Rezension

Radikal und weltoffen: Zum Tod Hans-Dietrich Sanders

In der Nacht vom 24. auf den 25. Januar verstarb der Publizist Hans-Dietrich Sander im Alter von 88 Jahren. Ein Nachruf.

Buddha soll gesagt haben: „Was einen besonderen Menschen ausmacht, ist meist nichts anderes als Konsequenz.“ Wer bei Buddha an das fette Grinsegesicht aus dem Gartencenter denkt, wird vielleicht nicht verstehen, wie man ihm diesen Ausspruch zuschreiben konnte, zumal man doch im Hinterkopf hat, dass Buddha den „mittleren Pfad“ predigte. Doch ist es gut möglich, dass ein Mann, der sich unter einen Baum setzte, bis er die Erleuchtung erfuhr, dies tatsächlich gesagt hat.

Ein konsequenter und deshalb besonderer Mann war auch Hans-Dietrich Sander, der in der Nacht vom 24. auf den 25. Januar von uns gegangen ist. Der am 17. Juni 1928 in Grittel (Mecklenburg) geborene Sander gehörte zu den wenigen Angehörigen der „Flakhelfergeneration“ (Günter Maschke), die ohne ein gestörtes Verhältnis zu Politik und Nation aus dem Zweiten Weltkrieg hervor gingen.

„Das finde ich aber bedenklich“

Wegweisend für seinen weiteren Lebensweg steht folgende Szene, die sich gegen Ende des Zweiten Weltkrieges zwischen Sander und einem seiner Lehrer abspielte. Der Lehrer, innerlich bereits ins Lager der Sieger wechselnd, erklärte ihm wie großartig die Demokratie sei, die jetzt kommen werde. Jeder könne machen, was er wolle. Der damals Sechzehnjährige antwortete: „Das finde ich aber bedenklich.“

Auf den ersten Blick erscheint Sanders Leben ausgesprochen konfus. Es war jedoch das Ergebnis einer Haltung, die sich grundsätzlich nicht um die Denkblockaden scherte, mit der der akademische und der journalistische Betrieb ihre Schafweiden umzäunen.

Weder Ost noch West

1948 schrieb sich Sander für das Studium der Theologie ein. Er wollte nach dem Krieg raus aus Europa und als Missionar nach Afrika gehen. Bereits ein Jahr später brach er dieses Studium ab. Die bigotte Atmosphäre, in welcher man darüber informiert wurde, dass man in feiner Gesellschaft nicht über Bertolt Brecht spreche, hatte daran ebenso ihren Anteil, wie sein Beharren auf dem Standpunkt, dass altes und neues Testament nicht zusammenpassen.

Sander wechselte zu den Fächern Germanistik, Theaterwissenschaften und Philosophie. Unter dem Einfluss Brechts, wie der späten Schriften Joseph Stalins, aus denen er ein neues Staatsverständnis im Kommunismus herauslas, siedelte Sander in die DDR über. Enttäuscht durch den Ausgang des Aufstandes vom 17. Juni 1953 wandte er sich jedoch vom Kommunismus ab und verließ 1957 die DDR. Unter Hans Zehrer arbeitete er als Feuilletonredakteur für die Welt. Nach dessen Tod wurde er von den prowestlichen Nachfolgern aus dem Springerverlag gedrängt.

Zwischen Marx und Schmitt

1967 begann sein zwölfjähriger Briefwechsel mit Carl Schmitt, der inzwischen veröffentlicht ist und eine reichhaltige Quelle zu den intellektuellen Querelen der alten Bundesrepublik darstellt. Zwei Jahre später promovierte er bei Hans-Joachim Schoeps über „Marxismus und allgemeine Kunsttheorie“.

Zur damaligen Zeit – und letztlich bis heute – gab es drei Arten der Marx-Rezeption. Die der sogenannten Marxisten, diejenige, die Marx mit Verweis auf die kommunistischen Greuel und die ökonomischen Fehler der Theorie in die Tonne treten wollten und jenes weichgespülte Geseier derjenigen, die Marx praktisch ablehnen, aber dennoch irgendwelche ethischen Werte in seinem Werk zu erkennen vermeinen.

Sander stellte das alles vom Kopf auf die Füße, indem er den inneren Riss im Denken Marxens aufzeigte, der darin besteht, dass dieser wieder bessere Einsicht an der proletarischen Revolution festhielt. Hierzu gehört der stellenweise dumpfe Materialismus ebenso, wie die Begeisterung für jedes revolutionäre Strohfeuer. Marxens Denken ist jedoch deutlich vielschichtiger als das. Sander teilte es dementsprechend in „Tribunalstruktur“ und „Realstruktur“ auf.

