Gesichtet

Verschafung, die Zweite

Ein Freund von mir, der Naturforscher ist – er ist Experte für Wölfe –, hat mich neulich darauf hingewiesen, dass die Menschen sich nicht wie Schafe verhalten, nicht etwa „belämmert“ sind, sondern, umgekehrt, die Schafe vermenschlicht sind.

Das klingt weniger absonderlich, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass es sich beim Schaf um ein domestiziertes Tier handelt. Durch die Domestikation verlieren die Tiere viele der Eigenschaften, die sie zum Überleben in der Wildnis benötigen. Daher ist die Wildform des Schafs weniger blöde, weniger lebensunfähig und weniger verweichlicht als die Hausform. Der Mensch schwächt ganz bewusst die wilden Instinkte und Anlagen der Tiere, züchtet sie auf Eigenschaften hin, die ihm nützlich erscheinen, und erhält so Nutztiere.

Die Frage, ob der Mensch nicht auch den Menschen domestizieren könne, seine angeborenen Triebe bewusst schwäche und ihn so zu seinem eigenen egoistischen Nutzen auf bestimmte Eigenschaften hin züchte, ist primär soziologisch und nicht biologisch zu beantworten. Die Selbstdomestikation des Menschen zu seinem eigenen egoistischen Nutzen ist weniger Zuchtwahl als „Zivilisierung“ bzw. fortschreitende Zivilisation.

Zivilisation vs. Barbarei

Dass wir zivilisierte Menschen sind, sieht man daran, dass wir viel auf unsere Zivilisiertheit geben. Folglich halten wir auch viel auf uns. Offene Barbarei erschreckt den normal empfindenden zivilisierten Menschen, denn sie erinnert ihn an die mit dem nackten Dasein ursprünglich verknüpfte Gewalt. Zusammen mit Thomas Hobbes fürchten wir uns vor dem Naturstand, dem Krieg aller gegen alle, weil wir mit ihm die Möglichkeit eines gewaltsamen Todes verbinden.

Keiner möchte zum Naturstand zurückkehren. Nächst dem gewaltsamen Tode schrecken uns Schmerz und Leid, wie sie uns naturständige Brutalität und Grausamkeit beibringen. Zivilisatorisch überfeinerte und heuchlerisch verhüllte bzw. umgedeutete Brutalität und Grausamkeit hingegen finden wir ganz in Ordnung.

Moralische Höherentwicklung des Menschen in der Zivilisation

Genauso, wie es grausam wäre, ein Schaf in die Wildnis seiner Vorfahren zu entlassen, wäre es grausam, einen Menschen in eine anarchische Welt zu entlassen, in der mit der Barbarei auch die nackte Gewalt herrscht. Kein wirklich zivilisierter Mensch wäre damit einverstanden. Dass die durch die Zivilisation bewirkte Mildewerdung und Freundlichmachung, oder Freundlichwerdung und Mildemachung, immer weiter vorwärts geht, immer höher hinauf steigt, sieht man an demjenigen Menschentum, welches sich seiner moralischen Höherentwickeltheit besonders bewusst ist.

Nur ein Mensch, dessen Moral sich im Verlauf seiner eigenen Zivilisierung immer mehr hoch entwickelt hat, kann auf die Idee kommen, einem Barbaren etwas Gutes tun zu wollen. Das tut er z.B., indem er ihn aus der Barbarei befreit, ihn vor sich selbst und seinesgleichen schützt und fortan mit „Gütern höherer Zivilisation“ ausstattet. Für einen Zivilisierten klingt das alles ganz anständig und vernünftig. Menschliches Leiden ist schließlich menschliches Leiden, egal, ob es sich beim Leidenden nun um einen Wilden und Barbaren oder um einen Zivilisierten handelt.

Der zivilisatorische Fortschritt ist nur durch Reichtum möglich

Ende des 19. Jahrhunderts waren wir zivilisierten Westler so grausam und gewalttätig, wie man es heutzutage nur noch von Barbaren sowie zivilisatorisch Zurückgebliebenen erwartet. Der Nationalökonom Wilhelm Roscher klagte damals über die um sich greifende „Geringschätzung der roheren und schwächeren Völker“,  und dass man diese „im Kampfe ums Dasein“ zertreten wolle und höchstens die Achseln zucke, „wenn sie zertreten werden.“

Sein Fachkollege Vilfredo Pareto hatte dem hinzuzufügen „dass die guten zivilisierten Völker mit wirklich bewundernswerter Heuchelei vorgeben, sie unterdrückten, ja vernichteten ihre Unterworfenen wirklich nur zu deren eigenem Besten, und ihre Liebe zu ihnen sei so groß, dass sie sie mit Gewalt ‚befreien‘ wollen.“ Heute, da die Zivilisation weiter fortgeschritten ist und wir uns gebessert haben, sind wir rücksichtsvoller mit weniger entwickelten Völkern und Menschen. Auch ist unser Gewissen viel schlechter als das unserer Vorväter. In punkto Heuchelei hingegen haben wir uns nicht gebessert. „Zivilisation“ ist ja kein Versprechen auf wachsende Aufrichtigkeit, sondern auf wachsende Sicherheit und Wohlstand, und dazu bedarf es des Reichtums.

