Rezension

Verdrängte Konflikte

Warum halten wir den Nahostkonflikt für wichtig und den Kongokrieg nicht? Virgil Hawkins Buch Stealth Conflicts fragt, warum manche Kriege omnipräsent sind und andere vergessen werden.

Im Jahr 2003 wurden 37 australische Studenten eines Konfliktforschungskurses befragt: Was sind die drei tödlichsten Kriege der Welt? Nur einer nannte den Krieg in der Demokratischen Republik Kongo (an dritter Stelle hinter Israel-Palästina und Afghanistan). Der zweite Kongokrieg (1998-2003) befand sich zu diesem Zeitpunkt gerade in seiner Schlussphase. Der dritte (2007-2009) sollte bald darauf folgen. Die Auseinandersetzungen in dem Land von der Größe Westeuropas hatten bereits zwischen drei und fünf Millionen Leben gekostet. Neben zahllosen Kriegsherren und Stammesmilizen waren Armeen aus neun afrikanischen Staaten in den Krieg verwickelt.

Neun Studenten nannten den Konflikt zwischen Israel und Palästina als den tödlichsten Konflikt der Welt. Ganze 21 glaubten, von einem humanitären Standpunkt aus sei dieser Konflikt am meisten einer Lösung bedürftig. Seine Opferzahl in der Zeit der beiden ersten Kongokriege betrug etwa 5.000 Tote.

Opferzahlen sind für die Öffentlichkeit irrelevant

Welche Aufmerksamkeit einem Krieg von der Außenwelt zuteil wird, ist zumindest von einem Faktor gänzlich unabhängig: seinem tatsächlichen Ausmaß. Dieser Befund führte Vigil Hawkins dazu, in seinem Buch Stealth Conflicts: How the World‘s Worst Violence Is Ignored der Frage nachzuspüren, wie denn die höchst unterschiedliche Aufmerksamkeit zu erklären ist, mit der die verschiedenen Kriege und Konflikte dieser Welt bedacht werden.

Dabei interessiert Hawkins nicht nur die Öffentlichkeit von Medien und breiterem Publikum, sondern die gesamte Wahrnehmung und Reaktion Außenstehender, vor allem westlicher Länder auf einen Konflikt. Er unterteilt das „Publikum“ in vier Gruppen: Politiker, Medien, Wissenschaft und die Öffentlichkeit (public), zu der er neben „allen“ vor allem Interessengruppen, Unternehmen und NGOs zählt. Hawkins erläutert ausführlich, wie die verschiedensten Gruppen auf auswärtige Krisen reagieren und auch den komplexen Prozess ihrer gegenseitigen Beeinflussung.

Ausgewählte und verborgene Konflikte

Im Ergebnis, so Hawkins Befund, überschneiden sich die Aufmerksamkeitsfelder weitestgehend. Die gegenseitige Beeinflussung zwischen den Gruppen führt zu sehr einheitlichen Wahrnehmungsbereitschaften. Von Sonderinteressengruppen, die ein sehr spezielles Feld beackern, abgesehen, bilden sämtliche Systeme der Gesellschaft einen weitgehend einheitlichen Block, nicht was die Bewertung auswärtiger Krisen anbelangt, aber doch bezüglich der Frage, welche Krisen überhaupt als wichtig angesehen werden.

Da die menschliche Aufmerksamkeit sehr begrenzt ist, stehen stets ein bis zwei Konflikte im Fokus  und der Rest wird vergessen oder verdrängt. Welche Konflikte eine hohe Beachtung erfahren und welche in der Vergessenheit versinken, hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab: Ihrer Bedeutung für die Interessen anderer Länder, für die Interessen mächtiger Einflussgruppen, aber ebenso von ihrer medialen Vermarktbarkeit. Ein Konflikt, der als ein einfacher Kampf zwischen bösen Verbrechern und hilflosen Opfern dargestellt werden kann, zieht, während komplizierte Verhältnisse im durchschnittlichen Medienkonsumenten eher den Wunsch wecken, sich gar nicht erst damit zu befassen. Auch Sensationsbilder spielen eine wichtige Rolle. Explosionen sind gefragt, während das langsame Sterben an Hunger und Seuchen, dass in den tödlichsten Kriegen Afrikas oft über 90 Prozent aller Opfer verursacht, weitestgehend unbeachtet bleibt.

Was die Wichtigen für wichtig halten

Einer der interessantesten Befunde Hawkins ist der, dass die Bedeutung, die den unterschiedlichen Kriegen beigemessen wird, sich inzwischen weltweit recht vereinheitlicht hat. Selbst afrikanische Medien in Ländern, die direkt an Kriegsgebiete angrenzen, berichten eher über den Mittleren Osten, als über ihre Nachbarschaft. Das liegt zum einen daran, dass diese Medien ihre Nachrichten bei den großen internationalen Medienkonzernen einkaufen. Die Orientierung an den bedeutsamen Akteuren der globalisierten Welt spielt allerdings ebenso eine Rolle. Was die Wichtigen für wichtig halten, darüber reden auch alle anderen.

Hawkins beschreibt diese Zusammenhänge als jemand, der sich mehr Aufmerksamkeit gerade für afrikanische Konflikte wünscht, in der Hoffnung, dass der Westen dann mehr zu ihrer Beilegung unternähme. Den recht naiven Interventionsmus – Hawkins beklagt nur das nichts geschieht, kann aber auch nicht sagen, was eigentlich geschehen sollte – mag man als Schwachstelle des Buches ansehen. Dem Inhalt tut dies aber wenig Abbruch. Weit problematischer ist eine Frage, die er nicht, zumindest nicht in der gebotenen Deutlichkeit stellt: Liegt die Verdrängung gerade afrikanischer Kriege nicht daran, dass sie möglich ist? Daran, dass das globale politische System nicht durch sie gestört, sie in diesem Sinne eben regionale Angelegenheiten sind?

Komplexe Zusammenhänge gut dargestellt

Hawkins ist es dennoch gelungen, eine Reihe sehr komplexer Zusammenhänge so verständlich darzustellen, wie dies eben möglich ist. Seine große Stärke liegt im Detail, wenn er die zahlreichen Facetten der verdrängten Konflikte erklärt. Das ist eine der Thematik durchaus angemessene Vorgehensweise, bedenkt man, dass hier am Ende keine einheitliche Theorie entsteht, sondern der Reihe nach verschiedenste Umstände beleuchtet werden, die es mehr oder weniger wahrscheinlich machen, dass ein Krieg zum verdrängten Konflikt wird, oder eben nicht.

Sehr zur Lesbarkeit seines Buches tragen auch die immer wieder eingestreuten Anekdoten bei, denen es oft gelingt, einen Sachverhalt einprägsam auf den Punkt zu bringen. Wenig illustriert die Medienlogik in Krisen und Konflikten besser, als die Geschichte jener Reporter, die in ein Flüchtlingslager fuhren und riefen: „Ist hier jemand, der vergewaltigt wurde und Englisch spricht?“

Bedauerlicherweise zählt Stealth Conflicts zu jenen Publikationen, die für den normalen Geldbeutel inzwischen nahezu unerschwinglich geworden sind. Studenten und jedem anderen, der sich in der glücklichen Situation befindet, es über eine Bibliothek erhalten zu können, sei dies jedoch wärmstens empfohlen.

Virgil Hawkins (2008): Stealth Conflicts: How the Worlds Worst Violence Is Ignored, Routledge, ISBN: 978-0-7546-7506-8

(Bildhintergrund: Michael Foley, flickr, CC BY-NC-ND 2.0)

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