Gesichtet

Das Sicherheitsbedürfnis der Angstmenschen

Sicherheit und Wissen gehören zweifellos zu unseren spezifisch modernen Grunderfahrungen. Unglück und Tod hingegen haben etwas von einem unberechenbaren Risiko. In der bürgerlichen Buchhaltung des Lebens werden sie deshalb „unter ferner liefen“ aufgeführt.

Gläubigeren Zeitaltern als dem unsrigen waren Unglück und Tod keine bloßen Risiken: als ständige Begleiter des Lebens waren sie eine Gewissheit. Das Leben selbst war kein Individualeigentum, sondern eine Gabe, über die in letzter Instanz Gott selbst verfügte. Für den gläubigen Menschen gehörten zum irdischen Leben – dem „Tränental”, dessen Freuden oftmals Täuschungen, immer aber von kurzer Dauer waren – deshalb auch die Drangsal und das Leid. Beide waren gottgesandt und somit auch gottgewollt.

Göttlicher Sinn

Aufgrund der Unergründlichkeit von Gottes Wegen war es zudem müßig, seine Beweggründe ausfindig machen zu wollen. Was den Menschen an Bösem und Schlechtem widerfuhr, war nicht blindes Schicksal oder eine Ungerechtigkeit des Daseins: es hatte seinen göttlichen Sinn, der als Vorsehung erfahren wurde. Der Glaube an die Vorsehung innerhalb eines göttlichen Planes sowie die sich aus Sündenfall ergebenden Konsequenzen begründeten für den gläubigen Menschen die weitere Gewissheit einer Weltordnung.

Die gnostischen Bestrebungen eines endlichen Verstandes, über diese hinauszugehen um Gottes Mysterium zu fassen, wären ihm absurd vorgekommen. Der Wille, der sich dazu ereiferte, machte sich des Hochmuts schuldig, eine Sünde, die Gott mit weiteren Drangsalen, insbesondere schweren Irrtümern, strafen würde.

Materialismus statt Ernüchterung

Das unserem Zeitalter des Unglaubens vorausgegangene gläubigere Zeitalter besaß die nüchternste Einstellung gegenüber dem Menschen und seinem Schicksal, die man sich überhaupt vorstellen kann. Eine glaubenstiefe Inschrift wie diese: „Diejenigen, die den Lebenden wahre Ratschläge erteilen, sind die Toten.“ fegt mit einem Schlag alle Selbstvergötterungstendenzen der letzten zwei Jahrhunderte weg. Das Leben findet sein rechtes Maß nur durch ständige Ent-Täuschung, der Tod spielt dabei immer wieder die Rolle des Ernüchterers.

Die nie endende Auseinandersetzung mit dem Tod erleichterte den Leuten tatsächlich das Leben dadurch, dass sie ihnen die Endlichkeit ihres Daseins vor Augen hielt. Sich seiner Grenzen und damit seiner Begrenztheit bewusst zu sein, ist heilsam für die Seele. Wir Heutigen pflegen an dieser Tatsache vorüber zu gehen. Unter „Erleichterung des Lebens” verstehen wir medizinische Errungenschaften und sonstige von der Wissenschaft hervorgebrachte Lebensmittel.

Bei „Leben” wird grundweg der materialistische Lebensbegriff vorausgesetzt. Das ist für den heutigen Menschen auch die richtige Auffassung. Die Medizin, die Psychiatrie eingeschlossen, kann sich nur an der, wenn auch belebten, Materie bewähren. Unsere Allgemeinbildung hat diesen Materialismus kritiklos übernommen. So ist es z.B. nicht erstaunlich, dass man bei dem Besuch eines ehemaligen Barockhospizes zu Sevilla vom Audio-Guide zu hören bekommt: „Zur gleichen Zeit, als hier gebetet und Messe für die Kranken gehalten wurde, wurde in Holland und England geforscht und so der wissenschaftliche Fortschritt vorbereitet, der den Menschen hilft.” Unvermeidlich, dass der Hörer sich hinzudenkt: „der den Menschen wirklich hilft.”

