Gesichtet

Die (Ohn-)Macht der Wortverdrehung

Rassismus gegen Weiße gibt es nicht. Rassismus gegen Weiße gibt es. Rassismus gegen Weiße gibt es und es gibt ihn nicht und hier wird wohlgemerkt nicht von Einzelfällen und dergleichen, sondern vom großen Ganzen gesprochen. Denn ob es jenen berühmt-berüchtigten Rassismus gegen Weiße nun gibt oder nicht, hängt von der Definition ab.

Wird Rassismus etwa als die Benachteiligung aufgrund angenommener oder tatsächlicher genetischer Unterschiede definiert, dann können natürlich Menschen auch aufgrund ihrer Hautfarbe, welche erblich ist, rassistisch behandelt werden. Erfährt jemand Nachteile aufgrund seiner weißen Hautfarbe, dann ist das nach dieser Rassismus-Begrifflichkeit sehr wohl rassistisch. Was aber wenn eine andere Definition genommen wird? Also etwa Rassismus ist die Benachteiligung von machtlosen bzw. wenig mächtigen Menschen aufgrund von Merkmalen, welche ihnen von einer machtvollen Gruppe zugeschrieben worden sind, um die Machtlosen zu unterdrücken?

Weiße sind aufgrund dieser Mechanik, welche sie alleinig gegen alle Nichtweißen verwenden, niemand anderes habe dies je getan, von der Gruppe der Machtlosen ausgeschlossen. Das wird als Axiom gehandelt. Nun, dann kann es verständlicherweise keinen Rassismus gegen Weiße geben.

Meister der Wahrheitsänderung

Nun, über verschiedene Definitionen lässt sich streiten und dass es verschiedene Begriffe, welche eine Erscheinung beschreiben, gibt, die demselben Wort zugeschrieben werden, muss nicht schlecht sein. Genaugenommen wäre dies sogar ein vortrefflicher Ausgangspunkt, um die Ursprünge und die Entwicklung der jeweiligen Begriffe zu untersuchen, sowie dabei die verschiedenen Sichtweisen und Wirkungen derselben Erscheinung zu prüfen. Bei einer solchen Herangehensweise ist es verständlicherweise erforderlich, dass die zu begutachtenden Begriffe möglichst aus der Erfahrung kommen, oder zumindest dem entsprechen, was der Träger der jeweiligen Begriffe über die Erscheinung empfindet.

Ferner müssen die Begriffe einer wahrhaften, möglichst intuitiven Annahme entspringen und dürfen keinesfalls in täuschender Absicht aufgestellt worden sein. Denn eine genaue Beschreibung einer Erscheinung unter Zuhilfenahme unterschiedlicher Blickwinkel ist ebenso nur mit tatsächlichen Sichtweisen möglich, so wie ein Tathergang mit tatsächlichen Zeugenaussagen, wirklichen Beweisstücken usw. besser und möglicherweise überhaupt aufgeklärt werden kann. Da aber liegt der Hase im Pfeffer.

Wortverdrehungen und konstruiertes Definieren sind alte Plage vieler, besonders politischer Diskurse. Bereits Platon wusste über die Sophisten zu klagen, welche Meister der Wahrheitsverdrehung seien. Zu neuerlichem modrigen Glanz jener unrühmlichen Kunst hat es die intellektuelle Linke spätestens seit der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts gebracht. Gerade die seit den 68ern so beliebten Ideen fußen nicht selten auf der Annahme, dass Worte die Welt bestimmen und verändern können. Das mag bis zu einem gewissen Grad stimmen. Platon hätte den Neosophisten Marke 68 in diesem Punkt sicher teils zugestimmt. Doch lässt sich nicht alles ändern.

Die Abnutzung polemischer Kampfbegriffe

Werden die Wörter, welche einen bestimmten Begriff transportieren sollen, zu leichtfertig und beliebig genutzt, ohne dass der Eindruck des Begriffes spürbar ist, nutzen sie sich ab. Wer alles und jeden als Nazi bezeichnet, ohne dabei ausschließlich Nationalsozialisten zu meinen, sorgt dafür, dass sich dieser Begriff abnutzt. Das Tor von Birkenau II, die polierten gnadenlos marschierenden Stiefel, die zerbombten Städte, der Antagonist von Inglorious Basterds oder was dem BRD-Durchschnitt beim Wort Nazi sonst noch durch den Kopf spukt, all diese Eindrücke werden mit jeder nicht zutreffenden Benennung schwächer.

Auch eine Sache, welche nicht gut ist, lässt sich nicht ewig schön darstellen. Ganz im Gegenteil. Viel eher wird es zum Ausspruch des Spotts, wenn etwa davon die Rede ist, dass uns Menschen geschenkt werden. Wenn diese dann auch noch wertvoller als Gold sein sollen und das noch jemand sagt, der nicht besonders glaubwürdig ist, dann liegt es nicht fern, beispielsweise das Wort Goldstücke als abwertenden Begriff für die Erscheinung der „Flüchtlinge“ zu nutzen.

„Sexarbeiterinnen“ im Olymp der Proletarier

All diese Wortverdreherei mutet ohnehin so an, wie der Versuch des Schulopfers seinen Peinigern zu erklären, warum es unsinnig sei ihn zu mobben. Oder wie eine Partei für dumm zu befinden, weil diese mit „Mehr Europa wagen“ wirbt und man den Kontinent schließlich nicht merklich vergrößern könne. Doch es geht nicht nur um gekränkte Gefühle und Vermeidung von Leid. Es geht um Macht und Einfluss. Es geht darum den Gegner als einen nicht Verständigen, in der Steigerung als einen nicht zum Sprechen, zumindest nicht zum richtigen Sprechen Fähigen darzustellen.

Darüber hinaus wird maßlos übertrieben und gerne auch mal gelogen. Dass ein solches Übertreiben und Lügen häufig als Framing gerahmt wird, macht die Sache nicht besser. Doch eine besonders dreiste Spezialität ist das absichtliche Umdefinieren mit einem bestimmten unlauteren Zweck. Die Umdeutung der Bedeutung von Rassismus etwa dient nicht nur dazu, beispielsweise den Rassismus-Begriff armer Schwarzer abzubilden, sondern auch Weiße von diesem auszuschließen. Damit wird eine sprachliche Waffe, die nur in eine Richtung zielt, geschaffen. Das Gegenteil einer solchen Begriffsänderung desselben Wortes innerhalb der Kunst ist die Änderung der Worte. Wenn aus einer Hure eine Sexarbeiterin wird, dann ändert sich an der Tätigkeit herzlich wenig, jedoch ist die Dirne, wenn es nach den Neosophisten geht, in den Olymp der Proletarier aufgestiegen. Eine meiner Ansicht nach groteske Beleidigung jedes Arbeiters.

Den Eindruck im Kopf des Zuhörers und Lesers zu wandeln, was das Ziel dieser Wortdreherei ist, schafft dieses Gebaren langfristig meist nicht. Doch es zerstört Worte mit guten und schönen Bedeutungen, es verwirrt und schafft hier und da Waffen, meist gegen Weiße, besonders gegen weiße Männer.

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