Anstoß

Faule Kompromisse überall

Was für ein herrschendes System haben wir eigentlich? Libertäre schimpfen in ihrem „NeoMcCarthyanismus“ gerne auf den bösen Kulturmarxismus. Linke geben die Schuld stattdessen lieber dem Neoliberalismus. Die heutige Neue Rechte steht irgendwie zwischen den Stühlen und schimpft gleichzeitig auf Liberalismus und Kulturmarxismus.

Was stimmt davon nun? Und kann es sein, dass alle Recht haben, aber nur Teilaspekte der Wahrheit sehen können, weil sie sich durch ihre eigene „ideologische Brille“ blind machten?

Hier muss man erstens Kultur und System unterscheiden. Die kulturelle Hegemonie gehört definitiv den Liberalen. Solche Dinge wie „Verfassung“ und das Ideal des freien Individuums, das seine Freiheit auch auf Kosten der Anderen ausleben kann, und die Idee der Selbstverwirklichung sind zentrale kulturelle Elemente des Systems.

Linke Individualisten

Die früheren Feinde des Systems von links und von rechts haben sich mit dem Liberalismus ebenfalls arrangiert und im Zuge dieses Kuhhandels massiv selbst verbogen. Das merkt man einmal sehr deutlich bei den Linken.

Wenn man sich den Werdegang der „neuen Linken“ anschaut, fällt auf, dass spätestens mit dem Mauerfall und der Entstehung der Grünen ein Kuhhandel mit dem Liberalismus und auch mit der Bourgeoisie eingetreten ist. Letzteres ist dadurch bemerkbar, dass die Linken früher den Lebensstil der Bourgeoisie ablehnten und bekämpften, aber heute versuchen, diesen Lebensstil auch den Gruppen zu ermöglichen, die davon ausgeschlossen waren. Bestes Beispiel: die Homo Ehe. Die Linken haben die Ehe stets als patriarchalische Unterdrückung, Spießertum und Brutstätte von Missbrauch und „autoritären Persönlichkeiten“ verurteilt. Warum wollen sie dann ausgerechnet, dass Homosexuelle so leben, wenn diese Lebensweise angeblich so schrecklich ist?

Das deutlichste Zeichen, dass Linke versuchten, sich den Liberalen anzuschließen, stellt deren Rhetorik dar. Die Linke diente eigentlich immer der Gerechtigkeit und Gleichheit zwischen sozialen Schichten, und nicht den Rechten des Individuums. Neuerdings aber schwafelt die Linke nur noch von irgendwelchen Rechten wie Frauenrechte, Schwulenrechte, Behindertenrechte usw., deren Brechung verhindert werden müsse. Und diese Rechte (sowie die Zensur der Kritiker) erkämpft die Linke auch nicht mehr gegen die Kapitalisten, sondern in Kooperation mit Großkonzernen wie Google und Facebook.

Die Linken haben die Vorzüge der Arbeit entdeckt

Dazu gehört auch die in Folge des Feminismus der 60er Jahre erfolgte Neudefinition der Arbeit. Früher war laut der Linken der Arbeiter der arme entfremdete Proletarier, der ein Leben als unterdrückter Lohnsklave der Bourgeoisie zu fristen hatte, weil die gierigen Bonzen den von ihm erwirtschafteten Mehrwert für sich selbst einstreichen. Stattdessen gilt heute jede Arbeit als emanzipatorisch, befreiend, sinnstiftend und Hilfe zur Selbstverwirklichung.

Sogar wenn man als „armer Behinderter“ in eine Behindertenwerkstatt gesteckt wird und dort acht Stunden am Tag Schrauben sortieren soll, gilt das als „sinnstiftend“ und Weg zur „Selbstverwirklichung“. Dieses neue linke Loblied der Arbeit hat mehr mit liberalen Vorstellungen eines „Unternehmergenies“ gemein, als mit eigentlichen linken Vorstellungen.

Linke waren auch früher eigentlich im Allgemeinen für das Abbauen von Hierarchien. Deshalb sollten Unternehmen durch die gemeinsamen Beschlüsse der Arbeiter anstelle eines Vorstands geleitet werden. Heute will man stattdessen durch Quoten erreichen, dass Frauen möglichst hoch in der Hierarchie kommen.

