Gesichtet

Leben wir in Zeiten eines neuen Kulturkampfes? (I)

„Wir leben in Zeiten eines neuen ‚Kulturkampfes‘ um die Zukunft unserer freiheitlichen liberalen Ordnung“, meinte Friedrich Merz (CDU) in einem in der WELT veröffentlichten kurzen Artikel.[i]

Fast genau ein Jahr zuvor hatte die Zeitschrift Berliner Debatte Initial zwei interessante Texte zum aufgeladenen Konflikt um Kultur veröffentlicht. Eine Debatte dazu mochte man dort aber nicht führen, wurde namens der Redaktion mitgeteilt: Man bringe zwar Artikel mit unterschiedlichen Ansichten, möchte aber nicht, daß „ständig irgendwer mit irgendwem über irgendwas streitet“. Das ist schon merkwürdig für eine Zeitschrift, die das Wort Debatte im Titel führt.

Diskursverweigerung der Linken

Andererseits: Für eine eher auf der linken Seite des politischen Spektrums zu verortende Zeitschrift ist die Diskursverweigerung wohl nicht so überraschend: Linke reden am liebsten nur mit sich selbst über Andere und nicht mit Andersdenkenden. Lassen Sie uns dann also hier den notwendigen Diskurs zum sogenannten Kulturkampf weiterführen.

Es gehe ein Riß durch die Wahrnehmung von Kultur, die gemeinhin positiv mit Vertrautheit, Gemeinschaftsbildung, Ordnung verbunden wird: „Kultur integriert längst nicht mehr, sondern sie produziert ein Spannungsfeld für Konflikte in der Gegenwart“, schieb Jörn Knobloch im Editorial zur Debatte, die keine Debatte will.[ii] Als Extreme stehen sich da der Traum von der Integration aller in eine „Weltkultur“ einerseits und die düstere Prognose vom „Kampf der Kulturen“ (Samuel P. Huntington) gegenüber.

Benjamin Bauers Übersicht, wie dem rassentheoretischen Mißbrauch von Kultur als politisches Erklärungsmuster ein antirassistischer Kulturalismus entgegengesetzt wurde, ist grundlegend. Bemerkenswert und erschreckend sind dabei „die strukturellen Ähnlichkeiten beider Denkformen“[iii].

Simone Jung setzt die Übersicht von Benjamin Bauer faktisch fort mit einer Betrachtung des „Feuilletons als Ort kultureller Kämpfe“. Zweifellos hat die mindestens seit 2015 anhaltende Flüchtlingskrise auch die Debatte um Kulturen neu angestoßen. Ein (links-)liberales und ein (rechts-)konservatives Lager stünden sich da gegenüber, wobei Linksorientierte die selbsterklärten Guten, die Konservativen das von diesen Guten so bezeichnete rechtspopulistische Lager der Bösen sind.

Statt Argumente auszutauschen werden eher moralische Urteile hin- und hergeworfen. Die „Guten“ suchen ihre Deutungshoheit mit Ausgrenzungen zu behaupten, etwa wenn Botho Strauß „als eine unvernünftige und nicht ernstzunehmende Stimme“[iv] präsentiert wird. Es erfolge Abgrenzung der Guten gegen den Populismus, was das auch immer sein mag. Gleichwohl vermerke man „neue nationalkonservative Wortführer“[v] im Feuilleton.

Internet und Stammtisch

Nur im Feuilleton? Findet die Debatte um die Flüchtlingspolitik, um unterschiedliche Kulturen, um nationale Identität nicht eher auf der politischen Ebene statt? Und haben wir mit dem Internet nicht inzwischen ein neues Feld der öffentlichen Debatte erreicht – eine Debatte, in der auch Leute zu Worte kommen, die bislang öffentlich kaum zu hören waren oder allenfalls am Stammtisch. Da wird schon mal gepöbelt und ausgegrenzt.

Am Stammtisch stoppt das meistens dann einer: „Nu is aba jut, wa! Hör ma uff!“ Da redet man halt noch naturbelassen und postet so auch zum Entsetzen der Political Correctness im Internet. Den „Guten“ sind solche Äußerungen, öffentlich im Internet oder etwa bei Pegida und bei ähnlichen Gelegenheiten willkommener Anlaß, weiter auszugrenzen und deplatzierte Äußerungen auch jenen vorzuhalten, die sie als Wortführer im Feuilleton, überhaupt in den Medien oder in Talkshows nicht haben wollen. Selbst wenn diese Wortführer gleichsam der Forderung folgen, als „Ungewaschene sich doch bitte erst mal [zu] waschen, bevor sie artig am Diskurstisch Platz nehmen dürfen“[vi], billigt man ihnen allenfalls einen Platz am Katzentisch zu.

