Rezension

Roland Baader: Die belogene Generation

Roland Baader, eine Ikone der libertären Szene, verfasste im Jahr 1999 das Buch Die belogene Generation.

Eine freiheitliche Aufklärung, die mit verständlicher Sprache, bestechender Logik und ganz normalem Menschenverstand die Probleme der Gegenwart erläutert. Die belogene Generation stellt in drei übergeordneten Abschnitten auf lockere Weise die Missstände Deutschlands, das Gewirr an Lügen und Propaganda sowie seine Ansichten über den Markt und den Liberalismus dar. Daher eignet sich das Buch hervorragend für oppositionelle „Einsteiger“, junge Kritiker, liberale Neulinge oder Altkonservative, die sich die liberale Warte etwas genauer anschauen wollen.

Zwischen Marktgläubigem und Wertkonservativem

Inhaltlich muss man sicherlich nicht alle Punkte unterstützen, allerdings versteht man die Beweggründe der liberalen Anhänger und kann die gedanklichen Schlussfolgerungen meist nachvollziehen. Am Beispiel der (verpflichtenden) staatlichen Schulen scheiden sich die liberalen und konservativen Geister, auch bei den wirtschaftlichen Aspekten beißen sich manche Einstellungen.

Baader, als Vertreter des liberalen Minimalstaats, fordert etwa eine Ausrichtung der Bildung nach der wirtschaftlichen Rendite. Eine Ansicht die zwar ökonomisch gesehen, insbesondere in der Zeit der heutigen Überakademisierung nachvollziehbar ist, aber kalt und technokratisch erscheint und den Idealismus zu kurz kommen lässt. Auch verteidigt Baader, wie viele Liberale, den freien Markt zu unkritisch. Ungleiche Verteilungen, die ein natürliches Ergebnis des Marktes sind, werden selbstverständlich befürwortet, aber die Konsequenzen nicht aufgezeigt. Ob es im Falle einer Abschaffung des Sozialstaates tatsächlich zu einer privaten und freiwilligen Abfederung von Armut kommen wird, darf bezweifelt werden. Aber darüber lässt sich trefflich streiten.

Auch die schleichende Verstaatlichung, die Baader kritisiert, erkennt man immer deutlicher. Laut Baader und den Anhängern der Österreichischen Schule leben wir heute in einem sozial dominierten Staat, der nur noch zu Teilen aus freier Marktwirtschaft besteht. Weitere Kritikpunkte Baaders wie das Verschwinden von Moral durch den Nihilismus der 68er-Bewegung, die Kritik am System und der schafsartigen Massen, die tagtäglich mit Regierungspropaganda geimpft werden, sind hingegen klassisch konservative Themen und fügen sich nahtlos in sein marktliberales Profil.

Von der „Manchesterlegende“ über Engels Propaganda in die heutige Realität

Mit zu den interessantesten Punkten in Baaders Buch zählen belegte Fakten, dass der aufkeimende Kapitalismus nicht die Bedingung für das massenhafte Elend im 19. Jahrhundert war. Erst die Industrialisierung im Zuge des „Manchesterliberalismus“, den damit verbundenen Marktkräften, ermöglichte den Ärmsten in den Städten Arbeit zu finden und dem Hungertod zu entgehen. Die Gegner des aufkeimenden Kapitalismus, Friedrich Engels und viele seiner Zeit- und Denkgenossen, sahen zum ersten Mal dieses Elend und zogen den falschen Schluss: Der Kapitalismus produziere das Elend.

Der Sozialismus und die Arbeiterbewegungen fußen also, so Baader, auf den intellektuellen Hirngespinsten einer falschen Beobachtung. Die sogenannte „Manchesterlegende“ läutete den Siegeszug des Sozialismus ein und ist gleichzeitig eine der größten Fehlschlüsse der Menschheitsgeschichte.

Baaders „belogene Generation“ ist auf drei verschiedene Arten herausstechend. Erstens verbindet er seinen klassischen Liberalismus mit konservativ-christlichen Wertevorstellungen und zeigt, dass sie diese beiden Ideologien komplementieren, sogar anziehen. Zweitens erkannte Baader sehr früh die Zeichen der Zeit mit ihren dazugehörigen Herausforderungen, die wir bis heute nicht bewältigen konnten und deshalb vor noch größeren Problemen stehen als vor knapp 20 Jahren. Drittens und letztens verzichtet Baader auf akademisches Kauderwelsch und entscheidet sich bewusst zu einem einleuchtenden und klaren Stil. Er möchte nicht den gleichen Fehler machen, den er eingangs kritisiert:

„Da schreibt ein hochgelehrter Mann (oder eine ebensolche Frau), ein, zwei oder drei Jahre lang an einem Buch, das anschließend von vielleicht fünfhundert Studenten und Kollegen gelesen wird. Anderseits erreicht irgendein Zampano der Unterhaltungsbranche mit seinen ökonomischen oder politischen Blechweisheiten innerhalb weniger Minuten ein Millionenpublikum.“

Ein Großteil des Buches ist in einer aufeinander aufbauenden Interview-Struktur geführt, die für jeden verständlich ist. Zudem verliert sich Baader nicht in akademischen Klein-Klein und prahlerischem Detailwissen. Falls er doch etwas tiefer in die Materie taucht, erläutert er die Zusammenhänge in abgegrenzten Textpassagen, die bei fehlendem Interesse überlesen werden können.

Baader außerhalb liberaler Kreise weitestgehend vergessen

Zum Abschluss ein paar kritische Worte: Trotz des Anspruches an sich selbst, die Einfachheit zu wahren und eine Breitenwirkung zu erreichen, ist Baader heute nur in der liberalen Szene ein Begriff. Außerhalb ist der 2012 verstorbene Denker kaum bekannt. Weder die einfache Sprache noch der ansprechende Aufbau erreichte eine größere Leserschaft.

Das wirklich furchtbarste an Baaders Buch ist aber, dass sich all seine Ansichten und düsteren Diagnosen als wahr herausgestellt haben, womöglich noch stärker und kompromissloser hervorgetreten sind, als der Autor am Ende des 20. Jahrhunderts erkannte – und sich trotzdem nichts änderte. So steht man, zwar klüger als zuvor, aber immer noch als Tor, vor den schier unlösbaren Aufgaben der aktuellen Lage Deutschlands.

Gebraucht gibt es das Buch ab 10 €. Die Lesefaulen können mittlerweile auf ein halbprofessionelles und vermutlich halblegales Hörbuch zurückgreifen: https://www.youtube.com/watch?v=-9F7iDIvw20

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