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Feind oder Feind!

Es war wirklich reiner Zufall, dass ich gerade über Schmitts Politischer Theologie saß, als Götz Kubitschek vor einigen Tagen bekundete, selbst wieder einmal Carl Schmitt zu lesen, und Teile des Werkes in sein Verlagsprogramm aufzunehmen. Ich bin immer noch ganz fasziniert von ihm (also Schmitt jetzt). Dem ein oder anderen ist vielleicht mein Artikel dazu aufgefallen. Man könnte sagen, leider (aber auch gottseidank) ist dieser schon wieder durch viel neues Artikelmaterial zugedeckt. Es steckt aber so viel Wertvolles in seinen zum Teil sehr unterschiedlichen Abhandlungen, dass ich in alter Tradition unseres Blogs fortgesetzt, vielleicht bisweilen auch kommentiert, zitieren werde.

Der folgende Part aus der Analyse des politischen Feindbegriffs scheint mir auch gut zu Ostern zu passen:

Feind ist also nicht der Konkurrent oder der Gegner im allgemeinen, Feind ist auch nicht der private Gegner, den man unter Antipathiegefühlen haßt. Feind ist nur eine wenigstens eventuell, d. h. der realen Möglichkeit nach kämpfende Gesamtheit von Menschen, die einer ebensolchen Gesamtheit gegenübersteht. Feind ist nur der öffentliche Feind, weil alles, was auf eine solche Gesamtheit von Menschen, insbesondere auf ein ganzes Volk Bezug hat, dadurch öffentlich wird. Feind ist hostis, nicht inimicus im weiteren Sinne; (…).

Die deutsche Sprache, wie auch andere Sprachen, unterscheidet nicht zwischen dem privaten und dem politischen »Feind«, so daß hier viele Mißverständnisse und Fälschungen möglich sind. Die viel zitierte Stelle »Liebet eure Feinde« (Matth. 5,44 Luk. 6,27) heißt »diligite inimicos vestros«, (…), und nicht: »diligite hostes vestros«; vom politischen Feind ist nicht die Rede. Auch ist in dem tausendjährigen Kampf zwischen Christentum und Islam niemals ein Christ auf den Gedanken gekommen, man müsse aus Liebe zu den Sarazenen oder den Türken Europa, statt es zu verteidigen, dem Islam ausliefern. Den Feind im politischen Sinne braucht man nicht persönlich zu hassen, und erst in der Sphäre des Privaten hat es einen Sinn, seinen »Feind«, d.h. seinen Gegner, zu lieben.  Jene Bibelstelle berührt den politischen Gegensatz noch viel weniger, als sie etwa die Gegensätze von Gut und Böse oder Schön und Häßlich aufheben will. Sie besagt vor allem nicht, daß man die Feinde seines Volkes lieben und gegen sein eigenes Volk unterstützen soll.

(Der Begriff des Politischen, 8. Aufl., D&H, S. 27 f.)

In diesem Sinne schon einmal: Frohe Ostern!

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22 Kommentare zu “Feind oder Feind!

  1. L'ancien régime

    Kurze Anmerkungen:

    Die Forderung nach der Feindesliebe ist verknüpft mit derjenigen nach Fürbitte für die Verfolger.

    Recht verstanden bedeutet diese Liebe also ohnehin nicht, denjenigen, der einem nfreundlich gesonnen ist, einfach gewähren zu lassen; weder den persönlichen Antipathen noch den politischen Feind. Auch für diesen kann und sollte man ja beten;

    wenn es sich um reine politische Feindschaft handelt, also eigentlich außenpolitische, nichtideologische, ist damit verbunden, daß man sich durch die Feindschaft nicht zu Haß verleiten läßt, der den anderen tiefenexistenziell vernichten wollte; sondern daß vielmehr eine gewisse Achtung bestehen bleibt bei gleichzeitiger Anerkennung der Tatsache, daß derartige Konflikte konkrete und anzunehmende, aber sub specie aeternitatis dennoch relative sind; die also nur in einem bestimmten Rahmen Bedeutung haben, wenn auch ganz deutlich erfahrbare.

    Ernst Jünger schreibt ja irgendwo in einem seiner Aufsätze aus den 20er Jahren, daß in solchem Streite die Gegner auf höherer Ebene mieinander verbunden seien. Man kann ja hier das Stichwort der Ritterlichkeit bemühen.

