Gesichtet

Theodor Geiger und der Irrationalismus

In modernen Massengesellschaften ist Zusammenleben nur noch auf der Basis eines praktischen Wertnihilismus möglich.

Aufgestellt wurde diese These vom deutschen Soziologen Theodor Geiger (1891-1952). Ihm zufolge haben „metaphysische Ansichten“, zu denen er „Werte“, d.h. Ethik und Moral sowie jede Art von Glauben zählt, das Potential, auflösend zu wirken. Die Radikalität dieser These darf keinesfalls den Eindruck erwecken, sie überkompensiere Geigers eigene Erfahrungen mit den totalitären Bewegungen und Regimen des Nationalsozialismus und Kommunismus.

Er selbst sah in ihnen Auswüchse von Massengesellschaften, welche sich in „Kämpfen um Werte” im Irrationalismus verstrickt hatten. Der Irrationalismus hat für Geiger weniger mit dem Massencharakter einer Gesellschaft zu tun als mit dem intellektuellen Zurückbleiben der Menschen hinter dem wirtschaftlich-technischen Niveau ihres zivilisatorischen Daseinsapparats. Verantwortlich für dieses Zurückbleiben seien irrationalistische Intellektuelle genauso wie opportunistische oder ebenfalls irrationalistische Politiker.

Geiger teilte hier einen Rundumschlag aus. Keinesfalls beschränke sich der Irrationalismus auf das rechte, antidemokratische Lager, Deutschland oder die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts.

Eingebildete „Wertgemeinschaften“ sind ein Problem

Wertgemeinschaften waren in Europa vorzüglich die ständisch geordneten und hierarchisch abgestuften Gemeinwesen von vor 1800, mit dem klassischen Typ der mittelalterlichen Christenheit. In diesen Wertgemeinschaften sorgten Tradition und Autorität für Einigkeit im Wert und, daraus abgeleitet, auch im Zusammenleben. Das Individuum war Bestandteil einander verstärkender realer sowie idealer Zugehörigkeiten.

Einigkeit im Glauben, Übereinstimmung in den Symbolen und werthafte Gleichorientiertheit waren die Grundpfeiler sozialer Ordnung. In der modernen Massengesellschaft jedoch haben sich „freie Individuen“ herausdifferenziert. Als freies Individuum beansprucht jeder für sich, eine Wahl treffen zu können aufgrund von eigenem Vermögen (Kompetenz) sowie in völliger Unabhängigkeit von jeder Art von Zugehörigkeit.

Autorität und Tradition sind unter dem Doppelbeschuss von rationaler Kritik und subjektiver Willkür zusammengebrochen, „Werte“ als Grundpfeiler sozialer Ordnung haben ausgedient. Die zu ihrer Zeit „echte” Wertgemeinschaft ist verschwunden. Was nicht verschwunden ist, ist die subjektivierte Vorstellung von ihr sowie der nicht minder subjektive Anspruch von Individuen und Gruppen auf ihre eigene Wertgemeinschaft.

Demütigung durch Werte

In einer Massengesellschaft, in der die ihr zugehörigen Menschen intellektuell unter dem durch Wissenschaft, Wirtschaft und Technik bewerkstelligten zivilisatorischen Niveau stehen, gibt es genauso viele Moralen wie es Individuen gibt. Dieser Pluralismus der Ansichten, Vorstellungen und Werte übersetzt sich gesellschaftlich in entsprechende Antagonismen mit dazugehörigen Spaltungslinien.

Innerhalb der aus Individuen zusammengesetzten Massengesellschaft herrscht Wettbewerb und -kampf der Werturteile, d.h. ein Kampf der Individuen um Werte. Eine, soziale oder politische, Partei, die nach einheitlicher Frontbildung sich siegreich in diesem Kampf durchgesetzt hat, sanktioniert nicht nur die gesellschaftliche Spaltung. Schwerlich wird sie es dabei belassen, „nur“ ihre Herrschaft über die Besiegten auszuüben. Sie wird danach trachten, sich selbst als „im Dienste der Gerechtigkeit” bzw. „des Guten” stehend darzustellen.

Die mit ihrem Sieg zur Herrschaft gekommenen Werte sind die einzig „wahren”, „guten” und „richtigen”. Die im Kampf unterlegenen gegnerischen Werte sind natürlich dann das genaue Gegenteil von alledem. Die, die ihnen anhängen, sind böse, im Irrtum befangen oder einfach nur intellektuell und/oder moralisch zurückgeblieben. In einem Konflikt, in dem es (auch) um Werte geht, gibt sich die siegreiche Partei also nicht mit Herrschaft und Machtausübung zufrieden: Der Besiegte wird von ihr gedemütigt, indem sie ihn moralisch, durch „Werte“, vergewaltigt.

