Rezension

Anarcho-Aristokratie

Wolfgang Bendels „Aristokratie“: Unzeitgemäße Betrachtungen zu einem nicht verschwindenden Traum.

Wolfgang Bendel ist ein Deutscher, genauer gesagt ein Bayer, der in Brasilien lebt. Zwischen Deutschland und Brasilien, zwischen Erster und Dritter Welt bewegt sich seine Streitschrift. Bendel, in der reaktionären Tradition Nicolás Gómez Dávilas und Erik von Kuehnelt-Leddihns stehend, gibt keine politische Richtung vor, sondern stellt den zivilreligiösen Heilsanspruch der Demokratie infrage. Sein Gegenkonzept ist zugleich weniger und mehr als politisch. Es geht nicht um Machtorganisation, sondern um Letztentscheidungen darüber, was das Leben lebenswert macht.

Zwischen Kleptokratie und Großem Austausch

Daß die Demokratie in der Dritten Welt die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllen konnte, sollte allgemein bekannt sein. Wer es nicht aus unserem keineswegs durch Steuern, sondern durch verpflichtende Abgaben finanzierten Fernsehen erfahren hat, dem gibt Wolfgang Bendel einen kleinen Crashkurs darüber, was es bedeutet in einer Kleptokratie zu leben. Solche Zustände sind freilich nur bei Völkern möglich, die zu primitiv sind, um die wahrhaft einträglichen Arten der Korruption auf legalem Wege abzuwickeln.

Doch die politischen Zustände seiner Wahlheimat sind nicht die Grundlage für Bendels Demokratiekritik und erst recht nicht für den Befund, daß diese Regierungsform sich überlebt hat und unaufhaltsam im Niedergang begriffen ist. Sie sollen nur zeigen, daß sich die großen Demokratisierungshoffnungen der 1980er und 90er an der Peripherie der globalisierten Welt längst totgelaufen haben.

Leider gibt sich Bendel bei seinen Streifzügen durch die Demokratien der Dritten Welt auch die Blöße der Übertreibung. Es ist gut darauf hinzuweisen, daß das Wort „Demokratie“ so dehnbar ist, daß es schon zur Rechtfertigung der unterschiedlichsten Systeme diente. Doch in einer Kritik der westlichen Liberaldemokratie mehrmals auf Pol Pots „Demokratisches Kampuchea“ zu verweisen, gibt seiner Sache einen erheblichen und unnötigen Schwachpunkt.

Denn im Kern dieses Buches stehen nicht korrupte oder gar mörderische Drittweltdemokraten, sondern die Staaten im Kern des heutigen globalen Systems. Bendels Philippika gegen Masseneinwanderung, Zensur und Rechtsbruch von ganz oben unterschiedet sich zunächst wenig von anderen ihrer Art. Der Autor sieht in den Mißständen kein Vergehen der Eliten gegen die Demokratie, sondern den prinzipiell nicht revidierbaren Verfall dieses Systems selbst, das in seinem Egalitarismus erstickt.

Die Besten an die Macht!

Wie für jeden Reaktionär, so ist auch für Bendel die Gleichmacherei und die Sehnsucht nach dem Mittelmaß der Kern der modernen Übel. Er bleibt jedoch nicht bei der mittlerweile etablierten Gewohnheit stehen, jedwedes Zurückbleiben auf eine Benachteiligung durch die allmächtigen weißen, heterosexuellen Männer zurückzuführen.

Bendel will die Anerkennung der Ungleichheit auch und gerade in der Politik: „Es wäre übertrieben zu sagen, die Demokratie sei die Herrschaft der Minderwertigen; richtiger wäre die Formulierung, die Demokratie ist die Herrschaft der Mittelmäßigen. Was aber würde der Vorstellung widersprechen, in einem Staatswesen sollten die Besten herrschen?“

Doch wer sind die Besten?

In einer Hinsicht bleibt Bendel dabei aber inkonsequent. An der Gleichheit vor dem Gesetz hält er fest. Andersherum: Auch wenn er im historischen Rückblick anmerkt, daß kein Regierter den Regierenden jemals ihre Vorrechte übelgenommen habe, solange sie ihre daraus entstehenden Pflichten erfüllten, weist er für die heutige Zeit das Privileg und damit den Kern jeder echten Aristokratie zurück.

