ganze Sache mit »Marktwirtschaft«, »Ökonomie«, »Freiheit« usw. hat sich doch nicht im Bereicht der Aufklärung abgespielt. Genau genommen müsste die Aufklärung ökonomisch beim Staatssozialismus bzw. Staatskapitalismus landen, weswegen alle Projekte diesbezüglich auch dem Geiste der Aufklärung entstammen. Was (modernen) Kapitalismus und Liberalismus wirklich als Praxis aus der Taufe gehoben haben, waren ganz andere geistige Strömungen. Im Anschluss an den Nominalismus der Individualismus, wie wir ihn ökonomisch gut entwickelt bei Machiavelli finden. Dann, besonders bezüglich des »modernen« Kapitalismus, die hysterischen Sektierer Neuenglands sowie Grossbritanniens. Alles nachzulesen bei Hasbach, Tocqueville, William James, natürlich Max Weber (dem irgendjemand von Recherche D eine schlechte Note erteilt hat).

    Argumente müssen immer nachprüfbar sein auch unabhängig davon, ob ich ideologisch so und so ticke oder nicht. Rhetorik, Einreden sowie Schlagworte sind keine Argumente und ersetzen sie auch nicht, und Friedrich Merz ist ein sehr schlechter Gewährsmann.

    Beste Grüsse

    CWV

  4. Carlos Wefers Verástegui

    Andererseits, der Kulturbegriff kann nicht ökonomisch oder materialistisch sein, sonst gibt man ihn auf! Wenn man überhaupt den Kulturbegriff verwenden möchte, muss man sich zunächst einmal klar darüber sein, dass es sich bei Kultur um »destruktive Aneignung« (K. Löwith) von »Natur« handelt, wobei die Kultur immer noch in der Natur wurzelt bzw. gründet. Gerade die Deutschen haben mit Recht »Kultur« mit »Geist« gleich gesetzt, wobei gerade dieses geistige der Kultur, diese rational-menschliche Eigenart, von den Naturrechtlern, Hobbes, Pufendorf vorgebildet wurde, richtig ausgebildet aber von Giambattista Vico, dann noch einmal von Herder, Hegel, den Romantikern. Kultur wäre demnach vorökonomisch, weil erst die Kultur die Wirtschaftsweise vorgibt. Wo kein Geist, d.h. kein vernünftiges Menschenwesen, da gibt es auch keine Ökonomie. Der Geist behauptet immer seinen Vorrang gegenüber der Wirtschaft. Wo er immer naturferner wird, haben wir die Zivilisation, die bürgerliche Welt-Gesellschaft, nach der »zweiten« die DRITTE Natur.

    Da Kultur nun »destruktive Aneignung«, ist sie nun doch eine »Gewaltat«, und zwar gegenüber der Natur, genauso wie es die Zucht, Erziehung, Sittlichkeit gegenüber der rohen Menschennatur ist.

    Die Bewertung der Vergangenheit aufgrund eines ganz und ganz neuzeitlichen Materialismus-Ökonomismus muss notwendig irren. Gerade anthropologische Untersuchungen zeigen, dass nicht monokausal aufgezeigt werden kann, es sei alles nur »Ökonomie« gewesen in der Menschheitsentwicklung. Die Natur treibt die Ökonomie nicht selbst aus sich heraus, sondern nur in Form des Menschen, der seiner eigenen Natur nach ein geselliges sowie Vernunftwesen ist.

  5. Oh man, da wirft aber einer mit Namen um sich, deren Werke er wohl als von ihm gelesen vorgeben will. Das ist mir zu verwirrt. Das entwirre, wer mag. Namen sind keine Argumente und ersetzen sie nicht als Gewährsleute.