    Derartiges gilt aber freilich auch im wirtschaftlichen Konkurrenzkampf, und ansonsten für alle so weit politischen Konflikte, ob nun Staat im »neuzeitlichen« Sinne vorhanden ist oder nicht.

    Ein wenig anders verhält es sich aber bei religiösen Auseinandersetzungen. Hier ist wohl auch die eigentliche Implikation des Aufrufs Christi im vorliegenden Kontext zu sehen: Die Bergpredigt richtet sich ja an die Gemeinde. Der Christ soll also für diejenigen bitten, die ihn um Christi willen verfolgen. Das impliziert also eine Fürbitte im Hinblick auf rechte Erkenntnis und rechten Glauben des jeweiligen Verfolgers. Das gilt dann für die jüdische Obrigkeit seiner und der kommenden Jahre ebenso wie später für die römische, auch für den Islam, heuer für die antichristlichen Bewegungen und Régimes unterschiedlicher Couleur.

    D. h. es spielt hier die Unterscheidung von Sünde und Sünder eine Rolle, viel mehr als im rein politischen Kampf, den es in der sündbehafteten Welt nun einmal gibt, wobei das gerade heute im Zeitalter der Weltbürgerkriege nicht immer scharf zu trennen ist.

    Der Christ soll die Sünde hassen – die Häresie, den Unglauben, die Verfolgung usf. – aber den Sünder lieben, für ihn bitten – auf daß er ablasse.

    Das freilich impliziert gerade nicht einen Verzicht auf Verteidigung.

    Und zwar weder in diesen Belangen, die Wahrheit betreffend, noch im konkret-geschichtlichen politischen Leben.

    Anders gesagt: ein Kreuzfahrer kann dem Muselmanen das Schwert in den Leib jagen und zugleich für dessen Seele beten.

    Das auf dieser Ebene.

    Freilich gilt dies auch im politischen Kampf als solchem, wobei hier freilich dem Gegner nicht inhaltlich Falsches unterstellt werden muß.

    Vor Haßregungen muß man sich so oder so schirmen, nur sind die Fälle eben unterschiedlich gelagert.

    Was persönliche Zwiste angeht, auch die können ja unterschiedlich sein; Nachsicht ist also durchaus gefordert, aber auch das heißt nicht, daß man einfach gewähren läßt. Sondern, daß man sich der eigenen Fehlerhaftigkeit bewußt wird und so handelt dem anderen gegenüber, wie es verantwortbar ist.

    Strafe und Hilfestellung zur Besserung gehen ja übrigens häufig einher. Das gilt für Gottes Handeln in der Geschichte wie auch für den Staat, die Familie und persönliche Beziehungen usf.

    Es geht eben nicht um eine immanente Verbesserung des Weltzustands – den können Menschen nicht erreichen und andererseits hat ihn Gott schon erreicht. Das aber ist freilich eine Versuchung: die sozialprogressive Verzerrung des Evangeliums.

  2. Auf Carl Schmitt bin ich heute auch gestoßen, und zwar hier:

    http://tinyurl.com/yfhdtcg

    Dieser vom Mai 1935 stammende Artikel war in der »Hochland« abgedruckt, einer Zeitung, die anerkanntermaßen zu den Widerstandszeitungen gehörte. Die Gruppe um diese Zeitung soll auf die Geschwister Scholl prägenden Einfluß gehabt haben.

    Den Folgeartikel »Die Überwindung des Liberalismus« in der Ausgabe Juni 1935 tippe ich gerade ab …

    Im übrigen bin ich der Meinung, daß man bzgl. des 30. Januar 1933 nicht mehr von »Machtergreifung« sprechen sollte. Dieses Ereignis wurde damals als »nationale Revolution« bezeichnet und muß auch so begriffen werden. Natürlich ging aus dieser Revolution genauso wenig Gutes hervor, wie aus jeder anderen Revolution. Aber es ist ein Fehler, wenn man bei dieser ahistorischen Verklärung mitmacht.

  3. Nils Wegner

    @ Régime:

    Kurz. Is‹ klar. 😛

    @ Antifo:

    Wieso denn das? Das Einzige, was an der Wahl Hitlers zum Reichskanzler nicht mit rechten Dingen zuging, waren die Umstände der Parlamentsauflösung zur Herbeiführung selbiger Wahl.

