Anstoß

Wolfgang Schäuble und der „Gang der Geschichte“

Heutzutage den Menschen irgendwas bezüglich des Menschen beweisen zu wollen, hat etwas von der Masche, die charakteristisch für fiktive Detektivfiguren ist: Es gilt, dem Schurken zu beweisen, dass er der Schurke ist.

Durch US-amerikanische TV-Detektive sind wir längst gewöhnt an dieses seltsame Verfahren. Stellvertretend für die Gattung sei Colombo genannt: Colombo ist listiger als der Schurke, lässt sich aber nichts anmerken. Es scheint so, als tappe er dauernd im Dunkeln, dabei weiß er ganz genau, wo er zu suchen hat.

Gegen Ende sieht es immer so aus, als ob es Colombo einzig und allein darum ginge, den Schurken aufgrund von Beweisen sowie einleuchtender, logisch nachvollziehbarer Theoriebildung von seinem Schurkentum zu überzeugen. Das ist die verständig-demokratische, die inklusive Art, auf die Colombo seine Fälle zu „lösen“, recht eigentlich aufzulösen, pflegt.

Was ist „krass“?

Natürlich ist Colombos inklusive Art in der Realität nicht anwendbar, sie ist eine notwendige Konzession an den Zuschauer. Dieser soll durch sie mit einbezogen werden. Und der Schurke erkennt die Beweise nur an, zeigt sich, wenn nicht reumütig, so doch einsichtig, weil er – dem Drehbuch sei dank! – von Anfang an mit einbezogen ist. In der Realität allerdings Beweise und schlüssige Theorien vorzulegen, ist Zeit-, vor allem aber Kraftverschwendung.

„Wir können nicht den Gang der Geschichte aufhalten. Alle müssen sich damit auseinandersetzen, dass der Islam ein Teil unseres Landes geworden ist.“ (Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, CDU).

„Krasse Dinge“ sagen, könnte eine Alternative sein. Was aber ist denn heutzutage noch „krass“ zu nennen? Etwa die politisch-säkularen Entsprechungen von Gottes Tod – Sinnverlust der Geschichte, Ende der Demokratie, Krise des Humanismus, Untergang des Abendlandes, Auflösung der Gesellschaft, Volkstod usw. – oder gar der Frevel am Menschen?

Stirner: „Der Mensch ist der letzte böse Geist oder Spuk.“ Die Entsetzten: „Hilf Himmel! Oh Schreck! Er hat sich – am Menschen vergangen!“ Nein, weder die Verkündigung von Gottes Tod mit seinen säkularen Entsprechungen noch die abgrundtiefste Verachtung dem Menschen gegenüber ist noch krass.

In Hegels Fußstapfen …

Wenn der Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble zur Islamdebatte seinen Senf hinzugibt mit der Bemerkung, man könne den Gang der Geschichte nicht aufhalten, so ist das nur „krass“ im gewöhnlichen Wortsinn, immerhin krasser, als eine ältere Bemerkung von ihm, eine Abschottung Europas ließe uns in Inzucht degenerieren.

Diese Bemerkung ist absurd, jene aber erweckt den Eindruck, Schäuble wüsste, gleich seinem Beinahelandsmann Hegel, etwas vom „Gang der Geschichte“: „Der Gang der Geschichte, der ist genauso schicksalhaft unaufhaltbar wie gut. Ach wie gut dass niemand weiß, dass ich anstatt Schäublen Hegeln heiss´…“

Leute, die aus Opportunismus Geschichtsphilosophen geworden sind, braucht man nicht zu kontern: In dieser wahren, allzuwahren Geschichte gibt es weder Konzessionen an den Zuschauer, noch geht es „nach Drehbuch“ zu. Colombo-Hegel-Schäuble kennt den „Gang der Geschichte“ nicht, vermag ihr Rätsel daher nicht zu lösen, noch weniger aufzulösen.

