Anstoß

Der Terror: Noch (!) eine Nebensache

Die Reaktionen auf den Terroranschlag in Manchester verraten, daß der Terror eine merkwürdige Mittelstellung erreicht hat: Nicht mehr außergewöhnlich, noch nicht normal.

Die Reaktionen waren in ihrer großen Mehrzahl vorhersehbar. Da gab es diejenigen, vor allem im selbsternannten Qualitätsjournalismus, die den Täter verstehen wollten. Ein löbliches Unterfangen, verstünden sie darunter den Versuch seine Religion zu begreifen und nicht das, was sie seine sozialen Umstände nennen. (Obwohl es interessant zu erfahren ist, daß Angehörige andere ethnischer Minderheiten in England oft ihren Kindern den Umgang mit Moslems verbieten. Warum wohl?).

Darüber hinaus gab es die inzwischen standardisierten Trauer- und Betroffenheitsbekundungen der Politiker. Es gab Blumen, Kerzen und Pappschilder auf die irgendwer irgendwelche Erbaulichkeiten gekritzelt hatte. Dabei erhielt dann die Manchester-Biene ihre 15 Minuten Ruhm, sozusagen als Terrormaskottchen, wenn auch auf der Opferseite.

Die Alles-Versteher, die Betroffenen und die Wutbürger

Anders als bei dem Anschlag in Berlin wurden hier alle Opfer mit Namen und Gesicht genannt. In England, dem klassischen Land der Tabloidpresse, wird dem Volk die Identifikation mit den Opfern nicht durch deren Anonymität verwehrt. Stattdessen erreicht man praktisch dasselbe Ziel, indem man die private Lebensgeschichte jedes Einzelnen einmal zum Naseschnäuzen herumreicht. Irgendwie wird mir das Gemerkel unserer Lückenpresse nachgerade sympathisch.

Und dann gab es natürlich auch die, die das oben Genannte alles zum Kotzen fanden. Die Wut statt Trauer forderten, zumindest irgendeine politische Reaktion anstelle der letztlich rein privaten Emotionalisierung. Woraufhin selbstverständlich sofort die Gegenseite zurückschoß, dies sei ein widerlicher Versuch die Tragöde auszuschlachten um den Haß gegen Moslems zu schüren. Soweit, so vorhersehbar das Ganze.

Zu vereinzelt?

Einer der wenigen interessanten Kommentare stammte von dem Historiker Karlheinz Weißmann. Er wurde geradezu zum RAF-Nostalgiker. Nicht daß er der Baader-Meinhof-Bande hinterhergetrauert hätte, sondern er vermißte den instinktiv vorhandenen Zusammenhalt angesichts des Terrors. Doch um den Terror wirklich als einen Angriff auf uns alle zu empfinden, dafür sei die heutige Gesellschaft bereits zu atomisiert.

Doch ist es einfach das? Sind wir inzwischen zu wenig Volk (oder in diesem Falle eher Kulturkreis), um noch so zu empfinden? Ich denke nicht, dass wir heute so viel vereinzelter sind, als noch im vergangenen Jahrzehnt. Doch wenn wir an die damaligen Terroranschläge zurückdenken, 9/11, Madrid, London, die Reaktion war eine andere.

Nach dem 11. September, der zugegebenermaßen auch zu einer anderen Größenordnung gehörte, schien es, daß nichts mehr sei wie zuvor. Wer damals mit Agentenromanen und Videospielen aufgewachsen ist, wird sich erinnern können, wie sehr der Mythos der terroristischen Schattenarmee in die Populärkultur eingedrungen war. Aber auch die nachfolgenden Anschläge von Madrid und London brannten sich ins öffentliche Bewußtsein und machten Al-Qaida zu einem Schreckgespenst,  weit über den damals tatsächlich vorhandenen Kapazitäten dieser Organisation.

Terror muß selten sein, oder alltäglich

Was sich geändert hat, ist die Frequenz des Terrors. Die Anschläge sind häufiger geworden. Vor allem kleinere Anschläge bis hin zu Messerattacken Einzelner kommen immer öfter vor. Ich behaupte, daß Terror dann besonders wirkungsvoll ist, wenn er entweder ein ganz außergewöhnliches Ereignis ist, oder aber, wenn er den Alltag bestimmt.

Einer der erfolgreichsten Terroranschläge im ersten Sinne war die Entführung und spätere Tötung der israelischen Sportler bei den Olympischen Spielen 1972 in München. Das war vielleicht die größte PR-Katastrophe, die Israel in Deutschland je erlitten hat. Zuerst gab es natürlich Sympathie. Aber weil dieses Ereignis so außergewöhnlich war, zwang es die deutsche Öffentlichkeit, sich mit dem Schicksal Palästinas zu befassen. Daß viele Palästinenser damals im dritten Jahrzehnt in Flüchtlingslagern lebten, das hatte man in Deutschland bisher gar nicht auf dem Schirm gehabt. Jetzt wußte es jeder.

Das umgekehrte Beispiel erlebten wir während der amerikanischen Besatzung des Irak. Der Terror, der sich ja beileibe nicht nur gegen die Besatzungstruppen richtete, wurde so alltäglich, daß er eine Stabilisierung des Landes verhinderte, bis die Besatzer wieder abzogen.

Der Terror ist zum Lebensrisiko geworden

Im heutigen Europa ist weder das eine noch das andere der Fall. Der Terror ist zu häufig geworden, als daß er noch durch seine Ungewöhnlichkeit schockieren könnte. Wenn heute ein Moslem explodiert, dann beherrscht das für einen Nachrichtenzyklus die Schlagzeilen und dann ist wieder Ruhe. Es schaut aber auch nicht jeder ständig über die Schulter.

Im Alltag bemerkt man die Terrorgefahr am ehesten an den erhöhten Sicherheitsmaßnahmen, vor allem dort, wo das Anschlagsrisiko besonders groß ist. Während der vergangenen Präsidentschaftswahlen in Frankreich etwa kam man ohne peinlichste Durchsuchung auf keine Veranstaltung mit Marine le Pen.

Aber letztlich ist es mit dem Terrorrisiko zur Zeit wie mit dem Verkehrsrisiko. Man hat es im Hinterkopf und wenn es passiert, ist es schrecklich. Aber niemand läßt seine Kinder aus Angst vor dem Terror nicht auf ein Konzert, genausowenig, wie er ihnen die Teilnahme am Straßenverkehr verbieten würde.

Nocence, nicht Terror prägt Europas Erfahrung mit dem Islam

Europas Zusammenstoß mit dem Islam spielt sich denn auch nicht in Form von Terroranschlägen ab. Wirklich ins Leben greifen nicht die gelegentlichen Anschläge, sondern das, was Renaud Camus die „Nocence“ genannt hat: Die Alltagsbelästigung, von asozialem Verhalten bis hin zur Gewaltkriminalität.

Es gibt keinen Ort in Europa, an den man sein Kind nicht hinschicken würde, aus Angst es könnte dort dem schwarzen Mann vom IS zum Opfer fallen. Aber es gibt immer mehr Schulen, auf die man sein Kind nicht schicken würde, weil es dort von gleichaltrigen Ausländern schikaniert, verprügelt, ausgeraubt und gedemütigt würde. Und es gibt immer mehr Stadtviertel, die man selbst ohne Not auch nicht aufsuchen würde. Darum dreht sich heute der Kampf. Der Terror ist glücklicherweise noch (!) eine Nebensache.

(Bild: Katie ChanCC BY-SA 4.0)

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