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Alltagskunst und Web 2.0 – Die Graphikpioniere von „FUSE“

Vor 22 Jahren erschien von London aus ein Magazin, das Maßstäbe setzte. Die beiden Graphiker Neville Brody und Jon Wozencroft waren froh darüber, daß die vor der Tür stehenden, quasi erfühlbaren technischen Neuerungen, die vom turnhallengroßen, durch ein Mühlrad betrieben PC mit etwas mehr Rechenleistung als einem Taschenrechner bis zum iPad führte, zuerst den Schriftsetzern zugänglich waren und erst viel, viel später den Film- und Animationsleuten.

So waren die Layouter, Typographen oder ganz allgemein Gebrauchsgraphiker die ersten, die darin auch eine gesellschaftliche Komponente witterten. Und zack wurde der „Tod der Typographie“ ausgerufen, einem wie sie fanden elitären Zirkel, der autark darüber entschied, wie Zeitungen, Werbetexte und tagtägliches Kommunikationsdesign auszusehen hatten. Ziel war es, dieses Metier zu demokratisieren, zu öffnen – jeder, der wollte, sollte sich fortan an diesem Prozeß beteiligen können.

So erschien vierteljährlich ein gedrucktes Magazin mit Namen FUSE, typographisch natürlich hochgradig anspruchsvoll, das auf einem beigelegten Datenträger neue, vornehmlich in der „Community“, ergo demokratisch entstandene Fonts enthielt und außerdem von jedem, der eine Schrift beitrug, ein künstlerisches Plakat, das nur aus dieser gesetzt war. Ein einzigartiges Prinzip, das verdeutlichte: es ging hier nicht um kleinteiliges, nach außen abgeschottetes Gewurstel einer Subkultur, sondern um Alltagskunst im Sinne beispielsweise des Bauhaus. Es ging um nicht weniger als das „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit.“

Nun fragt man sich, was denn bitte an Schriftarten (was ist das überhaupt für ein beschissen trockenes Wort?!) denn bitteschön sooo interessant sein soll? Aufmerksame Beobachter wissen selbstverständlich längst, daß gerade im Reizüberfluß der Konsumgesellschaft ganze Heerscharen von Werbeagenturen mit allen möglichen Fachleuten feingliedrigste Konzepte entwerfen, in der die Nuance der Nuance über Top oder Flop entscheidet. Es geht um Überzeugung von Innen, um das sprichwörtliche Understatement und nicht um die blinkende Werbeschrift. Die „Identities“ oder „Images“ sind tausendmal wichtiger als der Inhalt, der sich in den meisten Fällen ohnehin gleicht. Es geht um optische Codes, die das Unterbewußtsein ansprechen, um Lebensgefühl, Identitätsstiftung, Kaufkraft und – ganz schlicht um Macht. Denn wer die Medienmechanismen studiert, hat die Möglichkeit mit der nötigen Feinjustierung auch politisch ganz vorn dabei zu sein.

Achtzehn Ausgaben der FUSE erschienen also, immer unter einem Oberthema. Das große Plus war neben dem gelieferten typographischen Werkzeug auch die Vielzahl der Essays, die sich vor allem mit der Machtkomponente des Kommunikationsdesigns auseinandersetzte. Es ging darum, welche Rolle die digitalen Medien in der Zukunft spielen, wie Design und Alltag verknüpft sein werden und wem das nützt. Es ging um die Funktion der Sprache. Doch irgendwann war dann leider Schluß mit FUSE, denn die Macher merkten, daß der auch von ihnen in Gang gesetzte Mechanismus, der letztlich im Web 2.0 mündete, genau zu dem geführt hatte, was sie vermeiden wollten:

Im Taschen Verlag ist nun eine Gesamtausgabe aller achtzehn Magazine plus der bislang unveröffentlichten Nummern 19 und 20 in einem Band nebst zehn Plakaten erschienen. Über einen Download-Code kann sich der Leser auch diesmal neue Fonts besorgen. Das Paket ist im wahrsten Sinne ein Schwergewicht, das den rein künstlerisch Interessierten ebenso fasziniert wie den Intellektuellen, der sich, unter der Voraussetzung gefestigter Englischkenntnisse, in die großartigen und wirklich visionären Essays vertiefen will.

Neville Brody und Jon Wozencroft: FUSE 1–20. Taschen Verlag 2012. 416 Seiten. 39,99 Euro.

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3 Kommentare zu “Alltagskunst und Web 2.0 – Die Graphikpioniere von „FUSE“

  1. »Kommunikationsdesign« sollte meiner Meinung nach unbedingt Thema in Schulen sein, denn nur wer in der Lage ist zu erkennen, was ein Unternehmen mit seiner Aufmachung beim Konsument erreichen will, wird überhaupt die Eigenschaften des Produktes an sich erkennen können. Und das ist nicht nur im Supermart von Vorteil, sondern auch im »demokratischen Willensbildungsprozeß«.

    Beeindruckend zum Beispiel, wie professionell die Jungen Sozialisten mit ihrem Erscheinungsbild umgehen:
    http://www.designtagebuch.de/cd-manuals/Jusos_Corporate_Design_kurz.pdf (Knapp 100 Seiten)

  2. Frau Maack

    Schaut mal in das PDf auf Seite 19. Ganz unten führen die Jusos unzulässige Farbkombinationen von schwarz, weiß und rot auf. 😀

  3. Hi, ich denke, dass ich gesehen habe, dass du mein Seite besucht hast so ich mal eben vorbei kamt um »diesen Gefallen zurück zu geben«. ich bin immer auf der Suche to find nach Hilfe um meine Seite angenehmer zu machen!

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