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Amazon und libertäre Dogmen

eifreiAmazon Deutschland nimmt zwölf Antaios-Titel aus dem Sortiment. Das ist bitterer Ernst. Die Reaktion der Libertären ist hingegen amüsant. Zunächst mal ist das nicht zum Lachen. Der »Quasi-Monopolist« (Kubitschek) kann mit seiner bloßen Weigerung einen Verlag durchaus in den Ruin treiben. Da es sich um gut verkaufte Titel handelt, sind politische Gründe denkbar wahrscheinlich. Amazon wurde bereits von mehreren linken Organisationen aufgefordert, unliebsame Bücher aus dem Sortiment zu streichen. Jetzt ist der deutsche Firmenableger (mal ehrlich, wen wundert das?) eingeknickt.

Mit einem gewissen Amüsement liest man hingegen die Reaktion des ef-Magazins, genauer André Lichtschlags (hier im BN-Interview), auf den Vorfall.

Im Kern hat er ja Recht

Wenn Lichtschlag die Vertragsfreiheit verteidigt, und sämtlichen »Antidiskriminierungsgesetzen« eine Absage erteilt, ist das eine begrüßenswerte Haltung. Ulkig ist nur das Rumgeeiere um die Tatsache, das hier von privatwirtschaftlicher Seite Zensur und Zwang angewendet werden. Das ist das eine, das es für einen Libertären nicht geben darf: Wirtschaftliche, auch noch privatwirtschaftliche Macht. Da geht es um Glaubensfragen. Wenn jetzt nicht mehr die böse, mächtige Politik auf der einen und die gute, freie Wirtschaft auf der anderen Seite stehen, wie soll man denn da noch libertär sein?

Das libertäre Denken beruht im Kern auf einem Dogma von der Dualität der Mittel. Es gebe gute wirtschaftliche Mittel (freiwilliger Vertrag, Tausch) und böse politische Mittel (Macht, Zwang, Gewalt). Das erste sei dabei dem Privaten, das zweite dem Staatlichen zuzuordnen. Dazu kommt die feste Überzeugung, der Markt werde es schon richten, vor allem bringe er keine Monopole hervor und, wer seine Wirtschaftskraft missbraucht, werde vom Markt bestraft.

Das Wirtschaftliche ist politisch

Mit der Trennung von Politik und Wirtschaft ist es ein wenig wie mit der von Arithmetik und Geometrie oder Biologie und Chemie: Bis zur zehnten Klasse sinnvoll, auf hohem Niveau kaum noch zu unterscheiden. Was Amazon hier gemacht hat, ist das eine wirtschaftliche oder eine politische Entscheidung?

Als vor einem Monat die großen Banken und Versicherungen ihr Kapital aus mehreren Schwellenländern abzogen, war das Wirtschaft oder Politik? Und wie kam es dazu? Im Falle der Kapitalflucht ist die Sache recht einfach zu erklären. Dass es in der Türkei und anderen Schwellenländern Probleme gab, war lange bekannt. Trotzdem hatten die Großanleger nie Bedenken, ihr (und anderer Leute) Geld dort anzulegen und die Zinsarbitrage mitzunehmen. Dann kündigte die Fed an künftig weniger Geld drucken zu wollen. Die Zinsen in den USA stiegen und die ersten begannen ihr Vermögen umzuschichten. Jetzt setzte ein Herdenverhalten ein. Ein Großteil der Anleger verließ innerhalb weniger Tage die betroffenen Länder.

Persönliche Risikovermeidung

Nicht aus wirtschaftlicher Vernunft, sondern zur persönlichen Risikovermeidung. Die ganzen subalternen Unterlinge aus den Konzernhierarchien bekamen kalte Füße. Die Folgen dieser Aktion spüren die Bürger und Regierungen der betroffenen Länder als realen Zwang. Das heißt nicht, dass die Fed oder die Anleger verwerflich oder gar strafwürdig gehandelt haben. Es ist eben nicht zwangsläufig Unrecht jemanden zu zwingen. Man höre nur mit dieser Unterscheidung zwischen Wirtschaft und Politik auf.

Dass der Markt keine Monopole hervorbringe, haben schon die großen Trusts um 1900 widerlegt. In jüngerer Zeit hat sich vor allem die IT-Branche, um die es hier geht, immens anfällig für Monopole und Quasi-Monopole gezeigt: Microsoft, Google, Youtube, Facebook, Wikipedia oder eben Amazon. Ein solches Monopol erlaubt es die Marktbedingungen zu beherrschen, anstatt ihnen unterworfen zu sein.

Deshalb gibt es Wettbewerbs- und Kartellrecht, nicht weil ein böser Staat alles regulieren will. Ein Monopol kann, wie jede Herrschaft, stürzen. Aber es stürzt nicht von selbst. Dafür sind in vielen Märkten schlicht die Eintrittskosten zu hoch. Andere Monopole, wie das Amazons, sind durch Pfadabhängigkeiten geschützt. Amazon wird stürzen, sobald es einen neuen Trend verschläft, nicht weil es seine Macht missbraucht um rechte Kleinverlage aus dem Feld zu drängen.

Macht Druck auf den Unterling

Da es hier um Macht geht, muss man der Situation mit Macht begegnen. Mit etwas Glück könnte hier etwas ähnliches passieren wie bei der Kapitalflucht letzten Monat. Es kam eine Anfrage (wahrscheinlich von einer der zahlreichen Verleumdungsanstalten) und ein Unterling bekam kalte Füße. Deshalb: An alle Amazon Kunden. Macht Druck auf den Unterling! Fragt höflich aber bestimmt bei Amazon nach den Gründen für die Streichung von Antaios und nach den Richtlinien für politische Publizistik.

Kontaktdaten: Amazon.de, Marcel-Breuer-Str. 12, 80807 München; ePost: http://www.amazon.de/kontaktformular; Telefon: 089-35803-0 (Rezeption, dort bitte das Problem schildern und nach dem Verkäufer-Team fragen).

(Bild: aktuelle Ausgabe des ef-Magazins)


13 Kommentare zu “Amazon und libertäre Dogmen

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