Geschichte ist „Geist“

Geschichte ist zwar „Geist“ – bald Gottes, bald des Menschen, bald der Maschine – sie aber noch über das Maß hinaus zu vergeistigen, zu vergöttlichen, zu vermenschlichen oder zu vermechanisieren, geht auf etwas ähnliches hinaus, wie den guten Badener Weißwein nachzuzuckern. Der Badener geht zwar so vielleicht besser rein, bekäme uns allerdings schlecht.

Wider den Colombo-Hegel-Schäublischen Übergeist, Aberwitz und Spuk ist besser die Natur ins Feld zu führen. Zu viel des Guten, zu viel Geist, Witz, ésprit – „Sprit“ – geht in den Kopf. Belassen wir das Ganze mal „natürlich“, reden wir mal mit ungezwungener Natürlichkeit vom Naturgesetz, von Verhältnismäßigkeit und von Gegenseitigkeit in der Geschichte.

„Naturgesetz“ und Gegnerschaft der Willen

Das mit dem „Naturgesetz“ ist schnell erklärt: Zerstörung ist das sicherste, nämlich das ungeistigste (natürlichste) Herrschaftsmittel: ein Wille A steht einem Willen B entgegen, Wille steht also gegen Wille. Will B sich gegenüber A behaupten, muss er A zerstören, d.h. den Willen As brechen, A gegenüber einen stärkeren, überhaupt Willen beweisen, heißt Gewalt anwenden, bis am Ende ein willenloses, d.h. zahmes A herauskommt oder von A überhaupt nichts mehr übrigbleibt.

B muss über A triumphieren, will B weiterhin B sein, bleiben und leben. Der Islam ist so ein Wille A, der aber nicht kenntlich ist als solcher für Menschen, die noch niemals den Wald als Wald erkannt, sondern ihn immer nur für eine Ansammlung von Bäumen, eine Gesellschaft einzelner Bäume gehalten haben. Wie der Islam nun in den unwiderstehlichen „Gang der Geschichte“ passt, lehrt tatsächlich die Geschichte selbst: aus Europa ist er vertrieben worden, mit den einzelnen Muslimen, nur auf dem Balkan hat er sich, umgeben von lauter ihm feindlich gesinnten Menschen und Völkern, gehalten.

Sonst wurden überall die Bäume gefällt, der Wald gerodet, Mensch und Zivilisation Platz gemacht. Ohne Bäume gibt es keine Wälder. Und ohne Menschen, die kommen und gehen, mal da sind, mal verschwinden von der Bildfläche, gibt es keinen „Gang der Geschichte“, egal, wie sehr auch die Geschichte „Geist“ sein mag. Menschen aber kann man aufhalten. Man kann sich abschotten gegen sie, sofern man mächtig und willentlich ist und sich nicht von bösen Geistern und Spukgespenstern etwas anderes einreden lässt oder selbst schon von ihnen besessen ist.

Dem „Gang der Geschichte“ gemäß ist nur die Diktatur

Es hat keinen Zweck, auf „Schäden an Volkstum und Gesellschaft“ hinzuweisen, wenn man von Vornherein weiß, bei seinem Gegenüber wird man auf taube Ohren bzw. Unverständnis stoßen. Jegliche Darstellung politischer Verhältnisse würde schnell zu Streit führen, der dann mit geistigen Waffen, d.h. widernatürlichen Mitteln ausgetragen wird. Mit Polemik und Wortgefechten aber ist niemandem gedient.

Sagen wir es freiheraus: Dem „Gang der Geschichte“ wirklich gemäß ist nur die Diktatur, auch in Deutschland. Ich setze dabei voraus, dass der „Gang der Geschichte“ auch schon mal ein Holz- bzw. Abweg sein kann. Menschen irren, also gibt es auch in der Geschichte Irrtum. Hier wage mir doch bitte einmal Colombo-Hegel-Schäuble zu widersprechen!

