Rezension

Denken ohne Geländer mit Martin Heidegger

Die unsägliche Corona-Zeit hat zumindest eins gemeinsam mit Weihnachten: Man kann in aller Ruhe dicke Bücher lesen. Unsere Empfehlung: Der aus der FAZ bekannte Journalist Lorenz Jäger hat auf gut 600 Seiten den deutschen Meisterdenker Martin Heidegger portraitiert.

Das Buch mit dem Titel Heidegger. Ein deutsches Leben beeindruckt vor allem, weil es den intellektuellen Kosmos um den Philosophen herum ausleuchtet. Die Grenze zwischen privat und beruflich ist dabei fließend.

Heute an deutschen Universitäten unvorstellbar, pflegte Heidegger ein enges Verhältnis (bis hin zur Affäre) zu seinen Schülern und Schülerinnen (z.B. Hannah Arendt). Dokumentiert sind die Beziehungen, Freundschaften und Kontroversen auf höchstem philosophischen Niveau in unzähligen Briefen. Diese Briefe, sie fehlen dem aktuellen Leben des Geistes und sind durch Twitter nicht zu ersetzen.

Darüber hinaus merkt man, daß Lorenz Jäger Heideggers Begeisterung für die Dichtung teilt. Das Buch ist daher ein poetisches Vergnügen. Unbedingt lesen!

PS: Der Nationalsozialismus nimmt im Buch zwangsläufig eine zentrale Rolle ein, aber Lorenz Jäger verurteilt Heidegger nur für Gedankengänge, die tatsächlich unbestreitbar Holzwege waren. Ihm gelingt es somit, fair und ausgewogen zu bleiben und auch die Höhenflüge zu würdigen.

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