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Meister Bolz: Man will Diskussionen blockieren

Norbert Bolz, Professor für Medientheorie, Medienwissenschaft und Medienberatung diskutiert u.a. mit Ulrike Draesner (Schriftstellerin) über Political Correctness, Peter Sloterdijk, Thilo Sarrazin, linke Medien, Intoleranz und direkte Demokratie.

Noch ein wahres Wort von Bolz über Parallelgesellschaften und die ganzen Vorgänge um Sarrazin bei Anne Will im Ersten:

Es gibt sehr viele Parallelgesellschaften in Deutschland, beispielsweise die Politiker, die meines Erachtens auch in einer Parallelgesellschaft leben. Ich würde sagen, Sie sind mit mir einer Meinung Herr Wowereit, dass man Kenntnisse über die Situation in Deutschland nicht durch »Herumschlendern« finden kann. Und man kann eben leider Gottes auch die Diskussion, um die es hier geht und die ja offensichtlich Millionen Menschen brennend interessiert in Deutschland, nicht lösen, indem man Einzelpersonen vorführt, die beispielsweise wunderbar integriert, hübsch, intelligent und toll sind, sondern es geht schon um Strukturprobleme und diese Strukturprobleme sind offenbar so gravierend, dass wir es doch im Moment mit einer Situation zu tun haben, dass fast die Mehrheit der Bevölkerung dankbar dafür ist, dass ein Krawallmacher – nennen wir ihn einmal einen Krawallmacher – endlich einmal Tabus durchstößt, Formulierungen wagt, die bei uns wirklich verboten sind. Wir leben weit entfernt von Meinungsfreiheit und ich halte es für den größten Witz der letzten Diskussion, dass man immer wieder sagt, wer hätte denn mehr Meinungsfreiheit als Sarrazin gehabt. Das ist lächerlich. Zur Meinungsfreiheit gehört fundamental der Respekt vor Andersdenkenden und ich sehe nirgendwo auch nur den Ansatzpunkt eines Respekts vor dem, was Andere, die nicht politisch korrekt denken, sagen und veröffentlichen, und das fehlt unserer Diskussion dringend. Die Leute draußen merken das und ich kann es Ihnen voraussagen, es werden immer mehr. Ich bin fest davon überzeugt, dass das eine Art Geschichtszeichen ist, dieses Buch von Sarrazin – nicht weil es eine hohe Qualität hat – sondern weil es eine Auslöserfunktion hat. Die Leute lassen sich nicht länger für dumm verkaufen und sie lassen sich nicht länger zum Schweigen bringen. Das hat Sarrazin auf jeden Fall erreicht. Ob das nun geschickt war, ob es Krawall war, ob es vielleicht auch rassistisch war, spielt gar keine Rolle. Das Entscheidende ist, dass die Leute nicht mehr bereit sind, sich von der politischen Klasse und von besonders arroganten neuen Jakobinern – auch in den Feuilletons den Mund verbieten zu lassen. Und das ist ein riesengroßer Gewinn für unsere Gesellschaft.

Ab 51:05 min.

Das beste ist, dass er Katrin Göring-Eckhardt (Grün) auch nochmal ins Wort fällt. Guter Mann.

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3 Kommentare zu “Meister Bolz: Man will Diskussionen blockieren

  1. Sich von der Konsumkritik abwendend, sehen Befürworter wie Norbert Bolz im Konsumismus das weltweite Gegengewicht zum religiösen Fundamentalismus. Dem Konsumismus wird die Rolle zugewiesen, die Welt zu befrieden, indem er seine positiven Wirkungen allen Völkern zuteil werden lasse. Die westliche Konsumkultur werde dabei jedoch ohne Rücksicht auf die negativen ökologischen Folgen weltweit ausgedehnt. Auch wenn er letztlich gegen alle seine Feinde (religiöse Fundamentalisten, Globalisierungskritiker, Konsumismus- und Wachstumskritiker) siegreich bleiben sollte, könne der Konsumismus als „Immunsystem der Weltgesellschaft“ (Bolz) nur an sich selbst zugrunde gehen. Einer optimistischen Sicht, wie Bolz sie vertritt, widerspricht Kondylis, der mit der Etablierung hedonistischer Lebensweisen zwar das „Ende der Ideologien“ verbindet, nicht aber das Ende der Konflikte in der Welt.

  2. Nils Wegner

    Hm. Die Formulierung von den »neuen Jakobinern« hat J.K. vor etlichen Jahren auch schon mal gebraucht…

  3. Wachsamkeit

    Prof. Norbert Bolz über Meinungsfreiheit, Diskriminierung, Lüge und die Diskussion um Dr. Thilo Sarrazin, über die »politische Klasse«, »Deutschland schafft sich ab«, und Zurechtweisung an Adresse von Herrn Wowereit.

    HierLIVE bei Anne Will – vom 05.09.2010

    http://www.youtube.com/watch?v=ElDlJHgm3es

    Prof. Bolz durchbrach die TV-Routine und die Diskussions-Routine als er sagte:

    »Die Situation ist so, dass die Mehrheit der Bevölkerung dankbar dafür ist,
    dass ein Krawallmacher – nennen wir ihn meinetwegen einen Krawallmacher -
    endlich einmal Tabus durchstößt und Formulierungen wagt, die bei uns wirklich verboten sind.
    Wir leben weit entfernt von Meinungsfreiheit. (…) Zur Meinungsfreiheit gehört
    fundamental der Respekt vor Andersdenkenden.
    Und ich sehe nirgendwo auch nur den Ansatzpunkt eines Respekts vor dem.
    was andere, die nicht »politisch korrekt« denken, sagen und veröffentlichen.
    Und das fehlt unserer Diskussion dringend. Die Leute draußen merken das.
    Und ich kann es Ihnen voraussagen: Es werden immer mehr!
    Ich bin fest davon überzeugt, dass das eine Art Geschichtszeichen ist,
    dieses Buch von Sarrazin.
    Und zwar nicht weil es eine hohe Qualität hat.
    Sondern weil es eine Auslöserfunktion hat.
    Die Leute lassen sich nicht länger für dumm verkaufen und sie lassen sich nicht länger zum Schweigen bringen.
    Das hat Sarrazin auf jeden Fall erreicht.
    Ob das nun geschickt war, ob das Krawall war, ob es vielleicht auch rassistisch war, spielt gar keine Rolle.
    Das entscheidende ist, dass die Leute nicht mehr bereit sind, sich von der politischen Klasse
    und von besonders arroganten Neuen Jakobinern, auch in den Feuilletons, den Mund verbieten zu lassen.
    Und das ist ein riesengrosser Gewinn für unsere Gesellschaft.«

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