    Ansonsten war die zu Unrecht sogenannte »Machtergreifung« eine grunddemokratische Sache – weder wurde da etwas gewaltsam »ergriffen«, noch war es eine »nationale Revolution«. Die fing erst nach dem Reichstagsbrand an.

  4. @Nils Wegner

    Die Auseinandersetzung darüber, ob das nun (im Sinne der damaligen Verfassung) grunddemokratisch zuging und ob der 30. Januar 1933 wichtiger war als die Verordnung vom 28. Februar 1933 »zum Schutz von Volk und Reich« ist aber doch nur kleingeistiges Gezänk. Entscheidend ist, daß es allgemein als »nationale Revolution« bezeichnet wurde. Auch denjenigen, die erklärtermaßen nicht für den Nationalsozialismus waren, blieb nichts anderes übrig, als die geschichtliche Tatsache, daß hier ein Wechsel im Sinne einer Revolution stattgefunden hatte, als Faktum erst mal anzuerkennen. Sie mußten sich ebenso fügen und neu orientieren, wie sich die Menschen in Frankreich nach 1789 oder die in Rußland nach 1917.

    Worauf es mir ankommt, ist, daß man nicht rückwirkend eine neue Deutung in dieses historische Ereignis legen soll, weil es eben nur aus damaligen Zeit heraus begriffen werden kann. Unser Dilemma ist doch, daß man diese Zeit gar nicht mehr begreifen will, sondern sich schon lange an eine in sakralen Worthülsen daherkommende Sprachregelung gewöhnt hat. Damit wird man aber der deutschen Geschichte ebenso wenig gerecht, wie man den Menschen, die seinerzeit gelebt haben, nicht gerecht wird. Was am 30. Januar 1933 — oder meinetwegen auch am 28. Februar — stattfand, hatte doch einen riesig langen Vorlauf. Wer diese Zeit davor ausblendet, der wird auch nicht verstehen können, weshalb es dann zu dieser nationalen Revolution kam.

    An diesem Begriff der nationalen Revolution werden sich nur diejenigen stören, die »Revolution« grundsätzlich für etwas Positives halten 😉

  5. L'ancien régime

    Allerdings gebiert ja auch eine moderne Revolution die nächste: das war in Frankreich so: 1789, 1791, 1793 usf.; in Rußland: Feb. und Okt. 1917; in Deutschland nun einmal auch: 1918, 1933, 1934 sollte etwas folgen usw.

    Selbst 1989 war doch für Viele im Grunde zunächst eine Veränderung hin zum Besseren auf dem Wege zum wahren Sozialismus usf., für Krenz nur als »Wende«, für die Linksopposition dürfte damit mehr verbunden gewesen sein.

    Was die »Überwindung des Liberalismus« angeht: das ist es ja eben: der NS blieb auf dem Wege des »Liberalismus« in diesem speziellen Sinne und war daher eben keine »konservative Revolution«, zumal die Zusammenhänge ja schon viel zu komplex waren, als daß ein wirklicher Gegenschlag gegen den »Liberalismus« so einfach möglich gewesen wäre. Wo er stattfand, da nur mit partiellem und zeitlich mehr oder weniger begrenzten Erfolg – wobei das bekanntermaßen auch auf den NS selbst zutrifft, der ja wenigstens gewisse Ansätze hatte, jdf. für Viele derartiges darstellte – man denke da an Dollfuß und v. Schuschnigg in Österreich. (Soanien und Portugal sind wohl nicht ohne weiteres daneben zu stellen, da im südeuropäischen Bereich die Moderne noch nicht ganz so sehr zugegriffen hatte und die Hintergründe daher etwas andere sind.)