  6. Einen diskussionswürdigen Einwand bringt Herr Verástegui auf der Facebookseite der „Blauen Narzisse“ (Warum nicht hier?) zu meinem Text. Ich zitieren den hier: „EUROPÄISCHE WEIZENKULTUR, die es so nicht gibt, war in Spanien und Italien stark fokalisiert [sic!], Spanien Alt- und Neukastilien, in Italien selbstverständlich Sizilien. Die »Weizenkultur« Nordafrikas, ehedem die Kornkammer der Alten Welt, wurde durch die islamische Eroberung kaputt gemacht. Es gab so keinen »Austausch« zwischen »Nomaden-« und »Weizenkuturen«, die Muslime waren wirtschaftlich selbst tätig im Bewässerungsfeldbau, Obst- und Gemüsebau mit nebenbei Fleischerzeugung – ganz wenig, eher Käse –, wobei die landwirtschaftlichen Produkte genau nach den kulturellen Bedürfnissen erzeugt wurden, z.B. Wein bei den Christen, auch Schweineschmalz, Olivenöl usw. sowie Reis bei den Muslimen. Der »Aufschwung« des Mittelalters, vor allem im Gefolge der militärischen Vormacht der Christenheit sowie der Übernahme gewisser Technologien von den Arabern. ES GAB MINDESTENS IMMER GENAUSOVIEL KAMPF UND AUSPRSSUNG WIE »AUSTAUSCH«.“ Das bestreite ich garnicht!

    Die Hinweise von Fernand Braudel auf charakteristisch unterschiedliche Ernährungsgrundlagen unterschiedlicher Kulturen, was ich erweitert als „Wirtschaftskultur“ bezeichne, sollen nicht mehr bieten – wie ja sein umfangreiches Werk „Sozialgeschichte des 15.-18. Jahrhunderts“ insgesamt – als eben Anregungen für weitere Untersuchung zum vertiefenden Verständnis von Geschichte und Gegenwart und der menschlichen Entwicklung überhaupt (Vgl. dazu auch meinen Aufsatz https://www.academia.edu/35526992/Pawliczak_Entwicklungstheorie_2017). Es sind Vorschläge für Begriffsbildungen, die sicher noch zu präzisieren sind, innerhalb eines theoretischen Modells. Der Begriff der Weizenkultur steht für eine Gesamtheit kultivierter Grasarten und ist wohl grundsätzlich in eine Hirse-Weizen-Gerste-Kultur einerseits und eine Weizen-Roggen-Hafer-Kultur andererseits zu differenzieren. Hinzu kommen stets ergänzende Pflanzen, vor allem Hülsenfrüchte. Das ist bei den anderen, durch dominierende Kulturpflanzen bezeichnete Wirtschaftskulturen ebenso und auch da wäre die Definition noch zu präzisieren oder überhaupt erst zu formulieren.
    Die Weizenkultur entstand, soweit man es aufgrund archäologischer Forschungen und biologisch-historischer Vergleiche weiß, in den Gebirgen Anatoliens, wo aus der wildbeuterischen Wirtschaftsweise etwa beginnend im 12. Jahrtausend v.Chr. Ackerbau und Viehzucht entstand und sich im sogenannten Fruchtbaren Halbmond weiterentwickelte (neolithische Revolution): Einfache Erdgruben sind als älteste Vorratsspeicher archäologisch nachgewiesen worden. „Die Ährchen am Rand des Vorrats keimen und verbrauchen dabei den gesamten Sauerstoff in der Grube. Unter sauerstoffarmen Bedingungen hält sich der Vorrat monatelang. Weder Insekten noch Pilze, die zum Überleben Sauerstoff benötigen, können das Korn verderben lassen.“ (Hansjörg Küster: Am Anfang war das Korn. Eine andere Geschichte der Menschheit. München 2013. S. 56f) Ergebnis war eine Auslese dieser Pflanzen, die sich zunächst auf natürliche Weise am Rande von angelegten Erdspeichern vermehrten, als besondere Pflanzen erkannt – den frühen Menschen muß es wie ein Wunder vorgekommen sein, daß an den Rändern der von ihnen angelegten Erdbunker nun genau die Pflanzen wuchsen, die sie als Nahrung mühsam gesammelt hatten – und schließlich bewußt als Kulturpflanzen zum Zwecke künftiger Nahrungssicherung angebaut wurden. Ähnliche Entwicklungen – eben die neolithische Revolution – gab es völlig unabhängig davon auch in anderen Gebieten, z.B. in China: Reiskultur, Mexiko: Maiskultur, Südamerika: Wurzelknollenkultur. Es gibt auch Übergansformen, so z.B. in Äthiopien eine halbnomadische Lebensweise mit Anbau von Teff. Die mit der neolithischen Revolution entstandenen Agrargesellschaften und ihre Nachfolger waren ständigen Angriffen durch militärisch überlegene Reiterkrieger der nomadischen Produktionsweise ausgesetzt. Es bleibt sicher noch genauer der Begriff der Nomadenkulturen – Beispiele: Xiongnu, Hunnen, Awaren, Araber, Ungarn, Mongolen, Seldschuken, Osmanen – zu bestimmen. Auch – das sei hier ausdrücklich wiederholt – der allgemeine Begriff der Wirtschaftskultur wie die darunter fallenden anderen Begriffe der unterschiedlichen Kulturen bedürfen sicher der Präzisierung.