Geschichte ist genauso wenig „nur“ Geist, wie sie „nur“ Schicksal ist, ihr „Gang“ ist nicht schlichtweg „Fortschritt“ zu einem besseren. Und zumindest Hegel sah noch Freiheit in ihr. Wer in der Geschichte nur den guten Geist des Menschen erblickt, der ist selbst von allen guten Geistern verlassen, dagegen aber von Tausend Teufeln besessen.

Mensch, Geschichte und Justiz, die hole der Teufel

Die Menschen, die kommen, denken nicht an die oder den Menschen, sondern nur an sich und die ihren. Ich aber darf nicht an mich und die meinen denken, ich muss an die oder den Menschen denken. Ich muss mich vom „Gang der Geschichte“ überrollen, von ihren Konkursverwaltern, subalternen Gendarmen und Handlangern vergewaltigen und verhöhnen lassen und zu allem Überfluss noch ein freudiges Gesicht dazu machen. Freudig habe ich mich in mein Schicksal zu fügen, jedenfalls wenn es nach Colombo-Hegel-Schäuble ginge: „Deswegen haben wir übrigens die Polizei, die Justiz und sogar Gefängnisse“, wobei Colombo-Hegel-Schäuble nicht vergisst, dass „natürlich“ – er hätte besser geistig gesagt – auch die Rechtsbrecher und die Gefängnisinsassen zu Deutschland gehören.

Einem derart generösen und inklusiven Sauverein – und hieße er Deutschland! – möchte ich nicht angehören und gehöre ich auch nicht an, selbst wenn Colombo-Hegel-Schäuble und seinesgleichen es mit Polizeigewalt durchzusetzen versuchten. Mit „Menschen“ habe ich nicht das Geringste zu tun und will ich auch nichts zu tun haben. Die „Menschen“ und den „Gang der Geschichte“, die soll der Teufel holen!

(Bild: Wolfgang Schäuble und Angela Merkel, Tobias KochCC BY-SA 3.0 de)

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4 Kommentare zu “Wolfgang Schäuble und der „Gang der Geschichte“

  1. Je stärker der Strom von Menschen, Waren und Informationen in­nerhalb eines Kulturraumes ist, desto mehr Menschen werden ihrer engeren Heimat entfremdet und entwurzelt. Großreiche und Ein­fluß­he­misphären brachten schon immer Men­schenmas­sen ver­schiedener Her­kunft und Glaubens unter ihre Kontrolle und ver­wan­delten sie in lenk­bare Massenmenschen. Je umfas­sender eine Herrschaft sich geo­graphisch aus­dehnt, desto dringlicher ihr Be­dürfnis nach einer univer­salen Herr­schaftsideologie. Diese dient dazu, ganz heterogenen Un­terworfenen ihre Stammes­götter madig zu ma­chen. Im Innen­leben ei­nes Großreiches sind Tugen­den wie Ei­genständigkeit, Freiheit und Selbst­bestimmung nicht gefragt. Das Be­dürfnis nach einer uni­versa­li­sti­schen Moral ist aber ein wechselseitiges: Wer als Ent­wurzelter fern der Heimat un­ter frem­den Anschauungen lebt, muß sich trösten und eine Moral der Heimat­losen annehmen, eine überall brauch­bare Ethik der Bindungslosen, der Zer­streuten, der Entorteten. In dieser Lage be­­fanden sich die Menschen im ersten historischen multi­eth­nischen Groß­­­reich: dem Alexanders und der folgenden Diadochen. Gehlen hat kenntnisreich den unmittelbaren Zusam­menhang zwi­schen der allum­fas­senden Kosmopolis des Hel­lenismus und der Aus­bil­dung universa­listi­scher Ideen nach­gewiesen. Der in Athen woh­nen­de Phönizier Zenon, ein schwer­reicher Händler, fand die passende Ideo­logie für den moralisierenden Handels­staat: eine universali­sti­sche Welt­sicht, nach der alle Verwandt­schaftsverbindun­gen und Stam­mes­pflich­ten vor der Tugend zurückzutreten hätten.
    Wenn liberale Philosophen heute universalistische Vernunfts­ent­wür­fe vorle­gen und deren Geltung für die ganze Welt beanspruchen, bereitet das objektiv die mora­lische und informelle Machtübernahme in den infiltrierten Ländern vor. Chaïm Perelman ap­pelliert „an ein uni­versales Auditorium“: „In dem Maße, wie der Philosoph seine Ent­schei­dung auf Regeln grün­det, die für die ganze Mensch­heit gelten sol­len,“ könne er keine Re­geln auf­stellen, die man nicht schlechthin verallgemei­nern könne. So­lange es aber Interessen­ge­gen­sätze und We­­sensunter­schiede zwi­schen Völkern gibt, ist das Aufstellen solcher Re­geln immer ein Akt des „Vernunftimperialismus“. Die­­­se Phi­lo­so­phen predigen nicht ganz zufällig, aber subjektiv guten Wil­­lens den Glau­ben an eine Mensch­­heitsmoral, der die Welt­bank auf dem Fuß folgt. Jede Philo­so­phie mit universa­lem Anspruch ist eine ob­jektive Bedro­hung für jedes Volk, das geistig eigenständig bleiben will. Im le­bens­wich­tigen Punkt sei­nes Glaubens, seiner Moral, seiner Werte gleich­ge­schal­tet und fremd­­be­stimmt, treibt das Volk „der Auflösung ent­ge­gen: zur Gegen­wehr nicht nur unfähig, sondern auch unwillig.“
    Auszug aus: Klaus Kunze, Mut zur Freiheit, 1998, S.69 ff.