    Insofern also ist die Rev. von 33 durchaus eine Folgeerscheinung von 18, und zwar eben im demokratischen Zusammenhang: die NSDAP war stärkste parlamentaarische Kraft auf Reichsebene, v. Hindenburg wollte den Notverordnungsparagraphen nicht länger bemühen wie unter Brüning, v. a. v. Papen und v. Schleicher, also war die von ihm nicht gerade präferierte Ernennung Hitlers zum Reichskanzler die Folge, währed v. Papen und einige weitere, was man m. E. durchaus nachvollziehen kann, im Sinne hatten, die Dynamik der NS-Bewegung einzuhegen und in ihren positiven Aspekten fruchtbar zu machen, ihr jdf. auch den Wind aus den Segeln zu nehmen. Da Hitler nun eimmal Kanzzler und nicht nur Vizekanzler sein wollte, kam es halt so.

    »Machtergreifung« klingt ja im Übrigen auch nach einer Revolution, einem Umsturz eben. Der fand ja in der Tat erst in der Folge sukzessive, wenn auch recht rasch, statt.

    Weimar hatte sich schlicht überlebt und daß Hitler auf konstitutionellem Wege ins Amt gelangte und ab März IM GEGENSATZ ZU SEINEN VORGÄNGERN parlamentarisch gestützt wurde, ist für das Verhängnis bezeichnend.

    Auch die KOnservativen hatten ja die Wahl: weitere Minderheitenregierung samt Bürgerkriegsgefahr, zur Not Staatsstreich, die kleine Reichswehr gegen Rote und Braune, oder eben; Ausnutzung des Spielraums der Verfassung in anderer Weise, Nutzung und Einhegung der bedeutendsten Massenbewegung, also der natsoz., die außerdem nun einmal ihren Schwerpunkt in Deutschland selbst hatte im Gegensatz zu den moskauhörigen Bolschewiken, die zudem ja freilich stärker sozialrevolutionär gesonnen waren, das ist ja gar kein Ausdruck, es versteht sich ja von selbst. So erschien dann die auch teils sehr sozialistische NSDAP, zumindest konnte man sich ja nicht sicher sein, als kleineres Übel.

    Im weiteren zeigt sich ja in Vielem, daß der NS zwar freilich ideologisch von Vorherigem abgehoben ist, aber im Wesentlichen doch dennoch im Gesamtkontext des »Liberalismus« bleibt (Partei, Materialismus, Anthropozentrismus, Geschichtsverflachung, Massenbezug usf.), nur eben seine speziellen Akzente setzte. Die Übergänge sind ja im lebendig-geschichtlichen Zusammenhang immer irgendwie fließend. Es gibt ja da ein breites Spektrum im Bereich KR, Faschismus, NS usf.

    Das konnte aber 1933 noch nicht jeder einschätzen. Es schien ja vieles offen, auch später noch.

    Eins dürfte aber recht sicher sein: es gab auch Kräfte, die eine echte Neuorientierung anstrebten; aber die hatten eben nun einmal keinen Erfolg bei den Massen mitten im Massenzeitalter.
    Es handelte sich weitgehend um Einzelpersönlichkeiten, die wie E. Jung dann auch versuchten, politischen Einfluß zu nehmen, aber damit ja allesamt nicht sehr weit kamen.

    Ob man allerdings diese Vorgänge nun als Machtergreifung (dann aber im demokraischen Rahmen) oder (nationale) Revolution (allerdings eben in Folge der verfassungskonformen Machtübernahme bzw. -konsolidierung dann infolge der Märzwahl) nennt, ist doch eigentlich an sich nicht so wichtig. Es handelte sich jdf. um einen von Vielen partiell nachvollziehbarerweise begrüßten Umwälzungsvorgang zunächst auf Grundlage Weimars, dessen weiteren Verlauf man noch nicht wirklich absehen konnte und der Vieles möglich scheinen ließ.

  6. @L‹ancient regime

    »Insofern also ist die Rev. von 33 durchaus eine Folgeerscheinung von 18, und zwar eben im demokratischen Zusammenhang«

    Völlig richtig. Einer, der damals selbst in der publizistischen Opposition war, hat den Bogen sogar noch weiter gezogen. Er führt aus, daß Hegels »Philosophie der Weltgeschichte« derjenige Saatkorn war, der den »deutschen Volksgeist« wachsen hat, als dessen oberster Beschwörer Hitler 1933 an die Macht kam. Ich finde das absolut überzeugend. Reinhold Scheider ist auch nicht der einzige, der das erkannt hat. In seinem Buch »Hegel und der Staat« hatte Franz Rosenzweig schon 1920 sehr ähnlich argumentiert und das vmt. auf den ersten Weltkrieg bezogen. Von Hubert Kiesewetter erschien dann 1974 »Von Hegel zu Hitler. Die politische Verwirklichung einer totalitären Machtstaatstheorie in Deutschland (1815-1945)«. Wichtig ist auch, daß sich die Nazis völlig zurecht als Erben der Revolution von 1848 sehen konnten.