    Wir haben es hier mit Begriffen zu tun, die der erkennenden Unterscheidung dienen. In der realen Entwicklung verbreiten, modifizieren, variieren, kombinieren und verändern sich diese Kulturen, wobei wohl eine Grundsubstanz erhalten bleibt. Die von mir so genannte Weizenkultur hatte nach dem Bewässerungsanbau in Mesopotamien, der gewisse Ähnlichkeiten mit der asiatischen Naßreiskultur hat, eine weitere Blüte in der Antike vor allem in Nordafrika, entwickelte sich dann als Weizen-Roggen-Kultur in Europa und breitete sich bis nach Nordamerika und Australien aus. Mit der arabischen Eroberung wurde die nordafrikanische Oasenkultur und der Weizenanbau überformt. Nomaden wurden seßhaft, bildeten neue Kulturvarianten aus, andere assimilierten sich, z.B. die Awaren und Hunnen verschwanden in Dunkel der Geschichte, die Magyaren wurden zu Ungarn. Und es gibt innerhalb der Kulturen, jeder kennt das von seiner eigenen Nation oder wenn er andere bereist, kulturelle Differenzierungen. Nicht alles ist dabei auf die Wirtschaft – in der Realität gibt es immer eine Vielzahl von Einflußfaktoren – zurückzuführen, hat aber auch Auswirkungen auf diese.

    Wenn wir Begriffe aufgrund theoretischer Modelle (im Rahmen von Theorien und als deren Axiome) bilden, dann sich das Fixpunkte, ähnlich etwa dem Normalnull am Pegel, um die Veränderung des Wasserstandes durch Ebbe und Flut oder bei Flüssen und Seen präzise angeben zu können. Begriffe sind Werkzeuge, um unsere Wahrnehmung zu ordnen und sie helfen, die Realität, wie sie uns wahrnehmend erscheint und wir sie zugleich handelnd beeinflussen, zu erkennen.

  7. Carlos Wefers Verástegui

    @ Lothar Pawliczak

    Fernand Braudel, von der französischen »Annales-Schule« herkommend, hat einen nur etwas gemildeteren historischen Materialismus angewendet, natürlich waren die Deutschen auch hier Pioniere, Ratzels Anthropogeographie, oder Lamprechts Wirtschaftsgeschichte.

    Gerade aus begrifflichen Gründen, die ich o. bereits genannt habe, lehne ich das mit der »Wirtschaftskultur« ab.

    Zur Begriffbildung: dürften wir uns einig sein darin, dass Begriffe an sich weder richtig noch falsch sind, gerade in hinsicht auf ihre Verwendbarkeit, sondern entweder gut oder schlecht gebildet? Ein gut gebildeter Begriff leistet, was Sie ja selbst sagen. Die schlecht gebildeten nehmen all zu oft den Charakter von Schlagworten an, ja sind selbst zumeist Schlagworte, und damit Verständnis sowie Beherrschung der Wirklichkeit schnurstracks entgegen gesetzt.

