Rezension

Marx für Rechte?!

Der Begründer des „wissenschaftlichen Sozialismus”, Karl Marx, ist für viele Rechte das verhasste und mottenzerfressene Bettlakengespenst des toten Kommunismus, von dem Abstand zu halten gilt. Dabei kann man immer noch allerhand von ihm lernen.

Gleich eingangs soll gesagt sein: Marx´ Bild vom Menschen wie von der Gesellschaft ist grundfalsch. Seine materialistisch-mechanistische Geschichtsdialektik tut den Tatsachen noch mehr Gewalt an als die Hegelsche Geistdialektik und sein angeblich wissenschaftlicher Sozialismus ist bei weitem weniger wissenschaftlich als der von ihm als utopisch gebrandmarkte Frühsozialismus Saint-Simons.

Das Ziel der Geschichte nach Marx, die Erreichung der klassenlosen Gesellschaft vermittels der revolutionären Überwindung des Kapitalismus, ist einfach nur eine Übersetzung der altjüdischen Eschatologie in szientistische Futurologie, ohne dass der jeweilige „wirtschaftliche Unterbau“ irgendetwas damit zutun gehabt hätte. Das heißt aber: der Marxismus widerspricht und widerlegt sich selbst, weil die materiellen Realfaktoren doch nicht so ausschlaggebend sind, wie von Marx behauptet.

Marxismus ist keine Wissenschaft, sondern schlechte Metaphysik

Eric Voegelin hat in seiner klugen Auseinandersetzung von Max Webers politischer Ethik dargelegt, dass nicht nur (Politik-; Gesellschafts-; überhaupt Geistes-) Wissenschaftler keine Marxisten sein können: kein Mensch, der über ein objektiv kritisches Vermögen verfügt und verantwortungsvoll ist, kann Marxist sein. Die Probleme des Marxismus liegen, wie bereits gesagt, in ihm selbst, eigentlich in seiner Metaphysik begründet sowie in der Tatsache, dass es ihm prinzipiell um Wissenschaft nicht geht, wie sehr er sich auch selbst wissenschaftlich gibt, d.h. sich selbst für Wissenschaft ausgibt.

Marxismus, das ist vor allem schlechte Metaphysik. Trotzdem ist es gar nicht so leicht, Marx wissenschaftlich beizukommen, zumal die meisten seiner bürgerlichen Kritiker auf demselben Boden wie er stehen, dabei aber weniger konsequent und scharfsinnig sind und bei weitem auch nicht seine analytischen Fähigkeiten besitzen. Allein schon die für den Marxismus notwendige polemische Unterscheidung zwischen „marxistischer“ und folglich „kritischer“ Wissenschaft auf der einen, sowie „bürgerlicher“ und damit naiver Wissenschaft auf der anderen Seite zeigt, dass der Marxismus sich wissenschaftlich sieht, weil er dem Paradigma der „bürgerlichen“ Wissenschaft sein eigenes Paradigma entgegenhält.

Wie der bedeutende marxistische Theoretiker (!) Georg Lukács ausführt: „Einen Marxisten der Gelehrtenstubenobjektivität kann es ebensowenig geben wie eine naturgesetzlich garantierte Sicherheit der Weltrevolution.“ Derselbe Autor verweist auch auf die Ganzheitsbetrachtung, die den Marxismus radikal von der vereinzelnden bürgerlichen Wissenschaft unterscheiden soll.

Revolutionäre Praxis und Selbstbewahrheitung

Ein besonderes Kennzeichen des Marxismus ist seine Versessenheit auf das richtige Bewusstsein: mit der Richtigkeit des Bewusstseins stehen und fallen Theorie und Praxis, die im Marxismus immer eins sind. Ein Grundproblem des Marxismus ist daher, die Richtigkeit des Bewusstseins zu beweisen.

Die dümmste Widerlegung des Marxismus ist der oft bemühte, einfache Hinweis auf den Fall der Sowjetunion sowie die Überlegenheit der kapitalistischen Wirtschaftsweise gegenüber der Planwirtschaft. Beides hat aber den Marxismus keinesfalls widerlegt. Widerlegt hat sich der Marxismus wiederum selbst, weil er exakt auf das Eintreffen der von ihm vorhergesagten Ereignisse berechnet ist. Treffen diese nicht ein, bewährt sich der Marxismus praktisch nicht und ist somit auch theoretisch erledigt.