    Bei der konservativen Revolution meine ich immer noch, daß das ein Widerspruch in sich selbst ist. Wer konservativ ist, der kann doch nie und nimmer eine Revolution wollen. Damit will ich keineswegs sagen, daß die Werke der Autoren der konservativen Revolution ohne Wert wären, aber man muß doch sehen, daß Satan der erste Revolutionär war. Von daher kann alles was auf Revolution hinausläuft immer nur im Unglück enden.

  7. … zurück zum Thema: 🙂

    Der »von Euch« interviewte Gottfried hat das mE richtig erkannt. Es fehlt bei den Konservativen … und denen, die sich dafür halten … an der klaren Einschätzung, wer oder was »der Feind« ist.

    Die Linke beherrscht trotz schmitt-bashing diese Technik ganz vorzüglich: Der polit. Gegner ist der Feind, alles, was er sagt ist falsch und ggfs. mit einer Strafanzeige zu ahnden, die eigene Leute sind sakrosankt, ob pädophil, mit »Beraterverträgen« von Automobil- und Energiekonzernen versehen oder als Diener/Nutznießer einer totalitären Diktatur.

  8. L'ancien régime

    Das ist eben doch auf unterschiedlichen Ebenen zu sehen: der politische Feind ist für Deutschland freilich jegliche jeweilige äußere Macht, die Deutschlands Integrität angreift.

    Jeweilig, d. h. man sollte sich hier in der Tat nicht vom recht deutlichen Begriff des Feindes abhalten lassen.

    Das betrifft dann weiterhin auch entsprechende Kräfte im Inneren.

    Aber da kommt man ja wieder zu weltanschaulichen Ebene.

    Antideutsche Kräfte in Deutschland selbst sind ja nicht einfach gewissenlose Verräter, die sich aus egoistischen Gründen in den Dienst anderer weltpol. Mächte stellen, sondern ideologische Gründe treiben sie.

    Und damit kommt man zur religiösen, theologischen, metaphysischen Ebene: der Feind ist, jdf. meiner Meinung nach, insofern also das, was sich gegen das Christentum richtet, und zwar grundsätzlich.

    Das ist aber nur bedingt im eigentlichen Sinne politisch. D. h. die islamische Welt muß nicht per zum politischen Erzfeind werden, wenn es dafür nicht andere politische Gründe gibt oder aber die theologische Feindschaft politische Züge bekommt.

    Ebenso muß der Staat Israel nicht politischer Feind sein.

    Aber zu trennen ist das wie gesagt heute nicht.

    D. h. also, die DDR war politischer Feind der BRD ebenso wie die dort herrschende Ideologie metaphysischer Feind war und ist, und das überschnitt sich eben aufgrund dessen, daß dieses reststaatliche partei-usurpierte Gebilde eben als Staat handelte, allerdings doch stark unter dem entsprechenden ideologischen Einfluß.

    In der Tat, mir scheint es wirklich mit der Feindbestimmung so einfach nicht zu sein: denn warum war denn die DDR eigentlich, über das Ideologische hinaus, Feind, also politischer Feind?

    Doch aufgrund der Teilung… nun, das kann man aber andersherum auch so sehen. Zumal das BRD-Establishment sich vom Gedanken der Wiedervereinigung ja zunehmend entfernte.

    Also, warum sollte man von daher der BRD einen Vorzug gegenüber der DDR geben? Beide Mächte trugen zur Teilung bei, beide unterstanden fremden Mächten. Unabhängig nun vom Ideologischen, aber die Generaldoktrinen der BRD sind ja auch nicht das Erstrebenswerteste, damals wie heute.

    D. h. hier müßte eigentlich eine Feindbestimmung aus Sicht deutscher Interessen vorgenommen werden, die sich in dem Falle gegen die auf deutschem Boden ansässigen Machtkonstellationen richtete, oder wenigstens – eine weitere Differenzierung also – partiell.
    Dazu hätte man aber erst einmal ein Positivum definieren müssen, und wie auch immer, es wäre ja bei der Definition, vor dem Hintergrund vergangener Realitäten, geblieben.

