Gesichtet

Frankfurt ist der Spatzen Tod

Für Klimaexperten war die Sommerhitze 2003 die größte je da gewesene Naturkatastrophe. Mitteleuropa verzeichnete damals etwa 70.000 vorzeitige Todesfälle. Auch in Frankfurt starben alte Menschen an der Hitze.

Zudem wurde der Stadtwald so stark geschädigt, dass die Folgen bis heute zu spüren sind. Für Heike Hübener vom Fachzentrum Klimawandel Hessen war der Sommer 2003 allerdings nur ein milder Vorgeschmack auf das, was noch kommen könnte. Sie sieht die Zahl der heißen Tage, an denen die Höchsttemperaturen über 30 Grad liegen, von derzeit fünf bis sechs Tagen im Jahr um 23 auf dann fast 30 Tage steigen. Selbst im Ausnahmejahr 2003 wurden in Hessen nur 23 heiße Tage registriert.

Eine verantwortungsbewusste Stadtplanung entwickelt daher eine Anpassungsstrategie an den Klimawandel mit zunehmendem Hitzestress. Frankfurts grüne Umweltdezernentin Rosemarie Heilig – „Irgendwann wird es eine große Stadt geben, die heißt: Frankfurt-Rhein-Main. Davon bin ich fest überzeugt“ – zeigt sich machtlos: „Klimaanpassung gehört baurechtlich nicht zu den erfüllenden Pflichtaufgaben in unserer Gesetzgebung.“

Nachhaltiger Städtebau

Wie fast immer hat die unheilige Frankfurter Stadträtin nicht recht. Denn was sagt das Baugesetzbuch (BauGB) als die wichtigste Rechtsquelle des Städtebaurechts? Unter § 1 (5) heißt es:

„Die Bauleitpläne sollen eine nachhaltige städtebauliche Entwicklung und eine dem Wohl der Allgemeinheit entsprechende sozialgerechte Bodennutzung gewährleisten und dazu beitragen, eine menschenwürdige Umwelt zu sichern und die natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen und zu entwickeln. Bei der Aufstellung der Bauleitpläne sind insbesondere zu berücksichtigen (…) die Belange des Umweltschutzes, auch durch die Nutzung erneuerbarer Energien, des Naturschutzes und der Landschaftspflege, insbesondere des Naturhaushalts, des Wassers, der Luft und des Bodens einschließlich seiner Rohstoffvorkommen, sowie das Klima.“

Ich besuche Walter Jentsch und Brigitte Drumm in dem beschaulichen Frankfurter Stadtteil Seckbach. Das Paar sitzt abends gerne auf der Terrasse ihres hübschen Eigenheims in Hanglage. Sie spüren dann oft wie bei Windstille kalte Luft über den angrenzenden Huth-Park einzieht. Sie genießen diese Momente. Für ihr Grundstück bezahlen sie übrigens einen Erbpachtzins an die vielleicht reichste Frankfurter Stiftung, die 1679 gegründete Stiftung Waisenhaus. Walter Jensch, der ein großer Fan des bekannten Försters und Buchautors Peter Wohlleben ist, lobt die faire Preisgestaltung der Frankfurter Stiftung.

Der ortsabhängige Spatz liebt die urbane Biodiversität

Die Stiftung ist auch Eigentümerin der direkt angrenzenden verwunschenen Wildgärten über eine Fläche von 1100 m², die von den unmittelbaren Anwohnern heiß geliebt wird. Der begeisterte Naturliebhaber Walter Jentsch könnte stundenlang über das Kaltluftbiotop referieren. Er sollte auch ein Buch schreiben.

Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) hat derweil den Spatz auf die Vorwarnliste für bedrohte Vogelarten gesetzt. Hier bei Walter Jentsch und Brigitte Drumm sehe ich Deutschlands beliebtesten Vogel endlich wieder überall. Ich fühle mich dabei in meine Kindheit zurückversetzt. Berlin gilt als die Spatzenhauptstadt Deutschlands. Haussperlinge tummeln sich nämlich gerne auf Brachflächen, in kaum gepflegten Grünanlagen und tschilpen mit Vorliebe aus alten Häusern mit morschen Fassaden und lückenhaften Dächern. Das wunderbare Stück Seckbacher Stadtnatur mit seiner herausragenden urbanen Biodiversität bietet all das, was der ortsabhängige Spatz liebt.

Frankfurt wäre in vielen Fällen gerne wie Berlin. Doch Frankfurt wird immer Frankfurt bleiben. Da ist es nur ein schwacher Trost, dass auch in Berlin die Wohnungsmieten längst angezogen haben.