Pillen vs. Hoffnung

Zugegeben: das Bild eines Betbruders, der einem sterbenden Bettler Hoffnung auf ein besseres Leben, noch dazu im Jenseits, macht, hält den Vergleich mit dem des Pioniers der Mikrobiologie, Anton van Leuuwenhoek (1632-1723), nicht aus. Im Bild des Delfter Forschers steckt echter Fortschritt: eine Unmenge wissenschaftlicher Entdeckungen und mit ihnen verbundener medizinischer Verheißungen, die auch in Erfüllung gehen sollten. Das Bild des Betbruders aber, selbst wenn es idealisiert erscheint, enthält die allerwichtigsten Errungenschaften des Glaubens: Trost, Liebe, nicht zuletzt aber Hoffnung. In ihm steckt mehr Wahrheit als in den Versprechungen der Medizin, die das Unabwendbare doch nicht abzuwenden vermag. Denn, anstatt Trost zu spenden in der Not, verschafft sie höchstens Linderung, manchmal nicht einmal das.

Am Ende erzeugt sie den Bedarf nach Sterbehilfe. Der chronisch unterversorgte Mensch früherer Jahrhunderte hatte noch die Möglichkeit, angesichts seines eigenen Todes seinen Frieden mit Gott und der Welt zu machen. Damit war die Hoffnung auf Vergebung der Sünden verbunden, sowie dass seine Seele in den Himmel käme, boshaft: spränge. Ein nützlicher Aberglaube, um leichter aus dem Leben zu scheiden? Das einzige, was sich hier scheidet, ist der Glaube vom Unglauben: es scheiden sich die letzten Ausläufer der Zivilisation des Barock, mit ihrer Grunderfahrung des Todes, von der der trügerischen Sicherheit und des zweifelhaften Wissens.

Vergrößerung des Leids

Die Vorstellung an ein Leben nach dem Tod schützt vor dem Wahn, hier auf Erden Erfüllung sowie Unsterblichkeit zu erlangen. Es liegt eine tiefe Weisheit in ihr, das irdische Leben so, wie es wirklich ist, anzunehmen: als eine Gabe, die einem zu einem ungewissen Zeitpunkt weggenommen werden wird. In scharfem Kontrast stehen dazu der ungebändigte Gnostizismus des heutigen Menschen sowie die von der Wissenschaft ausgehende Suggestion, die Unsterblichkeit könnte bereits in greifbare Nähe gerückt sein. Erreichbar ist sie dabei niemals.

Unsere Grunderfahrung, nur so von Wissen umgeben zu sein, ist also nichts anderes als eine Selbsttäuschung infolge unserer eklatanten Ignoranz. Dass Unwissenheit zum Hochmut, ja, sogar zum Größenwahn führt, ist eine Einsicht noch älter als das Christentum. Nur der, der über seine Unwissenheit nicht bescheid weiß, ergeht sich vollkommen in Hochmut und Größenwahn. Darauf die gläubige Gewissheit gottgesandter Drangsalen und Leiden angewandt, ergibt sich: in unserem Zeitalter werden das Unglück und das Leid für viele Menschen nicht nur nicht weniger, sondern immer mehr werden.

Wer mit vierzig, sechzig oder sogar achtzig Jahren stirbt, dem wird das Zeugnis ausgestellt, nicht genug gelebt zu haben. So auch das Fazit der Medizin. Und so mancher, der einst mit hundert Jahren sterben wird, könnte – so er dann noch bei klaren Verstand ist – ebenfalls meinen, nicht genug gelebt zu haben, sowohl bezüglich der Jahre als auch bezüglich der Erfahrungen und Genüsse, die er noch hätte machen müssen. Dem könnte der Mensch des Barock entgegen halten: „Dieses verkrampfte Festhalten am Erdendasein mit seinen Eitelkeiten nimmt sich am Ende immer höchst bitter aus. Die Erfahrungen und Genüsse sind so oder so zusammen mit dem Leichnam des Verstorbenen den Würmern zum Fraß bestimmt.”

Von der Absurdität des Daseins zum Wahnsinn

Im Überschwang seines Gnostizismus gilt dem heutigen Menschen die Sinnlosigkeit des Daseins als erwiesen. Das ist seine Geistesgegenwart. Ist das Leben wesentlich absurd, gibt es auch keinen Grund mehr zur Vorsicht. „Leben am Limit”, überhaupt gefährlich leben sowie jeder Hedonismus dienen der Gewinnung eines subjektiven Sinns. Freilich endet dieser auch mit dem Subjekt, falls es diesem nicht gelingt, sich in der Kollektivierung aller individuellen Sinne selbst zu transzendieren.