Theoretisch ist der Marxismus nur solange gültig, wie die Tatsachen sich in ihn hineinentwickeln. Die Findung des richtigen Bewusstseins setzt die gleichermaßen richtige Analyse der geschichtlich-gesellschaftlichen Welt voraus, d.h. echt wissenschaftliche Erkenntnis einer von der wirtschaftlichen und technologischen Entwicklung („Produktivkräfte“) dynamisierten Realität.

Dabei ist der Marxismus selbst trotzdem keine Wissenschaft. Revolutionäre Praxis, die eindeutig nicht zu einer Wissenschaft gehört, ist der eigentliche Impuls zur Bewahrheitung des Marxismus im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung: die Arbeiterschaft z.B., das Proletariat, soll revolutionär sein. Das ist es aber genausowenig wie das längst emporgekommene Bürgertum, dessen Interessen denen des Proletariats gar nicht so unähnlich sind.

Steht die Revolution vor der Tür?

Damit sich der Marxismus dennoch bewahrheitet, braucht es der politischen Agitation sowie der Ausbildung eines dem der Bourgeoisklasse diametral entgegengesetzten proletarischen (Klassen-)Bewusstseins, welches selbstverständlich das einzig richtige ist. Das kann aber nur erzeugt werden, wenn gleich eingangs behauptet wird, die ganze bisherige Geschichte sei einfach nur eine der Klassengegensätze gewesen, die sich jetzt, in der kapitalistischen  Gegenwart, aufs radikalste zugespitzt haben, so dass die Revolution quasi schon vor der Türe steht.

Das „kommunistische Manifest” konzentriert diese revolutionäre Geschichtsdeutung auf wenigen Seiten und ist nicht nur als Dokument lesenswert: so tendenziös und politisch-agitatorisch verzerrt die Darstellung auch sein mag, sie nimmt entscheidende Entwicklungen der „Globalisierung“ vorweg.

Ideologiekritiker und Ideologe in einem: Die „deutsche Ideologie“

Der Problemkreis der Ideologie, ihre Erkenntnis, Entlarvung und Kritik, ist eng mit dem Namen Marx verbunden, obwohl es natürlich schon vor Marx Ideologiekritik gegeben hat. Aber nur er hat dazu Endgültiges geleistet, mit der „deutschen Ideologie“ nämlich, wiewohl Marx selbst das beste Beispiel für einen Ideologen abgibt: seine Ideologie liefert das Rüstzeug, Ideologien zu entlarven und zugleich das Denken Anderer der Ideologie zu überführen nach dem Grundsatz: ideologisch ist stets nur das Denken der Anderen, mein Denken hingegen ist realistisch.

Das tut aber der Tatsache keinen Abbruch, dass durch Marxens nicht so ganz kritische Methode die ideologischen Bestandteile des Denkens offengelegt werden können: „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“ Dieser Satz ist nicht allgemeingültig zu nehmen, er ist nicht, wie von Marx beabsichtig, vollgültig. Er ist nur bedingt gültig, seine Anwendbarkeit bewährt sich hauptsächlich in kapitalistischen Zeitaltern. Und da unser Zeitalter immer noch ein kapitalistisches ist, ist dieser berühmte Satz auch für die Ideologiekritik immer noch gut zu gebrauchen.

(Bild: Karl-Marx-Kopf in Chemnitz, von: Wikipedia, self, CC BY-SA 3.0)

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5 Kommentare

  1. Hans von Boller

    Von Karl Marx lernen, aber klar doch!
    Einer der die Versklavung der Völker empfohlen hat, zu finden im Katalog 3296 im britischen Museum in London.
    Einfach mal die Punkte durchlesen und mal Gedanken machen was heutzutage schon eingetroffen ist, dann werdet ihr ganz schnell feststellen das ihr bereits im Kommunismus lebt!

