Gesichtet

Der Dienst des Papstes

In seinem geistlichen Testament schreibt der jüngst verstorbene Joachim Kardinal Meisner, dass ihm „der Dienst des Papstes immer Orientierung, Ermutigung und Beistand geschenkt“ habe.

Was aber ist mit dem Dienst des Papstes gemeint? Oder anders gefragt: Entscheidet der aktuelle Diener in diesem Amt, wie ernst dieser Dienst als Orientierung, Ermutigung und Beistand zu nehmen ist? Kurz nachdem das geistliche Testament durch Meisners Nachfolger Rainer Maria Kardinal Woelki verlesen wurde, waren sich die Kommentatoren relativ einig, dass Meisner hier nur den mittlerweile emeritierten Papst Benedikt XVI. gemeint haben könne.

Denn mit diesem war er über Jahrzehnte befreundet, wie auch mit seinem Vorgänger Johannes Paul II. Ein ähnlich inniges Verhältnis fehlte deshalb bis zuletzt zum aktuellen Nachfolger Petri. Auf die Person kommt es aber beim Dienst des Papstes gar nicht an. Ganz egal, wer diesen Dienst gerade ausübt, steht er als Solitär einer anderen Welt gegen die zeitgeistliche Verunsicherung. Das mag heute deutlicher sein, als noch vor zweihundert Jahren, aber es war nie anders.

Der Dienst des Papstes besteht zu einem wesentlichen Teil darin, eine Opposition zur Welt zu bilden. In den rund zwei Jahrtausenden des Bestehens der Kirche, waren die Päpste im Rahmen ihrer Möglichkeiten mehr oder weniger erfolgreich, diese Oppositionsrolle als „Nachfolger des Apostelfürsten“ mit Leben zu füllen.

Der Papst ist kein Gefühlstheologe

Diese Oppositionsrolle wird unglaubwürdig, würde der Papst jene Gefühlstheologie betreiben, mit der demokratische Rädelsführer zeitgeistlicher Glaubenspolitik die deutsche Öffentlichkeit nerven. Dass Luther gewisse Probleme mit dem Dienst des Papstes hatte, mag nur einer der Gründe dafür sein, warum protestantische Funktionschristen für gefühlstheologische Duseleien anfälliger sind.

Es bedeutet aber nicht, dass nicht auch die Laien in der Kirche oft vergessen, wo ihr Platz ist. Die ZdK-Katholikentage und andere zeitgeistmäßige Jubelveranstaltungen sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass Christus als Haupt der Kirche kein Parteibuch hat und als Sohn Gottes auch keiner weltlichen Ideologie verpflichtet ist. Das ist auch für den Dienst des Papstes maßgeblich. Und auch wenn Politiker nicht nur in Wahlkampfzeiten die öffentliche Anbiederung an den Bischof von Rom suchen und sich öffentlich mit ihre geistliche Armseligkeit preisgebenden Selfies neben dem „Hüter der Wahrheit Gottes und Hirten der Menschen“ (Kardinal Müller) brüsten, dann steht doch fest: „Christus hat das Petrusamt in die Kirche eingestiftet, um den vielen Völkern in den verschiedenen Zeiten Orientierung und Halt zu geben.“ (Kardinal Meisner)

Gott als Ursprung des Petrusamtes

Das bedeutet, das Petrusamt hat seinen Ursprung in Gott selbst, dessen Sohn Christus war. Nur deshalb ist es überzeitlich und keinen nationalen Bindungen verpflichtet. Aus welchem Land ein Papst auch kommen mag, so ist es immer die Sache der Kirche, die er zu vertreten und der er zu dienen hat. Ein politischer Absolutheitsanspruch, wie er am Beginn des zweiten Jahrtausends durch Papst Gregor VII. für die Kirche formuliert wurde, ist damit nicht verbunden.

Daher besteht der Dienst des Papstes auch nicht darin, „die eigenen theologischen Sonderideen der Kirche aufzudrängen, alte Rechnungen zu begleichen, dem Cäsarenwahn im neuen Gewand des medialen Populismus nachzugeben oder sich in die Rolle des Medienstars drängen zu lassen“ (Kardinal Müller).

Ein Papst, der dieser Versuchung nicht widerstehen kann, würde seine religiöse Autorität verlieren und könnte nicht mehr beanspruchen, als moralische Autorität zu gelten. Orientierung und Halt geht vom Dienst des Papstes nur dann aus, wenn er sich ideologisch nicht vereinnahmen lässt. Zum Papst zu halten, wie das Kardinal Meisner in seinem geistlichen Testament fordert, bedeutet deshalb einerseits, sich an seinem Dienst zu orientieren und andererseits, diesen Dienst nicht aus Eigennutz zu gefährden.

