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Die marxistische Selbstgarantie

Carl Schmitt behandelt im dritten Kapitel seiner Parlamentarismuskritik »Die Diktatur im marxistischen Denken«. Darin weist er auf den Zusammenhang von Hegels dialektischem Denken und der marxistischen Geschichtsphilosophie hin. Der überzeugte Marxist muss zwangsläufig das Gegebene seiner Umwelt als das zukünftig Überwundene begreifen. Die zwanghafte Negation des Bestehenden ist eines der Hauptkennzeichen der Gegenwart (siehe Kritik als Ideologie) und bezeugt wie weit der Vulgärmarxismus das Denken beherrscht. Was man polemisch als »Kulturbolschewismus« bezeichnet hat und sich in seiner modernsten Form als Dekonstruktrivismus wiederfindet, scheint mir hierin zu wurzeln. Doch lassen wir Schmitt selbst zu Wort kommen:

Die Wissenschaftlichkeit des Marxistischen Sozialismus beruht also auf dem Prinzip der Hegelschen Geschichtsphilosophie. Nicht um zu zeigen, daß Marx von Hegel abhängig ist und um die hierüber angestellten Erörterungen zu vermehren, sondern um den Kern marxistischer Argumentation und ihren spezifischen Begriff der Diktatur zu bestimmen, muß von dem Zusammenhang mit Hegels Geschichtsdialektik ausgegangen werden. Es wird sich ergeben, daß hier eine bestimmte Art metaphysischer Evidenz vorliegt, die zu bestimmten soziologischen Konstruktionen und zu einer rationalistischen Diktatur führt.

Zwar besteht eine Schwierigkeit, dialektische Entwicklung und Diktatur miteinander zu verbinden. Denn die Diktatur scheint eine Unterbrechung der kontinuierlichen Reihenfolge der Entwicklung zu sein, ein mechanischer Eingriff in die organische Evolution. Entwicklung und Diktatur schließen sich anscheinend gegenseitig aus. Der unendliche Prozess des dialektisch in Gegensätzen sich entwickelnden Weltgeistes mußte auch seinen eigenen Gegensatz, die Diktatur, in sich einbeziehen und ihr dadurch ihr Wesen, die Entscheidung, nehmen. Die Entwicklung geht ununterbrochen weiter, auch Unterbrechungen müssen ihr als Negationen dienen, um sie weiterzuführen. Das Wesentliche ist, daß niemals von  a u ß e n  her, außerhalb der Immanenz der Entwicklung, eine Ausnahme eintritt. […]

Das  E n t w e d e r – O d e r  der moralischen Entscheidung, die entschiedene und entscheidende Disjunktion, hat in diesem System keine Stelle. Auch das Diktat des Diktators wird ein Moment in der Diskussion und in der unbeirrt weitergehenden Entwicklung. Wie alles andere, wird eben auch das Diktat in der Peristaltik dieses Weltgeistes assimiliert. Hegels Philosophie hat keine Ethik, die eine absolute Trennung von Gut und Böse begründen könnte. Gut ist für sie, was im jeweiligen Stadium des dialektischen Prozesses das Vernünftige und damit das Wirkliche ist. Gut ist (ich übernehme hier eine treffende Formulierung von Chr. Janetzky) »das Zeitgemäße« im Sinne richtiger dialektischer Erkenntnis und Bewußtheit.

Dieses Denken ist der entscheidende Schritt zur marxistischen Geschichtsphilosophie. Schmitt erläutert im folgenden wie sich diese Philosophie, praktisch angewandt, auswirken MUSS:

Solange diese Philosophie in der Kontemplation bleibt, hat sie allerdings keinen Raum für eine Diktatur. Das ändert sich sobald sie von aktiven Menschen ernst genommen wird. In der konkreten politischen und soziologischen Praxis werden die Menschen, die eine höhere Bewußtheit haben und sich als die Träger jenes großen Schwunges fühlen, über den Widerstand der Beschränktheit hinweggehen und das »sachlich Notwendige« durchsetzen. Ihr Wille wird auch hier den Unfreien zur Freiheit zwingen. das ist in der konkreten Wirklichkeit eine Erziehungsdiktatur, nur muß, wenn die Weltgeschichte immer weitergehen soll, die gewaltsame Beseitigung des Sachwidrigen fortwährend notwendig, die Diktatur also permanent werden. […] Auch der Hegelianismus vernichtet dabei , wie jedes rationalistische System, den Einzelnen als etwas Zufälliges und Wesenloses und erhebt systematisch das Ganze zum Absoluten.