Erst mit wachsendem Reichtum kommt man zur Zivilisation, mit Lauterkeit, Aufrichtigkeit und Rücksichtnahmen hingegen kommt man nicht zu Reichtum. In den Anfängen der Zivilisation ist man entweder heilig, aber arm – und bleibt infolgedessen zurückgeblieben – oder man ist ruchlos, reich und bereitet so die großen Fortschritte vor, so dass man später getrost heilig sein darf. Dieselben Vorväter, die so schlecht mit dem unzivilisierten Rest der Welt umgesprungen sind, haben uns den Reichtum beschert, der uns unsere Zivilisation ermöglicht hat.

In diesem Sinne haben wir unseren wenig rücksichtsvollen Vorvätern dankbar zu sein, und die Barbaren und Barbarennachkommen, die uns immer noch wegen unserer Vorväter Untaten anklagen, ebenso. Der erste Preis für die Zivilisation war Blut. Wir haben zwar mit einer höheren Zivilisation auch eine höhere Moral als unsere Vorväter, der Preis dafür aber ist der Anstieg der Heuchelei ins Unermessliche plus ein böses Gewissen gewesen. Gratis gab es dazu humanitäre Albernheiten.

Arche des Glücks

Die größte Albernheit ist, anzunehmen, dass die Sphäre der Zivilisation sich über den ganzen Erdball erstrecken könnte. Nicht einmal in der „zivilisierten Welt“ findet man die Zivilisation gleichmäßig verteilt. Auch gibt es punktuell Rückschläge, Atavismen, die uns zu verstehen geben: Das Ziel, mag es nun ganz nah oder in weiter Ferne liegen, ist nicht zu erreichen. Ja, aber, was war denn eigentlich das Ziel? Tatsächlich! Bei all den humanitären Albernheiten ist das Ziel – unser Eigennutz – ganz aus den Augen gekommen.

Friedlich und in Ruhe wollten wir leben, unserer Arbeit nachgehen, unseren Wohlstand genießen und nach einem langen, sorgenarmen  und genussreichen Leben auch friedlich, möglichst schmerzfrei, von dannen gehen. Dann kam die Albernheit. Plötzlich wollten wir die Barbaren mit an Bord nehmen auf unsere Arche des Glücks. Was wir damit letztlich erreicht haben, ist eine Zivilisation, die ihr Versprechen nicht halten kann.

Sie ist zwar immer weiter fortgeschritten, damit aber innerlich brüchig geworden. Die ersten Anzeichen dafür liegen bereits vor. Zu meiner Freude konnte ich kaum zwei Tage nach dem Terrorakt von Stockholm in der linken spanischen Tageszeitung El País lesen, dass wir demütig akzeptieren müssten, dass so, wie die Dinge jetzt stehen, entweder wir oder unsere Kinder Opfer des Dschihad werden könnten. Damit wurde eine These bestätig, die ich bereits vor Monaten in meinem Artikel Die Verschafung der Deutschen formuliert hatte.

Die Heiligkeit heißt Gottes Diener willkommen

Damals waren mir zwei Dinge noch nicht klar geworden: erstens, das Phänomen der Verschafung beschränkt sich nicht auf die Deutschen, und, zweitens, es bezeichnet einen höheren Grad – vielleicht sogar den höchsten – an Zivilisation, wenn man zum Schaf wird. Die „demütige Akzeptanz“, mit der wir den Dschihad als unser unabwendbares Schicksal hinnehmen müssen, wirkt besonders rührend, wenn sie von pfäffischen linken Journalisten gepredigt wird.

Das erinnert mich an die Geschichte des Patriarchen von Aquileja, der Attila Einlass gewährte. Der Hunnenkönig stand vor dem Stadttor: „Ich bin Attila, die Geißel Gottes“ soll er gesagt haben, worauf der Patriarch ihm antwortete: „Er komme herein, der Diener Gottes.“ Attila erfüllte Gottes Willen bzw. spielte Schicksals Werkzeug, indem er zuerst den heiligen Mann, schließlich alle Einwohner Aquilejas niedermetzelte.

Ein Armutszeugnis

Es gibt Dinge, die sich trotz des Fortschritts in der Zivilisation niemals ändern. Das Blut der Unschuldigen wird immer der Preis der Heiligkeit sein. Seltsam nur, dass für diese so überaus teure Heiligkeit der Preis von Leuten aufgebracht werden muss, die weder im Leben noch im Tode etwas davon haben. Aber, auch hier springt die Zivilisation rettend herbei, den heiligen Dingen Worte in den Mund zu legen wie „unsere Demokratie steht stärker da als vorher“ und „wir lassen uns unsere Art zu leben nicht nehmen“.

Die Art nicht, das Leben, schon. Mörder ja, Miesmacher nein. Aber dennoch bleibt Hoffnung, die Zivilisation schreitet ja unaufhörlich voran. Und auch das Blut der Märtyrer, der „Opfer sinnloser Gewalt und sinnlosen Hasses“, ist letztlich ein Stärkungsmittel, sowohl für unsere Demokratie als auch für unsere Art zu leben, indem es liebenswerte und rechtschaffene Menschen zusammenklebt. Ob die salbungsvollen Verkündiger dieses Armutszeugnisses ihrerseits nicht das gleiche Schicksal verdient hätten wie der heilige Patriarch von Aquileja, darüber möchte ich nicht entscheiden. Das ist eine Frage, die vom Schicksal und der Höherentwicklung der Zivilisation zugleich beantwortet werden muss.

(Bild: Pixabay)

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