Karrierebruch in den 70ern

Nach der Promotion mit „summa cum laude“ wollte Sander habilitieren. Hier scheiterte er jedoch am akademischen Intrigantentum und der Verengung des Zeitgeistes in den 70ern. Ein Corollarium zur zweiten Ausgabe von „Marxismus und Allgemeine Kunsttheorie“, dass sich mit den jüdischen Ursprüngen des „ortlosen Marxismus“ der Frankfurter Schule befasst hatte, wurde zum Grund Sander die Bedingung zu stellen, er müsse für ein Stipendium der Volkswagenstiftung die Unterstützung eines prominenten jüdischen Gelehrten vorweisen können.

Sander gelang es die Fürsprache des Kunsthistorikers Raymond Klibanskys zu gewinnen und erhielt das benötigte Stipendium. Professor Christian Ludz sagte ihm jedoch aufs Gesicht zu: „Herr Sander, geben Sie auf. Ich werde ihre Habilitation mit allen Mitteln zu verhindern wissen.“ Der jüdische Religionsphilosoph Jacob Taubes verschaffte ihm noch 1978 eine einsemestrige Gastdozentur an der Freien Universität Berlin, doch bald darauf musste er sein Habilitationsvorhaben beenden. Die Arbeit an seiner staatsphilosophischen Habilitationsschrift „Das Gastmahl des Leviathan“ konnte er erst im hohen Alter wieder aufnehmen. Sie wird voraussichtlich 2018 erscheinen.

Die Auflösung aller Dinge

Aus finanziellen Gründen wandte er sich wieder der Publizistik zu, veröffentlichte 1980 den „Nationalen Imperativ“, schrieb für verschiedene Zeitschriften der sich langsam formierenden Neuen Rechten und war von 1983-1986 Chefredakteur der Deutschen Monatshefte. Seine Bekanntschaft mit Taubes hatte jedoch Folgen. Angeregt durch einen Brief Taubes schrieb er das Werk Die Auflösung aller Dinge. Zur Geschichtlichen Lage des Judentums in den Metamorphosen der Moderne.

Damit endgültig aus dem gehegten Diskurs hinauskatapultiert, gründete er unter dem Eindruck der Wiedervereinigung die Zeitschrift „Staatsbriefe“. Das Titelblatt schmückte der Grundriss des Castel del Monte Kaiser Friedrichs II. in Apulien. Auch der Titel der Zeitschrift bezog sich auf diesen Kaiser, dessen gesammelte Erlasse im 19. Jahrhundert unter der Bezeichnung „Staatsbriefe“ publiziert worden waren.

Von der Unreformierbarkeit des westlichen Systems überzeugt, dem er bereits damals prophezeite in nicht allzu ferner Zukunft das Schicksal seines östlichen Konkurrenten zu teilen, suchte Sander nach Ordnungsmustern für die Zeit danach. Er fand diese einmal im klassischen Staat, wie im Ghibellinentum, der Reichsidee, die Deutschland nach dem Zerfall der raumfremden Hegemonen zu einer Neuordnung Mitteleuropas befähigen sollte.

Die Fähigkeit Maß zu halten

An dieser Stelle ist ein Wort über Sanders vielberedete „kleistsche Radikalität“ (Peter Glotz) angebracht. Er selbst charakterisierte sich als „radikal und weltoffen“. Man geht wohl nicht fehl, dies im Marxschen Sinne wörtlich zu begreifen: „Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen.“ Das hat Sander immer getan.

Ein Radikalinski war er jedoch in keinster Weise. Seine Denkhaltung ist sogar moderat zu nennen. Er wählte den mittleren Pfad, freilich den aristotelischer Mesotes und nicht den karrierefördernder Mittelmäßigkeit. Obwohl er Opfer zahlreicher Intrigen geworden war und guten Grund zu der Annahme hatte, auf einer jener Listen gelandet zu sein, mit deren Hilfe amerikanische Geheimdienste und ihre Helfershelfer nach 1945 missliebigen Stimmen das Leben schwer machten, verwahrte er sich aufs Heftigste gegen jenen Typus des haltlosen Verschwörungsschnüfflers, der geheime Mächte hinter allem und jedem wittert.

Seine politischen Zukunftsentwürfe zur mitteleuropäischen Reichsordnung waren nicht Ausdruck romantischer Träumerei, sondern entsprangen vielmehr der Einsicht in die begrenzten Möglichkeiten nach dem Scheitern der „One World“ auf der einen, in die geopolitische Notwendigkeit europäischer Ordnung auf der anderen Seite. Er war im übrigen frei vom denkerischen Größenwahn politische Blaupausen liefern zu können und hielt eine chaotische Zeit des Interregnums sowieso für kaum vermeidlich.

Die Fähigkeit des Maßhaltens befähigte ihn erst zu seiner Kritik, wie zu seiner Verteidigung des Denkens Karl Marxens und nur durch sie gelang es ihm das politische Erbe des Dritten Reiches und die Judenfrage zu behandeln ohne sich in den Augen jedes nicht von den Leidenschaften des Zeitgeistes Erhitzten zum Trottel zu machen. Das brachte ihm freilich den Hass der Hysteriker ein.