Am Kommunistischen Manifest sei, so Schmitt, das eigentlich Neue nur gewesen, dass der Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat systematisch zu einem einzigen und letzten Kampf der Menschheitsgeschichte konzentriert wurde, um ihn zum aktuellen Spannungspunkt der geschichtlichen Dialektik zu erheben. Der Marxist wurde damit automatisch zur handlungsberechtigten Avantgarde.

Die dialektische Konstruktion steigender Bewußtheit zwingt den Denker, sich selbst mit seinem Denken  als die Spitze der Entwicklung zu Denken. Das bedeutet für ihn gleichzeitig die Überwindung des von ihm reslos Erkannten (Anm.: damals der Bourgeoisie, C.R.), des als historische Vergangenheit hinter ihm liegenden Stadiums. Er würde nicht richtig denken und sich selbt widersprechen, wenn nicht in ihm die Entwicklung sich am tiefsten bewußt würde.

Daher lässt sich vom Proletariat auch nur sagen

, daß es absolut die Negation der Bourgeoisie sein wird. Es wäre unwissenschaftlicher Sozialismus, sich auszumalen, wie es im proletarischen Zukunftsstaat aussieht. Daß alles, was das Proletariat angeht, nur negativ sich bestimmen lässt, ist eine systematische Notwendigkeit. Erst als man das vollständig vergessen hatte, konnte man Versuche anstellen, das Proletariat positiv zu bestimmen. Richtigerweise läßt sich von der Zukunftsgesellschaft nur sagen, daß es in ihr  k e i n e  K l a s s e n g e g e n s ä t z e  gibt, und vom Proletariat nur, daß es diejenige Gesellschaftsklasse ist, die  n i c h t  am Mehrwert partizipiert.

Wer mir bis hierher verständig gefolgt ist, wird auch begreifen, dass die Wühlarbeit unserer politischen Feinde sich nach dem selben Muster vollzieht: Ein junger Geisteswissenschaftler, der besipielsweise a`la Gender die Gegensätze von Mann und Frau erkennt, betrachtet sie als dialektisch für die Zukunft erledigt und postuliert, dass es diese in der Zukunft  n i c h t  mehr geben werde. Was es aber stattdessen in der Zukunft geben werde, KANN er gar nicht verlautbaren.

Genauso arbeitet die antizipierte Dialektik mit allen Arten von Begriffen und Tatsächlichkeiten, die Unterschiede erzeugen: Rassen, Nationen, Völker, arm und reich, etc. Der De-Konstruktivist glaubt zumindest, dass es alles das in der Zukunft  n i c h t  mehr geben werde. Dabei ist er selbst immer an der Spitze, die zur Erziehung berechtigte, mit höchster Bewußtheit ausgestattete Speerspitze des Fortschritts. Eine wirklich teuflische Lehre.

Der verdrehte Hegelianismus führt, konsequent betrachtet, direkt in den Nihilismus. Niemand kann nämlich die Zukunft mit dieser Methode positiv, d.h. auch sinnstiftend, beschreiben. Dies ist unmöglich. Stattdessen wird alles zersetzt und zerstört, alle Begriffe verwischt und ihrer Bedeutung entkleidet, mit der Begründung diese seien lediglich Relikte der Vergangenheit. So befinden sich die europäischen Völker im Zustand der permanenten Revolution. Ausgeliefert einem Hamsterrad, dass sie stets erneut als ewiggestrig verhöhnen und verunsichern muss, wenn es sich treu bleiben will.

Diese Umstände müssen wieder begriffen werden, sonst ist alle Mühe vergeblich.

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5 Kommentare zu “Die marxistische Selbstgarantie

  1. Das wurde sehr gut herausgearbeitet!

  2. L'ancien régime

    Die Kritik mancher christlicher Konservativer bereits am Idealismus (Friedrich Gogarten, Hans Graf Huyn bspw.) ist durchaus nachvollziehbar. Es geht ja um eine Kritik eben dieser Selbstermächtigung des Menschen durch Bezug auf vermeintlich unbedingte Notwendigkeiten, zu deren Vollstreckern man sich macht und in deren Namen alles erlaubt scheint.
    Nicht mehr der schaffende und vorhersehende und eingreifende Gott ist dann der Herr von Natur und Geschichte, der dem gefallenen, doch noch immer vernunftbegabten Menschen Freiheit läßt, sich in Glauben, Denken und Handeln Ihm zu- oder abzuwenden, der ihn lockt und belohnt und zur Besserung straft;

    sondern ein im Grunde unpersönlicher Prozeß, den man erkennen muß und kann; und zwar werden die Umstände für Übel verantwortlich gemacht, wobei der Mensch den Umständen und auch dem Übel an sich selbst aus dem Weg gehen kann, was also das Ziel der Geschichte ist; daß also die Natur durch einen Prozeß wieder ins Lot kommt, den der Mensch aber vorantreiben muß.