    Die Weizenkultur, d.h. die Kultur des Weizens, bezeichnet einfach nur die Art und Weise, wie der Weizen angebaut, kultiviert wird. Die »WEIZENKULTUR«, d.h. eine geistige Gestaltung welche sich in gemeinschaftlichem Handeln ausdrückt – kann ich mir höchstens als eine »Kultur« vorstellen, die viel Aufhebens macht um den Weizen, z.B. die Ceres anbetet, mit entsprechenden Kulthandlungen, Opfern, Festen, z.B. CEREALIA. Die mediterrane Triade »Weizen-Wein-Olivenöl« gehört einer bestimmten Kultur an, aber, was ist mit den Schweinen, den Schafen und den Ziegen? Gerade in Kastilien haben wir ja von keltischen Völkerschaften hinterlassen die Stier – und Schweineidole (verracos), in Elsass-Lothringen (Hagenau) die gross angelegte Schweineaufzucht bei den dortigen Galliern – sind das nun »Stier-« bzw. »Schweinekulturen«? Warum das Hauptnahrungsmittel (?), oder das Nahrungsmittel, um das viel Aufhebens gemacht wird, zur Kulturdeutung benutzen? Sind wir derart was wir essen? Wenn ja, dann doch erst auf den höheren Kulturstufen bzw. zur Spätzeit der Zivilisation.

    Zu den Kornspeichern: dass Gemüse und sonstige Ackerfrüchte EINGEMIETET werden bzw. wurden sollte heute immer noch Allgemeinbildung sein. Übrigens, was das Korn betrifft, gerade die Kornspeicher wurden nicht voll gemacht, weil ab einer bestimmten Menge das ganze gärt.

    Der viel zu langen Rede ganz kurzer Sinn: mich stört das Schlagwort. Es erklärt nichts, bezieht sich nur auf einen Teilaspekt, vielleicht noch nicht einmal auf den wichtigsten, der »Kultur«. Wo Begriffe neben Schlagworten stehen behauptet sich der Kampf- gegenüber dem Erkenntniswert. Unkraut überwucher grundsätzlich immer das edle GewÄchs.

