Anstoß

Opposition auf Selbstmordtrip?

Da gibt es Konservative, die sich – frei von selbstkritischen Zweifeln und im überbordenden Gefühl ihrer eisernen Gewißheiten – zwar für großartige Bewahrer der Tradition halten, aber weich in den Knien werden und auf den Bauch fallen, wenn von fern her die Straßenköter der Haltungsjournaille bellen und die Schlapphüte der Verunsicherungsdienste grimmig blicken.

Statt die feindselige Meute nicht einmal zu ignorieren oder sie mit Hohn zu überschütten, weichen sie feige zurück. Ein kennzeichnendes Beispiel ist die AfD, die sich schon 2013 vom Lucke-Klüngel und dessen spießbürgerlichen Erben aufschwatzen ließ, keine Mitglieder zuzulassen, die zuvor rechts- oder linksextremistischen Organisationen angehörten. Die Parteistrategen versprachen, daß man so vom Verfassungsschutz verschont und von den Altparteien als gut demokratisch anerkannt würde.

Das ging gründlich in die Hose, was die Funktionäre, die vorher schon die Hosen voll hatten, allerdings wenig störte und nicht zur Einsicht brachte. Womöglich unter aktiver Mithilfe eingeschleuster V-Leute haben gewisse AfD-Anführer sich so selbst ins Bein geschossen. Daß sie sich damit nicht nur gegen den gesunden Menschenverstand und die geschichtlichen Erfahrungen, sondern auch gegen das Christentum und gegen 2.000 Jahre christliche Kultur stellten, ging ihnen nicht einmal auf.

Dabei demonstriert doch Jesus Christus immer wieder: Nicht, was einer mal war oder noch ist – ob Zöllner, Hure oder reicher Sympathisant – ist wichtig, sondern was seine menschliche Substanz ist und welchen Weg er in Zukunft nehmen wird. Ob einer der NPD oder der MLPD angehört hat, ist Teil seiner persönlichen Lebensgeschichte, aber es muß nicht verhindern, daß er aus besserer Einsicht umkehrt, und sein Leben ändert. Inzwischen will man es sogar angeblichen oder tatsächlichen Neonazis überlassen, ob demonstriert wird oder nicht, denn laut Wüst sollen die braven Bürger still nach Haus gehen, wenn sie einen Rechtsextremen in ihrer Nähe entdecken.

Herr Wüst würde, wenn er im Rhein zu ertrinken droht, natürlich erst einmal fragen, ob sein Retter geprüfter Demokrat ist und bei einem Herzinfarkt auf keinen Fall einen Arzt an sich heranlassen, dessen Gesinnung oder dessen Impfstatus zweifelhaft ist. Mir ist jedenfalls, wenn es in Deutschland zu Gewaltausbrüchen kommen sollte, jeder Linke und jeder Rechte willkommen, der sich nicht auf die Seite der Islamisten und anderer Terroristen schlägt, sondern die Verbrecher bekämpft.

Vielen ist nicht bewußt, daß die GRÜNEN 1979/80 in ihrer Gründungsphase weitaus klüger waren als die AfD ein Vierteljahrhundert später. Aus dem richtigen Grundgedanken heraus, daß es um Alternativen für alle gehen sollte, daß Krieg oder Frieden, Naturzerstörung oder Menschheitsüberleben nicht nach rechts und nicht nach links fragen, war damals jeder willkommen, der sich der neuen Partei anschloß, ob er nun vor 1945 der NSDAP angehört hatte oder zeitweise Anhänger der NPD bzw. einer der verschiedenen linksextremen Sekten gewesen war.

