Gesichtet

Gemeinwohldenken auf dem Lande stärker verbreitet

Der von einigen Medien als „deutscher Dorfpapst“ bezeichnete Humangeograph Gerhard Henkel hat vor einigen Monaten ein neues Buch vorgelegt. Der appellative Titel lautet: „Rettet das Dorf!“. Felix Menzel hat Prof. Henkel einige Fragen dazu gestellt.

BlaueNarzisse.de: Sehr geehrter Herr Prof. Henkel, Sie haben ein Buch geschrieben mit dem aufrüttelnden Titel „Rettet das Dorf!“. Warum sollten wir uns dem ländlichen Raum zuwenden? Es leben doch viel mehr Menschen in den Großstädten und haben dort mit durch die Decke gehenden Mieten zu kämpfen. Wäre es da nicht angebrachter, auf sozialen Wohnungsbau statt Dörfer zu setzen?

Prof. Dr. Gerhard Henkel: Zunächst einmal: In den deutschen Landkreisen leben mehr Menschen als in den kreisfreien Großstädten. Außerdem macht der ländliche Raum mehr als 90 Prozent der Staatsfläche aus. Die hohen und noch steigenden Mieten in den Großstädten zeigen doch, dass man den Zuzugstrend nicht noch mehr unterstützen sollte. Zumal auf dem Land, in den Dörfern, Klein- und Mittelstädten leerstehende und relativ preisgünstige Immobilien zur Verfügung stehen. Generell ist das Landleben in der Bevölkerung sehr beliebt. Das Land leistet sehr viel für die Gesamtgesellschaft und verdient die gleiche Aufmerksamkeit und Unterstützung wie die Großstädte.

Sie betonen, der ländliche Raum würde von der Energiewende eindeutig profitieren. Halten Sie energetische Autarkie tatsächlich für ein realistisches Ziel und wenn ja, was wird uns diese Umstellung kosten?

Das Land mit seinen großen Flächen profitiert eindeutig von der Energiewende, wie bereits vor dem jetzt auslaufenden Kohle- und Atomzeitalter. Das Land versorgt sich heute bereits wieder weitgehend selbst mit Energie und wird demnächst auch die Großstädte mit versorgen. Das Land ist per se energieautarker als die Großstädte. Auch die Wasser-, Lebensmittel- und Rohstoffversorgung der Großstädte erfolgt ja seit langem bereits durch das Land.

In vielen Dörfern ist in den letzten Jahrzehnten die Infrastruktur regelrecht zusammengebrochen. Es fehlen neben Arbeitsplätzen auch Schulen, Ärzte und Kulturangebote. Um die Dörfer wieder zu aktivieren, skizzieren Sie das Konzept der „Bürgerkommune“. Was kann eine Bürgerkommune dazu beitragen, wieder eine intakte Infrastruktur zu schaffen, wenn der Staat von oben vorschreibt, wie viele Schüler eine Klasse haben muß?

In der Tat leidet das Land unter den permanenten und wechselnden Diktaten der zentralen Entscheider, die den Gemeinden heute dies und morgen das Gegenteil vorschreiben. Die Landkommunen brauchen mehr Freiheiten zu entscheiden, wie groß ihre Schulen und Kitas, wie stark deren Klassen und Gruppen sein dürfen. Die Dorfbewohner und Landgemeinden haben eine große Kompetenz und Erfahrung, für ihre Lebensräume Selbstverantwortung zu tragen. Durch Gebietsreformen mit Gemeinde- und Pfarreiauflösungen zerstören die Zentralen in Politik und Gesellschaft diese ländlichen Kraftressourcen hunderttausendfach!

Zuwanderung beschreiben Sie als eine Chance für ländliche Regionen. Nun stellen sich da gleich mehrere Fragen. Zum einen: Wollen Zuwanderer denn überhaupt in deutschen Dörfern wohnen? Die Statistik sagt, es zieht sie in die Städte. Und zum anderen: Wie stehen die Einheimischen dazu? Bedeutet Selbstverwaltung (Stichwort „Bürgerkommune“) nicht auch, daß sich ein Dorf z.B. ganz bewußt gegen die Ansiedlung von Asylbewerbern entscheiden darf?

Tatsächlich ziehen derzeit viele junge Menschen vom Land in die Großstädte, um dort zu studieren oder eine Lehre zu machen. Allerdings schätzen viele dieser Abwanderer ihr Dorf sehr und kommen deshalb später zurück, um hier ihren Beruf auszuüben und eine Familie mit Kindern zu gründen. Im Vergleich zu den 1950er oder 1960er Jahren ist das Landleben heute liberaler und offener geworden. Davon profitieren auch neue Zuwanderer, die sich leichter eingewöhnen können. Jüngere wie ältere Dorfbewohner leben heute in vielfältigem Austausch mit der Stadt. Sie sind – wie die Großstädter – Globetrotter geworden. Das Gemeinwohldenken ist auf dem Lande vielfach stärker verbreitet als im Bundesdurchschnitt, wie u.a. die deutlich höhere Blutspendequote beweist. Auch gegenüber den Flüchtlingen ist auf dem Land eine große Hilfsbereitschaft zu beobachten.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das neue Buch von Gerhard Henkel mit dem Titel „Rettet das Dorf“ kann hier erworben werden.

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1 Kommentar zu “Gemeinwohldenken auf dem Lande stärker verbreitet

  1. Elementarsatz

    Davon abgesehen, daß es sich ja überhaupt nicht um Flüchtlinge handeln _kann_: Multikulti auf dem Dorf dürfte sich noch destruktiver als in Städten äußern, da man in Dorfgemeinschaften ein weitaus höheres Vertrauen aufbringen muß. Nun gibt es aber eben die von Irenäus Eibl-Eibesfeldt beschrieben Fremdenfurcht, sowie die Daten, die ja zeigen, daß homogene Gesellschaften solidarischer und konfliktärmer sind. Die um ca. 1300-1400% gestiegene Vergewaltigungsrate in Schweden spricht für sich …

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