Gesichtet

Frederick Forsyth: Der Outsider

Er bezeichnet sich selbst als „Söldner der Schreibmaschine“. Sein Stil ist schnörkellos. Adjektive mag er nicht. Die politische Korrektheit verabscheut er. Teil der Herde wollte er nie werden, Schriftsteller schon gar nicht.

Wenn ein deutscher Journalist plötzlich beschließt, ein Buch zu schreiben, dann ist höchste Vorsicht geboten. Denn Unterhaltungswert haben die Bücher der Claus Klebers, Peter Klöppels, Tom Buhrows und Ulrich Wickerts nur selten. Peter Scholl-Latour war hier die letzte rühmliche Ausnahme. Das lag vor allem an seinem Erfahrungsreichtum. Über diesen verfügt auch der 1938 geborene Brite Frederick Forsyth zweifellos.

Bevor er 1970 aus materieller Not heraus seine Schriftstellerkarriere begann, war er nicht nur der jüngste Pilot der Royal Navy, sondern auch jahrzehntelang als Auslandskorrespondent für Reuters und die BBC tätig. Weil letztere ihn vor allem während des Biafra-Krieges zu einer regierungsfreundlichen Berichterstattung zwang, die nicht den Tatsachen entsprach, demissionierte er und kehrte als freier Journalist nach Nigeria zurück.

Seiner Meinung nach sollte sich ein Journalist „nie mit dem Establishment gemeinmachen, allen verführerischen Schmeicheleien zum Trotz. Unsere Aufgabe besteht darin, die Mächtigen zur Rechenschaft zu ziehen, nicht, uns mit ihnen zu solidarisieren.“ Forsyths Berichte über den Krieg in dem afrikanischen Land, in dem sich Großbritannien nicht gerade mit Ruhm bekleckerte, erschienen 1976 unter dem Titel The Biafra Story. Bericht über eine afrikanische Tragödie. Da hatte Forsyth bereits als Romanschriftsteller einigen Ruhm erworben. Bereits seine beiden ersten Werke Der Schakal (1971) und Die Akte Odessa (1972) wurden zu Bestsellern.

Fesselnde Thriller mit kritischem Anspruch

Beide Romane zeigen das Muster bereits sehr deutlich, das sich fortan in allen Romanen von Forsyth wiederfinden sollte. Gut recherchierte Fakten werden mit einem fiktiven Anteil so dicht verwoben, dass der Leser beides kaum noch unterscheiden kann. So entstehen fesselnde Thriller, die neben ihrem Unterhaltungswert stets den Finger in die Wunde des Zeitgeistes legen. Forsyth geht es darum, den Leser zum Nachdenken anzuregen und das angeblich Offensichtliche zu hinterfragen.

Das sorgt regelmäßig für Kritik, wie etwa im Fall von Die Akte Odessa. Darin wird der politisch korrekte Umgang mit der Zeit des Nationalsozialismus in den 1960er Jahren in Deutschland kritisiert, der sich vor allem auf das Totschweigen konzentrierte. Auch wenn es mittlerweile als historisch gesichert gilt, dass eine „Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen“, die dem Roman den Namen gab und darin die Hauptrolle spielt, so nie bestanden hat, zeigt sich darin deutlich, dass die politische Korrektheit in ihrer Intention stets wandelbar ist, um ein bestehendes Regime bestmöglich zu stützen. Forsyth selbst ist ein strikter Gegner der politischen Korrektheit, „weil sie sich als Glaubensbekenntnis der Toleranz vorzustellen versuchte, doch zum genauen Gegenteil pervertiert ist“. Seine Gegnerschaft geht so weit, dass er die politische Korrektheit mehr fürchtet „als einen neuen Hitler“.

Gegner der politischen Korrektheit

Diese Haltung wirkt bei Forsyth besonders authentisch, weil er zu ihr nicht erst im hohen Alter fand, wie das bei manchem abgehalfterten Berufspolitiker der Fall ist. Zeit seines Lebens war er bereit, für seine Meinung einzustehen und es dafür nötigenfalls in Kauf zu nehmen, als „Outsider“ zu gelten, wie das in seiner gleichnamigen Autobiographie aus dem Jahr 2015 deutlich wird.