    Das mag widersprüchlich scheinen, zumal ohnehin alles damit getrieben werden kann; man verschließt doch aber damit eh nur die Augen vor Tatsache des Göttlichen, der menschlichen Unzulänglichkeit demgegenüber und der Unsinnigkeit des Menschlichen angesichts der eigenen Hypothesen selbst; denn der Mensch erfährt sich als freien Willens, den es aber konsequenterweise angesichts marxistischer Hypothesen nicht geben kann; d. h. der Marxismus könnte eigentlich nur zutreffen bei Absehen vom Menschlichem, wobei dann ja niemand da wäre, der ihn denken könnte.

    Ansonsten haben wir hier das grundsätzliche logische Problem des Materialismus: die Selbsttäuschung des Bewußtseins über sein angebliches Vorhanden-Sein.
    D. h., das empirische Bewußtsein der menschlichen Person muß sich selbst verleugnen. Es, das empirisch vorhanden ist, muß denkend behaupten, es gebe kein Bewußtsein, das sei Produkt der Materie; d. h. dessen, was am Seienden greifbar und darum hier allein wirklich und Sein ist und dessen Herkunft nicht besprochen wird und das aber unbedingten Gesetzen ausgesetzt ist.

    Der Marxismus und Entsprechendes ist wirklich einfach eine Teufelei, die im Anspruch daherkommt, dem Menschen sein Leben angenehmer zu machen und das Ganze noch intellektuell einzukleiden.

    Er stellt nach Gogarten, der sich in seinen Anmerkungen dazu in seiner »Politischen Ethik« (1932) durchaus auf die hier verwendete Schrift Carl Schmitts bezieht, durchaus die Frage nach Gut und Böse. Aber er verkörpert für Gogarten das Böse, da er ja die Erkenntnis des Bösen aus der Sünde, aus der Abkehrung des Geschöpfs von Gott zu sich selbst hin, als sei es seiner selbst mächtig, verstellt. Das tut er in der Tat, indem er ja die Tiefe des Bösen nicht anerkennt und es nur in den Umständen wähnt und durch den Menschen zu beseitigen, der hier also gerade als seiner selbst mächtig aufgefaßt wird – wenigstens doch faktisch, auch wenn er ja eigentlich nur das Notwendige tut, weil er es muß. Sodaß hier aber genau diese Abwendung des Geschöpfs von Gott zu sich selbst als seiner selbst vermeintlich Mächtigen stattfindet, und das Sein als solches wird auf das Seiende, und zwar das materielle Seiende, das seiner selbst mächtig verstanden wird, reduziert, wie gesagt durch einen menschlichen Geist, der sich selbst leugnen muß.

    Das alles ist letzthin Selbstnihilisierung des Menschen, und überhaupt Nihilisierung: das Sekundäre wird zum Ersatz-Primären unter Leugnung des Primären, das Abhängige zum Selbstmächtigen;sodaß es gar keine Ethik mehr geben kann außer durch Lüge und Terror erzwungene im Rahmen dessen, was nun einmal so ist, wie es ist.

    Und da kommen wir wieder zum Punkte der göttlichen Vorsehung: nicht nur die Naturgesete gelten, vor allem gilt der, der sie geschaffen hat und sie kontrolliert; und solche Ordnung gibt es auch in der Geschichte, wie gesagt nicht im Sinne einer gänzlichen Vorherbestimmung, aber doch eines Herr-Seins darüber.

    Und das heißt auch für den Marxismus: Gott läßt es geschehen, daß es Marxisten gibt.
    Da ist der Teufel mal wieder wider Willen Werkzeug Gottes.

    Mir scheint die materialistische Moderne ja ohnehin göttliche Strafe durch Selbstbestrafung des Menschen verbunden mit dem Ruf zur Umkehr, als Prüfung, verstanden werden zu müssen.

    Und in der Tat: Bedeutung hat der Marxismus et c. doch nur insofern, als daß er menschliche Seelen vergiftet und als daß infolge dessen Menschen sich gegenseitig, ob nun noch unter überzeugter Berufung darauf oder nicht, terrorisieren. Lüge und Terror, und das sehen wir schon in der Frz. Rev. und in Ansätzen schon vorher.
    Aber darin liegt ja das Kreuz der Kirche in der Moderne: die Lüge zu durchschauen und den Terror zu erdulden.

