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NEON – Ein Wiedersehen

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Die Elternzeit läßt mir jetzt ganz viele Freiräume. Häufiger bin ich wieder in Jogginghose und Barbour-Jacke im Netto am Zeitungsregal anzutreffen. Dort treffe ich meine alten Freunde Heiko, Marco und Jacqueline wieder, so wie früher, als ich hier öfters Kunde war und Monat für Monat um die Regale strich, immer in Erwartung der neuen NEON. Viel hat sich nicht verändert seither, Hartz IV konserviert, nur vorn im Netto ist jetzt ein neuer Bäcker.

Da ich zwischen 20 und 35 bin, einen hohen Bildungsstand besitze (nicht etwa Bildung) und über ein überdurchschnittliches Einkommen verfüge, gehöre ich noch immer zum Kernzielpublikum der NEON. Das lese ich auch auf Wikipedia nach. Das freut mich unterm Strich, denn ein bißchen was trennt mich schon von Jacqueline, hier nur »Schaggi« und ihrer Gang. Beispielsweise meine Barbour-Jacke. Jedenfalls habe ich mir jetzt in meiner überdurchschnittlich verfügbaren Freizeit die aktuelle NEON gekauft und auch mit nach Hause genommen. Ein bißchen geschämt habe ich mich schon an der Kasse, da ich beim Bezahlen das Gefühl hatte, so ein Hochglanzheft aus der obersten linken Regalecke auf’s Band zu legen. Der Grund: Die aktuelle NEON hat nämlich jetzt voll das kontroverse Cover, das unkonventionell mit Tabus bricht und die Gesellschaft so richtig wachrüttelt. Diesmal sind da nämlich Titten drauf und sogar zwei Penisse!!!!!!

Ich blättere rein und habe gleich das Gefühl: Die NEON ist am Ende. Dünnes, Recycling-Schlebberpapier, miese Druckqualität und alles irgendwie auf Sparflamme. Man merkt deutlich die Sparmaßnahmen in Hause Gruner und Jahr. Aber das ist nicht schlimm, denn Menschinnen und Menschen aus dem Kernzielpublikum der NEON sind ja immer auch irgendwie öko, da paßt das ja mit dem umweltschonenden Druckverfahren. Ist ja auch eine ganzseitige Rewe-Bio-Werbung im Heft.

Was haben wir sonst noch, also ich meine inhaltlich? Die NEON muß ihren Lesern ja, eben weil sie so ein hohes Einkommen haben, doch auch manches erklären, gerade in politischer Hinsicht. Damit hat man ja sonst weniger zu tun. »Geht bitte wählen!« heißt es da, dann freut sich die Tante Demokratie, oder »Vorsicht vor Parallelgesellschaften wie PEGIDA!«, die Demonstranten haben nämlich ein niedrigeres Einkommen und ein niedriges Bildungsniveau. Mit deren Problemen wollen wir nichts zu tun haben. Und neuerdings: Lernen von und leben mit den Flüchtlingen. Schon letztes Jahr verkündete man, »Wir sind alle Salafisten«, nun lerne ich in der März-Ausgabe, daß man Flüchtlinge, die es ja momentan so reichlich gibt in Deutschland (Gott sei Dank!), prima auf einen Plausch in ihren Heimen besuchen und mit denen voll integrativ kochen kann, damit gleich deren Kultur kennenlernt und supergute Geschichten zu hören kriegt.

Jedenfalls hat Autorin Anna Aridzanjan das gemacht und zusammen mit Shaikh Tajuddin (Pakistan), El Scheich Ahmad Modar (Syrien), Ismailova Imilta (Inguschetien), Mouhamed Tanko (Niger) und Reza Ahmadi (Afghanistan) voll gut gekocht und voll das Zeichen gesetzt gegen Fremdenfeindlichkeit und Gewalt. [Die Schreibweise der Namen ist so aus dem Heft übernommen.] Ich habe zwar beim betrachten der Photos der »Flüchtlinge« den Eindruck, daß die noch ein viel dickeres Iphone haben als die Autorin Anna Aridzanjan, aber vielleicht täuscht das auch.

Ansonsten erwarten mich die üblichen Geschichten über Liebe, Sex und Zärtlichkeit sowie kleine Kuriositäten-Happen, mit denen sich prima ganze Seiten füllen lassen (in China wird Energie aus alten Banknoten gewonnen!!!) und ich kann lernen, wie ich meinem Partner schonend beibringe, daß er stinkt. Sascha Chaimowicz hat jetzt eine »neue« Reihe, in der er jeden Monat Menschinnen und Menschen nach ihrem ganz persönlichen Sex-Leben befragt. Diesmal geht es um eine Frau, die versucht, ihr Sex-Leben mit Rollenspielen wiederzubeleben. Kann das funktionieren?, fragt Chaimowicz und zieht die Augenbrauen hoch? Wer mitmachen möchte und auch mal in die NEON will, kann Sascha unter bettgeschichten@neon.de seine Rollenspielgeschichten erzählen. Aber bitte nicht solche, wo sich eine PEGIDA-Anhängerin und ein Moslem treffen.

Ich habe fast ganz durch geblättert, die Finger sind bunt von der abgeriebenen Druckfarbe, vier Seiten sind mir schon eingerissen. Ich frage mich, ob die NEON-Leser eigentlich auf ein Abstellgleis fahren. Sowas wie ein buntes Print-Magazin ist doch heutzutage voll konservativ, das gehört doch der Vergangenheit an, ist voll Neunziger und so. Wenn man ehrlich ist, ist man doch eigentlich den ganzen Tag bei Facebook und Instagram, wenn man ehrlich ist, kauft man die NEON eigentlich nur noch aus so einem blöden, spießig-nostalgischen Affekt heraus, liest die immer gleichen Geschichten, macht die immer gleichen Bilderrätsel und bestellt sich nach der Lektüre ein Shirt bei Zalando, weil das in der einen Bildgeschichte so gut aussah.

Vielleicht ist das ein letztes Wiedersehen, ich weiß es nicht. Die Zeit der NEON ist auf jedenfall hammerhart vorbei.


5 Kommentare zu “NEON – Ein Wiedersehen

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