Großartige, beeindruckende Menschen waren unter denen, die von heutigen Deppen als „Rechtsextreme“ angefeindet werden: Etwa August Haußleiter, sein Leben lang neutralistischer Patriot und schon als junger Journalist im Nürnberg der dreißiger Jahre im Kleinkrieg mit dem Ultra-Antisemiten und Gauleiter Julius Streicher vom „Völkischen Beobachter“, trotz allem 1980 vom SPIEGEL als „ultrarechts“ verleumdet. Oder Gustine Johannsen, die 1983 wegen ihrer einstigen NSDAP-Mitgliedschaft aus dem grünen Vorstand abgeschossen wurde.

Allzu bald gelang es den von außen her hetzenden Journalisten und den auf parteiinterne Wühlarbeit spezialisierten Flügelfanatikern, jene Tragödie einzuleiten, die zu den heutigen GRÜNEN geführt hat: durch den Austritt von Herbert Gruhl, Baldur Springmann und Heinz Brandt, durch den Rücktritt von August Haußleiter, durch den Rückzug von Josef Beuys, durch Verdrängung der „Fundis“ und der Antimilitaristen wie Petra Kelly ins einflußlose Abseits …

Nebenbei: Eine riesengroße Eselei ist es, daraus, daß etliche der übelsten Figuren im siegreichen Realo-Club ursprünglich aus der 68er Linken kamen, eine Kollektivschuld aller linken GRÜNEN oder sogar aller 68er für die heutige Misere einer bemitleidenswerten Regierungspartei zu konstruieren.

Die Geschichte beweist, daß nur große Volksbewegungen die Chance haben, sich durchzusetzen. Die SPD war auf diesem Weg am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts weit vorgedrungen, bis sie sich im Ersten Weltkrieg durch den Streit um die Kriegskredite und den Burgfrieden mehr und mehr schwächte, um am Ende der 1920er Jahre ziellos zwischen rigoroser Unterdrückung der Linken („Berliner Blutmai“ 1929) und verbalradikaler Ablehnung von Rüstungsausgaben zu schwanken und so die Regierungsbänke verlassen mußte.

Die aus der SPD herausgebrochene KPD verstand es nicht, einen begrenzten Sektor unter radikalen Arbeitern und Intellektuellen zu überschreiten und vernachlässigte allzu lange die nationale Frage. Das erleichterte es den Nazis, sich trotz ihres Verrats an den Deutschen in Südtirol und in Polen als die einzigen darzustellen, die den Raubfrieden von Versailles revidieren und die Souveränität Deutschlands wiederherstellen würden. Das (und nicht etwa ihr Antisemitismus und ihr Arierwahn) gab ihnen Rückhalt in der Bevölkerung, vielfach bis zum bitteren Ende.

Die Bewegungen der fünfziger Jahre für Einheit, Frieden, Atomwaffenfreiheit, Neutralität und Selbstbestimmung dagegen blieben trotz des Engagements herausragender Vorkämpfer wie Martin Niemöller und Gustav Heinemann ohne entscheidenden Einfluß. Neben eigenen Fehlern verhinderten der Kalte Krieg und die stalinistischen Verbrechen des Ostblocks ebenso wie das deutsche Wirtschaftswunder ihren Erfolg.

Völlig zu Recht sprach Rudi Dutschke davon, die deutschen Arbeiter seien von drei Arbeiterparteien – der SPD, der KPD/SED, der NSDAP – verraten worden. Nach 1980 hätten die GRÜNEN die Chance gehabt, statt Parteienverrat zu üben, das Volk endlich einmal nicht zu verraten und zu enttäuschen. Aber rund zehn Jahre nach ihrer Gründung war die grüne Partei im Serbienkrieg schon verkommen zu einer olivgrünen Kriegsfraktion, gab sie ihr Programmziel des NATO-Austritts und des Abzugs aller fremden Truppen auf und wurde so zu einer brav oben ohne (sprich ohne Kopf, Gehirn und Gewissen) kellnernden Regierungsmätresse. Deren negatives Beispiel sollte helfen, daraus Lehren zu ziehen und den Weg einer realen Alternative einzuschlagen.

(Bild: Metropolico.org, flickr, CC BY-SA 2.0)

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