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Botho Strauß, der Erzähler

Was hat Botho Strauß (*1944) eigentlich noch geschrieben außer dem Anschwellenden Bockgesang von 1993? Dieser Frage widmete sich Götz Kubitschek in der aktuellen Ausgabe der Sezession. Er klopft darin die so genannte Bewußtseinsnovelle Die Unbeholfenen (Carl Hanser Verlag, 2007) auf ihre Bedeutung als mögliche Situationsbeschreibung der Neuen Rechten ab, stellt sie in den Kontext jener Denkrichtung bei Strauß, die im heutigen Deutschland die geringste Rolle spielen darf. Dieser Strauß ist vor allem ein politischer.

Ein Kollege von Strauß, der Schweizer Dramatiker und Schriftsteller Thomas Hürlimann (*1950), widmete sich einer ähnlichen Frage. Ihm kam es aber auf den Künstler Strauß an, den Erzähler. Im vor wenigen Tagen bei Hanser erschienenen Sammelband Sie/Er hat er sich an die Aufgabe gemacht, erzählende Passagen  aus ausgewählten, seit 1989 erschienenen Werken herauszupräparieren. Als Quellen dienten ihm Der junge Mann, Niemand anderes, Kongreß/Die Kette der Demütigungen, Wohnen Dämmern Lügen, Das Partikular, Die Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich, Mikado und Vom Aufenthalt.

Trotz der Mitarbeit von Strauß ist sich Hürlimann nicht sicher, ob sein Projekt erlaubt ist. Er fragt, ob es statthaft sei, einzelne Passagen aus diesen Werken herauszuschälen, sie neu nebeneinander zu ordnen. Er fragt es beispielhaft für die Extraktion der in Sie/Er abgedruckten, mit „Verkennung“ überschriebenen Episode, die in Strauß vorerst letztem Buch Vom Aufenthalt (Hanser, 2009) zu finden ist:

„Klipp und klar gefragt: Darf man einen solchen Tanz aus dem Wirbel des Ganzen herauslösen? Darf man der kurzen Geschichte ihren Hallraum nehmen?“

Hürlimann hat einen Blickpunkt gewählt, unter welchem die vorliegenden 35 Erzählungen zueinander finden: Wie Ingmar Bergman ist Strauß nicht nur ein großer Paargeschichten-Erzähler. Was Strauß als Künstler, als Erzähler vor allem ausmacht, ist sein unverwechselbar kreller Blick auf die „Phänotypen der Gegenwart“. Die Bruchlinien der einzelnen Auszüge fügen sich so aneinander. Hürlimann schreibt: „Der Riß“, der auch für die Trennlinien zwischen den zahlreichen beschriebenen Protagonisten steht, „wird zur Fuge“. Insofern ist seine Frage mit ja zu beantworten.

Dieses Buch eignet sich vor allem für jene, die Strauß noch nicht kennen, die einen ersten Überblick über sein wahrhaft umfangreiches Werk erlangen wollen.

Botho Strauß: Sie/Er. Erzählungen. Ausgewählt und mit einem Nachwort von Thomas Hürlimann. Carl Hanser Verlag München, 2012. Gebunden mit Schutzumschlag, 320 Seiten. 19,90 Euro.

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2 Kommentare zu “Botho Strauß, der Erzähler

  1. Enkel des Wolfes

    Strauß‹ sehr gute Aphorismensammlung »Paare, Passanten« von 1981 gibt es im Hardcover bei Amazon übrigens schon ab 0,88 Euro. Sehr empfehlenswert und immer noch aktuell, gerade was Paargeschichten und die (meta)politische/ soziologische Ebene betrifft:

    http://www.amazon.de/Paare-Passanten-Bibliothek-Band-38/dp/3937793399

  2. Zschocke ist, wenn ich das richtig sehe, Maler, und kein Schriftsteller. Das erklärt auch das schlechte Deutsch, das man hier lesen muß. Es ist ärgerlich, daß manche Menschen meinen, alles beherschen zu können. Man kann nicht beides sein – Maler und Schreiber, oder gar Schriftsteller. Also lassen Sie’s.

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