Der Verdacht liegt nahe, daß Bendel nicht angeben kann, wer denn die neuen Aristokraten sein sollen. Daß das Boulevardfutter der überlebenden Häuser des Hochadels dafür nicht infrage kommt, sieht er selbst. Letztlich verbleibt er bei einer meritokratischen Auslese nach Befähigung.

Barockes Leben

Man würde aber dem Gehalt dieser Schrift nicht gerecht, wenn man sie auf ein Plädoyer für eine bestimmte Herrschaftsform verkürzte. Bendel schließt mit einer Wendung, die im Grunde nicht überraschend ist: Mit dem Lobpreis der Lebensart des Barocks. Der Lebensart, explizit nicht seiner Adelsschicht, deren Dekadenz er mit der heutiger Eliten vergleicht und als tiefere Ursache der Revolution ausmacht.

Bendels Sehnsucht gilt einer Zeit, deren Lebensfreude einer engeren Vertrautheit mit dem Tod entsprang und die gerade deshalb eine verschwenderische Gelassenheit an den Tag legte. Der Staat ist hier kaum vorhanden, aber nicht um dem wirtschaftlichen Einzelkampf libertärer Atlantiden Platz zu machen, sondern der savoir-vivre (Kunst, das Leben zu genießen). Es ist das südeuropäische, allerdings weit mehr französisch-italienische als spanische Ideal eines nach Lateinamerika ausgewanderten Bayern.

Man kann es vom Standpunkt großer Ideen oder preußisch-protestantischer Pflichtauffassung verlachen, aber es ist da. Dieser Anarcho-Aristokratismus, der von einer leichten, auf das Hier und Heute blickenden paternalistischen Ordnung träumt, spricht Sehnsüchte an, die nicht nur südlich der Alpen und des Rio Grande vorhanden sind.

Wolfgang Bendel: Aristokratie, Dresden 2018. 95 Seiten. 15 Euro. Hier bestellen!

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2 Kommentare zu “Anarcho-Aristokratie

  1. Also ich finde, es klingt nach einem guten Buch. Ich werde es mir demnächst kaufen; schon weil ich als überzeugter Patriot, Monarchist und Autor der »Kaiserfront Extra«-Bücher sehr an der Monarchie interessiert bin. Ich konnte auch bereits eine Leseprobe bei dem Buch machen und es ist sehr gut geschrieben.
    Bald wird es mein Bücherregal bereichern 🙂

  2. Carlos Wefers Verástegui

    Auch Nietzsche hätte hier ein Wörtchen mit zu reden:

    »Aber gemein ist dies Zeitalter; das kann man schon jetzt sehen, weil es das ehrt, was frühere vornehme Zeitalter verachteten; wenn es nun aber noch die ganze Kostbarkeit vergangener Weisheit und Kunst sich angeeignet hat und in diesem reichsten aller Gewänder einhergeht, so zeigt es ein unheimliches Selbstbewußtsein über seine Gemeinheit darin, daß es jenen Mantel nicht braucht, um sich zu wärmen, sondern nur um über sich zu täuschen. Die Not, sich zu verstellen und zu verstecken, erscheint ihm dringender als die, nicht zu erfrieren. So benutzen die jetzigen Gelehrten und Philosophen die Weisheit der Inder und Griechen nicht, um in sich weise und ruhig zu werden: ihre Arbeit soll bloß dazu dienen, der Gegenwart einen täuschenden Ruf der Weisheit zu verschaffen. Die Forscher der Tiergeschichte bemühen sich, die tierischen Ausbrüche von Gewalt und List und Rachsucht im jetzigen Verkehre der Staaten und Menschen untereinander als unabänderliche Naturgesetze hinzustellen. Die Historiker sind mit ängstlicher Beflissenheit darauf aus, den Satz zu beweisen, daß jede Zeit ihr eignes Recht, ihre eignen Bedingungen habe, – um für das kommende Gerichtsverfahren, mit dem unsre Zeit heimgesucht wird, gleich den Grundgedanken der Verteidigung vorzubereiten. Die Lehre vom Staat, vom Volke, von der Wirtschaft, dem Handel, dem Rechte – alles hat jetzt jenen vorbereitend apologetischen Charakter; ja es scheint, was von Geist noch tätig ist, ohne bei dem Getriebe des großen Erwerb- und Macht-Mechanismus selbst verbraucht zu werden, hat seine einzige Aufgabe im Verteidigen und Entschuldigen der Gegenwart.«

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