Simone Jung bemerkt einen „Machtanspruch im öffentlichen Diskurs“[vii] und betont: „Steht die Ordnung der Kultur selbst zur Diskussion, braucht es Möglichkeitsräume für ihre Verhandlung.“[viii] Wie soll aber „verhandelt“ werden, wie soll ein vernünftiger Diskurs hergestellt werden, wenn die „konservative Revolution der Bürger“ der „linken Revolution der Eliten“[ix] ebenso unversöhnlich gegenübersteht wie einst Rassismus und Kulturalismus?

Beide Autoren bieten keine Lösung. Jan Tobias Fuhrmann formuliert, was das Problem ist: „Was Kultur ist, das weiß man schon irgendwie.“[x] Und so redet man in der Debatte aneinander vorbei: Man hat keinen gemeinsamen Begriff der Kultur! Man kann die Debatte natürlich nicht vertragen, bis man aus den vielleicht 160[xi], vielleicht 163[xii] oder mehr[xiii] unterschiedlichen Definitionen von Kultur einen einheitlichen Begriff gebildet hat.

Kultur bedeutet Verzicht auf Gewalt

Fakt ist, und darauf könnte man sich doch grundsätzlich und vorläufig einigen hinsichtlich der Frage, was denn Kultur sei: Die menschliche Kultur begann, als sich zwei Hominidengruppen begegneten, ohne zu versuchen, sich gegenseitig zu erschlagen und die anderen zu verspeisen. Solange Gemeinschaften von Hominiden fremde Individuen oder Gruppen der gleichen Art als Nahrungskonkurrenten im Territorium auffassen und sie sich gegenseitig als Freßfeinde behandeln, unterscheidet sich ihr Verhalten zueinander nicht von der jeder anderen Tierart.

Erst wenn die Individuen einer Hominidengruppe mehr erzeugen, als sie individuell und die Gemeinschaft insgesamt verbrauchen, ist es möglich, andere Individuen zu versklaven oder Produkte (Vorräte) gegenseitig auszutauschen. Das ist der Anfang von Kultur. Rauben sich die Gemeinschaften nicht gegenseitig aus, sondern treten sie in (Preis-)Verhandlung über die ggf. auszutauschenden Dinge, erkennen sie sich gegenseitig als gleichberechtigt an. Kommen sie überein, wirklich auszutauschen, ergänzen sich ihre unterschiedlichen Kulturen gegenseitig. Wird der Austausch dauerhaft, bilden sie einen gemeinsamen Markt, der sich schließlich zum Weltmarkt entwickelt: Insgesamt ein Markt differenter Kulturen[xiv], denn gäbe es die Unterschiede nicht, gäbe es nichts auszutauschen.

Und hier setzt meine Kritik der Kulturfeuilletons an: Den Betrachtungen zum „neuen Kulturkampf“ mangelt die materialistische Fundierung. Dazu ist wohl Bill Clinton zu zitieren: „It’s the economy, stupid!“

Einer ökonomischen Fundierung bedarf auch die Befassung mit dem sogenannten Populismus. Die Abhandlung dieser neuen politischen Strömungen – wobei der linke Populismus wohl älter ist als der rechte – nach dem Muster „Kulturkampf“ kann offensichtlich die Ursachen ihres gegenwärtigen Erfolgs nicht klären. Das gar als Symptom einer „Kulturalisierung der Politik“[xv] aufzufassen, hebt auf beiden Seiten „die Debatte zuverlässig in den Bereich der politischen Leidenschaften und Moral, was sie so unergiebig und zugleich so hysterisch macht.“[xvi]

Unterscheidet man wie Fernand Braudel[xvii] Kulturen nach ihrer Wirtschaftsweise, so wird klar, daß es kulturelle Unterschiede geben muß, die sich insofern angleichen, indem sich die Wirtschaftsweisen angleichen. Aber das ist ein sehr langer historischer Prozeß. Die unterschiedlichen Naturgrundlagen prägen die unterscheidbaren Kulturen bis in die Gegenwart und bis hin zu typischen Verhaltenscharakteristika. In den vom Naßreisanbau geprägten Regionen Asiens kennt man den europäischen Individualismus nicht: Naßreisanbau erfordert ganzjährig für Anlage und Pflege der Felder, für das Wasserregime, die Setzlingsaufzucht und -pflanzung sowie bei der Ernte einen koordinierten und disziplinierten Einsatz vieler Menschen. Europa ist dagegen über Jahrhunderte durch den Familienbetrieb in Landwirtschaft (mansus) und Handwerk geprägt und auch die klassischen Handelsunternehmen, Banken und Industrieunternehmen waren Familiengeschäfte.