  8. Den Unterschied von Wort und Begriff hier zu erörtern, würde wohl das Format sprengen. Ich kann daher hier nur auf den Anhang „Wort und Begriff“ zu meinem Aufsatz »Kein Begreifen von „Adel“ ohne klar definierten Adelsbegriff!« verweisen. Man könnte vielleicht ein Schlagwort als einen zur Beliebigkeit heruntergekommenen Begriff bezeichnen. „Wort ist eine Spracheinheit, Begriff dagegen eine Einheit des Denkens.« (Heinz Vater: Begriff statt Wort – ein terminologischer Wirrwarr, S. 10)
    Ein Begriff ist definiert.
    Wohlgemerkt: Wir reden hier nicht von der Sache (Weizenkulkur), sondern vom BEGRIFF DER SACHE (Begriff der Weizenkultur), also wie die Sache gedacht wird bzw. gedacht werden kann. Die Definition eines Begriffes, um die Sache zu »begreifen« (Das meint »verstehen«: vgl. den Unterschied von Anschauung und Verstand lt. Immanuel Kant), steht immer in einem theoretischen Kontext. Jede Theorie, jeder Begriff ist ein DENKANGEBOT. Grundsätzlich gilt: Man kann die Sache auch anders denken – dabei allerding u.U. die Realität verfehlen. Innerhalb einer anderen Theorie wird man anders definieren. Ist man sich darüber im Klaren, kann man über den Unterschied der Theorien an Hand auch ihrer Begriffsdefinitionen diskutieren. Manche Theorien stehen ineinander in Konkurrenz, andere sind miteinander kompatibel.
    Um es an einem hoffentlich plausiblen Beispiel zu erläutern: Für das deutsche WORT Arbeit gibt es im Englischen zwei Worte – labour und work – mit unterschiedlichen Bedeutungen. Es gibt aber keinen „Begriff Arbeit“. Es gibt einen physikalischen BEGRIFF DER ARBEIT (Arbeit = Kraft mal Weg) und verschiedene ökonomische Begriffe der Arbeit. Nach Peter Rubens Definition ist physikalische Arbeit genau dann ökonomische Arbeit, wenn sie bezahlt wird. Diese beiden Begriffe der Arbeit sind also kompatibel, aber nicht identisch.
    Wenn Sie, Herr Verástegui, das Wort „Weizenkultur“ benutzen, haben Sie offensichtlich eine sehr verengte Vorstellung (!) vom Weizenanbau: Das ist nicht nur das, was der Bauer ackernd, säend, erntend auf dem Land treibt, wobei es schon einen Unterschied macht, ob es sich um leichte zu bewässernde Böden im Zweistromland, um leichte Böden im Mittelmeerraum oder um schwere Böden in Mitteleuropa handelt. Emmer, Weizen und verwandte Arten erfordern einen mehrstufigen Arbeitsaufwand, bevor die Furcht zur Bereitung von Brei oder Brot bereitsteht: Die Ähren müssen gebrochen (Dreschen), die von Spelzen umschlossenen Körner müssen aus diesen herausgelöst (Entspelzen), die Körner müssen von der Spreu getrennt (Worfeln) und schließlich gemahlen werden. Bei Reis ist das ähnlich, aber einfacher; Maiskolben können ohne weitere Aufbereitung roh oder gekocht verzehrt werden. Ein anderer Unterschied zwischen der Weizenkultur und der Reiskultur ist vielleicht viel wesentlicher: Weizen und verwandte Arten werden nur einmal im Jahr geerntet. Mit Wintergetreide können zwar die Aussaat- und Erntezeiten etwas auseinandergezogen werden, es bleibt aber bei faktisch einer Ernteperiode im Jahr. Das und die schwankenden Erträge vor allem infolge wechselnder Wetterbedingungen erfordert eine umfangreiche Vorratshaltung. Die Aufwendige Verarbeitung des Getreides bis zum Verzehr erforderte die Entwicklung entsprechender Verarbeitungstechniken. Vorratswirtschaft und Austausch zwischen den wechselnd unterschiedlich ertragreichen Gebieten hat die Entwicklung des Fernhandels stimuliert, dieser – ebenso wie die Notwendigkeit der Getreideverarbeitung – Handwerk, Manufaktur, schließlich Industrie. Die intensivierte Feldwirtschaft mit Ochsen und Pfeden als Zugmittel und Antriebsquelle (Göpel) erforderte genagelte Hufeisen (auch für die europäischen Panzerreiter): Die entschiedene Entwicklung der Eisenverhüttung speziell etwa seit Karl dem Großen. Dreifelderwirtschaft, Feudalstruktur, bäuerlicher Familienbetrieb (mansus), Mühle, Handwerksbetrieb, Handels- und Bankwesen. Alles das gehört zur europäischen Weizenkultur, die sich bis nach Nordamerika und Australien ausbreitete und mit der Renaissance und der indutriellen Revolution zur dominierenden in der Welt wurde.

  9. Carlos Wefers Verástegui

    @Lieber Herr Pawliczak,

    In einer ordentlich geführten Debatte gibt es immer Angebot und Gegenangebot. Wenn auf ein Angebot ein Gegenangebot folgt, bin ich als Gegenanbieter nur negativ auf das ursprüngliche Angebot eingegangen in der Erwartung, es wird mindestens ebenfalls negativ auf das Gegenangebot eingegangen. Andere Debattenführung bekundet fehlendes Interesse an der Debatte, hingegen umso grösseres Interesse sich selbst auszusprechen, wobei es in einer ordentlich geführten Debatte im Richtigkeit, Wahrheitsfindung, Verbesserung geht.