    Es ist also nicht so einfach, in Zeiten der Weltbürgerkriege, in denen ganze Völker und Staaten unter die Knute modern-ideologischer Parteien kommen, zumal ohnehin der religiöse Bezug als solcher dringend bedacht werden muß, und angesichts des Zerfalls dessen, was in den letzten Jahrhunderten eigentlich Staat war, zu einer Freund-Feind-Bestimmung zu gelangen. Die Dinge sind doch sehr verwoben.

  9. @L‹ancien régime

    Ja, von dieser kindischen Sichtweise, daß die BRD grundsätzlich besser wäre als es die DDR war, muß man sich frei machen. Freilich hat sie gewisse Vorzüge, über die zu reden auch allemal lohnt, nur gilt das umgekehrt ja auch, und hier wie da wurde der Staat als militärisch-ideologischer Vorposten für die Systemauseinandersetzung zwischen Liberalismus und Sozialismus gegründet und zum Schaufenster herausgeputzt. Von einer eigenständigen Entwicklung kann in keinem der beiden Fälle geredet werden. Von ihrem Wesen her sind die kulturell-ideologischen Probleme, mit denen wir uns heute herumschlagen müssen, vielfach nur als Niederschlag der Ost-West-Konfrontation zu begreifen. Das gilt besondere auch für internationale Einrichtungen wie die EU, die sich im Zuge dieser Jahrzehnte langen Auseinandersetzung dem ideologischen Gegner so weit angeglichen hat, daß das Etitkett »EUdSSR« weit mehr als nur Polemik ist.

    Bezüglich des Feindbegriffes bedeutet das, daß der Feind dort steht, wo bagatellisiert oder gar geleugnet wird, daß es nach dem Krieg keine eigenständige Entwicklung gab. Allerdings muß man schon auch aufpassen, daß man nicht im Affekt jeden zum Feind erklärt, der irgendetwas positiv findet, was sich in diesen gut sechzig Jahren entwickelt hat. Sicheren Boden wird man hier nur finden, wenn man sich der Fragen inhaltlich annimmt.

  10. L'ancien régime

    Richtig, inhaltlich müssen die Zusammenhänge gesichtet werden. Eine Freund-Feind-Bestimmung ist also nur insofern möglich. Und hier geht in der Tat die reine politische Selbstbehauptung, die ja immer ihrer metaphysischen Grundlagen bedarf, in die metaphysische Kampflage über.

    Wer die späte BRD zum freiesten Staat auf deutschem Boden erklärt und die neuere deutsche Geschichte als steinigen, aber konsequenten Weg dorthin, der noch weiter beschritten werden müsse in Richtung – ja, EUdSSR beispielsweise, der tut das aus ideologischen Gründen, mag die Ideologie hier auch mit Faulheit und Feigheit korrelieren.

    Apropos metaphysisches Kampffeld: ich habe gerade Sven Schäfers kurzen Beitrag zur auch wiederum aktuellen Debatte um den Sinn des Kreuzes, d. h. also des Christusgeschehens im Ganzen letztlich, gelesen. Das ist so ein Beispiel.
    Für mich ist das, was dieser Jörns durchläuft, feindliches Terrain. Nicht nur das eines Gegners, sondern eines Feindes, und dieser Feind heißt nicht vorrangig Jörns – oder was einem da noch auch für Namen von innerkirchlichen Verrätern einfallen mögen, von den äußeren Feinden zu schweigen – sondern Irrlehre, Angriff auf das Christentum, und zwar in seiner Substanz.

  11. Wo finde ich den Beitrag von diesem »Schäfer«?

    Vor dem Begriff des »Metaphysisichen« muß man sich übrigens in acht nehmen. Die Relativierung der Wahrheit Jesu Christi ist da praktisch eingebaut, weil die heiligen Mysterien zu etwas Unwirklichem erklärt werden. Diese Mysterien wollen und sollen aber als Teil der Wirklichkeit geschaut und begriffen werden.