Wirtschaft und Kultur

Die unterschiedlichen Wirtschaftskulturen bringen auch je spezifische Produkte hervor, die sich gegenseitig ergänzen. Das ist die Grundlage des Welthandels. Gäbe es eine einheitliche Weltkultur, gäbe es keinen Welthandel. Auch sehr verschiedene Kulturen haben sich bei aller Konkurrenz und kriegerischen Auseinandersetzung über Jahrhunderte gegenseitig ergänzt: Die europäische Weizenkultur hat im Austausch mit der muslimischen Nomadenkultur die blühenden Reiche der Umayyaden und Abbasiden, die maurisch-jüdisch-christliche Hochkultur in Spanien und auf Sizilien hervorgebracht, ohne die der spätere Aufschwung im europäischen Mittelalter und in der Renaissance völlig undenkbar ist.

Dieser Aufschwung, der schon früh mit der Pisaner Protorenaissance im 11. Jahrhundert begann, sich über die urbane Revolution im 12. Jahrhunderts fortsetzte und dann mit der Renaissance des 15. Jahrhunderts voll in Fahrt kam, ist ohne die über Sarazenen, Perser, Mongolen und Türken vermittelten Kontakte nach Indien und China undenkbar. Daß wir dabei vor allem auf Europa schauen, liegt daran, daß solche Kulturkontakte in anderen Regionen der Welt, etwa das Verschmelzen unterschiedlicher Entwicklungen zu den vorkolumbianischen Hochkulturen, die reziproke Beeinflussung der Kulturen an der westlichen afrikanischen und der östlichen indischen Küste des indischen Ozeans oder Entwicklungen in großen Gebiet der chinesischen Kulturen, wenig erforscht und – mir: man verzeihe mir dies – wenig bekannt sind.

Allerdings muß man auch darauf hinweisen, daß jene Kulturen letztlich nicht entwicklungsfähig sind, die sich durch eine Religion bestimmen lassen, die das einmal geoffenbarte Wort für unabänderlich, und uninterpretierbar hält und die die Religion zum unerbittlichen Gesetz allen Handelns erklärt, die sich selbst für einzig überlegen hält und alle anderen für todeswürdig. Die arabische Aufklärung scheiterte 1195 mit Verbannung des Averroës, dem Verbot und der Verbrennung seiner Werke.

Ist es dagegen ein Zufall, daß ausgerechnet die europäische Kultur mit ihrer mühsam im Mittelalter errungenen Trennung von religiöser und weltlicher Macht ein unabhängiges Bürgertum, Renaissance und Aufklärung, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Fortschritt, Industrialisierung und Demokratisierung hervorbrachte? Was wäre, hätte der Islam Europa erobert?[xviii]

Teil zwei dieses Beitrags erscheint in Kürze.

Bildhintergrund: Friedrich Merz, von: Olaf Kosinsky, CC BY-SA 3.0

Endnoten:

[i] Friedrich Merz: Wir leben in Zeiten eines neuen „Kulturkampfes“. In: welt.de Stand 29.12.2019, 08:44. URL: https://www.welt.de/debatte/kommentare/plus204624484/Friedrich-Merz-Freiheit-gibt-es-nur-umfassend-oder-gar-nicht.html?ticket=ST-A-979321-FtuJoPQyuqfX5XdFhj5o-sso-signin-server#_=_.

[ii] Jörn Knobloch: Der neue Kulturkampf – Zur Einleitung. In: Berliner Debatte Initial 30 (2019), Heft 1, S. 4.

[iii] Benjamin Bauer: Kultur und Rasse. Determinismus und Kollektivismus als Elemente rassistischen und kulturalistischen Denkens. In: Berliner Debatte Initial 30 (2019), Heft 1, S. 23.

[iv] Simone Jung: Die Ordnung der Kulturen. Die Flüchtlingsdebatte im Feuilleton. In: Berliner Debatte Initial 30 (2019), Heft 1, S. 43.

[v] Jung zitiert S 46 Christian Schröder: Deutsche Denker gegen Angela Merkel. In: Der Tagesspiegel vom 1. Februar 2016. URL: https://www.tagesspiegel.de/kultur/botho-strauss-ruediger-safranski-peter-sloterdijk-deutsche-denker-gegen-angela-merkel/12907680.html (Stand: 28.04.2018).

[vi] Manow, Philip: Die Politische Ökonomie des Populismus. 2. Auflage Berlin 2019, S. 28.

[vii] Jung, S 48.

[viii] Ebd., S 49.