    Der Kulturmarxismus
    1. Die Jugend durch falsche Grundsätze verderben.
    2. Die Familien zerstören.
    3. Die Menschen durch eigene Laster beherrschen.
    4. Die Kunst entweihen und die Literatur beschmutzen.
    5. Die Achtung vor der Religion vernichten.
    6. Priester in Skandalgeschichten verwickeln.
    7. Grenzenlosen Luxus und verrückte Moden einführen.
    8. Misstrauen zwischen sozialen Schichten säen.
    9. Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverhältn­isse vergiften.
    10. Das Volk gegen die Reichen aufwiegeln.
    11. Die Landwirtschaft durch Industrie ruinieren.
    12. Löhne ohne Vorteil für die Arbeiter eerhöhen.
    13. Feindseligkeit zwischen den Völkern hervorrufen.
    14. Ungebildete regieren lassen.
    15. Gestrauchelte Regierungsbeamte erpressen.
    16. Vermögensschluckende Monopole schaffen.
    17. Durch Wirtschaftskrisen Weltbankrott vorbereiten.
    18. Massen auf Volksbelustigung konzentrieren.
    19. Menschen durch Impfgifte gesundheitlich schädigen“

  2. Carlos Wefers

    @Hans von Boller

    Jawohl, sine ira et studio kann man auch vom Verhasstesten etwas lernen, wiewohl Hass einem Verständnismöglichkeiten öffnet die es so, ohne Hass, nicht gäbe. Ich mag Habermas nicht, Popper mag ich auch nicht und Ulrich Beck schon gar nicht, aber das heisst nicht, dass man überhaupt gar nichts von ihnen lernen könnte. Beispiele fürs Schlechte sind auch Beispiele, und aus Fehlern, eigenen und fremden, kann man ebenfalls lernen.

    Beste Grüsse

  3. Was sagt Reinhold Oberlercher eigentlich dazu?
    Immerhin ist er ja „Nationalmarxist“…

  4. Grüß‘ Gott, @Hans von Boller,

    ich habe versucht, Ihre Quelle zu verifizieren, bin aber gescheitert. Können Sie mir sagen, wo Sie sie Quelle herhaben oder wie ich sie finden kann, am besten online, durchaus aber auch, wenn ich wieder mal nach London kommen sollte (Worauf bezieht sich die Katalognummer? Finde ich es hier:
    ibrary/libweb/action/search.do?vid=BLVU1)? Ich bin auch schon mit Sekundärliteratur zufrieden, sofern es kein Faksimile gibt. Am liebsten wären mir die Werke (MEW?) mit Band oder so. Oder meinen Sie den Lasalle? Der hat, soviel ich weiß, mal Zeugs in die Richtung geschrieben?
    Manches kommt mir nicht ganz koscher vor, an den Punkten…

    Freundlich grüßt
    Clemens Lorber

  5. Mythos statt Wissenschaft

    Das, was an der Marxschen Lehre wissenschaftlich genannt werden kann, ist vergänglich bzw. in weiten Teilen durch die Geschichte widerlegt worden. Die mythischen Teile aber sind von Dauer. Da wo Marx in einer geradezu religiösen Sprache bildhafte Gleichnisse verwandte, sah der französische Denker Georges Sorel (1847-1922) mythische Elemente, die neben der Geschichte des Christentums eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung seiner Mythenlehre spielten, nach der es nicht wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern hauptsächlich die großen mythischen Bilder sind, die den Menschen in seinen Tiefenschichten ergreifen und zur großen Tat ermutigen. Der (soziale) Mythos ist es also, der Menschen zusammenbringt, die fähig und willens sind mit ihrer Tat die bestehenden Verhältnisse zu revolutionieren, ihnen ermöglicht jedes nötige Opfer für das von ihnen ersehnte revolutionäre große Ziel zu erbringen und schließlich heroisch über sich und das allzumenschliche hinauszuwachsen und Geschichte zu machen. Das wirkliche Leben und damit der geschichtliche Prozess ist kein festgeschriebener Determinismus, sondern Wille und Schöpfung! Der Mensch ist, im Gegensatz zu Marx´ rationaler Geschichtsphilosophie, keine ökonomische Kategorie ,eherner Tendenzen´, sondern innerhalb einer kosmischen Ordnung Herr seines Schicksals auf Erden.

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