Anstoß

Wie wehrhaft ist das Christentum heute noch?

Anläßlich der ambitionierten Neuübersetzung der Apokalypse, meditiert Benjamin Jahn Zschocke polemisch über das Christentum in Deutschland.

Die christlichen Gemeinden in Deutschland sind in Zeiten der Postdemokratie zu mehrheitlich traurigen Erbauungs- und Freizeitgestaltungsvereinen geworden, deren Würdenträger wahlweise pro und (selten halbherzig) contra Zeitgeist steuern, da sie als Fördermittel- und Zuwendungsnehmer staatlicher Almosen mit dessen Wohl und Wehe untrennbar verwoben sind.

Während die einen meinen, der Kulturkampf Islam vs. Christentum werde längst ausgefochten, vertreten ihre Gegner die Auffassung, das wehrhafte und wahrhaft staatstragende Christentum habe sich einen festen Platz in der offenen Grundgesetz-Gesellschaft erarbeitet, erstritten, gerade noch so behalten oder auch nur erschleimt, erjammert, erschluchzt. Unser Bundesopi Gauck meinte das gelegentlich. Bestimmt schreibt er nach seiner anstehenden Ausmusterung noch ein weiteres Buch darüber (au ja!).

Auslaufmodell Christentum

Daß das Christentum hierzulande ein Auslaufmodell ist, ist an vielen Zeichen zu erdeuten. Das kann man mittlerweile auch bequem von zu Hause nachvollziehen. Dazu muß man sich nicht einmal mehr aktiv bei der Teilnahme an einem weltoffenen Gospeldienst fremdschämen. Zwei untrügliche Faktoren deuten auch so darauf hin: erstens, daß die christlichen Gemeinden immer weiter an die Bedeutungslosigkeitsschwelle heranschrumpfen und zweitens, daß eine der beiden Staatsparteien der bundesdeutschen Oligarchie unter dem plakativen C in der heiligen Dreieinigkeit Kohl-Merkel-Seehofer Deutschland seit den Achtzigern systematisch auslöscht.

Vor dieser Kulisse ist das Christentum höchstens für Angsthasen ein Zufluchtsort, die sich spätestens seit dem letzten Herbst subkutan (irgendwie) verunsichert fühlen und im Religiösen einen Halt gegen Köln suchen. Das Christentum hat seine kulturstiftende Aufgabe längst aufgegeben und ist spätestens nach 1945 von einer Kultur bewahrenden Position zu einer Kultur auslöschenden gewechselt. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, wenn man auch nur ganz halbherzig versucht, die Werte der christlichen Religion irgendwo zwischen die aufwachsende Zahl staatlicher Vorschriften und Eingriffe und Dogmen, die immer nur nüchternen Marktgesetzen entspringen, hineinzuquetschen und das unschöne Ergebnis dann betrachtet. In die leeren und kühlen Stahlbetonpaläste staatlicher und medialer Institutionen passen keine christlichen Werte hinein.

Festtags- und RTL-Religion

In einem in unruhigen Zeiten verläßlich auftretenden Biedermeier-Affekt besinnt man sich als Durchschnittsdeutscher ohne Migrationshintergrund dann gern und erfolgreich, insbesondere zu Weihnachten und Ostern, der irgendwo noch verbliebenen christlichen Rudimente in einem selbst und umwandert im süßlichen Weihnachtstaumel zwischen Kerzen, großen, fröhlichen Kinderaugen (hach!) und dem Cool-Down mit Wellnessgetränk nach dem Weihnachtsshopping gedanklich goldene Städte des 19. Jahrhunderts, die in Wirklichkeit nur noch Ruinen sind. Dann nimmt man in solch einer Stimmung die Bibel (von Oma) heraus und rezitiert im Kreis der Patchwork-Familie, dann geht man gemeinsam zum Krippenspiel, dann fühlt man sich einmal im Jahr so richtig wohl.

In so einer Zeit ist das Wort Gottes, die Bibel, natürlich auch nur noch eine Verhandlungsmasse. Ein Buch, das man eben liest oder auch nicht, aus dem der Eine eine Begründung für gendergerechten Zwangsunterricht an deutschen Schule ableiten kann und der Andere das Gegenteil. Wenn man sich überhaupt noch einiger Passagen oder Kapitel erinnern kann, oder diese im Zwangsunterricht noch vermittelt bekommt, dann sind es die Weihnachtsgeschichte, die Genesis und die Apokalypse, sozusagen ein Best of der Bibel unter RTL-Gesichtspunkten.

Überraschung: eine Kostbarkeit

Eine sehr ambitionierte Neuübersetzung der Apokalypse ist nun pünktlich zur Weihnachtszeit im Manesse Verlag erschienen. Das in der günstigsten Version 50 Euro teure Prachtwerk ist nicht nur wegen der Goldprägeschrift auf dem Schuber sehr einprägsam. Der Manesse Verlag hat hier eine Spielwiese für eine wahrhaft leidenschaftliche Buchproduktion geboten, von Satz (Andrea Mogwitz), über Herstellung (Friedrich Pustet, Eduard Ehemann), Illustration (Daniel Egnéus), Neuübersetzung und Kommentar (Kurt Steinmann) sowie Nachwort (Jürgen Kaube) stimmt hier einfach alles.

Nun sei aber die Frage erlaubt, welches Ziel eine solche Neuübersetzung oder auch Neuauflage verfolgt? Ist es der Versuch, christliche Botschaften in zeitgemäßem Gewand behutsam zu aktualisieren? Oder ist es das Gegenteil, nämlich eine Aushöhlung des Wort Gottes, eine Transformation der Heiligen Schrift in eine rein künstlerisch-literarische Form, unter Preisgabe ihrer theologischen Bedeutung? Wahrscheinlich ist die vorliegende Publikation eine Mischung aus beidem, mit einer leichten Tendenz zur ersten Deutungsmöglichkeit.

Wozu jetzt das ganze?

Wem aber nützt das? Dem Verlag, der sicher ganz gut daran verdient? Dem Christentum selbst, indem kumpelhafte Pfarrer im Konfirmationsunterricht vor lustlosen Teenies mal ein richtig cooles Buch vorstellen können? Dem allgegenwärtigen Antichrist, der über die Umdeutung und Herabwürdigung von Teilen der Heiligen Schrift zum bloßen Kunstwerk frohlockt?

Die Antwort darauf wird niemand mit letztgültiger Gewißheit geben können. Gesetzt dem Fall, sie wäre überhaupt wichtiger als eine Statusmeldung auf Facebook. Was aber gewiß ist, daß dieses Buch, und als solches sei es hier empfohlen, zumindest ein ansatzweises Nachdenken über das Christentum anstoßen kann. Die wirklich großartige Aufmachung macht Lust auf Augen- und Denkgenuß. Und solange sich solche Denkräume noch anbieten, und man trotz der Social-Media-News-Sex-and-Crime-Dauerbeschallung Ehrgeiz und Ausdauer entwickelt, diese zu durchschreiten, ist das Christentum vielleicht noch nicht ganz verloren.

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Die Apokalypse. Illustriert von Daniel Egnéus, neu übersetzt von Kurt Steinmann. Mit einem Nachwort von Jürgen Kaube. 176 Seiten, Manesse Verlag 2016. 49,95 Euro.

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