Bürgerlicher Konservatismus und Liberalismus

Die politisch akzeptierten konservativen und die Bürgerlichen in der AfD wie Alice Weidel und Beatrix von Storch, die im Mainstream akzeptiert werden oder akzeptiert werden wollen, haben ebenfalls diesen Kompromiss mit dem Liberalismus getätigt. Das merkt man an Sprüchen wie „Die deutsche Leitkultur ist das Grundgesetz“. Als ob ein Grundgesetz und das Recht, ungestört in die eigenen Taschen zu wirtschaften eine ganze Kultur seien.

Die heute leider dominante Form des Neokonservatismus ist auch so ein Beispiel. Man reduziert die Kultur nur auf die liberalen Ideen, erklärt alles andere für irrelevant und begreift sich als moderne Kreuzfahrer, die den Rest der Welt mit dem Schwert zum Liberalismus und den Menschenrechten bekehren muss. In gewisser Weise haben die Neocons also das Grundgesetz zur neuen Bibel erklärt.

Dabei haben die Neokonservativen die Idee der Nation geopfert, die durchaus ein gewisses „Leben und Leben lassen“ implizierte. Stattdessen sind die Mitglieder der Nation nun die Westler, die den Rest der Welt angeblich zivilisieren müssen.

Die kulturelle Hegemonie der Liberalen macht sich auch darin bemerkbar, welche „Staatsfeinde“ im Mainstream zu Wort kommen. Thilo Sarrazin und Akif Pirincci werden in den Medien zu den ach so bösen Nazis erklärt, aber besprochen. Wenn man in deren Werke blickt, fällt aber auf, dass deren Ideen nicht versuchen, das liberale System aus den Angeln zu heben, sondern es mit drastischen Mitteln zu retten. Pirinccis Lösung gegen die „ungerechte Politik“, dass alle Reichen einen Arbeits- und Steuerzahler-Boykott machen, ist auch fast wörtlich bei Ayn Rand abgekupfert.

Von Höcke hört man schon deutlich seltener, was für ein Deutschland er sich eigentlich wünscht. Stattdessen zieht man hier nur Versatzstücke aus ihrem Gesamtkontext, um Höcke als besonders „bösartig“ zu verunglimpfen. Namen, die man im deutschen Mainstream eigentlich nie hört, sind Alain de Benoist und Guillaume Faye. Also solche Denker sind es, die dem liberalen System den Kampf angesagt haben.

Der Staat als Fürsorger

Diese Hegemonie des Liberalismus und der Kuhhandel der anderen politischen Theorien hat den Liberalismus von innen her korrumpiert. Einmal bekam der Liberalismus sowohl von linker, als auch von rechter Seite Aufgaben, die den Staat zu mehr als dem reinen Nachtwächterstaat machten. Die positiven, sozialen Menschenrechte der Linken haben den Staat zu einem Fürsorger gemacht, der für die Grundbedürfnisse der Menschen sorgen und mit staatlicher Macht eine möglichst optimale Entwicklung der Menschen fördern sollte.

Die negativen Folgen davon sind dann der therapeutische Staat mit Rauchverboten, Ernährungsampeln, Veggie Days usw. Und die Neocons haben den Staat von einem reinen Verteidiger in einen „gerechten Kriegstreiber“ verwandelt, der die „unzivilisierten“ bekehren soll.

Dann soll der Staat dadurch auch auf einmal in die privaten Rechte und Verträge eingreifen, damit niemand „benachteiligt“ und „diskriminiert“ wird. Dies führt dann dazu, dass ein christlicher Bäcker vom Staat gezwungen wird, für verheiratete Homosexuelle Kuchen zu backen. Und Kritik an angeblich diskriminierten Lebensweisen wird gesetzlich als Meinungsverbrechen verfolgt.