[ix] Jung zitiert S 49 Alexander Dobrindt: Wir brauchen eine bürgerlich-konservative Wende. In: Die WeLT vom 4. Januar 2018. URL: https://www.welt.de/debatte/kommentare/plus172133774/Warum-wir-nach-den-68ern-eine-buergerlich-konservative-Wende-brauchen.html. (Stand: 10.02.2019)

[x] Jan Tobias Fuhrmann: Vergleich und Ausschluss. Zur Funktion der Kultursemantik. In: Berliner Debatte Initial 30 (2019), Heft 1, S. 27.

[xi] Alfred Kroeber, Clyde Kluckhohn u.a.: Culture. A Critical Review of Concepts and Definitions. New York 1963.

[xii] Michel Wieviorka: Kulturelle Differenzen und kollektive Identität. Hamburg 2003, S. 21.

[xiii] Weitere Literatur: Bundeszentrale für Politische Bildung: Vielfalt der Kulturbegriffe. 23.7.2009. URL: http://www.bpb.de/gesellschaft/bildung/kulturelle-bildung/59917/kulturbegriffe?p=all#fr-footnodeid_7; Helga Breuninger. Gerhart Schröder, (Hrsg.): Kulturtheorien der Gegenwart. Ansätze und Positionen. Frankfurt am Main 2001; Hubertus Busche: Was ist Kultur? Die vier historischen Grundbedeutungen. In: Dialektik. Zeitschrift für Kulturphilosophie, 2000/1, S. 69–90; Terry Eagleton: Was ist Kultur? (München 22001, zuerst unter dem Titel The Idea of Culture. Oxford 2000); Stephan Möbius, Dirk Quadflieg (Hrsg.): Kultur. Theorien der Gegenwart. Wiesbaden 2006; Oskar Negt: Was ist das: Kultur? Vortrag Bonn 1996, URL: http://www2.dickinson.edu/glossen/heft3/negt.html.

[xiv] Vgl. Werner Adelshauser, David A. Gilgen, Andreas Leutzsch (Hg.): Kulturen der Weltwirtschaft. Göttingen 2012; Michel Albert: Kapitalismus contra Kapitalismus. Frankfurt/Main 1992; J. Barkley Rosser Jr., Marina V. Rosser: Comparative Economics in a Transforming World Economy. Cambridge (MA)/London 22018, 32018; David Engels: Geschichte oder Geschichten? Die »One World«-Theorie und die Morphologie der Hochkulturen, in: Frank & Frei 8, 2018. PdF: https://www.academia.edu/38211898/Geschichte_oder_Geschichten_Die_One_World_-Theorie_und_die_Morphologie_der_Hochkulturen_in_Frank_and_Frei_8_2018_78-93; Lothar W. Pawliczak: Die Vielfalt der Wirtschaftskulturen. In: Recherche D Heft 4/Februar 2019.

[xv] Reckwitz, Andreas: Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin 2017.

[xvi] Manow, S. 9

[xvii] Fernand Braudel (Sozialgeschichte des 15.-18. Jahrhunderts. Der Alltag. München 1985, S. 103-188; zuerst Paris 1979) unterschied grundlegend Kulturen nach dominierenden Kulturpflanzen: Weizenwirtschaft Reisbaukulturen, Maiskulturen. Es gibt weitere, die bei Braudel eher beiläufig erwähnt werden, z.B. Knollenfrucht- und Palmenkulturen. Siehe auch: D. Q. Fuller, M. Rowlands: Ingestion and Food Technologies: Maintaining Differences over the long-term in West, South and East Asia. In: T.C. Wilkinson, S. Sherratt, J. Bennet (Hg.): Interweaving Worlds: Systemic Interactions in Eurasia, 7th to 1st Millenia BC. Oxford 2011, S. 37-60; Roland Knauer: Das Getreide bestimmt die Gesellschaftsform. In WeLT.de vom 09.05.2014. URL: https://www.welt.de/wissenschaft/umwelt/article127799052/Das-Getreide-bestimmt-die-Gesellschaftsform.html; Hansjörg Küster: Am Anfang war das Korn. Eine andere Geschichte der Menschheit. München 2013; Hansjörg Küster, Ulrich Nefger, Herrmann Seidl, Nicolette Waechter: Korn. Kulturgeschichte des Getreides. Salzburg 1999; Thomas Miedaner: Kulturpflanzen: Botanik – Geschichte – Perspektiven. Berlin, Heidelberg 2014; Franz Schwanitz: Die Entstehung der Kulturpflanzen. Berlin 1957.

[xviii] Lothar W. Pawliczak: Was wäre, hätte der Islam Europa bereits erobert? URL: https://www.journalistenwatch.com/2018/08/30/was-islam-europa/.


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