Dann der Schock für die Anwohner: Die Frankfurter Waisenhausstiftung hat mit einem Bauträger einen Erbpachtvertrag geschlossen, der durch einen Geschosswohnungsbau, der die umgebenden Wohnhäuser um ein bis zwei Stockwerke überragt, die Grünfläche bis auf 100 m² komplett versiegelt wird. Für die grüne Umweltdezernentin Rosemarie Heilig handelt es sich hierbei um ein ganz normales und daher genehmigungswürdiges „Innenraumnachverdichtungsprojekt“.

800.000 Bewohner im Jahr 2027

Ich telefoniere mit Peter Gerdon, dem Direktor der Stiftung Waisenhaus. Er hält die Bebauung keineswegs für zu dicht und weist kühl und sachlich daraufhin, dass „der städtische Bebauungsplan die Parzelle schon seit 30 Jahren als Bauland ausgewiesen hat“. Er wolle die Einnahmen dem Stiftungszweck zuführen.

Frankfurt boomt. Mark Gellert, Sprecher des Wohnungsdezernats der Stadt Frankfurt, rechnet damit, dass die Anzahl der Einwohner im Jahr 2027 die Marke von 800.000 durchbricht. Martin Bernemann, Geschäftsführer des Frankfurter Vermittlers City-Residence GmbH, die möblierte Wohnungen für Monate und Jahre vermietet, sieht die erste größere Welle an Anfragen als direkte Folge des Brexit schon für Ende dieses Winters voraus.

Nichtsdestotrotz ist in der hochentwickelten Industrienation Deutschland nun wirklich kein Run auf die Metropolen feststellbar. Lebten 1950, also kurz nach dem Krieg, 68,1 % der Bevölkerung in Städten, sind es heute mit ca. 76 % kaum mehr.

Lahmes Internet bremst die Wirtschaft auf dem Land

Und steht unsere Wirtschaft – durch das Internet getrieben – nicht gerade an der Schwelle zur vierten industriellen Revolution? Walter Jentsch wundert sich daher, dass zu einer Zeit, in der die Arbeitswelt durchgreifend digitalisiert wird, alle in Frankfurt wohnen müssen. Er hat natürlich recht, denn Unternehmen sollten bald teilweise unabhängig von Zeit, Ort und Grenzen produzieren und Dienstleistungen erbringen bzw. ihren Beschäftigten das Arbeiten in Teilzeit, von zu Hause aus oder mit einem Laptop an einem beliebigen Ort erleichtern können.

Brexit-Banker könnten also auch bequem auf dem Land wohnen, wenn dem neuen Raumordnungsbericht der Bundesregierung nicht zu entnehmen wäre, dass in den ländlichen Regionen noch nicht einmal jeder dritte Einwohner „schnelles“ Internet (mind. 50 MB/s) hat. Deutschland ist in puncto Breitbandausbau Schlusslicht in Europa. Wie hat man sich eine digitale Revolution mit zeitverzögertem Ruckeln vorzustellen?

„El Hierro ist toll!“

Walter Jentsch und Brigitte Drumm schwärmen von ihrer Lieblingsurlaubsinsel auf den Kanaren. Nicht nur, weil es El Hierro bereits an manchen Tagen gelingt, den Energiebedarf zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen zu decken. Nicht nur wegen der traumhaften Wanderwege. Sondern auch, weil El Hierro die erste Insel mit komplett kostenfreier WLAN-Abdeckung ist. Und das bei ein paar Dörfern mit ca. 6.000 Einwohnern.

So gibt es am Ende doch noch ein paar Dörfer für Brexit-Banker und Frankfurt kann getrost auf das eine oder andere „Innenraumnachverdichtungsprojekt“ verzichten.

(Bild: Pixabay)

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2 Kommentare

  1. Wer gutmütig ist, würde sagen: „Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun !“ Leider wissen die meisten planenden Beteiligten sehr wohl, was sie tun. Umwelt, Natur, Kosten, Folgen, usw. interessiert diese Leute nicht. Teilweise handeln sie im vorauseilenden Gehorsam ihrer „Hintermänner“, manchmal auch im eigenen Profit-Interesse, denn oftmals fallen dabei auch „kleine Aufmersamkeiten“ ab. Dafür erweisen sie gern Dankbarkeiten.

  2. Tom aus Bornheim

    Interessant finde ich an diesem Artikel, dass es eine Nichtgrüne Grüne Umweltdezernentin gibt, die ihr Baugesetzbuch nicht kennt. Einen solchen Lapsus hätte sie einem politischen Gegner sicher genüsslich „um die Ohren gehauen“.
    Der Grund dafür, dass die Stadt immer voller wird, ist ein guter:
    Frankfurt ist beliebt!
    Nach Jahrzehnten von Bankfurt und Krankfurt wollen alle an den Main.
    Ich bin mir aber sicher, dass es Wege gibt, die Stadt ohne blindwütige Nachverdichtung und maßlose Versiegelung wachsen zu lassen.
    Alle Modelle sind erlaubt:
    Auch eine Partnerschaft mit Offenbach.

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