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Wer sozial ist, entscheidet die »taz«

Michael Büge wurde als Berliner Staatssekretär für Soziales entlassen, weil er seine Mitgliedschaft in der Berliner Burschenschaft Gothia nicht beenden wollte. Als neue berufliche Tätigkeit hat er nun die Geschäftsführung der Bürgerhilfe übernommen. Die Bürgerhilfe kümmert sich – hauptsächlich aus öffentlichen Mitteln – in Berlin um Obdachlose.

Das Engagement des CDU-Politikers Büge schmeckt der »tageszeitung« (taz) allerdings gar nicht. Sie wittert alte Partei-Seilschaften. Und natürlich gibt es auch Kritik von den Grünen. Der Wechsel nach neun Monaten sei zu früh, eine längere Karenzzeit nötig.

Ein Mitarbeiter der Bürgerhilfe, der seinen Namen natürlich nicht in der »taz« lesen möchte, sei von Büge auch nicht begeistert. Er habe Angst, daß die Sache mit der Burschenschaft schlechten Einfluß auf die Bürgerhilfe habe. Angeblich schreiben die Mitarbeiter sogar bereits an einem Protestbrief gegen Büge. Die Werte einer Burschenschaft seien nicht mit denen der Bürgerhilfe vereinbar.

Es ist Auftrag der Bürgerhilfe, „Menschen, die durch Verlust von Arbeit, von Wohnraum oder durch Suchtkrankheit in Not geraten sind, zu unterstützen und zu fördern“. Für Menschen, die nicht dem eigenen Weltbild entsprechen, scheint das aber anscheinend nicht zu gelten.

Das sieht auch Michael Büge auf unsere Nachfrage so: »Es ist ein erneuter Versuch, eine auf Verleumdungen und Unterstellungen basierende Kampagne loszutreten, vermutlich noch brutaler, weil es nicht in das krude Weltbild dieser Menschen passt, dass sich bürgerliche Menschen so intensiv für die Schwachen unserer Gesellschaft bereit sind, einzusetzen.« Denn wer in diesem Land sozial ist, entscheidet immer noch die »taz«.

Bild: Michael Büge (privat)

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1 Kommentar zu “Wer sozial ist, entscheidet die »taz«

  1. Sebastian Heiser

    Als Journalist schreibt man in Artikeln nicht immer nur die Positionen auf, die man auch selbst für richtig hält. Häufig gibt man auch die Meinungen anderer Leute wieder. In diesem Fall die Meinung eines Mitarbeiters der Bürgerhilfe. Der behauptet, dass Herr Büge im Betrieb nicht gerade herzlich empfangen wurde und dass nach seiner Vorstellung auf einer Mitarbeiterversammlung am Montag nur drei oder vier der 40 anwesenden Mitarbeiter geklatscht hätten.

    Meiner eigenen Meinung nach spricht nichts dagegen, dass ein Mitglied der Gothia als Geschäftsführer der Bürgerhilfe arbeitet. Einen Kommentar von mir zu dieser Frage, der in der morgigen Ausgabe der taz erscheinen wird, hänge ich unten an. Problematisch finde ich persönlich allerdings, wenn jemand aus einer Regierung in ein Unternehmen wechselt und dort für den Kontakt mit der vorherigen Regierung zuständig ist – und das finde ich bei einem Gothia-Mitglied genauso problematisch wie bei Gerhard Schröder und Ronald Pofalla.

    Ich finde es schade, dass Herr Büge auf meine Bitte um ein persönliches Telefonat bisher noch nicht reagiert hat.

    +++ taz vom Samstag, 8. Februar 2014

    Job für Burschenschaftler: Jeder darf Obdachlosen helfen

    Darf ein Mitglied der Burschenschaft Gothia eine Hilfseinrichtung für Obdachlose leiten? Warum eigentlich nicht? Michael Büge wurde als Staatssekretär für Soziales vor neun Monaten gefeuert, weil er seine Mitgliedschaft in der Gothia nicht aufgeben wollte. Es gibt auch gute Gründe, eine Entlassung von Burschenschaftlern aus so herausgehobenen öffentlichen Ämtern richtig zu finden. Aber wenn er jetzt Obdachlosen helfen will – was spricht dann dagegen?

    Problematisch ist der neue, in dieser Woche bekannt gewordene Job bei der Bürgerhilfe ganz unabhängig von der Burschenschafts-Frage aus einem anderen Grund: Weil Büges alter Arbeitgeber darüber entscheidet, wie viel Geld Büges neuer Arbeitgeber für die Obdachlosenbetreuung bekommt. Und weil Büge selbst als Geschäftsführer voraussichtlich für die Geldverhandlungen zuständig sein wird – in der Vergangenheit jedenfalls war es bei der Bürgerhilfe üblich, dass der Geschäftsführer persönlich die Vereinbarungen mit der Sozialverwaltung abgeschlossen hat. Büge kann in seinem neuen Job also das Insiderwissen und -kontakte aus seinem alten Job gut gebrauchen. Wenn es um die Verteilung der begrenzten staatlichen Gelder geht, hat die Bürgerhilfe dann einen Vorteil gegenüber konkurrierenden Hilfseinrichtungen.

    Büge reiht sich damit ein in die Liste der Wechsler von der Politik in die Wirtschaft. Ehemalige Mitarbeiter des Kanzleramtes zum Beispiel zog es zu Daimler (Eckard von Klaeden), zum Lobbyverband der Energie- und Wasserwirtschaft (Hildegard Müller), zur Deutschen Bahn (Ronald Pofalla) oder zur Gazprom-Pipeline Nord Stream (Gerhard Schröder).

    Und vielleicht gehört auch der Kultur-Staatssekretär André Schmitz dazu, der in dieser Woche zurücktrat, nachdem seine Steuerhinterziehung öffentlich bekannt wurde. Vielleicht hat ja bald eines der Opernhäuser einen neuen Geschäftsführer. Sebastian Heiser

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