  12. Ich stolpere übrigens gerade über dieses Bismarck-Zitat:

    „Mut auf dem Schlachtfelde ist bei uns Gemeingut, aber Sie werden nicht selten finden, dass es ganz achtbaren Leuten an Zivilcourage fehlt“

    Das ist insofern sehr bedeutsam, als daraus deutlich wird, daß Zivilcourage das Gegenteil von Militärcourage ist. Wenn Schüler mit generalstabsmäßiger Unterstützung der Schulleitung irgendwohin zum »Gesicht-zeigen« losgeschickt werden, dann handelt es sich nicht um Zivilcourage, sondern um Militärcourage.

  13. Hier der Text zur Überwindung des Liberalismus:

    http://tinyurl.com/ueberwindungliberalismus

  14. L'ancien régim u

    »dann handelt es sich nicht um Zivilcourage, sondern um Militärcourage.«

    Werter antifo, meines Erachtens nicht einmal das. Denn militärische Courage bedeutet ja nicht nur das Befolgen von Befehlen, sondern auch die Überwindung freilich vorhandener Angst in der Schlacht. Nun gibt es aber bei diesen Jakobinerveranstaltungen meist ja keine Schlacht, vor der man irgendwie Angst haben müßte.

    »Vor dem Begriff des “Metaphysisichen” muß man sich übrigens in acht nehmen. Die Relativierung der Wahrheit Jesu Christi ist da praktisch eingebaut, weil die heiligen Mysterien zu etwas Unwirklichem erklärt werden. Diese Mysterien wollen und sollen aber als Teil der Wirklichkeit geschaut und begriffen werden.«

    Das ist im Grunde das, was beispielsweise von Friedrich Gogarten u. w. auch befürchteten, daß nämlich aus der geschichtlichen Tatsache nur eine allgemeine ferne Wahrheit gemacht würde, vor deren Hintergrund man dann Geschichtsphilosophie betreibe, nach Maßgabe eines Entwicklungsgedankens, letztlich selbstgerecht.

    Das liegt mir allerdings fern, den Metaphysikbegriff so zu gebrauchen; daß also das Ganze gleichsam weggeschoben würde.

    Sondern die christliche Wahrheit, d. h. die Wahrheit wird in der Geschichte manifest und das Verhältnis zu ihr ist ein geschichtliches immerfort, denn wir sind nun einmal geschichtliche Wesen, bzw. die Schöpfung als solche kennt die Zeit; und der Mensch eben auch die Geschichte, nicht nur die Natur.

    Wobei ich schon meine, daß das den kirchlichen Zusammenhang geradezhu impliziert, sodaß das Christusgeschehen selbst eben über sich auch konkret-geschichtlich hinausweist. Anders gesagt: das Hl. Meßopfer nach katholischer Lehre ist für mich Realität. Es ist jeweils geschichtlich, und zwar im Verhältnis zum einmaligen Ereignis auf Golgatha selbst, wobei dies aber durchaus nach ewigem Ratschluß Gottes in der Zeit erfolgte. Man mag da mit Urbild und Abbild argumentieren, dasist eben sehr verwickelt.

    Die heute verbreitete Auffassung geht ja eher dahin, aus der Einmaligkeit abzuleiten, das Opfer Christi könne nicht reell vergegenwärtigt werden in der Zeit und Geschichte, sondern nur in Gedanken. Das aber würde ja gerade ein Auseinanderreißen des geschichtlichen Zusammenhangs bedeuten. Dabei ist es ja die Geschichte, in der geglaubt und gelebt wird und wonach gerichtet wird und in der Strafe, Hilfe und Umkehr erfolgen. Wie das, wenn der reelle geschichtliche Zusammenhang mit dem Christusgeschehen banalisiert und aufgelöst wird? Also, Einmaligkeit ja und zugleich reelle jeweilige Vergegenwärtigung in der Kirche, die ja der Leib Christi in der Geschichte ist, in ihrer Verkündigung, in ihrem Sakrament, und beides als Geschichtliches ist nach ewigem Ratschlusse des ewigen Gottes. Deshalb ja auch Stunden- und Tagesgebete, deshalb der Zyklus der Rosenkranzgesätze, deshalb der Zyklus des Kirchenjahres, der Lesungen, der Gebete, deshalb immer wieder die Sakramente. Freilich bleibt auch gerade da ein Geheimnis des genauen Zusammenhangs.