Das Sicherheitsbedürfnis der Neocons hat derweil Sicherheit zum „Supergrundrecht“ erklärt, das mit Hilfe eines Überwachungsstaates durchgesetzt werden soll. Und wir haben dadurch die paradoxe Situation, dass Menschen im Namen von Freiheit und Menschenrechte ohne Prozess interniert und gefoltert werden.

Emanzipierte Demokratieverachtung

Fast kein Intellektueller traut sich die Menschenrechte und die Demokratie in Frage zu stellen. Stattdessen stimmt jeder Schmalspur-Pseudointellektuelle auf das Loblied in diese Konzepte mit ein. Das Problem ist: Dies führt dazu, dass diese Konzepte bis aufs Unkenntliche gedehnt werden, und alles unter diese Begriffe subsumiert wird. Beispielsweise das Postulat eines Menschenrechts auf ein Grundeinkommen. Selbst wenn man für ein bedingungsloses Grundeinkommen eintritt, ist es fraglich, ob man das unter den Menschenrechten subsumieren sollte, da diese eigentlich ja Abwehrrechte des Bürgers gegen den Staat sein sollten.

Ein anderes Beispiel war die berüchtigte „Gender Sendung“ von Hart aber Fair mit Birgit Kelle, wo eine Gender-Professorin sagte, Demokratie sollte nicht bedeuten, dass die Mehrheit am Ende bestimmt. Das ist zwar das Grundprinzip, nach dem die Demokratie operiert, aber für die deutschen Pseudointellektuellen darf eben alles, was sie schlecht finden, nicht als „Demokratie“ bezeichnet werden.

Deshalb hat der Liberalismus zwar die kulturelle Hegemonie erringen können, aber aus dem Liberalismus wurde durch den „faulen Kompromiss“ mit seinen Gegnern ein „unkonkretes Wischi Waschi“, das schnell bereit ist, seine eigenen Werte zu opfern. Weil heute alle liberal sein wollen, ist am Ende niemand mehr liberal. Und weil alle so schrecklich liberal tun, fällt keinem mehr auf, dass keiner mehr wirklich genuin liberal ist.

Das Ergebnis davon ist, dass politische Unterschiede verschwinden und alle Parteien zur austauschbaren Masse werden. Egal, ob nun konservativ oder links an der Macht ist, die Politik ändert sich nicht großartig.

Prinzipientreue Jugend

Dies bekommen insbesondere Jugendliche oft zu spüren. Jugendliche in der Politik sind meist extrem prinzipientreu und wollen ihre Vorstellungen gegen Kompromisse und Realitäten durchboxen. In der Mehrheit werden Jugendliche dann aber klein gehalten und verraten. Obama setzte sich an die Spitze der „Occupy Wall Street“-Bewegung, und versprach diese an die Kette zu legen, verhandelte aber im Hinterzimmer mit denen.

Und heute setzen die Demokraten alles daran, dass ein Nachfolger Obamas auf keinen Fall der Wall Street im Weg sein könnte. Libertäre werden von liberalen Parteien ignoriert, klein gehalten und als lästig empfunden. Und bei der AfD ist man eifrig dabei, sich von der Identitären Bewegung zu distanzieren, weil sie angeblich zu radikal sei. Leute, die es wagen, aus dem liberalen Einheitsbrei heraus zu treten, wie z.B. Björn Höcke oder Kevin Kühnert, kriegen von allen Seiten, sogar ihren eigenen Leuten massiv Prügel.

Was ist das Endergebnis? Unser politisches System ist ein Kompromiss, der alle drei Theorien der Moderne transzendiert. Man könnte es als „neue Weltordnung“ oder wie Jack Donovan als „Imperium des Nihilismus“ bezeichnen. Diese Verschmelzung der politischen Theorien der Moderne bedeutet aber auch, dass aus einer einzelnen Theorie heraus kein Widerstand mehr möglich ist.

Stattdessen braucht es einen neuen Ansatz „jenseits von rechts und links“, der alle Gegner der derzeitigen Politik unter sich versammeln kann. Und dieser muss auf das „Recht auf Verschiedenheit“ und Multipolarität statt Einheitsbrei, Universalismus und der Dominanz des faulen Kompromisses setzen.


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