    Ich halte es für überflüssig und sogar anmassend, auf eigene, von mir selbst verfasste Aufsätze zu verweisen. Gerade für Begriffe und Begriffsbildung gibt es hervorragende Wissenschaftler, da muss ich nicht extra auf mich selbst verweisen. Aber, auch ich habe darüber geschrieben, gleich am Eingang von »Begriff und Wirklichkeit der Rasse«, der leider nicht mehr abrufbar ist (BN, Einwanderungskritik), den Ihnen aber sicher Felix Menzel zur Verfügung stellen kann.

    Es lohnt sich nicht, mit Ihnen über Begriffsbildung zu diskutieren. Ein Begriff wird definiert, meinen Sie, ja mindestens aber dient der Begriff selbst zur Definition!

    Wie komme ich auf den Begriff »Staat«? Definiere ich erst, was der Staat ist, suche mir dann einige aus irgendeinem Grunde hervorragende Elemente heraus, fasse diese erneut zu einem Abstraktum zusammen und wende das nun auf alle Verbände und Gemeinwesen an, um sie auf ihre Staatlichkeit, ihren Staatscharakter hin zu prüfen? Wer tut so etwas? Wäre doch folgerichtiger, dem Staat, wie es einige Forscher ja wirklich getan haben, alle Wirklichkeit und Existenz abzusprechen, dafür aber die Fiktion vom Staat zu akzeptieren (Als-ob), um eine Reihe von Erscheinungen des Rechts, der Verwaltung, der Politik erklären zu können.

    Ansonsten habe ich den starken Verdacht, dass Sie einen nominalistisch-pragmatistisches Verständnis vom »Begriff« haben, ähnlich der Amerikaner, womit klar umzeichnet ist, wo da die Grenzen liegen: »Darum auch Jede Theorie, jeder Begriff ist ein DENKANGEBOT. Grundsätzlich gilt: Man kann die Sache auch anders denken – dabei allerding u.U. die Realität verfehlen« – jain bzw jein. Es gibt Denknotwendigkeiten, die man Logik nennt, und Sachen entgegen ihrer Logik zu denken bzw. logisch nicht rein zu denken, disqualifiziert wissenschaftlich.

    Eine Theorie ist kein »Denkangebot«. »Denkangebot« ist martwirtschaftlich-dogmatisch subjektivistisch vorgetragen, damit aber ein Willkürprodukt, das jeder sich so zurecht macht wie es ihm gerade einfällt. Damit ist die Theorie aber vom Tisch! Waren Platons und Aristoteles Theorien »Denkangebote«? Ist Hobbes´ Staatstheorie ein »Denkangebot« oder Durkheims Sozialtheorie? Ist A. Smiths Wirtschaftstheorie ein »Denkangebot«? Oder Veblens »Theorie der feinen Leute«? Ich darf doch sehr bitten!

  10. Es ist hier wohl nicht der richtige Ort, um weitschwefend vom Hundersten ins Tausendste zu kommen. Muß ich daran erinnern, daß es hier um die Frage der Kultur und des Kulturkampfes geht? DAS ist dringend notwendig zu diskutieren und wir sollten es u.a. hier tun.
    Ich war schon zur Frage der Begriffsbildung abschweifend. Tut mir leid, aber es schien mir notwendig, um (Ihre) Mißverständnissse auszuräumen. Ansonsten sollten wir die Frage »Begriff und Theorie« vielleicht besser an anderer Stelle diskutieren – vielleicht hier: Ich trage die beiden Links, die ich oben vergessen hatte einzufügen, hiermit nach: https://www.academia.edu/31028663/Kein_Begreifen_von_Adel_ohne_klar_definierten_Adelsbegriff_Mit_einem_Anhang_Wort_und_Begriff und (auch dort zitiert) https://pub.ids-mannheim.de//laufend/sprachreport/pdf/sr00-4.pdf

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Datenschutzinfo