Vereinigung unter Worte, bei deren Klang jeder etwas anderes versteht

Vorstellungswelten und Wertansichten sind immer subjektiv und damit unbeweisbar. Menschen können sich auf Worte und Symbole einigen, sich um sie scharen und gemeinsam zum Kampf gegen einen Gegner (Feind) antreten. Wofür jeder im Einzelnen kämpft, ist unmöglich herauszufinden. Eines der von Geiger genannten Beispiele ist „Demokratie“. Sind die Menschen sich auch im Wort einig, in der Sache sind sie es nicht. Jeder versteht etwas anderes und stellt sich etwas höchst Unmitteilbares vor unter „Demokratie“.

Bei Worten beschränken Erlebnis und Verständnis sich immer auf den Einzelnen: Du und Ich, unter dem gleichen Wort versammelt und eine einheitliche Front gegen XY bildend, verstehen darunter und erleben dabei Grundverschiedenes. Es ist immer einfacher, die Menschen in ideologisch gesteuerter Gegnerschaft zu XY zu versammeln, als sie unter einem Wert oder Gegenstand zu einigen, den alle auch gleich verstünden und erlebten. Die Tendenzen zu Ideologisierung und Appell an die Leidenschaften sind deshalb auch aus der demokratischen Politik nicht entfernt, sondern, im Gegenteil, zum festen Bestandteil der Volksaufklärung geworden. Egal, um was für ein Schlagwort die Menschen sich scharen, immer scharen sie sich um leere Worte.

Gefühlszustände und Idealität verhüllen ein Nichts

Worte sind aufgrund ihrer Inhaltsleere sehr einfach dazu zu gebrauchen, Leidenschaften zu entfachen und so Kampfbereitschaft herzustellen. Schwärmerei, Pathos, gemütliche Anwandlungen und Bewegtheit jeder Art, so harmlos sie an sich auch sein mögen, helfen die Aggressivität vorzubereiten. Mit vernünftiger Einsicht in wirkliche Sachzusammenhänge, mit Objektivität haben diese wortbegleitenden Gefühlszustände  nicht das Geringste zu tun.

Und die Güte, Geltung, Richtigkeit, Wahr- und Besserheit eines Gegenstands, an den sich die Gemüter entzünden, die Geister scheiden, kann immer nur behauptet, niemals aber bewiesen werden. Wenn es sich dazu noch um sogenannte „ideale Gegenstände“ handelt, die es so in der Wirklichkeit nicht gibt, wird tatsächlich um ein Nichts gelitten und gekämpft.

Wissenschaft und sachliche Politik regeln das Zusammenleben

Die Voraussetzung von Geigers Ideologiekritik sowie seiner Ablehnung jeglicher politischen Leidenschaft – „Demokratie ohne Dogma und Pathos“ – ist eine auf Tatsachen und Gegebenheiten bzw. reale Begebenheiten beschränkte naturwissenschaftliche Welterkenntnis. Die Probleme des Zusammenlebens erheischen dementsprechend technische Lösungen, eruiert von Sachverständigen.

Das können Realpolitiker – wohlgemerkt Realpolitiker, nicht Machtpolitiker – genauso sein wie fachlich qualifizierte Wissenschaftler. Der Schlüssel zur Rationalisierung des Zusammenlebens ist „Intellektualisierung durch kritische Aufklärung“. Die meisten Menschen seien grundsätzlich fähig, ihren Intellekt soweit zu bilden, dass sie nicht mehr billigem Wortflitter auf dem Leim gingen und im Gegenzug dazu ein Bewusstsein für „vernünftige Interessen“, eigene aber auch fremde, entwickeln.

Weder Weltanschauung noch Gerechtigkeit

Nur auf Grundlage einer allgemeinen gesellschaftlichen Intellektualisierung vermag die Politik sich sachlich an Gegebenheiten zu halten sowie sich auf Machbares zu konzentrieren. Unstimmigkeiten zwischen den Parteien sollen ihren Grund in einem Unterschied und Gegensatz der Interessen, niemals in einem Unterschied und Gegensatz der Werte haben. Das unheilvolle deutsche Wort der Weltschauung und, daraus abgeleitet, die Weltanschauungspartei, ist ganz abzuweisen.

Das Konfliktpotential von Interessengegensätzen ist viel niedriger und noch dazu ein völlig anderes als das von zu Weltanschauungen systematisierten Wertantagonismen. Interessen können verständlich gemacht werden, Werte können das nicht. Wertantagonismen, Kollisionen von gegensätzlichen Gerechtigkeitsbegriffen und Weltanschauungen wirken destruktiv auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Bei ihnen kann es keine gemeinsame Verständigungs- und, damit, auch keine gemeinsame Verhandlungsbasis geben. Fragen der „Gerechtigkeit“, wo es eigentlich um Interessen gehen sollte, öffnen leidenschaftlicher Empörung Tür und Tor, welche dann den Kampf in Gesellschaft und Politik vorbereitet.

Für Geiger steht im Sinn eines radikalen Positivismus fest, dass „Gerechtigkeit“ ein Wahn ist, den man sich am besten ganz aus dem Kopf schlagen sollte, da er der Sachlichkeit in die Quere kommt.

(Bild: Carlos Wefers Verástegui)

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