  2. Klaus-P. Kurz

    Chapeau! Und das sage ich vor allem als Naturwissenschaftler, weil dem Autor etwas sehr Schwieriges gelungen ist: Naturgesetz und Geist (in diesem Sinne philosophische Betrachtungen) recht schlüssig zu vereinen: „Zerstörung ist das sicherste, nämlich das ungeistigste (natürlichste) Herrschaftsmittel“. Darin steckt Darwins „Survival of the fittest“ aber auch der zweite Hauptsatz der Thermodynamik, der besagt, daß die Entropie nur zu-jedoch niemals abnehmen kann. Inklusive Lösungsversuche (Willkommenskultur u.a.) sind daher vollkommen unzureichend und unnatürlich. Sie können nur einem „Geist“ entspringen, der krank, weil widernatürlich geworden ist.

  3. Einherjer

    @Gustave
    „Jede Philo­so­phie mit universa­lem Anspruch ist eine ob­jektive Bedro­hung für jedes Volk, das geistig eigenständig bleiben will.“
    In der Tat! Was insbesondere für die monotheistischen Heilsfiguren gelten mag.

    Letztlich sucht ‚Colombo‘ nach historischer Wahrheit, während ‚Hegel und der unsägliche Schäuble‘ banale Wahrscheinlichkeiten ausloten. Wie kann man dies in einen Topf werfen wollen; werter Herr Verastegui?
    Historie trägt Wahrhaftigkeit in sich und äußert sich in der Gegenwart. Wenn wir alles wahrhaft historische, -wie bislang-, verklären, verdrängen und weg philosophieren; …dann wirken solche Zustände wie gegenwärtig. Zwangssymptome dieses Prozesses kanalisieren sich in der Regel über Epochen durch Kunst & Krieg, sowie Konsum & Koma.

  4. Carlos Wefers Verastegui

    @ Einherjer

    Colombo hat schon die Wahrheit, diese reicht ihm aber nicht aus, er muss den Schurken ueberzeugen. Also „pragmatische Wahrheit“, nicht so sehr „historisch“.

    SchÄauble ist doch ziemlich dreist, ein Opportunist. Das mit Hegel ist doch mehr ironisch gemeint von mir, doch, das mir der Ironie bringe ich nicht gut rueber 😉

    Das Verhaeltnis von Historie und Wahrheit darzulegen naehme viele Seiten in Anspruch. Deswegen nehme ich hier davon Abstand.

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