Alter Blog

NS-Finanzpolitik: Götz Aly über den »Raubstaat«

Die NS-Finanzverwaltung erscheint geradezu als das Paradebeispiel für die Problematik, die eine permanent knappe Staatskasse in Gang setzt. Aber seht selbst:

Es ist wirklich interessant wie komplex so ein industrielles wirtschaftliches System auch im Krieg noch ist, wo es doch eigentlich Pläne für alles gibt. Ein System stets am Rande der Insolvenz, das wie ein Schneeballsystem funktioniert. Ich habe die Vemutung, dass es heute mit der Finanzierung der Sozialausgaben ähnlich wie mit der Rüstungsfinanzierung damals zugeht: Ein räuberisches System bildet sich aus, das bestimmte Vermögen (damals: Judenvermögen; heute: Rentenansprüche, Pensionen, etc.) zugunsten der jeweils aktuellen Haushaltslage auf irgendeine findige Weise liquidieren muss, um weiterzubestehen. »Weiterbestehen« heißt in der europäischen Gegenwart, den Lebensstandard solange zu erhalten, bis die Transformation Europas zu einem egalisierten Konglomerat jedenfalls institutionell unumkehrbar gemacht wurde. Die Masseneinwanderung in die europäischen sozialstaatlichen Finanzströme als ein Instrument dieser Politik darf nicht unterbunden bzw. rückgängig gemacht werden, sondern sie muss auch bei steigendem Finanzbedarf weiterfinanziert werden. Dass sich das in der Zukunft nochmal rechnen werde, ist eine bloß rhetorische Unterstellung, ein demagogischer Trick. Das Äquivalent zu den Kriegbelastungen (Tote, Mehraufwand) damals ist in der wirtschaftlichen Gleichung die Abnahme der Volkwirtschaftsskraft durch Überalterung und Verdummung. Es darf – wie stets – nur unter keinen Umständen dazu kommen, dass die Betrogenen später ihre nunmehr entwerteten Ansprüche einfordern können. Nun die Juden wurden damals gleich entrechtet, während die deutschen Rentner der Zukunft nur ein ganz anderes Volk in ihrem Land vorfinden werden, welches nichts mit ihnen als die Konkurrenz um die Staatsknete gemeinsam hat, wobei sie ihre formalen Rechtsansprüche aber behalten dürfen. Sind die Rentner nun also die neuen Juden? Nein, sind sie nicht. Aber die Determination staatlichen Folgehandelns durch vorgefundene oder selbst herbeigeführte fiskalische Situationen ist verblüffend. Das Geld wächst nicht auf den Bäumen, was auch der allmächtige Staat nicht ändern kann, sofern er freien Handel treibt. Die Verwickelungen des innerstaatlichen Kreditwesens führen in einen Teufelskreislauf. Aber freilich sind die Handlungsoptionen in einem totalitären System ganz andere. Der Gedanke, dass es in einem demokratischen System im monetären Ernstfall eher zu anarchischen Zuständen kommen wird, ist sicherlich nicht ganz abwegig. Aber auch nicht unbedingt weniger schauderhaft bei dem Gedanken an die heutigen Übernachbarn.

Verwandte Themen

Das Vermächtnis des 20. Juli Morgen jährt sich das Attentat auf Adolf Hitler zum 74. Mal. Über die Verschwörung des 20. Juli 1944 erhitzen sich jedes Jahr aufs Neue einige Ge...
Wer wird der neue Hitler 2018? Der syrische Bürgerkrieg nähert sich seinem Ende. Assad hat gewonnen und die freie Welt braucht einen neuen Bösewicht. Der absehbare Sieg Bashar ...
Mein Kampf und der Koran „Mein Kampf“ wurde 2016 vom Institut für Zeitgeschichte neu aufgelegt. Mit über 3.500 Anmerkungen und ausdrücklicher Distanzierung vom Inhalt. Das war...

1 Kommentar zu “NS-Finanzpolitik: Götz Aly über den »Raubstaat«

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Datenschutzinfo