Rezension

Traumkantate: In Memoriam Uwe Haubenreißer

Uwe Haubenreißer wurde 1964 in Nordhausen geboren. Er ist einer der bedeutenden deutschen zeitgenössischen Dichter gewesen. Seine Sprache ist sehr fein. Sie wird bei oberflächlicher Betrachtung gern unterschätzt. Er war ein Meister im Umgang mit der Sprache. So war er auch in seinem Wesen: sehr fein und genau. Im Januar 2022 starb er ganz plötzlich, gerade einmal mit 57 Jahren, an einem schweren Herzinfarkt.

Die wenigen Unterhaltungen, die ich mit ihm führen durfte, waren ein Genuß. Es stand immer noch eine Einladung aus, bei der wir miteinander über Dichtung im Allgemeinen sprechen wollten und die Möglichkeiten, die im Gedicht selbst stecken, wenn man es vertonen möchte. Haubenreißer hat mir eine eigene Vertonung eines seiner Gedichte gegeben, das ich auch schon vertont hatte. Interessant war, daß wir beide, unabhängig voneinander, die gleiche Tonart und die gleiche Taktart gewählt hatten.

Die Gedichte Haubenreißers sind bar jeglichen symbolischen Pomps. Sie wirken aus sich heraus. Das läßt sie leicht in das Herz des Lesers einziehen. Er braucht kein „bedeutungsschweres Raunen“. Er spricht ganz natürlich, und dabei still, vielleicht von sanfter Melancholie durchwirkt. Hie und da entdeckt man einen fragenden Gestus. Immer aber sind seine Gedichte klar und schön. Die Struktur seiner Dichtung ist eindeutig.

Der Komponist Christian Glowatzki, der auch einige Gedichte Haubenreißers vertont hat, verglich Haubenreißer einmal mit Joseph Haydn. Was Haydn in der Musik ist, wäre Haubenreißer in der Dichtung. Haydn wird, wenn man nicht gerade Klassikfan ist, gern unterschätzt. Man findet in seiner musikalischen Struktur aber oft mehr Inhalt, als beispielsweise beim fast vergötterten Mozart. Dies aber oft erst auf den zweiten Blick. So wird Haubenreißers Dichtung ebenfalls gern unterschätzt. Man nimmt die schöne Sprache hin und genießt die Bilder, die er verwendet. Beschäftigt man sich aber tiefer inhaltlich und die Struktur betreffend damit, wird einem erst klar, mit was für einem Meister man es hier zu tun hat.

Es kam einmal der Gedanke der „3 Uwes der zeitgenössischen Reimdichtung“ auf. Damit sind gemeint Uwe Nolte, Uwe Lammla und natürlich Uwe Haubenreißer. Lammla ist nicht nur Dichter, sondern auch Verleger. Und so finden wir neben Werken Noltes auch den Gedichtband Traumkantate von Haubenreißer bei ihm verlegt. Haubenreißer hatte längere Zeit gezögert. Glücklicherweise aber hat er dann doch einer Veröffentlichung zugestimmt.

Der Titel Traumkantate ist dem Gedicht „Schweigezeit“ entlehnt. „Eingehüllt von Traumkantaten welkt die Sonne überm Hag.“ Das ist ein Beispiel für seine wunderbaren Sprachbilder. Dies ist auch eines der Gedichte, die Glowatzki vertont hat. Es ist zu hoffen, daß die Gedichte Haubenreißers, ob in barer Sprache oder als Lieder vertont, weiterleben und die Herzen erfreuen.

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