    Wie sagte es neulich ein Pfarrer: das Kreuz steht nicht nur über der Welt, das freilich auch, sondern auch in der Welt.

  15. L'ancien régime

    Ach wie kam jetzt das u in die Namenszeile…

  16. @L‹ancien regime:
    Ich sehe schon: Wir sind zu nahe beieinander, als daß wir ordentlich miteinander streiten könnten 😉

    Der Text zur »Überwindung des Liberalismus« ist jetzt fertig abgetippt. Siehe Link. Besonders beeindruckend finde ich die überall aus dem Aufsatz durchschimmernde Rückschau auf die Zeit davor. Nur wenn man sich vergegenwärtigt, wie diese Zeit wahrgenommen wurde, kann man ja überhaupt verstehen, weshalb so viele diese nationale Revolution dann als Fortschritt betrachtet hatten.

  17. L'ancien régime

    Das mit 1848 scheint logisch. In der DB findet sich ja auch eine entsprechende Begeisterung.

    Das mit der Streichung einer entscheidenden Bemerkung zur 48-Rezeption bei den NS im dazugehörigen JF-Artikel vor einigen Jahren stimmt tatsächlich, ich habe es von betreffender Person auch schon einmal gehört. Manchmal ist man bei der JF auch ein wenig seltsam – noch zu wenig konservativ halt in dem Falle.

  18. Oh, ein wenig österliche Naivität ….

    Meine Herren (?), ich glaube, Sie machen sich zu viele (ideolog.) Illusionen: »Anti-deutsch«, proislamisch, attac, etc., etc. sind keine Themen, die man »ideologisch« bearbeiten oder argumentativ widerlegen könnte. Hier handelt der wildgewordene Kleinbürger, der – idR materiell hervorragend abgesichert – ein bißchen Tschekist spielt und jedem umbrigen (lassen) möchte, den er als »Feind« identifiziert.

    Spätestens seit dem Auftritt eines Feuilletonisten, der sich am Zusammentreten eines Spießer-Rentners ergötzte, sollte klar sein, wohin die Reise geht. Glaubt man ernsthaft, der Herr wäre nicht der Meinung gewesen, eine schweigende Mehrheit (zumindest die seines Milieus) zu vertreten ?

  19. @L‹ancien régime

    Das mit 1848 ist vollends logisch. Ich hab‹ gerade nochmal einen Artikel dazu verfaßt. Siehe Link.

  20. L'ancien régime

    Mag sein, daß den meisten Vertretern des jeweiligen Unfugs selbiger an sich egal ist. Aber Gedankensysteme haben immer einen geistigen Hintergrund, und es ist dann zu fragen, woher dieser komme. Irgendwoher muß er jdf. kommen und in solchen Fällen wohl von unten…

    Das meine ich mit metaphysischer Kampfstellung et c., jetzt mal abgesehen von den Einwänden gegen den Begriff der Metaphysik hier. Es sind eben, wie der Hl. Paulus im Briefe an die Gemeinde zu Ephesus schreibt, nicht fleischlische Mächte, mit denen wir zu kämpfen haben. Die grundlegenden Kämpfe sind eben die »metaphysischen« und hier liegt die Grundlage für jede zerstörerische Kleinbürgerei. Der Kleinbürger weiß nur nicht, was er da vertritt und tut es nur zu seinem Zeitvertreib und aus Naivität. Aber es steckt ja immer mehr dahinter als die oberflächliche Spießerei.

  21. @L‹ancien régime

    Es sind keine fleischlichen Mächte, aber es ist unser Fleisch, vor dessen Versuchung wir uns bei diesem Kampf in acht nehmen müssen:

    »Denn die Waffen unsres Kampfes sind nicht fleischlich, sondern mächtig im Dienste Gottes, Festungen zu zerstören.« (2. Kor. 10,4)

    Diese Festungen sind natürlich geistige Festungen. Um diese Trutzburgen der Bosheit zerstören zu können, muß man erst mal wissen, wie sie heißen, wie sie befestigt sind und was ihre Schwachstellen sind.

  22. Ist die Kritische Theorie noch zu retten?

    Ein Bail-out-Versuch im Sinne 2. Kor. 10,4 aus meiner Feder (siehe Link).

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