Gesichtet

Von der Ideologie zum Mythos

Das Wort „Ideologie“ wird heutzutage derart häufig gebraucht, dass sein weiterer Gebrauch eigentlich abschrecken müsste: jedem Gedanke, jedem Glauben sowie jeder Weltsicht, die einem selbst – oder: jemand ganz anderem – nicht in den Kram passt oder vollkommen gegen den Strich geht, droht die Herabwürdigung zur „Ideologie“.

Schlimmer noch als dieser wissentlich betriebene Missbrauch sind die gedankenlosen  Verallgemeinerungen. Da wird schnell von der „falschen“ Ideologie gesprochen, so, als ob es eine „richtige“ gäbe. Oder es wird der jeder Epoche eigentlich zugrunde liegende „ideale Überbau“ missachtend als „Ideologie“ bezeichnet. Dieses heillose Durcheinander findet sich überall, sowohl in der Alltagssprache als auch im fachwissenschaftlichen Diskurs.

Weiter noch geht der „allgemeine Ideologieverdacht“, ein dem Skeptizismus verwandter Hyperkritizismus, der es für notwendig erachtet, sogar das eigene Denken sowie den eigenen Standpunkt, zumindest der Möglichkeit nach, als „unter einer Ideologie stehend“ zu erachten. Auch die Übertreibung des tatsächlichen Einflusses von „Ideologien“ auf das menschliche Verhalten hat dem vernünftigen Gebrauch dieses Worts viel Schaden zugefügt. Einen anderen Irrweg bezeichnet noch die Leugnung der Ideologie überhaupt: Für uns Gegenwartsmenschen seien „Ideologien“ überhaupt nicht mehr maßgebend. Die Zeit der Ideologien sei, nach dem Zerfall des real existierenden Sozialismus, für immer vorbei. Stattdessen seien die Leute nur noch pragmatisch eingestellt, verfolgten „realistische Ziele“ und ließen sich nicht mehr durch „Ideologien“ hinters Licht führen.

Zwischen Begriff und Religion

Der Fehler bei all diesen Ansichten, die selbst ideologisch motiviert sein können, liegt darin, dass sie die eigentliche Analyse der Ideologie ganz beiseite lassen. Eine Ideologie ist ein hochkomplexes Geistgebilde, das dazu noch oftmals in seiner Struktur einem Begriff zum Täuschen ähnlich ist. Mit dem Begriff haben Ideologien übrigens auch gemein, dass sie an sich weder richtig noch falsch sind. Leider sind daher auch die Übergänge, von der Ideologie zum Begriff und, rückwärts, vom Begriff zur Ideologie, fließend: eine Ideologie kann viel zur guten Begriffsbildung beitragen, wie auch an sich gut gebildete Begriffe als Ideologeme für Ideologien herhalten müssen.

Denn auch Ideologien dienen der Erkenntnis, aber, wohlgemerkt ist ihr Zweck keine der Realität angemessene Erkenntnis, sondern eine schiefe und auf den Kopf gestellte. Eine über eine Ideologie gelaufene Welterkenntnis ist nicht etwa ungenau, sondern, im Gegenteil, sehr genau: sie ist eine höchst getreue Wiedergabe einer Karikatur der Realität. Die Ideologie verleiht der Karikatur, im Gegensatz zur Wirklichkeit, einen imperativischen Wirklichkeitscharakter – d.h. das der Ideologie zufolge Wirkliche ist zwangsläufig auch immer das Vernünftige –, oder aber, die Ideologie stellt ihre eigene, von einer gegebenen Wirklichkeit abgezogene Weltsicht als zu realisierendes Ideal auf. Im letzteren Falle ist sie also selbst ehrlich und offenherzig utopisch, moralistisch oder geschichtsphilosophisch – ein Lückenbüßer für die Religion.

Ideologien sehen wahre Sachverhalte und schaffen Realitäten

Die Komplexität der Ideologie liegt also darin, dass sie tatsächlich wahre Sachverhalte zu erkennen und auch darzustellen vermag. Das ist auch der Grund ihrer Wirksamkeit, und warum die durch sie schief dargestellten Sachverhalte angenommen werden können. Wären Ideologien bloße Lügen- und Truggebilde, bräuchte man sich nicht die Mühe machen, sie zu entlarven. Auch wirken sich Ideologien, sei es direkt oder indirekt, tatsächlich auf die Realität aus, so dass es niemand wundern muss, wenn unsere eigene Wirklichkeit, nicht bloß „ideologisch durchwirkt“, sondern geradezu von Ideologien zusammengehalten wird.