Die Selbstrettung mittels der Gewinnung eines subjektiven Sinns und seiner Kollektivierung – überhaupt die Rettung für den Gnostiker – ist aber auch nur ein Wahn: endlich für das Individuum, „zeitunendlich“, und damit doch wieder endlich, für die Gesamtheit. Die Gewissheit, allein schon das bloße Gefühl eines Gerettetwordenseins ohne Gott, ist nur möglich infolge von Wahnsinn. Im Wahnsinn aber ist niemand vorsichtig. Damit geht die Frage, inwieweit die heutigen Menschen vorsichtig zu nennen sind, über in die nach der Sicherheit in unserer Zivilisation überhaupt.

Der Bürger als Feig- und Schwächling

Thomas Hobbes kam auf die Idee, dass das größte Übel der Menschheit der Tod, vor allem der gewaltsame Tod, sei. Dieses Postulat steht am Anfang des bürgerlichen Zeitalters. Der moderne Bürger ist ein Furcht- bzw. Angstmensch, dessen Bedürfnis nach Sicherheit umgekehrt proportional zu seinem Glauben ist. Als einem Angstmenschen geht es ihm zwar auch um Wissen, aber nur um der Sicherheit willen: Die durch die „Zivilisation“ gesicherten ideellen und materiellen Güter des Fortschritts geben Sicherheit.

Der im Rechtsstaat gesicherte Eigenbesitz gibt Sicherheit. Überhaupt das Recht gibt Sicherheit … Vico täuschte sich nicht mit seiner Aussage, dass es vor allem die Schwachen seien, die die Gesetze wollten. Sicherheit des Daseins gehört zur Grunderfahrung, und damit zu den Selbstverständlichkeiten schwachen Lebens. Sie erlaubt es von Natur aus ängstlichen Existenzen den Tod ganz weit weg von sich zu stoßen. Der Tod ist nur eine Tatsache, die auch nur in ferner Zukunft eintreffen wird. Damit ist der Tod doppelt entschärft in seiner Eigenschaft als Ernüchterer. Wie im psychologischen Trick wird das, was Angst macht, ganz einfach ausgeblendet.

„Unsere Art zu leben” über alles

Aufklärung, sowohl über das Natur- als auch über das Menschengeschehen, dient in erster Linie auch nur dem bürgerlichen Sicherheitsbedürfnis. Die immer wiederkehrenden Erschütterungen desselben durch Katastrophen der Natur sowie der Zivilisation schockieren, ohne dass aus ihnen die richtigen Lehren gezogen würden. Tiefer als jeder Schock sitzt diejenige Angst, aus der das Bedürfnis nach Sicherheit erwächst.

Das Lissabonner Erdbeben von 1755 war ein Schock für das damalige Europa. Die planmäßige Vernichtung von Menschen scheint uns heute noch zu schockieren. Doch auch solche Schocks sitzen nicht tief. Das sieht man vor allem an den kleineren Schockwellen: terroristische Anschläge und gewisse Vorfälle, wie der von Andreas Lubitz herbeigeführte Flugzeugabsturz, beleidigen hauptsächlich das Sicherheitsempfinden sowie das subalterne moralische Empfinden unserer Zeitgenossen.

Damit das Dasein trotz all dieser Schocks nicht als ein unsicheres und grauenhaftes erkannt wird, wird weiterhin Sicherheit suggeriert. Und wo selbst diese Suggestion zwischenzeitlich Lügen gestraft wird, kommt es zu lediglich inneren Barrikadengängen, die auch nur von kurzer Dauer sind. Nur zu gern wiegt sich der Bürger selbst in Sicherheit. Und anhand des Wissens und seiner Manipulation kann man ihn diese gut fühlen lassen. Am Ende kommt dabei immer die von Merkel gern bediente „unsere Art zu leben“ heraus.

(Bild: Hugo Simberg – „Der Garten des Todes“, 1896)

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2 Kommentare

  1. Juergen Graf

    Ein ausserordentlich tiefgruendiger und guter Beitrag. Man kann viel hinzufuegen, aber lassen wir ihn so stehen, wie er ist.

  2. Ich kann mich da Jürgen Graf nur anschließen. Es sind diese instinktiv empfundenen tiefen Wahrheiten, die mich als Atheisten an de Maistre, Donoso Cortés, Carl Ludwig von Haller und Carl Schmitt, um nur einige herausragende katholische politische Denker zu nennen, so anziehen. War mein erster Kommentar zu einem Aufsatz von Carlos Wefers Verástegui eine scharfe Kritik, so kann ich diese Bilanz heute mit einem aufrichtigen Danke für einen wundervollen Aufsatz wieder ausgleichen!

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