Eine solche kompromisslose Haltung zeigt Forsyth auch bei der Recherche für seine Romane. Dabei ist er immer bereit, an die Grenze zu gehen und das bedeutet mindestens eine Recherche vor Ort. Hilfe erhält er häufig durch seine Kontakte zum britischen Geheimdienst MI6, für den er eigenen Angaben zufolge während seiner Korrespondententätigkeit in afrikanischen Ländern und in der DDR arbeitete. Bei Die Hunde des Krieges (1974) ging die Recherche sogar so weit, dass sich Forsyth als Waffenhändler ausgab, um an Informationen zu kommen, wie Putschisten in einem afrikanischen Land an Waffen gelangen könnten. Als ihn einer seiner Verhandlungspartner später auf einem Foto durch Zufall erkannte und ihm ein Killerkommando auf den Hals hetzte, konnte Forsyth in letzter Minute flüchten. Mittlerweile sind solche gefährlichen Recherchen für den 78jährigen nicht mehr nötig. Sein Name öffnet ihm viele Türen bei Polizei und Geheimdiensten.

Journalist der guten alten Zeit

Dort dürften sich kaum begeisterte Leser von Forsyths Romanen finden lassen. Allzu oft liegt der Autor mit seinen natürlich rein fiktiven Erzählungen dichter bei der Wahrheit, als das die vielzitierten Sicherheitskreise gerne zugeben wollen. So war das beispielsweise bei Die Akte Odessa, worin bereits wesentliche Details über das von Nationalsozialisten in Schweizer Banktresoren versteckte Gold nachzulesen sind, die erst mehr als 30 Jahre später zu „historischen Fakten“ wurden. Auch Das schwarze Manifest (1996) liest sich rückblickend wie eine ziemlich treffende Voraussage über die Geschichte Russlands. Ein gewisser Komarow will darin aus Russland einen Einparteienstaat machen, um ihm zu neuer Größe zu verhelfen. Arbeitslager für Dissidenten dürfen darin ebenso wenig fehlen wie die „Sonderbehandlung von Asozialen“, wozu Homosexuelle ebenso gerechnet werden wie Liberale oder Journalisten.

Bösartige Interpreten des medialen Hauptstroms könnten in Komarow die Gestalt Putins erkennen. Das aber macht Forsyths Bücher eben auch aus: Er gibt keine Sichtweise vor und er wertet nicht, sondern er überlässt es dem Leser, sich ein Urteil zu bilden. Als Forsyth in den 1970er Jahren Werbung für Rolex machte, da lautete der Werbeslogan: „Frederick Forsyths Rolex ist wie seine Romane: Hart, genau und sehr stilvoll.“ Damit erscheint Forsyth als ein Schriftsteller, der wie ein Journalist schreibt, der die gute alte Zeit nicht überlebt hat, weil er sich nicht korrumpieren lassen wollte. Ein Vorbild, ohne Frage, nicht nur für alle, die selbst schreiben, sondern auch für jene, die Geschriebenes in der Konsumentenrolle wahrnehmen. Auch ihnen zeigt Forsyth, was sie von einem guten Journalisten und Schriftsteller erwarten müssen: Den Verzicht auf die Vorgabe einer Meinung.

(Bild: Das blaue Sofa / Club Bertelsmann, flickr, CC BY 2.0)

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Jahrgang 1986, hat Soziologie und Politikwissenschaft studiert und lebt als selbständiger Autor in Köln. Für die Schriftenreihe BN-Anstoß hat er bereits zwei Bände beigesteuert: Geopolitik. Das Spiel nationaler Interessen zwischen Krieg und Frieden (2015). Sowie: Die ganze Wahrheit. Meinungsfreiheit als Herrschaftsinstrument (2016).

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