Sanders Werk ist leider verstreut

Sanders Lebensweg brachte es mit sich, dass sein politisches Denken kaum in festen Monographien vorliegt. Es ist über zahlreich Zeitschriftenartikel und einige unveröffentlichte Manuskripte verteilt. Glücklicherweise hat der Arnshaugk-Verlag sich zum Ziel gesetzt, dieses Werk in einer zehnbändigen Sammelausgabe zu bergen, von der bereits zwei Bände erschienen sind. Nach Sanders Tod können wir seinem Herausgeber Heiko Luge nur eine glückliche Hand bei der übrigen Arbeit wünschen.

Sander hinterlässt ein Werk, das gerade in seiner späten Phase von jugendhafter Frische ist. Einige seiner poetischeren, man möchte sagen mystischeren Gedankengänge umkreisen die Gestalt des Jünglings. Zumindest einen Jüngling hat er jetzt getroffen. Auf die Frage nach dem eigenen absehbaren Tod angesprochen, erzählt er am Ende des Gesprächsbandes mit Sebastian Maaß:

„Um meine Zuversicht zu erklären, möchte ich zum Schluß einen Traum erzählen, den ich vor Tagen hatte: Ich durchschritt an der Seite eines jungen Mannes, der mir vertraut erschien, aber unbekannt war, idyllische Gefilde. Wir unterhielten uns in leichtfüßigem Fugenschritt über dies und das. Als die Landschaft endlos und der Gang zeitlos wurde, fiel mir die griechische Mythologie ein, nach der den Sterbenden der Tod in Gestalt eines Jünglings ins Jenseits geleitet. Er entwarf mir locker und souveräner, als ich es je beschrieb, das Panorama meiner Zeit. Ich sagte verschmitzt: ‚Es ist ja dann kein Wunder, daß aus mir nichts geworden ist.‘ Er antwortete: ‚Das kannst du doch nicht sagen. Du hast doch so viel geschrieben‘, und ging in der eingeschlagenen Richtung fort. Ich blieb stehen, drehte mich um und erwachte …“

Anfang und Ende?

Ende und Anfang!

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6 Kommentare

  1. Carlos Wefers Verástegui

    Das Portrait finde ich soweit gelungen, da höchst informativ. Hoffe, etwas von diesem interessanten Mann hat auf Maass – ist das etwa der „Jüngling“, auf dem im Text angespielt wird? – abgefärbt. Ich ärgere mich immer noch über sein Spann-Buch.

  2. Johannes Konstantin Poensgen

    Ad Verástegui: Nein, der Jüngling ist der Todesjüngling aus dem Zitat darunter. Was Maass anbelangt, kann ich mich nur über die beiden Gesprächsbände „Ad Rem“ mit Sander und Maschke äußern, die sind ganz brauchbar, weil sie die nicht geschriebenen Autobiographien ersetzen.

  3. Carlos Wefers Verástegui

    An Poensgen: Vielen Dank für die Aufklärung! Dann bin ich beruhigt und darf weiterhin hoffen, Maass wird eines Tages mit der Aufgabe wachsen.

  4. Nils Wegner

    Kleine Korrektur aus dem Fundus meiner M.A.-Arbeit: Die Staatsbriefe waren kein Produkt des Mauerfalls, sondern sollten unmittelbar auf Sanders Bruch mit Gert Sudholt folgen. Daß es dazu nicht kam, hatte einmal mehr szeneinterne Gründe, aber dazu vielleicht mehr im persönlichen Gespräch in zwei Wochen.

  5. hubschrauberpilot

    Schöner und guter Nachruf. Der Reichs-Didi war persönlich ein schwieriger Mann, im Gespräch aber absolut offen und stets hart in der Sache. Damit ist der vorletzte der rechten Intellektuellen aus der alten BRD gegangen.

  6. Vor den Staatsbriefen gab es die Deutschen Monatshefte, die Sander als Chefredakteur leitete, bis es zum Bruch mit Dr. Sudholt kam. Sander wollte mit 100.000 DM eine neue Zeitschrift gründen. Mit 70.000 hatte er begonnen.

    Trotz strikter Selbstausbeutung gelang es nicht, mehr als 2000 Abonnenten zu werben. Ein Nachfolger war auch nicht in Sicht. Daher mußte Sander diese elitäre Zeitschrift einstellen. Sander war Intellektueller, kein Kaufmann.

    Es gibt sehr viele, die ihm sehr viel zu verdanken haben. Letzlich hat man ihn, der strikt seinen Weg ging und nicht selten apodiktisch sein konnte, hängen gelassen.

    Heute würden die Staatsbriefe natürlich komplett indiziert werden.

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