Unfehlbar?

Insbesondere im Zusammenhang mit dem Unfehlbarkeitsanspruch des Papstes, wie ihn das I. Vatikanische Konzil in der Konstitution „Pastor aeternus“ formulierte, sind eigennützige Angriffe gegen den römischen Oberhirten bis heute eine populäre Möglichkeit der Selbstinszenierung. Hans Küng, der daraus ein solides Geschäftsmodell entwickelte, ist hier nur eines der bekannteren Beispiele. Wer sich daran stößt, dass ein Mensch entscheiden kann, was wahr und was falsch ist und der dafür Gehorsam erwartet, der sollte bedenken, dass es sich bei dem Lehrprimat des Papstes nicht um ein Materialprinzip der Kirche handelt. Die Kirche geht nicht aus dem päpstlichen Lehrprimat hervor, sondern aus Christus und deshalb ist die Offenbarung das Prinzip, das die Kirche leitet. Der Papst steht niemals über dieser Offenbarung, sondern er ist immer ihr erster Diener. Sein Lehramt ist „nur formelles Prinzip der Feststellung, aber niemals des Ursprungs der Wahrheit des Bekenntnisses und der Einheit der Kirche“ (Kardinal Müller).

Zeugnis der Freiheit

Wer mit Christus, Offenbarung und Kirche nichts anfangen kann, für den bleibt dies auf den ersten Blick leeres Gerede und der Dienst des Papstes mag ihm wie ein überkommenes Relikt aus längst vergangenen Zeiten erscheinen. Warum sollte er sich daran orientieren? Was kann er von dem weißen Mann in Rom erwarten?

Es ist die Oppositionsrolle, die diese Orientierung auch über den Glauben hinaus bietet. In ihr zeigt sich die Lebenshaltung, dass Politik und alle mit ihr verbundenen ideologischen Lebensexperimente grundsätzlich fragwürdig sind. Auch Nichtkatholiken und sogar Nichtchristen können daher zum Papst halten, indem sie ihr eigenes Leben nicht als staatliches Verfügungsgut bereitstellen und dadurch bezeugen, dass die menschliche Natur der Freiheit verpflichtet ist.

Dieses Zeugnis gibt der Dienst des Papstes allen und es sollte für sie eine Ermutigung sein, ihr Leben in der mit dieser Freiheit verbundenen Verantwortung zu führen.

(Bild: Petrus-Statue auf dem Petersplatz in Rom, gemeinfrei)

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Jahrgang 1986, hat Soziologie und Politikwissenschaft studiert und lebt als selbständiger Autor in Köln. Für die Schriftenreihe BN-Anstoß hat er bereits zwei Bände beigesteuert: Geopolitik. Das Spiel nationaler Interessen zwischen Krieg und Frieden (2015). Sowie: Die ganze Wahrheit. Meinungsfreiheit als Herrschaftsinstrument (2016).

2 Kommentare zu “Der Dienst des Papstes

  1. A.B. Rickert

    Sehr geehrte Herr Breuer,

    zu Ihrem Artikel möchte ich folgendes anmerken:
    Das »Papsttum« unterliegt einem der größten Irrtümer in der Menschheitsgeschichte. Der berühmte »Fels«, auf den die Gemeinde/Kirche gebaut werden soll und gebaut wird bezieht sich nicht auf Petrus, sondern auf Jeschu selbst. Es handelt sich dabei nicht um eine sichtbare, physische Kirche, sondern um eine »geistige« Gemeinde. Der Grund hierfür liegt in einer sehr frühen vorgenommen Änderung des Urtextes. Dies noch nicht einmal wegen eines irrtümlichen Übersetzungsfehlers, sondern offenkundig beabsichtigt aus dogmatischen Gründen. Im Übrigen gibt es noch nicht einmal endgültige Beweise dafür, dass Petrus überhaupt in Rom gewesen ist. In der theologischen Wissenschaft spricht man daher in Bezug auf die Anwesenheit Petrus` in Rom von einer alternativlosen Annahme/Option.

    mfg
    A.R

  2. Gereon Breuer

    Das mag sein, aber dennoch ist der Dienst des Papstes Realität, mit der wir uns entweder auseinandersetzen, oder die wir ignorieren können. Und diese Realität steht keinesfalls im Widerspruch zu der Überzeugung, dass es neben der irdisch sichtbaren Kirche auch eine Kirche des Himmels gibt, sondern die eine schöpft ihre Kraft und Berechtigung aus der anderen.

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