Einer Ideologie, die eine ganze Wirklichkeit fabriziert hat, ist aber schwerlich mit der „echten“ Wirklichkeit oder dem „gesunden Menschenverstand“ beizukommen. Keiner zweifelt daran, dass die Sowjetunion und die Staaten des Warschauer Paktes als faktische Realitäten das Produkt der kommunistischen Ideologie waren. Genau so steht es aber auch mit unseren Gemeinwesen, die der freien und entwickelten, die der westlichen Welt des Wohlstandes: Sie sind gänzlich auf Ideologien gebaut und werden auch durch sie zusammengehalten.

Erst seit der Neuzeit kann man von „Ideologien“ reden

In den Sozialwissenschaften wird das Wort „Ideologie“ mit größter Nachlässigkeit gebraucht. Historiker sprechen von „antiken Ideologien“, z.B. bei den alten Ägyptern, den Griechen, den Römern. Genauso verwenden sie dieses Wort aber auch im Zusammenhang mit den verschiedenen politischen Formeln des christlichen Mittelalters. Dabei wird verkannt, dass die Ideologien als solche im Abendland erst seit der Neuzeit auftreten. Sie tauchten auf im Kampf eines Teils des Bürgertums gegen den Alten Staat und seine Repräsentanten Königtum, Adel, Klerus sowie zünftig gebundenes und verbundenes traditionelles Bürgertum. Entgegen anderslautender Behauptungen kamen der Alte Staat sowie die Gesellschaftsordnungen von vor 1789 noch sämtlich ohne Ideologien aus. Den Zusammenhalt besorgten nämlich Religion und Tradition, die nur uneigentlich und gänzlich verkehrt auch „Ideologie“ genannt werden.

Das Wort „Ideologie“ selbst stammt aus dem nachrevolutionären Frankreich und wurde abschätzig für eine Reihe Philosophen („idéologues“) gebraucht, die gegen Napoleon Bonaparte opponierten. Die moderne und sogar wissenschaftliche Definition des Begriffs bewerkstelligte niemand anders als Karl Marx, welcher zudem noch eine Ideologie in klassischer Reinheit lieferte, den Marxismus. Dieser hatte das Zeug dazu, andere Ideologien als solche zu entlarven, sowie das Bewusstsein ihrer Subjekte als ein „falsches“ aufzuzeigen.

Das Reich der Mythen

Ideologien liegen genauso im Kampf miteinander wie die ihnen anhängenden Subjekte, um die es ihnen vornehmlich auch geht: diese wollen sie weiterhin von ihrer „Richtigkeit“ überzeugen, indem sie das Denken, die Standpunkte und überhaupt die ganze Weltsicht des Gegners als „ideologisch“ darstellen. Dabei gehen sie so weit, zum falschen Bewusstsein noch den grundlegenden Irrtum, in dem der Gegner sich befindet, sowohl dem Gegner – obwohl das dem Gegner natürlich überhaupt nichts nützt – als auch ihren eigenen Subjekten vorzuführen. Der Irrtum, in dem der Gegner sich befindet, ist für die Subjekte einer Ideologie ein weiterer Beweis dafür, dass eben nur sie „richtig“ liegen, während der Andere zwangsläufig „falsch“ liegt.

Die Höchststeigerung des Gegensatzes von „richtig“ und „falsch“ zum später immer und überall mitgemeinten Gegensatz von „gut“ und „böse“ führt aus dem Reich wissenschaftlich aufgefasster Ideologie hinaus und in das der Mythen hinein. Vieles von dem, was früher die Ideologien einfach so behaupten konnten, hält sich nur noch in Form des Mythos. Naiv z.B. wird an den „Fortschritt“ kaum noch geglaubt. Sein Mythos hingegen ist gegenwärtiger denn je. Im ideologischen Kampf wurde er längst aufgerieben, und auch die Wirklichkeit ist dem „Fortschritt“ nicht gut bekommen.

Umso heftiger klammern sich seine ehemaligen Gläubigen an dessen mythologische Überreste Vernunft, Mündigkeit des ganzen Menschengeschlechts, Gleichheit, Alleweltbeglückung, als wären es heilbringende Reliquien. Und wer diesen die Heilswirkung abspricht oder schlicht darauf hinweist, dass es die bisher nicht entfaltet hat, der hat sich als „Böser“ zu erkennen gegeben.

(Bild: Karl-Marx-Kopf in Chemnitz, von: Wikipedia, self, CC BY-SA 3.0)

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