    Warum nun? Danach haben wir nicht einfach so zu fragen.

  3. L'ancien régime

    Noch etwas: dem Marxismus wohnt ja auch ein verzerrter, ins Kollektiv-Humanitäre gewendeter Messianismus inne; ganz fern von jüngeren, talmudjüdisch-messianischen Vorstellungen ist er wohl nicht. Im modernen Judentum gibt es ja auch eine Fraktion, welche einen humanitären Messianismus, also eigentlich einen Progressismus vertritt.
    Die Affinität moderner Juden zu solchen Gedankengängen hat wohl etwas mit dem Gefühl der Verlorenheit zu tun, mit dem Bestreben, das Jüdische, als Stigma, abzuwerfen und im Menschlichen aufzulösen, wobei das, was an messianischer Vorstellung noch da ist, entsprechend eingeordnet wird. Wobei aber dieser ja schon für sich genommen falsche Grundlagen hat, denn er geht ja davon aus, der Messias komme erst noch, anstatt zu glauben, er ist bereits gekommen und wird wiederkommen. Und damit besteht eben eine Gefahr gerade in Teilen des Judentums, entsprechenden Ersatz-Messianismen zu erliegen.

    Ich denke, das muß im geistesgeschichtlichen Zusammenhang der Moderne bedacht werden, ohne daraus entsprechende Klischees zu folgern; das ganze Thema ist viel zu ernst, um es entweder zu umgehen oder aber anti- oder philosemitisch zu verflachen und damit wiederum zu entschärfen.

  4. Ich will den Judenkomplex in einer Seminararbeit über den europäischen Nihilismus bearbeiten. Das ist ein hochbrisantes, aber auch hochinteressantes Thema. Ich stimme Dir da im Grundsätzlichen zu.
    Man darf aber nicht den abgefallenen – »luziferischen« – Juden mit dem am Gesetz festhaltenden, orthodoxen Juden verwechseln, wie bspw. die Rassenantisemiten aufgrund ihrer Dogmatik.

    Das radikal Messianische inklusiver ganzheitlicher Weltbeglückung kommt eigentlich IMMER lediglich bei abgefallenen Juden (i.e. atheistischen) Juden zum Vorschein. Und wahrhaftig zum Christentum Konvertierte sind ja auch keinesfalls Juden mehr.

  5. L'ancien régime

    Ja, schon besteht ein Unterschied zwischen Orthodoxen und Modernen, aber die Apostastie beginnt doch eben vor 2000 und nicht erst vor 300 Jahren.

    Das wird auf Erden ein Rätsel bleiben, aber man muß schon in Erwägung ziehen, daß bereits die Versteifung auf die Tora, während man von Christen umgeben war, eine Art der Verstockung darstellt. In der Moderne ist das Band der Tora dann weggebrochen und die Ortlosigkeit endgültig offenbar.

    Paul Althaus, ich zitiere dies ja in meinem diesbezüglichen Artikel, sprach ja auch davon – 1954, das kann also keinesfalls als gewissen Leuten gegenüber opportunistische Äußerung gewertet werden – daß der »ewige Jude« mit der Entscheidung gegen Christus entstanden sei. Also nicht erst in der Aufklärung.

    Aber freilich hat das auch keine rassischen o. ä. Gründe.
    Der Rassenantisemitismus a la NS hält das Judentum ja per se und von Anfang an für schlecht und kann aber keine annähernd überzeugende Antwort auf die Frage geben, warum das so sein sollte.

    Und dazu kommt, daß der moderne abgefallene Europäer, der im geringer werdenden Schatten der Kirche aufwächst, sie aber nicht ernstnimmt, auf einer Stufe mit dem Talmudismus und dem modernen Judentum steht, also gerade auch gewisse Neuheiden, Nationalisten et c.

    Was den letzten Satz angeht: insofern, denke ich, hat die Existenz eines hebräischen Staatswesens ihre Berechtigung und ihre Notwendigkeit. Es gibt ja nun doch eine nationale Identität – die freilich auf den Alten Bund zurückgehen muß, in dem das hebräische Volk dann seine Sendung erkennen müßte – die als solche gewahrt werden muß, allerdings ohne den Aspekt der Zerstreuung. Die dann allerdings zu christianisieren ist, sodaß man sich ein christliches Israel vorstellen kann, Israel als nationale Bezeichnung hier, also ein christliches Hebräertum, wie es ein christliches Frankreich und ein christliches Deutschland gibt.

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