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Morgue und das Epochenjahr 1912

Benn gelesen zwischen Stuhlgang und Schlaf. Die große Schamlosigkeit gedruckt auf chlorfrei gebleichtem Papier; längst jedem Primaner bekannt: Morgue, das juckende Ekzem der Moderne, zum Hundertsten von Klett-Cotta aus der Krebsbaracke gezerrt. 1912, als die Geschwüre der alten Welt durch die Haut sich bläulich schon abzeichneten; ertastbar die Wucherungen, der „Rosenkranz von weichen Knoten“ um den Hals des Abendlandes. Benn sah ihn längst.

Und mehr noch: „Durch dieses kleine fleischerne Stück/ wird alles gehen: Jammer und Glück./ Und stirbt es dereinst in Röcheln und Qual,/ liegen zwölf andre in diesem Saal.“ Ein ganzes Menschenleben und -leiden in vier Versen im „Saal der kreißenden Frauen“ gedrängt, um deren Betten längst „der Acker schwillt.“ 1912, die Massen und kein Ausweg als dem heroischen Realismus, um die Turiner Gäule nicht vor den anderen zu kosen.

Neun Gedichte auf dreißig Seiten gehängt, Kadaver, die ausbluten an Edelstahlhaken. Dazu zwölf Zeichnungen von Georg Baselitz „auf den Tisch gestemmt“, im steril gekachelten Saal mit dem kalten Ausbeinmobiliar; gelungene Synthese zwischen Auswurf und Schleim. Die Kursivschrift des Lyrischen Flugblattes wiederaufgenommen: 1912. Haptik und Optik einer Faust-Sonderausgabe; Bleilettern in Zellulose gepreßt. Das Problem ist eingekreist: Morgue sperrt sich dem musealen Kostüm. Zeitloser und präsenter war nie eine Dichtung danach. Der Benn-App muß her!

Morgue und andere Gedichte von Gottfried Benn. Mit Zeichnungen von Georg Baselitz. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2012. 30 Seiten. 10 Euro.

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